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Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann,
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ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines
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der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer
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langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich
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hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland
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befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer
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Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt,
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aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer
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mit ihrem schwachen Grün.
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Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu
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Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich
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geflüchtet hatte. Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs
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sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken
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schien, wie der Freund bei seinen immer seltener werdenden Besuchen
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klagte. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige
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Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte
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Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit
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hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung
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mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen
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gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich
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so für ein endgültiges Junggesellentum ein.
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Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt
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hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte. Sollte man
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ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, seine Existenz
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hierher zu verlegen, alle die alten freundschaftlichen Beziehungen
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wieder aufzunehmen -- wofür ja kein Hindernis bestand -- und im übrigen
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auf die Hilfe der Freunde zu vertrauen? Das bedeutete aber nichts
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anderes, als daß man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender,
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sagte, daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er endlich
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von ihnen ablassen solle, daß er zurückkehren und sich als ein für immer
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Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, daß
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nur seine Freunde etwas verstünden und daß er ein altes Kind sei, das
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den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe.
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Und war es dann noch sicher, daß alle die Plage, die man ihm antun
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müßte, einen Zweck hätte? Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn
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überhaupt nach Hause zu bringen -- er sagte ja selbst, daß er die
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Verhältnisse in der Heimat nicht mehr verstünde --, und so bliebe er
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dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert durch die Ratschläge und
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den Freunden noch ein Stück mehr entfremdet. Folgte er aber wirklich dem
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Rat und würde hier -- natürlich nicht mit Absicht, aber durch die
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Tatsachen -- niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und
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nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine
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Heimat und keine Freunde mehr, war es da nicht viel besser für ihn, er
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blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen
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Umständen daran denken, daß er es hier tatsächlich vorwärts bringen
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würde?
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Aus diesen Gründen konnte man ihm, wenn man noch überhaupt die
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briefliche Verbindung aufrecht erhalten wollte, keine eigentlichen
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Mitteilungen machen, wie man sie ohne Scheu auch den entferntesten
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Bekannten machen würde. Der Freund war nun schon über drei Jahre nicht
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in der Heimat gewesen und erklärte dies sehr notdürftig mit der
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Unsicherheit der politischen Verhältnisse in Rußland, die demnach also
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auch die kürzeste Abwesenheit eines kleinen Geschäftsmannes nicht
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zuließen, während hunderttausende Russen ruhig in der Welt herumfuhren.
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Im Laufe dieser drei Jahre hatte sich aber gerade für Georg vieles
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verändert. Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren
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erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer
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Wirtschaft lebte, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid
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in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur
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darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der
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Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit,
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so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit
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angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter
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dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an
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einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert, vielleicht war der Vater
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seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete,
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zurückhaltender geworden, vielleicht spielten -- was sogar sehr
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wahrscheinlich war -- glückliche Zufälle eine weit wichtigere Rolle,
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jedenfalls aber hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz
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unerwartet entwickelt, das Personal hatte man verdoppeln müssen, der
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Umsatz hatte sich verfünffacht, ein weiterer Fortschritt stand
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zweifellos bevor.
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Der Freund aber hatte keine Ahnung von dieser Veränderung. Früher, zum
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letztenmal vielleicht in jenem Beileidsbrief, hatte er Georg zur
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Auswanderung nach Rußland überreden wollen und sich über die Aussichten
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verbreitet, die gerade für Georgs Geschäftszweig in Petersburg
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bestanden. Die Ziffern waren verschwindend gegenüber dem Umfang, den
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Georgs Geschäft jetzt angenommen hatte. Georg aber hatte keine Lust
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gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben, und
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hätte er es jetzt nachträglich getan, es hätte wirklich einen
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merkwürdigen Anschein gehabt.
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So beschränkte sich Georg darauf, dem Freund immer nur über
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bedeutungslose Vorfälle zu schreiben, wie sie sich, wenn man an einem
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ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen. Er
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wollte nichts anderes, als die Vorstellung ungestört lassen, die sich
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der Freund von der Heimatstadt in der langen Zwischenzeit wohl gemacht
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und mit welcher er sich abgefunden hatte. So geschah es Georg, daß er
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dem Freund die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso
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gleichgültigen Mädchen dreimal in ziemlich weit auseinanderliegenden
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Briefen anzeigte, bis sich dann allerdings der Freund, ganz gegen Georgs
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Absicht, für diese Merkwürdigkeit zu interessieren begann.
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Georg schrieb ihm aber solche Dinge viel lieber, als daß er zugestanden
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hätte, daß er selbst vor einem Monat mit einem Fräulein Frieda
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Brandenfeld, einem Mädchen aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte.
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Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere
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Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand. »Er wird also gar
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nicht zu unserer Hochzeit kommen,« sagte sie, »und ich habe doch das
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Recht, alle deine Freunde kennen zu lernen.« »Ich will ihn nicht
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stören,« antwortete Georg, »verstehe mich recht, er würde wahrscheinlich
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kommen, wenigstens glaube ich es, aber er würde sich gezwungen und
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geschädigt fühlen, vielleicht mich beneiden und sicher unzufrieden und
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unfähig, diese Unzufriedenheit jemals zu beseitigen, allein wieder
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zurückfahren. Allein -- weißt du, was das ist?« »Ja, kann er denn von
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unserer Heirat nicht auch auf andere Weise erfahren?« »Das kann ich
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allerdings nicht verhindern, aber es ist bei seiner Lebensweise
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unwahrscheinlich.« »Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich
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überhaupt nicht verloben sollen.« »Ja, das ist unser beider Schuld; aber
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ich wollte es auch jetzt nicht anders haben.« Und wenn sie dann, rasch
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atmend unter seinen Küssen, noch vorbrachte: »Eigentlich kränkt es mich
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doch«, hielt er es wirklich für unverfänglich, dem Freund alles zu
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schreiben. »So bin ich und so hat er mich hinzunehmen«, sagte er sich,
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»ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht
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für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin.«
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Und tatsächlich berichtete er seinem Freunde in dem langen Brief, den er
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an diesem Sonntagvormittag schrieb, die erfolgte Verlobung mit folgenden
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Worten: »Die beste Neuigkeit habe ich mir bis zum Schluß aufgespart. Ich
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habe mich mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt, einem Mädchen
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aus einer wohlhabenden Familie, die sich hier erst lange nach Deiner
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Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest. Es wird sich
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noch Gelegenheit finden, Dir Näheres über meine Braut mitzuteilen, heute
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genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem
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gegenseitigen Verhältnis nur insofern etwas geändert hat, als Du jetzt
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in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund
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haben wirst. Außerdem bekommst Du in meiner Braut, die Dich herzlich
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grüßen läßt, und die Dir nächstens selbst schreiben wird, eine
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aufrichtige Freundin, was für einen Junggesellen nicht ganz ohne
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Bedeutung ist. Ich weiß, es hält Dich vielerlei von einem Besuche bei
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uns zurück, wäre aber nicht gerade meine Hochzeit die richtige
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Gelegenheit, einmal alle Hindernisse über den Haufen zu werfen? Aber wie
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dies auch sein mag, handle ohne alle Rücksicht und nur nach Deiner
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Wohlmeinung.«
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Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster
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zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im
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Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem
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abwesenden Lächeln geantwortet.
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Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer
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quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er
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schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine
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Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft,
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das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein, abends
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versorgte sich zwar jeder nach Belieben, doch saßen sie dann meistens,
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wenn nicht Georg, wie es am häufigsten geschah, mit Freunden beisammen
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war oder jetzt seine Braut besuchte, noch ein Weilchen, jeder mit seiner
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Zeitung, im gemeinsamen Wohnzimmer.
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Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem
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sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer,
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die sich jenseits des schmalen Hofes erhob. Der Vater saß beim Fenster
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in einer Ecke, die mit verschiedenen Andenken an die selige Mutter
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ausgeschmückt war, und las die Zeitung, die er seitlich vor die Augen
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hielt, wodurch er irgendeine Augenschwäche auszugleichen suchte. Auf dem
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Tisch standen die Reste des Frühstücks, von dem nicht viel verzehrt zu
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sein schien.
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»Ah, Georg!« sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer
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Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn -- »mein
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Vater ist noch immer ein Riese«, sagte sich Georg.
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»Hier ist es ja unerträglich dunkel«, sagte er dann.
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»Ja, dunkel ist es schon«, antwortete der Vater.
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»Das Fenster hast du auch geschlossen?«
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»Ich habe es lieber so.«
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»Es ist ja ganz warm draußen«, sagte Georg, wie im Nachhang zu dem
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Früheren, und setzte sich.
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Der Vater räumte das Frühstücksgeschirr ab und stellte es auf einen
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Kasten.
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»Ich wollte dir eigentlich nur sagen,« fuhr Georg fort, der den
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Bewegungen des alten Mannes ganz verloren folgte, »daß ich nun doch nach
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Petersburg meine Verlobung angezeigt habe.« Er zog den Brief ein wenig
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aus der Tasche und ließ ihn wieder zurückfallen.
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»Nach Petersburg?« fragte der Vater.
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»Meinem Freunde doch«, sagte Georg und suchte des Vaters Augen. -- »Im
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Geschäft ist er doch ganz anders,« dachte er, »wie er hier breit sitzt
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und die Arme über der Brust kreuzt.«
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»Ja. Deinem Freunde«, sagte der Vater mit Betonung.
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»Du weißt doch, Vater, daß ich ihm meine Verlobung zuerst verschweigen
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wollte. Aus Rücksichtnahme, aus keinem anderen Grunde sonst. Du weißt
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selbst, er ist ein schwieriger Mensch. Ich sagte mir, von anderer Seite
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kann er von meiner Verlobung wohl erfahren, wenn das auch bei seiner
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einsamen Lebensweise kaum wahrscheinlich ist -- das kann ich nicht
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hindern --, aber von mir selbst soll er es nun einmal nicht erfahren.«
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»Und jetzt hast du es dir wieder anders überlegt?« fragte der Vater,
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legte die große Zeitung auf den Fensterbord und auf die Zeitung die
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Brille, die er mit der Hand bedeckte.
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»Ja, jetzt habe ich es mir wieder überlegt. Wenn er mein guter Freund
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ist, sagte ich mir, dann ist meine glückliche Verlobung auch für ihn ein
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Glück. Und deshalb habe ich nicht mehr gezögert, es ihm anzuzeigen. Ehe
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ich jedoch den Brief einwarf, wollte ich es dir sagen.«
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»Georg,« sagte der Vater und zog den zahnlosen Mund in die Breite, »hör'
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einmal! Du bist wegen dieser Sache zu mir gekommen, um dich mit mir zu
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beraten. Das ehrt dich ohne Zweifel. Aber es ist nichts, es ist ärger
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als nichts, wenn du mir jetzt nicht die volle Wahrheit sagst. Ich will
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nicht Dinge aufrühren, die nicht hierher gehören. Seit dem Tode unserer
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teueren Mutter sind gewisse unschöne Dinge vorgegangen. Vielleicht kommt
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auch für sie die Zeit und vielleicht kommt sie früher, als wir denken.
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Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen
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-- ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, daß es mir verborgen
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wird --, ich bin nicht mehr kräftig genug, mein Gedächtnis läßt nach,
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ich habe nicht mehr den Blick für alle die vielen Sachen. Das ist
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erstens der Ablauf der Natur, und zweitens hat mich der Tod unseres
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Mütterchens viel mehr niedergeschlagen als dich. -- Aber weil wir gerade
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bei dieser Sache halten, bei diesem Brief, so bitte ich dich, Georg,
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täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems
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wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in
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Petersburg?«
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Georg stand verlegen auf. »Lassen wir meine Freunde sein. Tausend
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Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater. Weißt du, was ich glaube? Du
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schonst dich nicht genug. Aber das Alter verlangt seine Rechte. Du bist
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mir im Geschäft unentbehrlich, das weißt du ja sehr genau, aber wenn das
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Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für
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immer. Das geht nicht. Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich
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einführen. Aber von Grund aus. Du sitzt hier im Dunkel, und im
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Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich
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ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster, und die Luft
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würde dir so gut tun. Nein, mein Vater! Ich werde den Arzt holen und
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seinen Vorschriften werden wir folgen. Die Zimmer werden wir wechseln,
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du wirst ins Vorderzimmer ziehen, ich hierher. Es wird keine Veränderung
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für dich sein, alles wird mit übertragen werden. Aber das alles hat
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Zeit, jetzt lege dich noch ein wenig ins Bett, du brauchst unbedingt
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Ruhe. Komm, ich werde dir beim Ausziehn helfen, du wirst sehn, ich kann
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es. Oder willst du gleich ins Vorderzimmer gehn, dann legst du dich
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vorläufig in mein Bett. Das wäre übrigens sehr vernünftig.«
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Georg stand knapp neben seinem Vater, der den Kopf mit dem struppigen
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weißen Haar auf die Brust hatte sinken lassen.
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»Georg«, sagte der Vater leise, ohne Bewegung.
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Georg kniete sofort neben dem Vater nieder, er sah die Pupillen in dem
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müden Gesicht des Vaters übergroß in den Winkeln der Augen auf sich
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gerichtet.
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»Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher
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gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie
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solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht
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glauben.«
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»Denk doch noch einmal nach, Vater,« sagte Georg, hob den Vater vom
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Sessel und zog ihm, wie er nun doch recht schwach dastand, den
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Schlafrock aus, »jetzt wird es bald drei Jahre her sein, da war ja mein
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Freund bei uns zu Besuch. Ich erinnere mich noch, daß du ihn nicht
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besonders gern hattest. Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir
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verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß. Ich konnte ja
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||
deine Abneigung gegen ihn ganz gut verstehn, mein Freund hat seine
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||
Eigentümlichkeiten. Aber dann hast du dich doch auch wieder ganz gut mit
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||
ihm unterhalten. Ich war damals noch so stolz darauf, daß du ihm
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||
zuhörtest, nicktest und fragtest. Wenn du nachdenkst, mußt du dich
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erinnern. Er erzählte damals unglaubliche Geschichten von der russischen
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||
Revolution. Wie er z. B. auf einer Geschäftsreise in Kiew bei einem
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Tumult einen Geistlichen auf einem Balkon gesehen hatte, der sich ein
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||
breites Blutkreuz in die flache Hand schnitt, diese Hand erhob und die
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||
Menge anrief. Du hast ja selbst diese Geschichte hie und da
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wiedererzählt.«
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Währenddessen war es Georg gelungen, den Vater wieder niederzusetzen und
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||
ihm die Trikothose, die er über den Leinenunterhosen trug, sowie die
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||
Socken vorsichtig auszuziehn. Beim Anblick der nicht besonders reinen
|
||
Wäsche machte er sich Vorwürfe, den Vater vernachlässigt zu haben. Es
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||
wäre sicherlich auch seine Pflicht gewesen, über den Wäschewechsel
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||
seines Vaters zu wachen. Er hatte mit seiner Braut darüber, wie sie die
|
||
Zukunft des Vaters einrichten wollten, noch nicht ausdrücklich
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||
gesprochen, denn sie hatten stillschweigend vorausgesetzt, daß der Vater
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||
allein in der alten Wohnung bleiben würde. Doch jetzt entschloß er sich
|
||
kurz mit aller Bestimmtheit, den Vater in seinen künftigen Haushalt
|
||
mitzunehmen. Es schien ja fast, wenn man genauer zusah, daß die Pflege,
|
||
die dort dem Vater bereitet werden sollte, zu spät kommen könnte.
|
||
|
||
Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl
|
||
hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an
|
||
seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spiele. Er konnte ihn nicht
|
||
gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette.
|
||
|
||
Kaum war er aber im Bett, schien alles gut. Er deckte sich selbst zu und
|
||
zog dann die Bettdecke noch besonders weit über die Schulter. Er sah
|
||
nicht unfreundlich zu Georg hinauf.
|
||
|
||
»Nicht wahr, du erinnerst dich schon an ihn?« fragte Georg und nickte
|
||
ihm aufmunternd zu.
|
||
|
||
»Bin ich jetzt gut zugedeckt?« fragte der Vater, als könne er nicht
|
||
nachschauen, ob die Füße genug bedeckt seien.
|
||
|
||
»Es gefällt dir also schon im Bett«, sagte Georg und legte das Deckzeug
|
||
besser um ihn.
|
||
|
||
»Bin ich gut zugedeckt?« fragte der Vater noch einmal und schien auf die
|
||
Antwort besonders aufzupassen.
|
||
|
||
»Sei nur ruhig, du bist gut zugedeckt.«
|
||
|
||
»Nein!« rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die
|
||
Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich
|
||
ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er
|
||
leicht an den Plafond. »Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein
|
||
Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die
|
||
letzte Kraft, genug für dich, zuviel für dich. Wohl kenne ich deinen
|
||
Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch
|
||
betrogen die ganzen Jahre lang. Warum sonst? Glaubst du, ich habe nicht
|
||
um ihn geweint? Darum doch sperrst du dich in dein Bureau, niemand soll
|
||
stören, der Chef ist beschäftigt -- nur damit du deine falschen
|
||
Briefchen nach Rußland schreiben kannst. Aber den Vater muß
|
||
glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen. Wie du jetzt
|
||
geglaubt hast, du hättest ihn untergekriegt, so untergekriegt, daß du
|
||
dich mit deinem Hintern auf ihn setzen kannst und er rührt sich nicht,
|
||
da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen!«
|
||
|
||
Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund,
|
||
den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie.
|
||
Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren,
|
||
ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale,
|
||
den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum
|
||
hatte er so weit wegfahren müssen!
|
||
|
||
»Aber schau mich an!« rief der Vater, und Georg lief, fast zerstreut,
|
||
zum Bett, um alles zu fassen, stockte aber in der Mitte des Weges.
|
||
|
||
»Weil sie die Röcke gehoben hat,« fing der Vater zu flöten an, »weil sie
|
||
die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans,« und er hob, um das
|
||
darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die
|
||
Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, »weil sie die Röcke so und so und so
|
||
gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne
|
||
Störung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken
|
||
geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt,
|
||
damit er sich nicht rühren kann. Aber kann er sich rühren oder nicht?«
|
||
|
||
Und er stand vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor
|
||
Einsicht.
|
||
|
||
Georg stand in einem Winkel, möglichst weit vom Vater. Vor einer langen
|
||
Weile hatte er sich fest entschlossen, alles vollkommen genau zu
|
||
beobachten, damit er nicht irgendwie auf Umwegen, von hinten her, von
|
||
oben herab überrascht werden könne. Jetzt erinnerte er sich wieder an
|
||
den längst vergessenen Entschluß und vergaß ihn, wie man einen kurzen
|
||
Faden durch ein Nadelöhr zieht.
|
||
|
||
»Aber der Freund ist nun doch nicht verraten!« rief der Vater, und sein
|
||
hin- und herbewegter Zeigefinger bekräftigte es. »Ich war sein Vertreter
|
||
hier am Ort.«
|
||
|
||
»Komödiant!« konnte sich Georg zu rufen nicht enthalten, erkannte sofort
|
||
den Schaden und biß, nur zu spät, -- die Augen erstarrt -- in seine
|
||
Zunge, daß er vor Schmerz einknickte.
|
||
|
||
»Ja, freilich habe ich Komödie gespielt! Komödie! Gutes Wort! Welcher
|
||
andere Trost blieb dem alten verwitweten Vater? Sag -- und für den
|
||
Augenblick der Antwort sei du noch mein lebender Sohn --, was blieb mir
|
||
übrig, in meinem Hinterzimmer, verfolgt vom ungetreuen Personal, alt bis
|
||
in die Knochen? Und mein Sohn ging im Jubel durch die Welt, schloß
|
||
Geschäfte ab, die ich vorbereitet hatte, überpurzelte sich vor Vergnügen
|
||
und ging vor seinem Vater mit dem verschlossenen Gesicht eines
|
||
Ehrenmannes davon! Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt, ich, von
|
||
dem du ausgingst?«
|
||
|
||
»Jetzt wird er sich vorbeugen,« dachte Georg, »wenn er fiele und
|
||
zerschmetterte!« Dieses Wort durchzischte seinen Kopf.
|
||
|
||
Der Vater beugte sich vor, fiel aber nicht. Da Georg sich nicht näherte,
|
||
wie er erwartet hatte, erhob er sich wieder.
|
||
|
||
»Bleib, wo du bist, ich brauche dich nicht! Du denkst, du hast noch die
|
||
Kraft, hierher zu kommen und hältst dich bloß zurück, weil du so willst.
|
||
Daß du dich nicht irrst! Ich bin noch immer der viel Stärkere. Allein
|
||
hätte ich vielleicht zurückweichen müssen, aber so hat mir die Mutter
|
||
ihre Kraft abgegeben, mit deinem Freund habe ich mich herrlich
|
||
verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche!«
|
||
|
||
»Sogar im Hemd hat er Taschen!« sagte sich Georg und glaubte, er könne
|
||
ihn mit dieser Bemerkung in der ganzen Welt unmöglich machen. Nur einen
|
||
Augenblick dachte er das, denn immerfort vergaß er alles.
|
||
|
||
»Häng dich nur in deine Braut ein und komm mir entgegen! Ich fege sie
|
||
dir von der Seite weg, du weißt nicht wie!«
|
||
|
||
Georg machte Grimassen, als glaube er das nicht. Der Vater nickte bloß,
|
||
die Wahrheit dessen, was er sagte, beteuernd, in Georgs Ecke hin.
|
||
|
||
»Wie hast du mich doch heute unterhalten, als du kamst und fragtest, ob
|
||
du deinem Freund von der Verlobung schreiben sollst. Er weiß doch
|
||
alles, dummer Junge, er weiß doch alles! Ich schrieb ihm doch, weil du
|
||
vergessen hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon
|
||
seit Jahren nicht, er weiß ja alles hundertmal besser als du selbst,
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deine Briefe zerknüllt er ungelesen in der linken Hand, während er in
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der Rechten meine Briefe zum Lesen sich vorhält!«
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Seinen Arm schwang er vor Begeisterung über dem Kopf. »Er weiß alles
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tausendmal besser!« rief er.
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»Zehntausendmal!« sagte Georg, um den Vater zu verlachen, aber noch in
|
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seinem Munde bekam das Wort einen toternsten Klang.
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»Seit Jahren passe ich schon auf, daß du mit dieser Frage kämest!
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Glaubst du, mich kümmert etwas anderes? Glaubst du, ich lese Zeitungen?
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Da!« und er warf Georg ein Zeitungsblatt, das irgendwie mit ins Bett
|
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getragen worden war, zu. Eine alte Zeitung, mit einem Georg schon ganz
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unbekannten Namen.
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»Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte
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sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht
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zugrunde in seinem Rußland, schon vor drei Jahren war er gelb zum
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Wegwerfen, und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafür hast du
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doch Augen!«
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»Du hast mir also aufgelauert!« rief Georg.
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Mitleidig sagte der Vater nebenbei: »Das wolltest du wahrscheinlich
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früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr.«
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Und lauter: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher
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wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich,
|
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aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! -- Und darum
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wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!«
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Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater
|
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hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der
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||
Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte,
|
||
überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um
|
||
die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen. »Jesus!« rief sie und verdeckte
|
||
mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor
|
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sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das
|
||
Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als
|
||
der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz
|
||
seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden
|
||
Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus,
|
||
der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe
|
||
Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinabfallen.
|
||
|
||
In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher
|
||
Verkehr.
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||
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||
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er
|
||
sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag
|
||
auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig
|
||
hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen
|
||
geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen
|
||
Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im
|
||
Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten
|
||
ihm hilflos vor den Augen.
|
||
|
||
»Was ist mit mir geschehen?« dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer,
|
||
ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen
|
||
den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine
|
||
auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war --
|
||
Samsa war Reisender --, hing das Bild, das er vor kurzem aus einer
|
||
illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen,
|
||
vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die,
|
||
mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen
|
||
schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem
|
||
Beschauer entgegenhob.
|
||
|
||
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter --
|
||
man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen -- machte ihn
|
||
ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig
|
||
weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße,« dachte er, aber das war
|
||
gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu
|
||
schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in
|
||
diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite
|
||
warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte
|
||
es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht
|
||
sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie
|
||
gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.
|
||
|
||
»Ach Gott,« dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich
|
||
gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen
|
||
sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem
|
||
ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die
|
||
Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer
|
||
wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher
|
||
Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!« Er fühlte ein leichtes Jucken
|
||
oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum
|
||
Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende
|
||
Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er
|
||
nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle
|
||
betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn
|
||
Kälteschauer.
|
||
|
||
Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. »Dies frühzeitige
|
||
Aufstehen«, dachte er, »macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß
|
||
seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen. Wenn ich
|
||
zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, um die
|
||
erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese Herren erst beim
|
||
Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der
|
||
Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich
|
||
wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte
|
||
längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hingetreten und hätte ihm meine
|
||
Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen
|
||
müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und
|
||
von der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der
|
||
Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung
|
||
ist noch nicht gänzlich aufgegeben, habe ich einmal das Geld beisammen,
|
||
um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen -- es dürfte noch fünf bis
|
||
sechs Jahre dauern --, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der
|
||
große Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn mein
|
||
Zug fährt um fünf.«
|
||
|
||
Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. »Himmlischer
|
||
Vater!« dachte er, Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger gingen ruhig
|
||
vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel.
|
||
Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus, daß er auf
|
||
vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte er auch geläutet. Ja, aber
|
||
war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu verschlafen?
|
||
Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich desto
|
||
fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben
|
||
Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die
|
||
Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus
|
||
nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug
|
||
einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der
|
||
Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von
|
||
seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne
|
||
Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre
|
||
aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines
|
||
fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der
|
||
Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des faulen
|
||
Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf den
|
||
Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz gesunde,
|
||
aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in diesem Falle
|
||
so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von einer
|
||
nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl
|
||
und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.
|
||
|
||
Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu
|
||
können, das Bett zu verlassen -- gerade schlug der Wecker dreiviertel
|
||
sieben -- klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes.
|
||
»Gregor,« rief es -- es war die Mutter --, »es ist dreiviertel sieben.
|
||
Wolltest du nicht wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er
|
||
seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war,
|
||
in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes,
|
||
schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten
|
||
Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu
|
||
zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte. Gregor hatte
|
||
ausführlich antworten und alles erklären wollen, beschränkte sich aber
|
||
bei diesen Umständen darauf, zu sagen: »Ja, ja, danke, Mutter, ich stehe
|
||
schon auf.« Infolge der Holztür war die Veränderung in Gregors Stimme
|
||
draußen wohl nicht zu merken, denn die Mutter beruhigte sich mit dieser
|
||
Erklärung und schlürfte davon. Aber durch das kleine Gespräch waren die
|
||
anderen Familienmitglieder darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider
|
||
Erwarten noch zu Hause war, und schon klopfte an der einen Seitentür der
|
||
Vater, schwach, aber mit der Faust. »Gregor, Gregor,« rief er, »was ist
|
||
denn?« Und nach einer kleinen Weile mahnte er nochmals mit tieferer
|
||
Stimme: »Gregor! Gregor!« An der anderen Seitentür aber klagte leise die
|
||
Schwester: »Gregor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas?« Nach beiden
|
||
Seiten hin antwortete Gregor: »Bin schon fertig,« und bemühte sich,
|
||
durch die sorgfältigste Aussprache und durch Einschaltung von langen
|
||
Pausen zwischen den einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu
|
||
nehmen. Der Vater kehrte auch zu seinem Frühstück zurück, die Schwester
|
||
aber flüsterte: »Gregor, mach auf, ich beschwöre dich.« Gregor aber
|
||
dachte gar nicht daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen her
|
||
übernommene Vorsicht, auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu
|
||
versperren.
|
||
|
||
Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor
|
||
allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte
|
||
er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende
|
||
kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht
|
||
durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu
|
||
haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte,
|
||
und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich
|
||
auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war als
|
||
der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der
|
||
Reisenden, daran zweifelte er nicht im geringsten.
|
||
|
||
Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig
|
||
aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig,
|
||
besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme und Hände
|
||
gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte er nur die
|
||
vielen Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung
|
||
waren und die er überdies nicht beherrschen konnte. Wollte er eines
|
||
einmal einknicken, so war es das erste, daß er sich streckte; und gelang
|
||
es ihm endlich, mit diesem Bein das auszuführen, was er wollte, so
|
||
arbeiteten inzwischen alle anderen, wie freigelassen, in höchster,
|
||
schmerzlicher Aufregung. »Nur sich nicht im Bett unnütz aufhalten,«
|
||
sagte sich Gregor.
|
||
|
||
Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett
|
||
hinauskommen, aber dieser untere Teil, den er übrigens noch nicht
|
||
gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen
|
||
konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als
|
||
er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne
|
||
Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt,
|
||
schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz,
|
||
den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers
|
||
augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.
|
||
|
||
Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu bekommen,
|
||
und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang auch leicht,
|
||
und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die Körpermasse
|
||
langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den Kopf endlich außerhalb
|
||
des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese
|
||
Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, mußte
|
||
geradezu ein Wunder geschehen wenn der Kopf nicht verletzt werden
|
||
sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis
|
||
verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.
|
||
|
||
Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie früher,
|
||
und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander kämpfen sah
|
||
und keine Möglichkeit fand, in diese Willkür Ruhe und Ordnung zu
|
||
bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett bleiben könne
|
||
und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die
|
||
kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien.
|
||
Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern,
|
||
daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste
|
||
Überlegung sei. In solchen Augenblicken richtete er die Augen möglichst
|
||
scharf auf das Fenster, aber leider war aus dem Anblick des
|
||
Morgennebels, der sogar die andere Seite der engen Straße verhüllte,
|
||
wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen. »Schon sieben Uhr,« sagte er
|
||
sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers, »schon sieben Uhr und noch
|
||
immer ein solcher Nebel.« Und ein Weilchen lang lag er ruhig mit
|
||
schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der völligen Stille die
|
||
Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse.
|
||
|
||
Dann aber sagte er sich: »Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich
|
||
unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis
|
||
dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das
|
||
Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.« Und er machte sich nun daran,
|
||
den Körper in seiner ganzen Länge vollständig gleichmäßig aus dem Bett
|
||
hinauszuschaukeln. Wenn er sich auf diese Weise aus dem Bett fallen
|
||
ließ, blieb der Kopf, den er beim Fall scharf heben wollte,
|
||
voraussichtlich unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde
|
||
wohl bei dem Fall auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken
|
||
machte ihm die Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und
|
||
der wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch
|
||
Besorgnisse erregen würde. Das mußte aber gewagt werden.
|
||
|
||
Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte -- die neue Methode war
|
||
mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise zu
|
||
schaukeln --, fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu
|
||
Hilfe käme. Zwei starke Leute -- er dachte an seinen Vater und das
|
||
Dienstmädchen -- hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur
|
||
unter seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen,
|
||
sich mit der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen,
|
||
daß er den Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen
|
||
hoffentlich einen Sinn bekommen würden. Nun, ganz abgesehen davon, daß
|
||
die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen?
|
||
Trotz aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht
|
||
unterdrücken.
|
||
|
||
Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das
|
||
Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig
|
||
entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, -- als es an
|
||
der Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft,« sagte er
|
||
sich und erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger
|
||
tanzten. Einen Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht,« sagte
|
||
sich Gregor, befangen in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging
|
||
natürlich wie immer das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und
|
||
öffnete. Gregor brauchte nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören
|
||
und wußte schon, wer es war -- der Prokurist selbst. Warum war nur
|
||
Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der
|
||
kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht faßte? Waren denn alle
|
||
Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen
|
||
treuen ergebenen Menschen, den, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden
|
||
für das Geschäft nicht ausgenützt hatte, vor Gewissensbissen närrisch
|
||
wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es
|
||
wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen -- wenn überhaupt
|
||
diese Fragerei nötig war --, mußte da der Prokurist selbst kommen, und
|
||
mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die
|
||
Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des
|
||
Prokuristen anvertraut werden konnte? Und mehr infolge der Erregung, in
|
||
welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines
|
||
richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett. Es
|
||
gab einen lauten Schlag, aber ein eigentlicher Krach war es nicht. Ein
|
||
wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken
|
||
elastischer, als Gregor gedacht hatte, daher kam der nicht gar so
|
||
auffallende dumpfe Klang. Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug
|
||
gehalten und ihn angeschlagen; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich
|
||
vor Ärger und Schmerz.
|
||
|
||
»Da drin ist etwas gefallen,« sagte der Prokurist im Nebenzimmer links.
|
||
Gregor suchte sich vorzustellen, ob nicht auch einmal dem Prokuristen
|
||
etwas Ähnliches passieren könnte, wie heute ihm; die Möglichkeit dessen
|
||
mußte man doch eigentlich zugeben. Aber wie zur rohen Antwort auf diese
|
||
Frage machte jetzt der Prokurist im Nebenzimmer ein paar bestimmte
|
||
Schritte und ließ seine Lackstiefel knarren. Aus dem Nebenzimmer rechts
|
||
flüsterte die Schwester, um Gregor zu verständigen: »Gregor, der
|
||
Prokurist ist da.« »Ich weiß,« sagte Gregor vor sich hin; aber so laut,
|
||
daß es die Schwester hätte hören können, wagte er die Stimme nicht zu
|
||
erheben.
|
||
|
||
»Gregor,« sagte nun der Vater aus dem Nebenzimmer links, »der Herr
|
||
Prokurist ist gekommen und erkundigt sich, warum du nicht mit dem
|
||
Frühzug weggefahren bist. Wir wissen nicht, was wir ihm sagen sollen.
|
||
Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die
|
||
Tür auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte
|
||
haben.« »Guten Morgen, Herr Samsa,« rief der Prokurist freundlich
|
||
dazwischen. »Ihm ist nicht wohl,« sagte die Mutter zum Prokuristen,
|
||
während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben
|
||
Sie mir, Herr Prokurist. Wie würde denn Gregor sonst einen Zug
|
||
versäumen! Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere
|
||
mich schon fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht
|
||
Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns
|
||
am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist
|
||
schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten
|
||
beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden
|
||
einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist;
|
||
er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, wenn Gregor
|
||
aufmacht. Ich bin übrigens glücklich, daß Sie da sind, Herr Prokurist;
|
||
wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür zu öffnen; er ist
|
||
so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er es am Morgen
|
||
geleugnet hat.« »Ich komme gleich,« sagte Gregor langsam und bedächtig
|
||
und rührte sich nicht, um kein Wort der Gespräche zu verlieren. »Anders,
|
||
gnädige Frau, kann ich es mir auch nicht erklären,« sagte der Prokurist,
|
||
»hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wenn ich auch andererseits sagen
|
||
muß, daß wir Geschäftsleute -- wie man will, leider oder
|
||
glücklicherweise -- ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen
|
||
Rücksichten einfach überwinden müssen.« »Also kann der Herr Prokurist
|
||
schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum
|
||
an die Tür. »Nein,« sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine
|
||
peinliche Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu
|
||
schluchzen.
|
||
|
||
Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl erst
|
||
jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen sich
|
||
anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und den
|
||
Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu
|
||
verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen
|
||
wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen.
|
||
Noch war Gregor hier und dachte nicht im geringsten daran, seine Familie
|
||
zu verlassen. Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und
|
||
niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm
|
||
verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse. Aber wegen dieser kleinen
|
||
Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede
|
||
finden würde, konnte Gregor doch nicht gut sofort weggeschickt werden.
|
||
Und Gregor schien es, daß es viel vernünftiger wäre, ihn jetzt in Ruhe
|
||
zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören. Aber es war eben
|
||
die Ungewißheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen
|
||
entschuldigte.
|
||
|
||
»Herr Samsa,« rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist denn
|
||
los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit ja
|
||
und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen --
|
||
dies nur nebenbei erwähnt -- Ihre geschäftlichen Pflichten in einer
|
||
eigentlich unerhörten Weise. Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und
|
||
Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche,
|
||
deutliche Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen
|
||
ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich
|
||
anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. Der Chef
|
||
deutete mir zwar heute früh eine mögliche Erklärung für Ihre Versäumnis
|
||
an -- sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso --, aber ich
|
||
legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung
|
||
nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen
|
||
Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im
|
||
geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die
|
||
festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht, Ihnen das alles unter vier
|
||
Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos meine Zeit versäumen
|
||
lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihre Herren Eltern erfahren
|
||
sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also sehr
|
||
unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte
|
||
zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte
|
||
zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben.«
|
||
|
||
»Aber Herr Prokurist,« rief Gregor außer sich und vergaß in der
|
||
Aufregung alles andere, »ich mache ja sofort, augenblicklich auf. Ein
|
||
leichtes Unwohlsein, ein Schwindelanfall, haben mich verhindert
|
||
aufzustehen. Ich liege noch jetzt im Bett. Jetzt bin ich aber schon
|
||
wieder ganz frisch. Eben steige ich aus dem Bett. Nur einen kleinen
|
||
Augenblick Geduld! Es geht noch nicht so gut, wie ich dachte. Es ist mir
|
||
aber schon wohl. Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch
|
||
gestern abend war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser,
|
||
schon gestern abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir
|
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ansehen müssen. Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber
|
||
man denkt eben immer, daß man die Krankheit ohne Zuhausebleiben
|
||
überstehen wird. Herr Prokurist! Schonen Sie meine Eltern! Für alle die
|
||
Vorwürfe, die Sie mir jetzt machen, ist ja kein Grund; man hat mir ja
|
||
davon auch kein Wort gesagt. Sie haben vielleicht die letzten Aufträge,
|
||
die ich geschickt habe, nicht gelesen. Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug
|
||
fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt.
|
||
Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist; ich bin gleich selbst im
|
||
Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef
|
||
zu empfehlen!«
|
||
|
||
Und während Gregor dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er
|
||
sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten
|
||
Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten.
|
||
Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen
|
||
und mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die
|
||
anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen
|
||
würden. Würden sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung
|
||
mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann
|
||
hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich
|
||
beeilte, um acht Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein. Zuerst glitt er
|
||
nun einigemale von dem glatten Kasten ab, aber endlich gab er sich
|
||
einen letzten Schwung und stand aufrecht da; auf die Schmerzen im
|
||
Unterleib achtete er gar nicht mehr, so sehr sie auch brannten. Nun ließ
|
||
er sich gegen die Rücklehne eines nahen Stuhles fallen, an deren Rändern
|
||
er sich mit seinen Beinchen festhielt. Damit hatte er aber auch die
|
||
Herrschaft über sich erlangt und verstummte, denn nun konnte er den
|
||
Prokuristen anhören.
|
||
|
||
»Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?« fragte der Prokurist die
|
||
Eltern, »er macht sich doch wohl nicht einen Narren aus uns?« »Um Gottes
|
||
willen,« rief die Mutter schon unter Weinen, »er ist vielleicht schwer
|
||
krank, und wir quälen ihn. Grete! Grete!« schrie sie dann. »Mutter?«
|
||
rief die Schwester von der anderen Seite. Sie verständigten sich durch
|
||
Gregors Zimmer. »Du mußt augenblicklich zum Arzt. Gregor ist krank.
|
||
Rasch um den Arzt. Hast du Gregor jetzt reden hören?« »Das war eine
|
||
Tierstimme,« sagte der Prokurist, auffallend leise gegenüber dem
|
||
Schreien der Mutter. »Anna! Anna!« rief der Vater durch das Vorzimmer in
|
||
die Küche und klatschte in die Hände, »sofort einen Schlosser holen!«
|
||
Und schon liefen die zwei Mädchen mit rauschenden Röcken durch das
|
||
Vorzimmer -- wie hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? --
|
||
und rissen die Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe
|
||
zuschlagen; sie hatten sie wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu
|
||
sein pflegt, in denen ein großes Unglück geschehen ist.
|
||
|
||
Gregor war aber viel ruhiger geworden. Man verstand zwar also seine
|
||
Worte nicht mehr, trotzdem sie ihm genug klar, klarer als früher,
|
||
vorgekommen waren, vielleicht infolge der Gewöhnung des Ohres. Aber
|
||
immerhin glaubte man nun schon daran, daß es mit ihm nicht ganz in
|
||
Ordnung war, und war bereit, ihm zu helfen. Die Zuversicht und
|
||
Sicherheit, womit die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten
|
||
ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und
|
||
erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich
|
||
genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen. Um für die
|
||
sich nähernden entscheidenden Besprechungen eine möglichst klare Stimme
|
||
zu bekommen, hustete er ein wenig ab, allerdings bemüht, dies ganz
|
||
gedämpft zu tun, da möglicherweise auch schon dieses Geräusch anders als
|
||
menschlicher Husten klang, was er selbst zu entscheiden sich nicht mehr
|
||
getraute. Im Nebenzimmer war es inzwischen ganz still geworden.
|
||
Vielleicht saßen die Eltern mit dem Prokuristen beim Tisch und
|
||
tuschelten, vielleicht lehnten alle an der Türe und horchten.
|
||
|
||
Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los,
|
||
warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht -- die Ballen seiner
|
||
Beinchen hatten ein wenig Klebstoff -- und ruhte sich dort einen
|
||
Augenblick lang von der Anstrengung aus. Dann aber machte er sich daran,
|
||
mit dem Mund den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Es schien leider, daß
|
||
er keine eigentlichen Zähne hatte, -- womit sollte er gleich den
|
||
Schlüssel fassen? -- aber dafür waren die Kiefer freilich sehr stark,
|
||
mit ihrer Hilfe brachte er auch wirklich den Schlüssel in Bewegung und
|
||
achtete nicht darauf, daß er sich zweifellos irgendeinen Schaden
|
||
zufügte, denn eine braune Flüssigkeit kam ihm aus dem Mund, floß über
|
||
den Schlüssel und tropfte auf den Boden. »Hören Sie nur,« sagte der
|
||
Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht den Schlüssel um.« Das war für
|
||
Gregor eine große Aufmunterung; aber alle hätten ihm zurufen sollen,
|
||
auch der Vater und die Mutter: »Frisch, Gregor,« hätten sie rufen
|
||
sollen, »immer nur heran, fest an das Schloß heran!« Und in der
|
||
Vorstellung, daß alle seine Bemühungen mit Spannung verfolgten, verbiß
|
||
er sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos in
|
||
den Schlüssel. Je nach dem Fortschreiten der Drehung des Schlüssels
|
||
umtanzte er das Schloß, hielt sich jetzt nur noch mit dem Munde
|
||
aufrecht, und je nach Bedarf hing er sich an den Schlüssel oder drückte
|
||
ihn dann wieder nieder mit der ganzen Last seines Körpers. Der hellere
|
||
Klang des endlich zurückschnappenden Schlosses erweckte Gregor förmlich.
|
||
Aufatmend sagte er sich: »Ich habe also den Schlosser nicht gebraucht,«
|
||
und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.
|
||
|
||
Da er die Türe auf diese Weise öffnen mußte, war sie eigentlich schon
|
||
recht weit geöffnet, und er selbst noch nicht zu sehen. Er mußte sich
|
||
erst langsam um den einen Türflügel herumdrehen, und zwar sehr
|
||
vorsichtig, wenn er nicht gerade vor dem Eintritt ins Zimmer plump auf
|
||
den Rücken fallen wollte. Er war noch mit jener schwierigen Bewegung
|
||
beschäftigt und hatte nicht Zeit, auf anderes zu achten, da hörte er
|
||
schon den Prokuristen ein lautes »Oh!« ausstoßen -- es klang, wie wenn
|
||
der Wind saust -- und nun sah er ihn auch, wie er, der der Nächste an
|
||
der Türe war, die Hand gegen den offenen Mund drückte und langsam
|
||
zurückwich, als vertreibe ihn eine unsichtbare, gleichmäßig fortwirkende
|
||
Kraft. Die Mutter -- sie stand hier trotz der Anwesenheit des
|
||
Prokuristen mit von der Nacht her noch aufgelösten, hoch sich
|
||
sträubenden Haaren -- sah zuerst mit gefalteten Händen den Vater an,
|
||
ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel inmitten ihrer rings um
|
||
sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das Gesicht ganz unauffindbar
|
||
zu ihrer Brust gesenkt. Der Vater ballte mit feindseligem Ausdruck die
|
||
Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer zurückstoßen, sah sich dann
|
||
unsicher im Wohnzimmer um, beschattete dann mit den Händen die Augen und
|
||
weinte, daß sich seine mächtige Brust schüttelte.
|
||
|
||
Gregor trat nun gar nicht in das Zimmer, sondern lehnte sich von innen
|
||
an den festgeriegelten Türflügel, so daß sein Leib nur zur Hälfte und
|
||
darüber der seitlich geneigte Kopf zu sehen war, mit dem er zu den
|
||
anderen hinüberlugte. Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand
|
||
auf der anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden,
|
||
endlosen, grauschwarzen Hauses -- es war ein Krankenhaus -- mit seinen
|
||
hart die Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel
|
||
noch nieder, aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch
|
||
einzelnweise auf die Erde hinuntergeworfenen Tropfen. Das
|
||
Frühstücksgeschirr stand in überreicher Zahl auf dem Tisch, denn für den
|
||
Vater war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, die er bei
|
||
der Lektüre verschiedener Zeitungen stundenlang hinzog. Gerade an der
|
||
gegenüberliegenden Wand hing eine Photographie Gregors aus seiner
|
||
Militärzeit, die ihn als Leutnant darstellte, wie er, die Hand am Degen,
|
||
sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte. Die
|
||
Tür zum Vorzimmer war geöffnet, und man sah, da auch die Wohnungstür
|
||
offen war, auf den Vorplatz der Wohnung hinaus und auf den Beginn der
|
||
abwärts führenden Treppe.
|
||
|
||
»Nun,« sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der einzige
|
||
war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen, die
|
||
Kollektion zusammenpacken und wegfahren. Wollt ihr, wollt ihr mich
|
||
wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht
|
||
starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich
|
||
könnte ohne das Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr
|
||
Prokurist? Ins Geschäft? Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten?
|
||
Man kann im Augenblick unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade
|
||
der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und
|
||
zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß
|
||
desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef
|
||
so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut. Andererseits habe
|
||
ich die Sorge um meine Eltern und die Schwester. Ich bin in der Klemme,
|
||
ich werde mich aber auch wieder herausarbeiten. Machen Sie es mir aber
|
||
nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine
|
||
Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient
|
||
ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben. Man hat eben keine
|
||
besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser zu durchdenken. Sie
|
||
aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Überblick über die
|
||
Verhältnisse, als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen
|
||
gesagt, einen besseren Überblick, als der Herr Chef selbst, der in
|
||
seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht
|
||
zuungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl,
|
||
daß der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäftes ist,
|
||
so leicht ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen
|
||
Beschwerden werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich
|
||
ist, da er von ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er
|
||
erschöpft eine Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre
|
||
Ursachen hin nicht mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu
|
||
spüren bekommt. Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort
|
||
gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen
|
||
Teil recht geben!«
|
||
|
||
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors
|
||
abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit
|
||
aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede stand
|
||
er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den
|
||
Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein
|
||
geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer, und
|
||
nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus dem
|
||
Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die Sohle
|
||
verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von sich
|
||
zur Treppe hin, als warte dort auf ihn eine geradezu überirdische
|
||
Erlösung.
|
||
|
||
Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen
|
||
Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft
|
||
nicht aufs äußerste gefährdet werden sollte. Die Eltern verstanden das
|
||
alles nicht so gut; sie hatten sich in den langen Jahren die Überzeugung
|
||
gebildet, daß Gregor in diesem Geschäft für sein Leben versorgt war, und
|
||
hatten außerdem jetzt mit den augenblicklichen Sorgen so viel zu tun,
|
||
daß ihnen jede Voraussicht abhanden gekommen war. Aber Gregor hatte
|
||
diese Voraussicht. Der Prokurist mußte gehalten, beruhigt, überzeugt und
|
||
schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing
|
||
doch davon ab! Wäre doch die Schwester hier gewesen! Sie war klug; sie
|
||
hatte schon geweint, als Gregor noch ruhig auf dem Rücken lag. Und gewiß
|
||
hätte der Prokurist, dieser Damenfreund, sich von ihr lenken lassen;
|
||
sie hätte die Wohnungstür zugemacht und ihm im Vorzimmer den Schrecken
|
||
ausgeredet. Aber die Schwester war eben nicht da, Gregor selbst mußte
|
||
handeln. Und ohne daran zu denken, daß er seine gegenwärtigen
|
||
Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu
|
||
denken, daß seine Rede möglicher- ja wahrscheinlicherweise wieder nicht
|
||
verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die
|
||
Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des
|
||
Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber
|
||
sofort, nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine
|
||
vielen Beinchen nieder. Kaum war das geschehen, fühlte er zum erstenmal
|
||
an diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen; die Beinchen hatten
|
||
festen Boden unter sich; sie gehorchten vollkommen, wie er zu seiner
|
||
Freude merkte; strebten sogar darnach, ihn fortzutragen, wohin er
|
||
wollte; und schon glaubte er, die endgültige Besserung alles Leidens
|
||
stehe unmittelbar bevor. Aber im gleichen Augenblick, als er da
|
||
schaukelnd vor verhaltener Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter
|
||
entfernt, ihr gerade gegenüber auf dem Boden lag, sprang diese, die doch
|
||
so ganz in sich versunken schien, mit einemmale in die Höhe, die Arme
|
||
weit ausgestreckt, die Finger gespreizt, rief: »Hilfe, um Gottes willen
|
||
Hilfe!«, hielt den Kopf geneigt, als wolle sie Gregor besser sehen, lief
|
||
aber, im Widerspruch dazu, sinnlos zurück; hatte vergessen, daß hinter
|
||
ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich, als sie bei ihm angekommen
|
||
war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn, und schien gar nicht zu
|
||
merken, daß neben ihr aus der umgeworfenen großen Kanne der Kaffee in
|
||
vollem Strome auf den Teppich sich ergoß.
|
||
|
||
»Mutter, Mutter,« sagte Gregor leise und sah zu ihr hinauf. Der
|
||
Prokurist war ihm für einen Augenblick ganz aus dem Sinn gekommen;
|
||
dagegen konnte er sich nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees
|
||
mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen. Darüber schrie die
|
||
Mutter neuerdings auf, flüchtete vom Tisch und fiel dem ihr
|
||
entgegeneilenden Vater in die Arme. Aber Gregor hatte jetzt keine Zeit
|
||
für seine Eltern; der Prokurist war schon auf der Treppe; das Kinn auf
|
||
dem Geländer, sah er noch zum letzten Male zurück. Gregor nahm einen
|
||
Anlauf, um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas
|
||
ahnen, denn er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand;
|
||
»Huh!« aber schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider
|
||
schien nun auch diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher
|
||
verhältnismäßig gefaßt gewesen war, völlig zu verwirren, denn statt
|
||
selbst dem Prokuristen nachzulaufen oder wenigstens Gregor in der
|
||
Verfolgung nicht zu hindern, packte er mit der Rechten den Stock des
|
||
Prokuristen, den dieser mit Hut und Überzieher auf einem Sessel
|
||
zurückgelassen hatte, holte mit der Linken eine große Zeitung vom Tisch
|
||
und machte sich unter Füßestampfen daran, Gregor durch Schwenken des
|
||
Stockes und der Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Kein Bitten
|
||
Gregors half, kein Bitten wurde auch verstanden, er mochte den Kopf noch
|
||
so demütig drehen, der Vater stampfte nur stärker mit den Füßen. Drüben
|
||
hatte die Mutter trotz des kühlen Wetters ein Fenster aufgerissen, und
|
||
hinausgelehnt drückte sie ihr Gesicht weit außerhalb des Fensters in
|
||
ihre Hände. Zwischen Gasse und Treppenhaus entstand eine starke Zugluft,
|
||
die Fenstervorhänge flogen auf, die Zeitungen auf dem Tische rauschten,
|
||
einzelne Blätter wehten über den Boden hin. Unerbittlich drängte der
|
||
Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. Nun hatte aber Gregor
|
||
noch gar keine Übung im Rückwärtsgehen, es ging wirklich sehr langsam.
|
||
Wenn sich Gregor nur hätte umdrehen dürfen, er wäre gleich in seinem
|
||
Zimmer gewesen, aber er fürchtete sich, den Vater durch die zeitraubende
|
||
Umdrehung ungeduldig zu machen, und jeden Augenblick drohte ihm doch von
|
||
dem Stock in des Vaters Hand der tödliche Schlag auf den Rücken oder auf
|
||
den Kopf. Endlich aber blieb Gregor doch nichts anderes übrig, denn er
|
||
merkte mit Entsetzen, daß er im Rückwärtsgehen nicht einmal die Richtung
|
||
einzuhalten verstand; und so begann er, unter unaufhörlichen ängstlichen
|
||
Seitenblicken nach dem Vater, sich nach Möglichkeit rasch, in
|
||
Wirklichkeit aber doch nur sehr langsam umzudrehen. Vielleicht merkte
|
||
der Vater seinen guten Willen, denn er störte ihn hierbei nicht, sondern
|
||
dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung von der Ferne mit der
|
||
Spitze seines Stockes. Wenn nur nicht dieses unerträgliche Zischen des
|
||
Vaters gewesen wäre! Gregor verlor darüber ganz den Kopf. Er war schon
|
||
fast ganz umgedreht, als er sich, immer auf dieses Zischen horchend,
|
||
sogar irrte und sich wieder ein Stück zurückdrehte. Als er aber endlich
|
||
glücklich mit dem Kopf vor der Türöffnung war, zeigte es sich, daß sein
|
||
Körper zu breit war, um ohne weiteres durchzukommen. Dem Vater fiel es
|
||
natürlich in seiner gegenwärtigen Verfassung auch nicht entfernt ein,
|
||
etwa den anderen Türflügel zu öffnen, um für Gregor einen genügenden
|
||
Durchgang zu schaffen. Seine fixe Idee war bloß, daß Gregor so rasch als
|
||
möglich in sein Zimmer müsse. Niemals hätte er auch die umständlichen
|
||
Vorbereitungen gestattet, die Gregor brauchte, um sich aufzurichten und
|
||
vielleicht auf diese Weise durch die Tür zu kommen. Vielleicht trieb er,
|
||
als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter besonderem Lärm
|
||
vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr wie die Stimme
|
||
bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß mehr, und
|
||
Gregor drängte sich -- geschehe was wolle -- in die Tür. Die eine Seite
|
||
seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine
|
||
Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecke,
|
||
bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die
|
||
Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf
|
||
der anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt -- da gab ihm der Vater
|
||
von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog,
|
||
heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem
|
||
Stock zugeschlagen, dann war es endlich still.
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
II.
|
||
|
||
|
||
Erst in der Abenddämmerung erwachte Gregor aus seinem schweren
|
||
ohnmachtähnlichen Schlaf. Er wäre gewiß nicht viel später auch ohne
|
||
Störung erwacht, denn er fühlte sich genügend ausgeruht und
|
||
ausgeschlafen, doch schien es ihm, als hätte ihn ein flüchtiger Schritt
|
||
und ein vorsichtiges Schließen der zum Vorzimmer führenden Tür geweckt.
|
||
Der Schein der elektrischen Straßenbahn lag bleich hier und da auf der
|
||
Zimmerdecke und auf den höheren Teilen der Möbel, aber unten bei Gregor
|
||
war es finster. Langsam schob er sich, noch ungeschickt mit seinen
|
||
Fühlern tastend, die er jetzt erst schätzen lernte, zur Türe hin, um
|
||
nachzusehen, was dort geschehen war. Seine linke Seite schien eine
|
||
einzige lange, unangenehm spannende Narbe, und er mußte auf seinen zwei
|
||
Beinreihen regelrecht hinken. Ein Beinchen war übrigens im Laufe der
|
||
vormittägigen Vorfälle schwer verletzt worden -- es war fast ein
|
||
Wunder, daß nur eines verletzt worden war -- und schleppte leblos nach.
|
||
|
||
Erst bei der Tür merkte er, was ihn dorthin eigentlich gelockt hatte; es
|
||
war der Geruch von etwas Eßbarem gewesen. Denn dort stand ein Napf mit
|
||
süßer Milch gefüllt, in der kleine Schnitte von Weißbrot schwammen. Fast
|
||
hätte er vor Freude gelacht, denn er hatte noch größeren Hunger als am
|
||
Morgen, und gleich tauchte er seinen Kopf fast bis über die Augen in die
|
||
Milch hinein. Aber bald zog er ihn enttäuscht wieder zurück; nicht nur,
|
||
daß ihm das Essen wegen seiner heiklen linken Seite Schwierigkeiten
|
||
machte -- und er konnte nur essen, wenn der ganze Körper schnaufend
|
||
mitarbeitete --, so schmeckte ihm überdies die Milch, die sonst sein
|
||
Lieblingsgetränk war und die ihm gewiß die Schwester deshalb
|
||
hereingestellt hatte, gar nicht, ja er wandte sich fast mit Widerwillen
|
||
von dem Napf ab und kroch in die Zimmermitte zurück.
|
||
|
||
Im Wohnzimmer war, wie Gregor durch die Türspalte sah, das Gas
|
||
angezündet, aber während sonst zu dieser Tageszeit der Vater seine
|
||
nachmittags erscheinende Zeitung der Mutter und manchmal auch der
|
||
Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegte, hörte man jetzt
|
||
keinen Laut. Nun vielleicht war dieses Vorlesen, von dem ihm die
|
||
Schwester immer erzählte und schrieb, in der letzten Zeit überhaupt aus
|
||
der Übung gekommen. Aber auch ringsherum war es so still, trotzdem doch
|
||
gewiß die Wohnung nicht leer war. »Was für ein stilles Leben die Familie
|
||
doch führte,« sagte sich Gregor und fühlte, während er starr vor sich
|
||
ins Dunkle sah, einen großen Stolz darüber, daß er seinen Eltern und
|
||
seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte
|
||
verschaffen können. Wie aber, wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand,
|
||
alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollte? Um sich nicht
|
||
in solche Gedanken zu verlieren, setzte sich Gregor lieber in Bewegung
|
||
und kroch im Zimmer auf und ab.
|
||
|
||
Einmal während des langen Abends wurde die eine Seitentüre und einmal
|
||
die andere bis zu einer kleinen Spalte geöffnet und rasch wieder
|
||
geschlossen; jemand hatte wohl das Bedürfnis hereinzukommen, aber auch
|
||
wieder zu viele Bedenken. Gregor machte nun unmittelbar bei der
|
||
Wohnzimmertür Halt, entschlossen, den zögernden Besucher doch irgendwie
|
||
hereinzubringen oder doch wenigstens zu erfahren, wer es sei; aber nun
|
||
wurde die Tür nicht mehr geöffnet und Gregor wartete vergebens. Früh,
|
||
als die Türen versperrt waren, hatten alle zu ihm hereinkommen wollen,
|
||
jetzt, da er die eine Tür geöffnet hatte und die anderen offenbar
|
||
während des Tages geöffnet worden waren, kam keiner mehr, und die
|
||
Schlüssel steckten nun auch von außen.
|
||
|
||
Spät erst in der Nacht wurde das Licht im Wohnzimmer ausgelöscht, und
|
||
nun war leicht festzustellen, daß die Eltern und die Schwester so lange
|
||
wachgeblieben waren, denn wie man genau hören konnte, entfernten sich
|
||
jetzt alle drei auf den Fußspitzen. Nun kam gewiß bis zum Morgen niemand
|
||
mehr zu Gregor herein; er hatte also eine lange Zeit, um ungestört zu
|
||
überlegen, wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte. Aber das hohe
|
||
freie Zimmer, in dem er gezwungen war, flach auf dem Boden zu liegen,
|
||
ängstigte ihn, ohne daß er die Ursache herausfinden konnte, denn es war
|
||
ja sein seit fünf Jahren von ihm bewohntes Zimmer -- und mit einer halb
|
||
unbewußten Wendung und nicht ohne eine leichte Scham eilte er unter das
|
||
Kanapee, wo er sich, trotzdem sein Rücken ein wenig gedrückt wurde und
|
||
trotzdem er den Kopf nicht mehr erheben konnte, gleich sehr behaglich
|
||
fühlte und nur bedauerte, daß sein Körper zu breit war, um vollständig
|
||
unter dem Kanapee untergebracht zu werden.
|
||
|
||
Dort blieb er die ganze Nacht, die er zum Teil im Halbschlaf, aus dem
|
||
ihn der Hunger immer wieder aufschreckte, verbrachte, zum Teil aber in
|
||
Sorgen und undeutlichen Hoffnungen, die aber alle zu dem Schlusse
|
||
führten, daß er sich vorläufig ruhig verhalten und durch Geduld und
|
||
größte Rücksichtnahme der Familie die Unannehmlichkeiten erträglich
|
||
machen müsse, die er ihr in seinem gegenwärtigen Zustand nun einmal zu
|
||
verursachen gezwungen war.
|
||
|
||
Schon am frühen Morgen, es war fast noch Nacht, hatte Gregor
|
||
Gelegenheit, die Kraft seiner eben gefaßten Entschlüsse zu prüfen, denn
|
||
vom Vorzimmer her öffnete die Schwester, fast völlig angezogen, die Tür
|
||
und sah mit Spannung herein. Sie fand ihn nicht gleich, aber als sie ihn
|
||
unter dem Kanapee bemerkte -- Gott, er mußte doch irgendwo sein, er
|
||
hatte doch nicht wegfliegen können -- erschrak sie so sehr, daß sie,
|
||
ohne sich beherrschen zu können, die Tür von außen wieder zuschlug. Aber
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als bereue sie ihr Benehmen, öffnete sie die Tür sofort wieder und trat,
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als sei sie bei einem Schwerkranken oder gar bei einem Fremden, auf den
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Fußspitzen herein. Gregor hatte den Kopf bis knapp zum Rande des
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Kanapees vorgeschoben und beobachtete sie. Ob sie wohl bemerken würde,
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daß er die Milch stehen gelassen hatte, und zwar keineswegs aus Mangel
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an Hunger, und ob sie eine andere Speise hereinbringen würde, die ihm
|
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besser entsprach? Täte sie es nicht von selbst, er wollte lieber
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verhungern, als sie darauf aufmerksam machen, trotzdem es ihn eigentlich
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ungeheuer drängte, unterm Kanapee vorzuschießen, sich der Schwester zu
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Füßen zu werfen und sie um irgend etwas Gutes zum Essen zu bitten. Aber
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die Schwester bemerkte sofort mit Verwunderung den noch vollen Napf, aus
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dem nur ein wenig Milch ringsherum verschüttet war, sie hob ihn gleich
|
||
auf, zwar nicht mit den bloßen Händen, sondern mit einem Fetzen, und
|
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trug ihn hinaus. Gregor war äußerst neugierig, was sie zum Ersatze
|
||
bringen würde, und er machte sich die verschiedensten Gedanken darüber.
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||
Niemals aber hätte er erraten können, was die Schwester in ihrer Güte
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wirklich tat. Sie brachte ihm, um seinen Geschmack zu prüfen, eine ganze
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Auswahl, alles auf einer alten Zeitung ausgebreitet. Da war altes
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halbverfaultes Gemüse; Knochen vom Nachtmahl her, die von festgewordener
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weißer Sauce umgeben waren; ein paar Rosinen und Mandeln; ein Käse, den
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Gregor vor zwei Tagen für ungenießbar erklärt hatte; ein trockenes Brot,
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ein mit Butter beschmiertes Brot und ein mit Butter beschmiertes und
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gesalzenes Brot. Außerdem stellte sie zu dem allen noch den
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wahrscheinlich ein für allemal für Gregor bestimmten Napf, in den sie
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Wasser gegossen hatte. Und aus Zartgefühl, da sie wußte, daß Gregor vor
|
||
ihr nicht essen würde, entfernte sie sich eiligst und drehte sogar den
|
||
Schlüssel um, damit nur Gregor merken könne, daß er es sich so behaglich
|
||
machen dürfe, wie er wolle. Gregors Beinchen schwirrten, als es jetzt
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||
zum Essen ging. Seine Wunden mußten übrigens auch schon vollständig
|
||
geheilt sein, er fühlte keine Behinderung mehr, er staunte darüber und
|
||
dachte daran, wie er vor mehr als einem Monat sich mit dem Messer ganz
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||
wenig in den Finger geschnitten, und wie ihm diese Wunde noch vorgestern
|
||
genug wehgetan hatte. »Sollte ich jetzt weniger Feingefühl haben?«
|
||
dachte er und saugte schon gierig an dem Käse, zu dem es ihn vor allen
|
||
anderen Speisen sofort und nachdrücklich gezogen hatte. Rasch
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||
hintereinander und mit vor Befriedigung tränenden Augen verzehrte er den
|
||
Käse, das Gemüse und die Sauce; die frischen Speisen dagegen schmeckten
|
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ihm nicht, er konnte nicht einmal ihren Geruch vertragen und schleppte
|
||
sogar die Sachen, die er essen wollte, ein Stückchen weiter weg. Er war
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||
schon längst mit allem fertig und lag nur noch faul auf der gleichen
|
||
Stelle, als die Schwester zum Zeichen, daß er sich zurückziehen solle,
|
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langsam den Schlüssel umdrehte. Das schreckte ihn sofort auf, trotzdem
|
||
er schon fast schlummerte, und er eilte wieder unter das Kanapee. Aber
|
||
es kostete ihn große Selbstüberwindung, auch nur die kurze Zeit, während
|
||
welcher die Schwester im Zimmer war, unter dem Kanapee zu bleiben, denn
|
||
von dem reichlichen Essen hatte sich sein Leib ein wenig gerundet, und
|
||
er konnte dort in der Enge kaum atmen. Unter kleinen Erstickungsanfällen
|
||
sah er mit etwas hervorgequollenen Augen zu, wie die nichtsahnende
|
||
Schwester mit einem Besen nicht nur die Überbleibsel zusammenkehrte,
|
||
sondern selbst die von Gregor gar nicht berührten Speisen, als seien
|
||
also auch diese nicht mehr zu gebrauchen, und wie sie alles hastig in
|
||
einen Kübel schüttete, den sie mit einem Holzdeckel schloß, worauf sie
|
||
alles hinaustrug. Kaum hatte sie sich umgedreht, zog sich schon Gregor
|
||
unter dem Kanapee hervor und streckte und blähte sich.
|
||
|
||
Auf diese Weise bekam nun Gregor täglich sein Essen, einmal am Morgen,
|
||
wenn die Eltern und das Dienstmädchen noch schliefen, das zweitemal nach
|
||
dem allgemeinen Mittagessen, denn dann schliefen die Eltern gleichfalls
|
||
noch ein Weilchen, und das Dienstmädchen wurde von der Schwester mit
|
||
irgendeiner Besorgung weggeschickt. Gewiß wollten auch sie nicht, daß
|
||
Gregor verhungere, aber vielleicht hätten sie es nicht ertragen können,
|
||
von seinem Essen mehr als durch Hörensagen zu erfahren, vielleicht
|
||
wollte die Schwester ihnen auch eine möglicherweise nur kleine Trauer
|
||
ersparen, denn tatsächlich litten sie ja gerade genug.
|
||
|
||
Mit welchen Ausreden man an jenem ersten Vormittag den Arzt und den
|
||
Schlosser wieder aus der Wohnung geschafft hatte, konnte Gregor gar
|
||
nicht erfahren, denn da er nicht verstanden wurde, dachte niemand daran,
|
||
auch die Schwester nicht, daß er die anderen verstehen könne, und so
|
||
mußte er sich, wenn die Schwester in seinem Zimmer war, damit begnügen,
|
||
nur hier und da ihre Seufzer und Anrufe der Heiligen zu hören. Erst
|
||
später, als sie sich ein wenig an alles gewöhnt hatte -- von
|
||
vollständiger Gewöhnung konnte natürlich niemals die Rede sein --,
|
||
erhaschte Gregor manchmal eine Bemerkung, die freundlich gemeint war
|
||
oder so gedeutet werden konnte. »Heute hat es ihm aber geschmeckt,«
|
||
sagte sie, wenn Gregor unter dem Essen tüchtig aufgeräumt hatte, während
|
||
sie im gegenteiligen Fall, der sich allmählich immer häufiger
|
||
wiederholte, fast traurig zu sagen pflegte: »Nun ist wieder alles
|
||
stehengeblieben.«
|
||
|
||
Während aber Gregor unmittelbar keine Neuigkeit erfahren konnte,
|
||
erhorchte er manches aus den Nebenzimmern, und wo er nun einmal Stimmen
|
||
hörte, lief er gleich zu der betreffenden Tür und drückte sich mit
|
||
ganzem Leib an sie. Besonders in der ersten Zeit gab es kein Gespräch,
|
||
das nicht irgendwie wenn auch nur im geheimen, von ihm handelte. Zwei
|
||
Tage lang waren bei allen Mahlzeiten Beratungen darüber zu hören, wie
|
||
man sich jetzt verhalten solle; aber auch zwischen den Mahlzeiten sprach
|
||
man über das gleiche Thema, denn immer waren zumindest zwei
|
||
Familienmitglieder zu Hause, da wohl niemand allein zu Hause bleiben
|
||
wollte und man die Wohnung doch auf keinen Fall gänzlich verlassen
|
||
konnte. Auch hatte das Dienstmädchen gleich am ersten Tag -- es war
|
||
nicht ganz klar, was und wieviel sie von dem Vorgefallenen wußte --
|
||
kniefällig die Mutter gebeten, sie sofort zu entlassen, und als sie sich
|
||
eine Viertelstunde danach verabschiedete, dankte sie für die Entlassung
|
||
unter Tränen, wie für die größte Wohltat, die man ihr hier erwiesen
|
||
hatte, und gab, ohne daß man es von ihr verlangte, einen fürchterlichen
|
||
Schwur ab, niemandem auch nur das geringste zu verraten.
|
||
|
||
Nun mußte die Schwester im Verein mit der Mutter auch kochen; allerdings
|
||
machte das nicht viel Mühe, denn man aß fast nichts. Immer wieder hörte
|
||
Gregor, wie der eine den anderen vergebens zum Essen aufforderte und
|
||
keine andere Antwort bekam, als: »Danke ich habe genug« oder etwas
|
||
Ähnliches. Getrunken wurde vielleicht auch nichts. Öfters fragte die
|
||
Schwester den Vater, ob er Bier haben wolle, und herzlich erbot sie
|
||
sich, es selbst zu holen, und als der Vater schwieg, sagte sie, um ihm
|
||
jedes Bedenken zu nehmen, sie könne auch die Hausmeisterin darum
|
||
schicken, aber dann sagte der Vater schließlich ein großes »Nein«, und
|
||
es wurde nicht mehr davon gesprochen.
|
||
|
||
Schon im Laufe des ersten Tages legte der Vater die ganzen
|
||
Vermögensverhältnisse und Aussichten sowohl der Mutter als auch der
|
||
Schwester dar. Hie und da stand er vom Tische auf und holte aus seiner
|
||
kleinen Wertheimkassa, die er aus dem vor fünf Jahren erfolgten
|
||
Zusammenbruch seines Geschäftes gerettet hatte, irgendeinen Beleg oder
|
||
irgendein Vormerkbuch. Man hörte, wie er das komplizierte Schloß
|
||
aufsperrte und nach Entnahme des Gesuchten wieder verschloß. Diese
|
||
Erklärungen des Vaters waren zum Teil das erste Erfreuliche, was Gregor
|
||
seit seiner Gefangenschaft zu hören bekam. Er war der Meinung gewesen,
|
||
daß dem Vater von jenem Geschäft her nicht das Geringste übriggeblieben
|
||
war, zumindest hatte ihm der Vater nichts Gegenteiliges gesagt, und
|
||
Gregor allerdings hatte ihn auch nicht darum gefragt. Gregors Sorge war
|
||
damals nur gewesen, alles daranzusetzen, um die Familie das
|
||
geschäftliche Unglück, das alle in eine vollständige Hoffnungslosigkeit
|
||
gebracht hatte, möglichst rasch vergessen zu lassen. Und so hatte er
|
||
damals mit ganz besonderem Feuer zu arbeiten angefangen und war fast
|
||
über Nacht aus einem kleinen Kommis ein Reisender geworden, der
|
||
natürlich ganz andere Möglichkeiten des Geldverdienens hatte, und dessen
|
||
Arbeitserfolge sich sofort in Form der Provision zu Bargeld
|
||
verwandelten, das der erstaunten und beglückten Familie zu Hause auf den
|
||
Tisch gelegt werden konnte. Es waren schöne Zeiten gewesen, und niemals
|
||
nachher hatten sie sich, wenigstens in diesem Glanze, wiederholt,
|
||
trotzdem Gregor später so viel Geld verdiente, daß er den Aufwand der
|
||
ganzen Familie zu tragen imstande war und auch trug. Man hatte sich eben
|
||
daran gewöhnt, sowohl die Familie, als auch Gregor, man nahm das Geld
|
||
dankbar an, er lieferte es gern ab, aber eine besondere Wärme wollte
|
||
sich nicht mehr ergeben. Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe
|
||
geblieben, und es war sein geheimer Plan, sie, die zum Unterschied von
|
||
Gregor Musik sehr liebte und rührend Violine zu spielen verstand,
|
||
nächstes Jahr, ohne Rücksicht auf die großen Kosten, die das verursachen
|
||
mußte, und die man schon auf andere Weise hereinbringen würde, auf das
|
||
Konservatorium zu schicken. Öfters während der kurzen Aufenthalte
|
||
Gregors in der Stadt wurde in den Gesprächen mit der Schwester das
|
||
Konservatorium erwähnt, aber immer nur als schöner Traum, an dessen
|
||
Verwirklichung nicht zu denken war, und die Eltern hörten nicht einmal
|
||
diese unschuldigen Erwähnungen gern; aber Gregor dachte sehr bestimmt
|
||
daran und beabsichtigte, es am Weihnachtsabend feierlich zu erklären.
|
||
|
||
Solche in seinem gegenwärtigen Zustand ganz nutzlose Gedanken gingen ihm
|
||
durch den Kopf, während er dort aufrecht an der Türe klebte und horchte.
|
||
Manchmal konnte er vor allgemeiner Müdigkeit gar nicht mehr zuhören und
|
||
ließ den Kopf nachlässig gegen die Tür schlagen, hielt ihn aber sofort
|
||
wieder fest, denn selbst das kleine Geräusch, das er damit verursacht
|
||
hatte, war nebenan gehört worden und hatte alle verstummen lassen. »Was
|
||
er nur wieder treibt,« sagte der Vater nach einer Weile, offenbar zur
|
||
Türe hingewendet, und dann erst wurde das unterbrochene Gespräch
|
||
allmählich wieder aufgenommen.
|
||
|
||
Gregor erfuhr nun zur Genüge -- denn der Vater pflegte sich in seinen
|
||
Erklärungen öfters zu wiederholen, teils, weil er selbst sich mit diesen
|
||
Dingen schon lange nicht beschäftigt hatte, teils auch, weil die Mutter
|
||
nicht alles gleich beim erstenmal verstand --, daß trotz allen Unglücks
|
||
ein allerdings ganz kleines Vermögen aus der alten Zeit noch vorhanden
|
||
war, das die nicht angerührten Zinsen in der Zwischenzeit ein wenig
|
||
hatten anwachsen lassen. Außerdem aber war das Geld, das Gregor
|
||
allmonatlich nach Hause gebracht hatte -- er selbst hatte nur ein paar
|
||
Gulden für sich behalten --, nicht vollständig aufgebraucht worden und
|
||
hatte sich zu einem kleinen Kapital angesammelt. Gregor, hinter seiner
|
||
Türe, nickte eifrig, erfreut über diese unerwartete Vorsicht und
|
||
Sparsamkeit. Eigentlich hätte er ja mit diesen überschüssigen Geldern
|
||
die Schuld des Vaters gegenüber dem Chef weiter abgetragen haben können,
|
||
und jener Tag, an dem er diesen Posten hätte loswerden können, wäre weit
|
||
näher gewesen, aber jetzt war es zweifellos besser so, wie es der Vater
|
||
eingerichtet hatte.
|
||
|
||
Nun genügte dieses Geld aber ganz und gar nicht, um die Familie etwa von
|
||
den Zinsen leben zu lassen; es genügte vielleicht, um die Familie ein,
|
||
höchstens zwei Jahre zu erhalten, mehr war es nicht. Es war also bloß
|
||
eine Summe, die man eigentlich nicht angreifen durfte, und die für den
|
||
Notfall zurückgelegt werden mußte; das Geld zum Leben aber mußte man
|
||
verdienen. Nun war aber der Vater ein zwar gesunder, aber alter Mann,
|
||
der schon fünf Jahre nichts gearbeitet hatte und sich jedenfalls nicht
|
||
viel zutrauen durfte; er hatte in diesen fünf Jahren, welche die ersten
|
||
Ferien seines mühevollen und doch erfolglosen Lebens waren, viel Fett
|
||
angesetzt und war dadurch recht schwerfällig geworden. Und die alte
|
||
Mutter sollte nun vielleicht Geld verdienen, die an Asthma litt, der
|
||
eine Wanderung durch die Wohnung schon Anstrengung verursachte, und die
|
||
jeden zweiten Tag in Atembeschwerden auf dem Sofa beim offenen Fenster
|
||
verbrachte? Und die Schwester sollte Geld verdienen, die noch ein Kind
|
||
war mit ihren siebzehn Jahren, und der ihre bisherige Lebensweise so
|
||
sehr zu gönnen war, die daraus bestanden hatte, sich nett zu kleiden,
|
||
lange zu schlafen, in der Wirtschaft mitzuhelfen, an ein paar
|
||
bescheidenen Vergnügungen sich zu beteiligen und vor allem Violine zu
|
||
spielen? Wenn die Rede auf diese Notwendigkeit des Geldverdienens kam,
|
||
ließ zuerst immer Gregor die Türe los und warf sich auf das neben der
|
||
Tür befindliche kühle Ledersofa, denn ihm war ganz heiß vor Beschämung
|
||
und Trauer.
|
||
|
||
Oft lag er dort die ganzen langen Nächte über, schlief keinen Augenblick
|
||
und scharrte nur stundenlang auf dem Leder. Oder er scheute nicht die
|
||
große Mühe, einen Sessel zum Fenster zu schieben, dann die
|
||
Fensterbrüstung hinaufzukriechen und, in den Sessel gestemmt, sich ans
|
||
Fenster zu lehnen, offenbar nur in irgendeiner Erinnerung an das
|
||
Befreiende, das früher für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu
|
||
schauen. Denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig
|
||
entfernten Dinge immer undeutlicher; das gegenüberliegende Krankenhaus,
|
||
dessen nur allzu häufigen Anblick er früher verflucht hatte, bekam er
|
||
überhaupt nicht mehr zu Gesicht, und wenn er nicht genau gewußt hätte,
|
||
daß er in der stillen, aber völlig städtischen Charlottenstraße wohnte,
|
||
hätte er glauben können, von seinem Fenster aus in eine Einöde zu
|
||
schauen in welcher der graue Himmel und die graue Erde ununterscheidbar
|
||
sich vereinigten. Nur zweimal hatte die aufmerksame Schwester sehen
|
||
müssen, daß der Sessel beim Fenster stand, als sie schon jedesmal,
|
||
nachdem sie das Zimmer aufgeräumt hatte, den Sessel wieder genau zum
|
||
Fenster hinschob, ja sogar von nun ab den inneren Fensterflügel offen
|
||
ließ.
|
||
|
||
Hätte Gregor nur mit der Schwester sprechen und ihr für alles danken
|
||
können, was sie für ihn machen mußte, er hätte ihre Dienste leichter
|
||
ertragen; so aber litt er darunter. Die Schwester suchte freilich die
|
||
Peinlichkeit des Ganzen möglichst zu verwischen, und je längere Zeit
|
||
verging, desto besser gelang es ihr natürlich auch, aber auch Gregor
|
||
durchschaute mit der Zeit alles viel genauer. Schon ihr Eintritt war für
|
||
ihn schrecklich. Kaum war sie eingetreten, lief sie, ohne sich Zeit zu
|
||
nehmen, die Türe zu schließen, so sehr sie sonst darauf achtete, jedem
|
||
den Anblick von Gregors Zimmer zu ersparen, geradewegs zum Fenster und
|
||
riß es, als ersticke sie fast, mit hastigen Händen auf, blieb auch,
|
||
selbst wenn es noch so kalt war, ein Weilchen beim Fenster und atmete
|
||
tief. Mit diesem Laufen und Lärmen erschreckte sie Gregor täglich
|
||
zweimal; die ganze Zeit über zitterte er unter dem Kanapee und wußte
|
||
doch sehr gut, daß sie ihn gewiß gerne damit verschont hätte, wenn es
|
||
ihr nur möglich gewesen wäre, sich in einem Zimmer, in dem sich Gregor
|
||
befand, bei geschlossenem Fenster aufzuhalten.
|
||
|
||
Einmal, es war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung vergangen,
|
||
und es war doch schon für die Schwester kein besonderer Grund mehr, über
|
||
Gregors Aussehen in Erstaunen zu geraten, kam sie ein wenig früher als
|
||
sonst und traf Gregor noch an, wie er, unbeweglich und so recht zum
|
||
Erschrecken aufgestellt, aus dem Fenster schaute. Es wäre für Gregor
|
||
nicht unerwartet gewesen, wenn sie nicht eingetreten wäre, da er sie
|
||
durch seine Stellung verhinderte, sofort das Fenster zu öffnen, aber sie
|
||
trat nicht nur nicht ein, sie fuhr sogar zurück und schloß die Tür; ein
|
||
Fremder hätte geradezu denken können, Gregor habe ihr aufgelauert und
|
||
habe sie beißen wollen. Gregor versteckte sich natürlich sofort unter
|
||
dem Kanapee, aber er mußte bis zum Mittag warten, ehe die Schwester
|
||
wiederkam, und sie schien viel unruhiger als sonst. Er erkannte daraus,
|
||
daß ihr sein Anblick noch immer unerträglich war und ihr auch weiterhin
|
||
unerträglich bleiben müsse, und daß sie sich wohl sehr überwinden mußte,
|
||
vor dem Anblick auch nur der kleinen Partie seines Körpers nicht
|
||
davonzulaufen, mit der er unter dem Kanapee hervorragte. Um ihr auch
|
||
diesen Anblick zu ersparen, trug er eines Tages auf seinem Rücken -- er
|
||
brauchte zu dieser Arbeit vier Stunden -- das Leintuch auf das Kanapee
|
||
und ordnete es in einer solchen Weise an, daß er nun gänzlich verdeckt
|
||
war, und daß die Schwester, selbst wenn sie sich bückte, ihn nicht sehen
|
||
konnte. Wäre dieses Leintuch ihrer Meinung nach nicht nötig gewesen,
|
||
dann hätte sie es ja entfernen können, denn daß es nicht zum Vergnügen
|
||
Gregors gehören konnte, sich so ganz und gar abzusperren, war doch klar
|
||
genug, aber sie ließ das Leintuch, so wie es war, und Gregor glaubte
|
||
sogar einen dankbaren Blick erhascht zu haben, als er einmal mit dem
|
||
Kopf vorsichtig das Leintuch ein wenig lüftete, um nachzusehen, wie die
|
||
Schwester die neue Einrichtung aufnahm.
|
||
|
||
In den ersten vierzehn Tagen konnten es die Eltern nicht über sich
|
||
bringen, zu ihm hereinzukommen, und er hörte oft, wie sie die jetzige
|
||
Arbeit der Schwester völlig anerkannten, während sie sich bisher häufig
|
||
über die Schwester geärgert hatten, weil sie ihnen als ein etwas
|
||
nutzloses Mädchen erschienen war. Nun aber warteten oft beide, der Vater
|
||
und die Mutter, vor Gregors Zimmer, während die Schwester dort
|
||
aufräumte, und kaum war sie herausgekommen, mußte sie ganz genau
|
||
erzählen, wie es in dem Zimmer aussah, was Gregor gegessen hatte, wie er
|
||
sich diesmal benommen hatte, und ob vielleicht eine kleine Besserung zu
|
||
bemerken war. Die Mutter übrigens wollte verhältnismäßig bald Gregor
|
||
besuchen, aber der Vater und die Schwester hielten sie zuerst mit
|
||
Vernunftgründen zurück, denen Gregor sehr aufmerksam zuhörte, und die er
|
||
vollständig billigte. Später aber mußte man sie mit Gewalt zurückhalten,
|
||
und wenn sie dann rief: »Laßt mich doch zu Gregor, er ist ja mein
|
||
unglücklicher Sohn! Begreift ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«,
|
||
dann dachte Gregor, daß es vielleicht doch gut wäre, wenn die Mutter
|
||
hereinkäme, nicht jeden Tag natürlich, aber vielleicht einmal in der
|
||
Woche; sie verstand doch alles viel besser als die Schwester, die trotz
|
||
all ihrem Mute doch nur ein Kind war und im letzten Grunde vielleicht
|
||
nur aus kindlichem Leichtsinn eine so schwere Aufgabe übernommen hatte.
|
||
|
||
Der Wunsch Gregors, die Mutter zu sehen, ging bald in Erfüllung. Während
|
||
des Tages wollte Gregor schon aus Rücksicht auf seine Eltern sich nicht
|
||
beim Fenster zeigen, kriechen konnte er aber auf den paar Quadratmetern
|
||
des Fußbodens auch nicht viel, das ruhige Liegen ertrug er schon während
|
||
der Nacht schwer, das Essen machte ihm bald nicht mehr das geringste
|
||
Vergnügen, und so nahm er zur Zerstreuung die Gewohnheit an, kreuz und
|
||
quer über Wände und Plafond zu kriechen. Besonders oben an der Decke
|
||
hing er gern; es war ganz anders, als das Liegen auf dem Fußboden; man
|
||
atmete freier; ein leichtes Schwingen ging durch den Körper, und in der
|
||
fast glücklichen Zerstreutheit, in der sich Gregor dort oben befand,
|
||
konnte es geschehen, daß er zu seiner eigenen Überraschung sich losließ
|
||
und auf den Boden klatschte. Aber nun hatte er natürlich seinen Körper
|
||
ganz anders in der Gewalt als früher und beschädigte sich selbst bei
|
||
einem so großen Falle nicht. Die Schwester nun bemerkte sofort die neue
|
||
Unterhaltung, die Gregor für sich gefunden hatte -- er hinterließ ja
|
||
auch beim Kriechen hie und da Spuren seines Klebstoffes --, und da
|
||
setzte sie es sich in den Kopf, Gregor das Kriechen in größtem Ausmaße
|
||
zu ermöglichen und die Möbel, die es verhinderten, also vor allem den
|
||
Kasten und den Schreibtisch, wegzuschaffen. Nun war sie aber nicht
|
||
imstande, dies allein zu tun; den Vater wagte sie nicht um Hilfe zu
|
||
bitten; das Dienstmädchen hätte ihr ganz gewiß nicht geholfen, denn
|
||
dieses etwa sechzehnjährige Mädchen harrte zwar tapfer seit Entlassung
|
||
der früheren Köchin aus, hatte aber um die Vergünstigung gebeten, die
|
||
Küche unaufhörlich versperrt halten zu dürfen und nur auf besonderen
|
||
Anruf öffnen zu müssen; so blieb der Schwester also nichts übrig, als
|
||
einmal in Abwesenheit des Vaters die Mutter zu holen. Mit Ausrufen
|
||
erregter Freude kam die Mutter auch heran, verstummte aber an der Tür
|
||
vor Gregors Zimmer. Zuerst sah natürlich die Schwester nach, ob alles im
|
||
Zimmer in Ordnung war; dann erst ließ sie die Mutter eintreten. Gregor
|
||
hatte in größter Eile das Leintuch noch tiefer und mehr in Falten
|
||
gezogen, das Ganze sah wirklich nur wie ein zufällig über das Kanapee
|
||
geworfenes Leintuch aus. Gregor unterließ auch diesmal, unter dem
|
||
Leintuch zu spionieren; er verzichtete darauf, die Mutter schon diesmal
|
||
zu sehen, und war nur froh, daß sie nun doch gekommen war. »Komm nur,
|
||
man sieht ihn nicht,« sagte die Schwester, und offenbar führte sie die
|
||
Mutter an der Hand. Gregor hörte nun, wie die zwei schwachen Frauen den
|
||
immerhin schweren alten Kasten von seinem Platze rückten, und wie die
|
||
Schwester immerfort den größten Teil der Arbeit für sich beanspruchte,
|
||
ohne auf die Warnungen der Mutter zu hören, welche fürchtete, daß sie
|
||
sich überanstrengen werde. Es dauerte sehr lange. Wohl nach schon
|
||
viertelstündiger Arbeit sagte die Mutter, man solle den Kasten doch
|
||
lieber hier lassen, denn erstens sei er zu schwer, sie würden vor
|
||
Ankunft des Vaters nicht fertig werden und mit dem Kasten in der Mitte
|
||
des Zimmers Gregor jeden Weg verrammeln, zweitens aber sei es doch gar
|
||
nicht sicher, daß Gregor mit der Entfernung der Möbel ein Gefallen
|
||
geschehe. Ihr scheine das Gegenteil der Fall zu sein; ihr bedrücke der
|
||
Anblick der leeren Wand geradezu das Herz; und warum solle nicht auch
|
||
Gregor diese Empfindung haben, da er doch an die Zimmermöbel längst
|
||
gewöhnt sei und sich deshalb im leeren Zimmer verlassen fühlen werde.
|
||
»Und ist es dann nicht so,« schloß die Mutter ganz leise, wie sie
|
||
überhaupt fast flüsterte, als wolle sie vermeiden, daß Gregor, dessen
|
||
genauen Aufenthalt sie ja nicht kannte, auch nur den Klang der Stimme
|
||
höre, denn daß er die Worte nicht verstand, davon war sie überzeugt,
|
||
»und ist es nicht so, als ob wir durch die Entfernung der Möbel zeigten,
|
||
daß wir jede Hoffnung auf Besserung aufgeben und ihn rücksichtslos sich
|
||
selbst überlassen? Ich glaube, es wäre das beste, wir suchen das Zimmer
|
||
genau in dem Zustand zu erhalten, in dem es früher war, damit Gregor,
|
||
wenn er wieder zu uns zurückkommt, alles unverändert findet und um so
|
||
leichter die Zwischenzeit vergessen kann.«
|
||
|
||
Beim Anhören dieser Worte der Mutter erkannte Gregor, daß der Mangel
|
||
jeder unmittelbaren menschlichen Ansprache, verbunden mit dem
|
||
einförmigen Leben inmitten der Familie, im Laufe dieser zwei Monate
|
||
seinen Verstand hatte verwirren müssen, denn anders konnte er es sich
|
||
nicht erklären, daß er ernsthaft darnach hatte verlangen können, daß
|
||
sein Zimmer ausgeleert würde. Hatte er wirklich Lust, das warme, mit
|
||
ererbten Möbeln gemütlich ausgestattete Zimmer in eine Höhle verwandeln
|
||
zu lassen, in der er dann freilich nach allen Richtungen ungestört würde
|
||
kriechen können, jedoch auch unter gleichzeitigem, schnellen, gänzlichen
|
||
Vergessen seiner menschlichen Vergangenheit? War er doch jetzt schon
|
||
nahe daran, zu vergessen, und nur die seit langem nicht gehörte Stimme
|
||
der Mutter hatte ihn aufgerüttelt. Nichts sollte entfernt werden, alles
|
||
mußte bleiben, die guten Einwirkungen der Möbel auf seinen Zustand
|
||
konnte er nicht entbehren; und wenn die Möbel ihn hinderten, das
|
||
sinnlose Herumkriechen zu betreiben, so war es kein Schaden, sondern ein
|
||
großer Vorteil.
|
||
|
||
Aber die Schwester war leider anderer Meinung; sie hatte sich,
|
||
allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der
|
||
Angelegenheiten Gregors als besonders Sachverständige gegenüber den
|
||
Eltern aufzutreten, und so war auch jetzt der Rat der Mutter für die
|
||
Schwester Grund genug, auf der Entfernung nicht nur des Kastens und des
|
||
Schreibtisches, an die sie zuerst allein gedacht hatte, sondern auf der
|
||
Entfernung sämtlicher Möbel, mit Ausnahme des unentbehrlichen Kanapees,
|
||
zu bestehen. Es war natürlich nicht nur kindlicher Trotz und das in der
|
||
letzten Zeit so unerwartet und schwer erworbene Selbstvertrauen, das sie
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||
zu dieser Forderung bestimmte; sie hatte doch auch tatsächlich
|
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beobachtet, daß Gregor viel Raum zum Kriechen brauchte, dagegen die
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Möbel, soweit man sehen konnte, nicht im geringsten benützte. Vielleicht
|
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aber spielte auch der schwärmerische Sinn der Mädchen ihres Alters mit,
|
||
der bei jeder Gelegenheit seine Befriedigung sucht, und durch den Grete
|
||
jetzt sich dazu verlocken ließ, die Lage Gregors noch
|
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schreckenerregender machen zu wollen, um dann noch mehr als bis jetzt
|
||
für ihn leisten zu können. Denn in einem Raum, in dem Gregor ganz allein
|
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die leeren Wände beherrschte, würde wohl kein Mensch außer Grete jemals
|
||
einzutreten sich getrauen.
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|
||
Und so ließ sie sich von ihrem Entschlusse durch die Mutter nicht
|
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abbringen, die auch in diesem Zimmer vor lauter Unruhe unsicher schien,
|
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bald verstummte und der Schwester nach Kräften beim Hinausschaffen des
|
||
Kastens half. Nun, den Kasten konnte Gregor im Notfall noch entbehren,
|
||
aber schon der Schreibtisch mußte bleiben. Und kaum hatten die Frauen
|
||
mit dem Kasten, an dem sie sich ächzend drückten, das Zimmer verlassen,
|
||
als Gregor den Kopf unter dem Kanapee hervorstieß, um zu sehen, wie er
|
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vorsichtig und möglichst rücksichtsvoll eingreifen könnte. Aber zum
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||
Unglück war es gerade die Mutter, welche zuerst zurückkehrte, während
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||
Grete im Nebenzimmer den Kasten umfangen hielt und ihn allein hin und
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her schwang, ohne ihn natürlich von der Stelle zu bringen. Die Mutter
|
||
aber war Gregors Anblick nicht gewöhnt, er hätte sie krank machen
|
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können, und so eilte Gregor erschrocken im Rückwärtslauf bis an das
|
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andere Ende des Kanapees, konnte es aber nicht mehr verhindern, daß das
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||
Leintuch vorne ein wenig sich bewegte. Das genügte, um die Mutter
|
||
aufmerksam zu machen. Sie stockte, stand einen Augenblick still und ging
|
||
dann zu Grete zurück.
|
||
|
||
Trotzdem sich Gregor immer wieder sagte, daß ja nichts Außergewöhnliches
|
||
geschehe, sondern nur ein paar Möbel umgestellt würden, wirkte doch, wie
|
||
er sich bald eingestehen mußte, dieses Hin- und Hergehen der Frauen,
|
||
ihre kleinen Zurufe, das Kratzen der Möbel auf dem Boden, wie ein
|
||
großer, von allen Seiten genährter Trubel auf ihn, und er mußte sich, so
|
||
fest er Kopf und Beine an sich zog und den Leib bis an den Boden
|
||
drückte, unweigerlich sagen, daß er das Ganze nicht lange aushalten
|
||
werde. Sie räumten ihm sein Zimmer aus; nahmen ihm alles, was ihm lieb
|
||
war; den Kasten, in dem die Laubsäge und andere Werkzeuge lagen, hatten
|
||
sie schon hinausgetragen; lockerten jetzt den schon im Boden fest
|
||
eingegrabenen Schreibtisch, an dem er als Handelsakademiker, als
|
||
Bürgerschüler, ja sogar schon als Volksschüler seine Aufgaben
|
||
geschrieben hatte, -- da hatte er wirklich keine Zeit mehr, die guten
|
||
Absichten zu prüfen, welche die zwei Frauen hatten, deren Existenz er
|
||
übrigens fast vergessen hatte, denn vor Erschöpfung arbeiteten sie schon
|
||
stumm, und man hörte nur das schwere Tappen ihrer Füße.
|
||
|
||
Und so brach er denn hervor -- die Frauen stützten sich gerade im
|
||
Nebenzimmer an den Schreibtisch, um ein wenig zu verschnaufen --,
|
||
wechselte viermal die Richtung des Laufes, er wußte wirklich nicht, was
|
||
er zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand
|
||
auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen,
|
||
kroch eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und
|
||
seinem heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt
|
||
ganz verdeckte, würde nun gewiß niemand wegnehmen. Er verdrehte den Kopf
|
||
nach der Tür des Wohnzimmers, um die Frauen bei ihrer Rückkehr zu
|
||
beobachten.
|
||
|
||
Sie hatten sich nicht viel Ruhe gegönnt und kamen schon wieder; Grete
|
||
hatte den Arm um die Mutter gelegt und trug sie fast. »Also was nehmen
|
||
wir jetzt?« sagte Grete und sah sich um, Da kreuzten sich ihre Blicke
|
||
mit denen Gregors an der Wand. Wohl nur infolge der Gegenwart der Mutter
|
||
behielt sie ihre Fassung, beugte ihr Gesicht zur Mutter, um diese vom
|
||
Herumschauen abzuhalten, und sagte, allerdings zitternd und unüberlegt:
|
||
»Komm, wollen wir nicht lieber auf einen Augenblick noch ins Wohnzimmer
|
||
zurückgehen?« Die Absicht Gretes war für Gregor klar, sie wollte die
|
||
Mutter in Sicherheit bringen und dann ihn von der Wand hinunterjagen.
|
||
Nun, sie konnte es ja immerhin versuchen! Er saß auf seinem Bild und
|
||
gab es nicht her. Lieber würde er Grete ins Gesicht springen.
|
||
|
||
Aber Gretes Worte hatten die Mutter erst recht beunruhigt, sie trat zur
|
||
Seite, erblickte den riesigen braunen Fleck auf der geblümten Tapete,
|
||
rief, ehe ihr eigentlich zum Bewußtsein kam, daß das Gregor war, was sie
|
||
sah, mit schreiender, rauher Stimme: »Ach Gott, ach Gott!« und fiel mit
|
||
ausgebreiteten Armen, als gebe sie alles auf, über das Kanapee hin und
|
||
rührte sich nicht. »Du, Gregor!« rief die Schwester mit erhobener Faust
|
||
und eindringlichen Blicken. Es waren seit der Verwandlung die ersten
|
||
Worte, die sie unmittelbar an ihn gerichtet hatte. Sie lief ins
|
||
Nebenzimmer, um irgendeine Essenz zu holen, mit der sie die Mutter aus
|
||
ihrer Ohnmacht wecken könnte; Gregor wollte auch helfen -- zur Rettung
|
||
des Bildes war noch Zeit --; er klebte aber fest an dem Glas und mußte
|
||
sich mit Gewalt losreißen; er lief dann auch ins Nebenzimmer, als könne
|
||
er der Schwester irgendeinen Rat geben, wie in früherer Zeit; mußte aber
|
||
dann untätig hinter ihr stehen; während sie in verschiedenen Fläschchen
|
||
kramte, erschreckte sie noch, als sie sich umdrehte; eine Flasche fiel
|
||
auf den Boden und zerbrach; ein Splitter verletzte Gregor im Gesicht,
|
||
irgendeine ätzende Medizin umfloß ihn; Grete nahm nun, ohne sich länger
|
||
aufzuhalten, so viele Fläschchen, als sie nur halten konnte, und rannte
|
||
mit ihnen zur Mutter hinein; die Tür schlug sie mit dem Fuße zu. Gregor
|
||
war nun von der Mutter abgeschlossen, die durch seine Schuld vielleicht
|
||
dem Tode nahe war; die Tür durfte er nicht öffnen, wollte er die
|
||
Schwester, die bei der Mutter bleiben mußte, nicht verjagen; er hatte
|
||
jetzt nichts zu tun, als zu warten; und von Selbstvorwürfen und
|
||
Besorgnis bedrängt, begann er zu kriechen, überkroch alles, Wände,
|
||
Möbel und Zimmerdecke und fiel endlich in seiner Verzweiflung, als sich
|
||
das ganze Zimmer schon um ihn zu drehen anfing, mitten auf den großen
|
||
Tisch.
|
||
|
||
Es verging eine kleine Weile, Gregor lag matt da, ringsherum war es
|
||
still, vielleicht war das ein gutes Zeichen. Da läutete es. Das Mädchen
|
||
war natürlich in ihrer Küche eingesperrt und Grete mußte daher öffnen
|
||
gehen. Der Vater war gekommen. »Was ist geschehen?« waren seine ersten
|
||
Worte; Gretes Aussehen hatte ihm wohl alles verraten. Grete antwortete
|
||
mit dumpfer Stimme, offenbar drückte sie ihr Gesicht an des Vaters
|
||
Brust: »Die Mutter war ohnmächtig, aber es geht ihr schon besser. Gregor
|
||
ist ausgebrochen.« »Ich habe es ja erwartet,« sagte der Vater, »ich habe
|
||
es euch ja immer gesagt, aber ihr Frauen wollt nicht hören.« Gregor war
|
||
es klar, daß der Vater Gretes allzukurze Mitteilung schlecht gedeutet
|
||
hatte und annahm, daß Gregor sich irgendeine Gewalttat habe zuschulden
|
||
kommen lassen. Deshalb mußte Gregor den Vater jetzt zu besänftigen
|
||
suchen, denn ihn aufzuklären hatte er weder Zeit noch Möglichkeit. Und
|
||
so flüchtete er sich zur Tür seines Zimmers und drückte sich an sie,
|
||
damit der Vater beim Eintritt vom Vorzimmer her gleich sehen könne, daß
|
||
Gregor die beste Absicht habe, sofort in sein Zimmer zurückzukehren, und
|
||
daß es nicht nötig sei, ihn zurückzutreiben, sondern daß man nur die Tür
|
||
zu öffnen brauchte, und gleich werde er verschwinden.
|
||
|
||
Aber der Vater war nicht in der Stimmung, solche Feinheiten zu bemerken.
|
||
»Ah!« rief er gleich beim Eintritt in einem Tone, als sei er
|
||
gleichzeitig wütend und froh. Gregor zog den Kopf von der Tür zurück und
|
||
hob ihn gegen den Vater. So hatte er sich den Vater wirklich nicht
|
||
vorgestellt, wie er jetzt dastand; allerdings hatte er in der letzten
|
||
Zeit über dem neuartigen Herumkriechen versäumt, sich so wie früher um
|
||
die Vorgänge in der übrigen Wohnung zu kümmern, und hätte eigentlich
|
||
darauf gefaßt sein müssen, veränderte Verhältnisse anzutreffen.
|
||
Trotzdem, trotzdem, war das noch der Vater? Der gleiche Mann, der müde
|
||
im Bett vergraben lag, wenn früher Gregor zu einer Geschäftsreise
|
||
ausgerückt war; der ihn an Abenden der Heimkehr im Schlafrock im
|
||
Lehnstuhl empfangen hatte; gar nicht recht imstande war, aufzustehen,
|
||
sondern zum Zeichen der Freude nur die Arme gehoben hatte, und der bei
|
||
den seltenen gemeinsamen Spaziergängen an ein paar Sonntagen im Jahr und
|
||
an den höchsten Feiertagen zwischen Gregor und der Mutter, die schon an
|
||
und für sich langsam gingen, immer noch ein wenig langsamer, in seinen
|
||
alten Mantel eingepackt, mit stets vorsichtig aufgesetztem Krückstock
|
||
sich vorwärts arbeitete und, wenn er etwas sagen wollte, fast immer
|
||
stillstand und seine Begleitung um sich versammelte? Nun aber war er
|
||
doch gut aufgerichtet; in eine straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen
|
||
gekleidet, wie sie Diener der Bankinstitute tragen; über dem hohen
|
||
steifen Kragen des Rockes entwickelte sich sein starkes Doppelkinn;
|
||
unter den buschigen Augenbrauen drang der Blick der schwarzen Augen
|
||
frisch und aufmerksam hervor; das sonst zerzauste weiße Haar war zu
|
||
einer peinlich genauen, leuchtenden Scheitelfrisur niedergekämmt. Er
|
||
warf seine Mütze, auf der ein Goldmonogramm, wahrscheinlich das einer
|
||
Bank, angebracht war, über das ganze Zimmer im Bogen auf das Kanapee hin
|
||
und ging, die Enden seines langen Uniformrockes zurückgeschlagen, die
|
||
Hände in den Hosentaschen, mit verbissenem Gesicht auf Gregor zu. Er
|
||
wußte wohl selbst nicht, was er vorhatte; immerhin hob er die Füße
|
||
ungewöhnlich hoch, und Gregor staunte über die Riesengröße seiner
|
||
Stiefelsohlen. Doch hielt er sich dabei nicht auf, er wußte ja noch vom
|
||
ersten Tage seines neuen Lebens her, daß der Vater ihm gegenüber nur die
|
||
größte Strenge für angebracht ansah. Und so lief er vor dem Vater her,
|
||
stockte, wenn der Vater stehen blieb, und eilte schon wieder vorwärts,
|
||
wenn sich der Vater nur rührte. So machten sie mehrmals die Runde um das
|
||
Zimmer, ohne daß sich etwas Entscheidendes ereignete, ja ohne daß das
|
||
Ganze infolge seines langsamen Tempos den Anschein einer Verfolgung
|
||
gehabt hätte. Deshalb blieb auch Gregor vorläufig auf dem Fußboden,
|
||
zumal er fürchtete, der Vater könnte eine Flucht auf die Wände oder den
|
||
Plafond für besondere Bosheit halten. Allerdings mußte sich Gregor
|
||
sagen, daß er sogar dieses Laufen nicht lange aushalten würde, denn
|
||
während der Vater einen Schritt machte, mußte er eine Unzahl von
|
||
Bewegungen ausführen. Atemnot begann sich schon bemerkbar zu machen, wie
|
||
er ja auch in seiner früheren Zeit keine ganz vertrauenswürdige Lunge
|
||
besessen hatte. Als er nun so dahintorkelte, um alle Kräfte für den Lauf
|
||
zu sammeln, kaum die Augen offenhielt; in seiner Stumpfheit an eine
|
||
andere Rettung als durch Laufen gar nicht dachte; und fast schon
|
||
vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier allerdings mit
|
||
sorgfältig geschnitzten Möbeln voll Zacken und Spitzen verstellt waren
|
||
-- da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas nieder und
|
||
rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter nach;
|
||
Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos, denn
|
||
der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren. Aus der
|
||
Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf
|
||
nun, ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen
|
||
roten Äpfel rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen
|
||
aneinander. Ein schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt
|
||
aber unschädlich ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen
|
||
förmlich in Gregors Rücken ein; Gregor wollte sich weiterschleppen, als
|
||
könne der überraschende unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel
|
||
vergehen; doch fühlte er sich wie festgenagelt und streckte sich in
|
||
vollständiger Verwirrung aller Sinne. Nur mit dem letzten Blick sah er
|
||
noch, wie die Tür seines Zimmers aufgerissen wurde, und vor der
|
||
schreienden Schwester die Mutter hervoreilte, im Hemd, denn die
|
||
Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der Ohnmacht Atemfreiheit zu
|
||
verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater zulief und ihr auf dem
|
||
Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem anderen zu Boden glitten, und
|
||
wie sie stolpernd über die Röcke auf den Vater eindrang und ihn
|
||
umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm -- nun versagte aber Gregors
|
||
Sehkraft schon -- die Hände an des Vaters Hinterkopf um Schonung von
|
||
Gregors Leben bat.
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
III.
|
||
|
||
|
||
Die schwere Verwundung Gregors, an der er über einen Monat litt -- der
|
||
Apfel blieb, da ihn niemand zu entfernen wagte, als sichtbares Andenken
|
||
im Fleische sitzen --, schien selbst den Vater daran erinnert zu haben,
|
||
daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen traurigen und ekelhaften Gestalt
|
||
ein Familienglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte,
|
||
sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den
|
||
Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als dulden.
|
||
|
||
Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit
|
||
wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung
|
||
seines Zimmers wie ein alter Invalide lange, lange Minuten brauchte --
|
||
an das Kriechen in der Höhe war nicht zu denken --, so bekam er für
|
||
diese Verschlimmerung seines Zustandes einen seiner Meinung nach
|
||
vollständig genügenden Ersatz dadurch, daß immer gegen Abend die
|
||
Wohnzimmertür, die er schon ein bis zwei Stunden vorher scharf zu
|
||
beobachten pflegte, geöffnet wurde, so daß er, im Dunkel seines Zimmers
|
||
liegend, vom Wohnzimmer aus unsichtbar, die ganze Familie beim
|
||
beleuchteten Tische sehen und ihre Reden, gewissermaßen mit allgemeiner
|
||
Erlaubnis, also ganz anders als früher, anhören durfte.
|
||
|
||
Freilich waren es nicht mehr die lebhaften Unterhaltungen der früheren
|
||
Zeiten, an die Gregor in den kleinen Hotelzimmern stets mit einigem
|
||
Verlangen gedacht hatte, wenn er sich müde in das feuchte Bettzeug hatte
|
||
werfen müssen. Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Vater schlief
|
||
bald nach dem Nachtessen in seinem Sessel ein; die Mutter und Schwester
|
||
ermahnten einander zur Stille; die Mutter nähte, weit über das Licht
|
||
vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine
|
||
Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie
|
||
und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu
|
||
erreichen. Manchmal wachte der Vater auf, und als wisse er gar nicht,
|
||
daß er geschlafen habe, sagte er zur Mutter: »Wie lange du heute schon
|
||
wieder nähst!« und schlief sofort wieder ein, während Mutter und
|
||
Schwester einander müde zulächelten.
|
||
|
||
Mit einer Art Eigensinn weigerte sich der Vater, auch zu Hause seine
|
||
Dieneruniform abzulegen; und während der Schlafrock nutzlos am
|
||
Kleiderhaken hing, schlummerte der Vater vollständig angezogen auf
|
||
seinem Platz, als sei er immer zu seinem Dienste bereit und warte auch
|
||
hier auf die Stimme des Vorgesetzten. Infolgedessen verlor die gleich
|
||
anfangs nicht neue Uniform trotz aller Sorgfalt von Mutter und Schwester
|
||
an Reinlichkeit, und Gregor sah oft ganze Abende lang auf dieses über
|
||
und über fleckige, mit seinen stets geputzten Goldknöpfen leuchtende
|
||
Kleid, in dem der alte Mann höchst unbequem und doch ruhig schlief.
|
||
|
||
Sobald die Uhr zehn schlug, suchte die Mutter durch leise Zusprache den
|
||
Vater zu wecken und dann zu überreden, ins Bett zu gehen, denn hier war
|
||
es doch kein richtiger Schlaf und diesen hatte der Vater, der um sechs
|
||
Uhr seinen Dienst antreten mußte, äußerst nötig. Aber in dem Eigensinn,
|
||
der ihn, seitdem er Diener war, ergriffen hatte, bestand er immer
|
||
darauf, noch länger bei Tisch zu bleiben, trotzdem er regelmäßig
|
||
einschlief, und war dann überdies nur mit der größten Mühe zu bewegen,
|
||
den Sessel mit dem Bett zu vertauschen. Da mochten Mutter und Schwester
|
||
mit kleinen Ermahnungen noch so sehr auf ihn eindringen,
|
||
viertelstundenlang schüttelte er langsam den Kopf, hielt die Augen
|
||
geschlossen und stand nicht auf. Die Mutter zupfte ihn am Ärmel, sagte
|
||
ihm Schmeichelworte ins Ohr, die Schwester verließ ihre Aufgabe, um der
|
||
Mutter zu helfen, aber beim Vater verfing das nicht. Er versank nur noch
|
||
tiefer in seinen Sessel. Erst bis ihn die Frauen unter den Achseln
|
||
faßten, schlug er die Augen auf, sah abwechselnd die Mutter und die
|
||
Schwester an und pflegte zu sagen: »Das ist ein Leben. Das ist die Ruhe
|
||
meiner alten Tage.« Und auf die beiden Frauen gestützt, erhob er sich,
|
||
umständlich, als sei er für sich selbst die größte Last, ließ sich von
|
||
den Frauen bis zur Türe führen, winkte ihnen dort ab und ging nun
|
||
selbständig weiter, während die Mutter ihr Nähzeug, die Schwester ihre
|
||
Feder eiligst hinwarfen, um hinter dem Vater zu laufen und ihm weiter
|
||
behilflich zu sein.
|
||
|
||
Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich um
|
||
Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war? Der Haushalt wurde
|
||
immer mehr eingeschränkt; das Dienstmädchen wurde nun doch entlassen;
|
||
eine riesige knochige Bedienerin mit weißem, den Kopf umflatterndem Haar
|
||
kam des Morgens und des Abends, um die schwerste Arbeit zu leisten;
|
||
alles andere besorgte die Mutter neben ihrer vielen Näharbeit. Es
|
||
geschah sogar, daß verschiedene Familienschmuckstücke, welche früher die
|
||
Mutter und die Schwester überglücklich bei Unterhaltungen und
|
||
Feierlichkeiten getragen hatten, verkauft wurden, wie Gregor am Abend
|
||
aus der allgemeinen Besprechung der erzielten Preise erfuhr. Die größte
|
||
Klage war aber stets, daß man diese für die gegenwärtigen Verhältnisse
|
||
allzugroße Wohnung nicht verlassen konnte, da es nicht auszudenken war,
|
||
wie man Gregor übersiedeln sollte. Aber Gregor sah wohl ein, daß es
|
||
nicht nur die Rücksicht auf ihn war, welche eine Übersiedlung
|
||
verhinderte, denn ihn hätte man doch in einer passenden Kiste mit ein
|
||
paar Luftlöchern leicht transportieren können; was die Familie
|
||
hauptsächlich vom Wohnungswechsel abhielt, war vielmehr die völlige
|
||
Hoffnungslosigkeit und der Gedanke daran, daß sie mit einem Unglück
|
||
geschlagen war, wie niemand sonst im ganzen Verwandten- und
|
||
Bekanntenkreis. Was die Welt von armen Leuten verlangt, erfüllten sie
|
||
bis zum äußersten, der Vater holte den kleinen Bankbeamten das
|
||
Frühstück, die Mutter opferte sich für die Wäsche fremder Leute, die
|
||
Schwester lief nach dem Befehl der Kunden hinter dem Pulte hin und her,
|
||
aber weiter reichten die Kräfte der Familie schon nicht. Und die Wunde
|
||
im Rücken fing Gregor wie neu zu schmerzen an, wenn Mutter und
|
||
Schwester, nachdem sie den Vater zu Bett gebracht hatten, nun
|
||
zurückkehrten, die Arbeit liegen ließen, nahe zusammenrückten, schon
|
||
Wange an Wange saßen; wenn jetzt die Mutter, auf Gregors Zimmer zeigend,
|
||
sagte: »Mach' dort die Tür zu, Grete,« und wenn nun Gregor wieder im
|
||
Dunkel war, während nebenan die Frauen ihre Tränen vermischten oder gar
|
||
tränenlos den Tisch anstarrten.
|
||
|
||
Die Nächte und Tage verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf. Manchmal
|
||
dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die Angelegenheiten der
|
||
Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu nehmen; in seinen
|
||
Gedanken erschienen wieder nach langer Zeit der Chef und der Prokurist,
|
||
die Kommis und die Lehrjungen, der so begriffsstützige Hausknecht, zwei
|
||
drei Freunde aus anderen Geschäften, ein Stubenmädchen aus einem Hotel
|
||
in der Provinz, eine liebe, flüchtige Erinnerung, eine Kassiererin aus
|
||
einem Hutgeschäft, um die er sich ernsthaft, aber zu langsam beworben
|
||
hatte -- sie alle erschienen untermischt mit Fremden oder schon
|
||
Vergessenen, aber statt ihm und seiner Familie zu helfen, waren sie
|
||
sämtlich unzugänglich, und er war froh, wenn sie verschwanden. Dann aber
|
||
war er wieder gar nicht in der Laune, sich um seine Familie zu sorgen,
|
||
bloß Wut über die schlechte Wartung erfüllte ihn, und trotzdem er sich
|
||
nichts vorstellen konnte, worauf er Appetit gehabt hätte, machte er doch
|
||
Pläne, wie er in die Speisekammer gelangen könnte, um dort zu nehmen,
|
||
was ihm, auch wenn er keinen Hunger hatte, immerhin gebührte. Ohne jetzt
|
||
mehr nachzudenken, womit man Gregor einen besonderen Gefallen machen
|
||
könnte, schob die Schwester eiligst, ehe sie morgens und mittags ins
|
||
Geschäft lief, mit dem Fuß irgendeine beliebige Speise in Gregors Zimmer
|
||
hinein, um sie am Abend, gleichgültig dagegen, ob die Speise vielleicht
|
||
nur gekostet oder -- der häufigste Fall -- gänzlich unberührt war, mit
|
||
einem Schwenken des Besens hinauszukehren. Das Aufräumen des Zimmers,
|
||
das sie nun immer abends besorgte, konnte gar nicht mehr schneller getan
|
||
sein. Schmutzstreifen zogen sich die Wände entlang, hie und da lagen
|
||
Knäuel von Staub und Unrat. In der ersten Zeit stellte sich Gregor bei
|
||
der Ankunft der Schwester in derartige besonders bezeichnende Winkel, um
|
||
ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen Vorwurf zu machen. Aber er
|
||
hätte wohl wochenlang dort bleiben können, ohne daß sich die Schwester
|
||
gebessert hätte; sie sah ja den Schmutz genau so wie er, aber sie hatte
|
||
sich eben entschlossen, ihn zu lassen. Dabei wachte sie mit einer an ihr
|
||
ganz neuen Empfindlichkeit, die überhaupt die ganze Familie ergriffen
|
||
hatte, darüber, daß das Aufräumen von Gregors Zimmer ihr vorbehalten
|
||
blieb. Einmal hatte die Mutter Gregors Zimmer einer großen Reinigung
|
||
unterzogen, die ihr nur nach Verbrauch einiger Kübel Wasser gelungen war
|
||
-- die viele Feuchtigkeit kränkte allerdings Gregor auch und er lag
|
||
breit, verbittert und unbeweglich auf dem Kanapee --, aber die Strafe
|
||
blieb für die Mutter nicht aus. Denn kaum hatte am Abend die Schwester
|
||
die Veränderung in Gregors Zimmer bemerkt, als sie, aufs höchste
|
||
beleidigt, ins Wohnzimmer lief und, trotz der beschwörend erhobenen
|
||
Hände der Mutter, in einen Weinkrampf ausbrach, dem die Eltern -- der
|
||
Vater war natürlich aus seinem Sessel aufgeschreckt worden -- zuerst
|
||
erstaunt und hilflos zusahen; bis auch sie sich zu rühren anfingen; der
|
||
Vater rechts der Mutter Vorwürfe machte, daß sie Gregors Zimmer nicht
|
||
der Schwester zur Reinigung überließ; links dagegen die Schwester
|
||
anschrie, sie werde niemals mehr Gregors Zimmer reinigen dürfen; während
|
||
die Mutter den Vater, der sich vor Erregung nicht mehr kannte, ins
|
||
Schlafzimmer zu schleppen suchte; die Schwester, von Schluchzen
|
||
geschüttelt, mit ihren kleinen Fäusten den Tisch bearbeitete; und Gregor
|
||
laut vor Wut darüber zischte, daß es keinem einfiel, die Tür zu
|
||
schließen und ihm diesen Anblick und Lärm zu ersparen.
|
||
|
||
Aber selbst wenn die Schwester, erschöpft von ihrer Berufsarbeit, dessen
|
||
überdrüssig geworden war, für Gregor, wie früher, zu sorgen, so hätte
|
||
noch keineswegs die Mutter für sie eintreten müssen und Gregor hätte
|
||
doch nicht vernachlässigt zu werden brauchen. Denn nun war die
|
||
Bedienerin da. Diese alte Witwe, die in ihrem langen Leben mit Hilfe
|
||
ihres starken Knochenbaues das Ärgste überstanden haben mochte, hatte
|
||
keinen eigentlichen Abscheu vor Gregor. Ohne irgendwie neugierig zu
|
||
sein, hatte sie zufällig einmal die Tür von Gregors Zimmer aufgemacht
|
||
und war im Anblick Gregors, der, gänzlich überrascht, trotzdem ihn
|
||
niemand jagte, hin- und herzulaufen begann, die Hände im Schoß gefaltet
|
||
staunend stehen geblieben. Seitdem versäumte sie nicht, stets flüchtig
|
||
morgens und abends die Tür ein wenig zu öffnen und zu Gregor
|
||
hineinzuschauen. Anfangs rief sie ihn auch zu sich herbei, mit Worten,
|
||
die sie wahrscheinlich für freundlich hielt, wie »Komm mal herüber,
|
||
alter Mistkäfer!« oder »Seht mal den alten Mistkäfer!« Auf solche
|
||
Ansprachen antwortete Gregor mit nichts, sondern blieb unbeweglich auf
|
||
seinem Platz, als sei die Tür gar nicht geöffnet worden. Hätte man doch
|
||
dieser Bedienerin, statt sie nach ihrer Laune ihn nutzlos stören zu
|
||
lassen, lieber den Befehl gegeben, sein Zimmer täglich zu reinigen!
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Einmal am frühen Morgen -- ein heftiger Regen, vielleicht schon ein
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Zeichen des kommenden Frühjahrs, schlug an die Scheiben -- war Gregor,
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als die Bedienerin mit ihren Redensarten wieder begann, derartig
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erbittert, daß er, wie zum Angriff, allerdings langsam und hinfällig,
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sich gegen sie wendete. Die Bedienerin aber, statt sich zu fürchten, hob
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bloß einen in der Nähe der Tür befindlichen Stuhl hoch empor, und wie
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sie mit groß geöffnetem Munde dastand, war ihre Absicht klar, den Mund
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erst zu schließen, wenn der Sessel in ihrer Hand auf Gregors Rücken
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niederschlagen würde. »Also weiter geht es nicht?« fragte sie, als
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Gregor sich wieder umdrehte, und stellte den Sessel ruhig in die Ecke
|
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zurück.
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Gregor aß nun fast gar nichts mehr. Nur wenn er zufällig an der
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vorbereiteten Speise vorüberkam, nahm er zum Spiel einen Bissen in den
|
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Mund, hielt ihn dort stundenlang und spie ihn dann meist wieder aus.
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||
Zuerst dachte er, es sei die Trauer über den Zustand seines Zimmers, die
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ihn vom Essen abhalte, aber gerade mit den Veränderungen des Zimmers
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söhnte er sich sehr bald aus. Man hatte sich angewöhnt, Dinge, die man
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anderswo nicht unterbringen konnte, in dieses Zimmer hineinzustellen,
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und solcher Dinge gab es nun viele, da man ein Zimmer der Wohnung an
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drei Zimmerherren vermietet hatte. Diese ernsten Herren, -- alle drei
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hatten Vollbärte, wie Gregor einmal durch eine Türspalte feststellte --
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waren peinlich auf Ordnung, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern, da sie
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sich nun einmal hier eingemietet hatten, in der ganzen Wirtschaft, also
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insbesondere in der Küche, bedacht. Unnützen oder gar schmutzigen Kram
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ertrugen sie nicht. Überdies hatten sie zum größten Teil ihre eigenen
|
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Einrichtungsstücke mitgebracht. Aus diesem Grunde waren viele Dinge
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überflüssig geworden, die zwar nicht verkäuflich waren, die man aber
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auch nicht wegwerfen wollte. Alle diese wanderten in Gregors Zimmer.
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||
Ebenso auch die Aschenkiste und die Abfallkiste aus der Küche. Was nur
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||
im Augenblick unbrauchbar war, schleuderte die Bedienerin, die es immer
|
||
sehr eilig hatte, einfach in Gregors Zimmer; Gregor sah glücklicherweise
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meist nur den betreffenden Gegenstand und die Hand, die ihn hielt. Die
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||
Bedienerin hatte vielleicht die Absicht, bei Zeit und Gelegenheit die
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||
Dinge wieder zu holen oder alle insgesamt mit einemmal hinauszuwerfen,
|
||
tatsächlich aber blieben sie dort liegen, wohin sie durch den ersten
|
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Wurf gekommen waren, wenn nicht Gregor sich durch das Rumpelzeug wand
|
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und es in Bewegung brachte, zuerst gezwungen, weil kein sonstiger Platz
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zum Kriechen frei war, später aber mit wachsendem Vergnügen, obwohl er
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||
nach solchen Wanderungen, zum Sterben müde und traurig, wieder
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||
stundenlang sich nicht rührte.
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||
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||
Da die Zimmerherren manchmal auch ihr Abendessen zu Hause im gemeinsamen
|
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Wohnzimmer einnahmen, blieb die Wohnzimmertür an manchen Abenden
|
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geschlossen, aber Gregor verzichtete ganz leicht auf das Öffnen der Tür,
|
||
hatte er doch schon manche Abende, an denen sie geöffnet war, nicht
|
||
ausgenützt, sondern war, ohne daß es die Familie merkte, im dunkelsten
|
||
Winkel seines Zimmers gelegen. Einmal aber hatte die Bedienerin die Tür
|
||
zum Wohnzimmer ein wenig offen gelassen, und sie blieb so offen, auch
|
||
als die Zimmerherren am Abend eintraten und Licht gemacht wurde. Sie
|
||
setzten sich oben an den Tisch, wo in früheren Zeiten der Vater, die
|
||
Mutter und Gregor gesessen hatten, entfalteten die Servietten und nahmen
|
||
Messer und Gabel in die Hand. Sofort erschien in der Tür die Mutter mit
|
||
einer Schüssel Fleisch und knapp hinter ihr die Schwester mit einer
|
||
Schüssel hochgeschichteter Kartoffeln. Das Essen dampfte mit starkem
|
||
Rauch. Die Zimmerherren beugten sich über die vor sie hingestellten
|
||
Schüsseln, als wollten sie sie vor dem Essen prüfen, und tatsächlich
|
||
zerschnitt der, welcher in der Mitte saß und den anderen zwei als
|
||
Autorität zu gelten schien, ein Stück Fleisch noch auf der Schüssel,
|
||
offenbar um festzustellen, ob es mürbe genug sei und ob es nicht etwa in
|
||
die Küche zurückgeschickt werden solle. Er war befriedigt, und Mutter
|
||
und Schwester, die gespannt zugesehen hatten, begannen aufatmend zu
|
||
lächeln.
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||
|
||
Die Familie selbst aß in der Küche. Trotzdem kam der Vater, ehe er in
|
||
die Küche ging, in dieses Zimmer herein und machte mit einer einzigen
|
||
Verbeugung, die Kappe in der Hand, einen Rundgang um den Tisch. Die
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||
Zimmerherren erhoben sich sämtlich und murmelten etwas in ihre Bärte.
|
||
Als sie dann allein waren, aßen sie fast unter vollkommenem
|
||
Stillschweigen. Sonderbar schien es Gregor, daß man aus allen
|
||
mannigfachen Geräuschen des Essens immer wieder ihre kauenden Zähne
|
||
heraushörte, als ob damit Gregor gezeigt werden sollte, daß man Zähne
|
||
brauche, um zu essen, und daß man auch mit den schönsten zahnlosen
|
||
Kiefern nichts ausrichten könne. »Ich habe ja Appetit,« sagte sich
|
||
Gregor sorgenvoll, »aber nicht auf diese Dinge. Wie sich diese
|
||
Zimmerherren nähren, und ich komme um!«
|
||
|
||
Gerade an diesem Abend -- Gregor erinnerte sich nicht, während der
|
||
ganzen Zeit die Violine gehört zu haben -- ertönte sie von der Küche
|
||
her. Die Zimmerherren hatten schon ihr Nachtmahl beendet, der mittlere
|
||
hatte eine Zeitung hervorgezogen, den zwei anderen je ein Blatt gegeben,
|
||
und nun lasen sie zurückgelehnt und rauchten. Als die Violine zu spielen
|
||
begann, wurden sie aufmerksam, erhoben sich und gingen auf den
|
||
Fußspitzen zur Vorzimmertür, in der sie aneinandergedrängt stehen
|
||
blieben. Man mußte sie von der Küche aus gehört haben, denn der Vater
|
||
rief: »Ist den Herren das Spiel vielleicht unangenehm? Es kann sofort
|
||
eingestellt werden.« »Im Gegenteil,« sagte der mittlere der Herren,
|
||
»möchte das Fräulein nicht zu uns hereinkommen und hier im Zimmer
|
||
spielen, wo es doch viel bequemer und gemütlicher ist?« »O bitte,« rief
|
||
der Vater, als sei er der Violinspieler. Die Herren traten ins Zimmer
|
||
zurück und warteten. Bald kam der Vater mit dem Notenpult, die Mutter
|
||
mit den Noten und die Schwester mit der Violine. Die Schwester bereitete
|
||
alles ruhig zum Spiele vor; die Eltern, die niemals früher Zimmer
|
||
vermietet hatten und deshalb die Höflichkeit gegen die Zimmerherren
|
||
übertrieben, wagten gar nicht, sich auf ihre eigenen Sessel zu setzen;
|
||
der Vater lehnte an der Tür, die rechte Hand zwischen zwei Knöpfe des
|
||
geschlossenen Livreerockes gesteckt; die Mutter aber erhielt von einem
|
||
Herrn einen Sessel angeboten und saß, da sie den Sessel dort ließ, wohin
|
||
ihn der Herr zufällig gestellt hatte, abseits in einem Winkel.
|
||
|
||
Die Schwester begann zu spielen; Vater und Mutter verfolgten, jeder von
|
||
seiner Seite, aufmerksam die Bewegungen ihrer Hände. Gregor hatte, von
|
||
dem Spiele angezogen, sich ein wenig weiter vorgewagt und war schon mit
|
||
dem Kopf im Wohnzimmer. Er wunderte sich kaum darüber, daß er in letzter
|
||
Zeit so wenig Rücksicht auf die andern nahm; früher war diese
|
||
Rücksichtnahme sein Stolz gewesen. Und dabei hätte er gerade jetzt mehr
|
||
Grund gehabt, sich zu verstecken, denn infolge des Staubes, der in
|
||
seinem Zimmer überall lag und bei der kleinsten Bewegung umherflog, war
|
||
auch er ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüberreste schleppte er
|
||
auf seinem Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine
|
||
Gleichgültigkeit gegen alles war viel zu groß, als daß er sich, wie
|
||
früher mehrmals während des Tages, auf den Rücken gelegt und am Teppich
|
||
gescheuert hätte. Und trotz dieses Zustandes hatte er keine Scheu, ein
|
||
Stück auf dem makellosen Fußboden des Wohnzimmers vorzurücken.
|
||
|
||
Allerdings achtete auch niemand auf ihn. Die Familie war gänzlich vom
|
||
Violinspiel in Anspruch genommen; die Zimmerherren dagegen, die
|
||
zunächst, die Hände in den Hosentaschen, viel zu nahe hinter dem
|
||
Notenpult der Schwester sich aufgestellt hatten, so daß sie alle in die
|
||
Noten hätte sehen können, was sicher die Schwester stören mußte, zogen
|
||
sich bald unter halblauten Gesprächen mit gesenkten Köpfen zum Fenster
|
||
zurück, wo sie, vom Vater besorgt beobachtet, auch blieben. Es hatte nun
|
||
wirklich den überdeutlichen Anschein, als wären sie in ihrer Annahme,
|
||
ein schönes oder unterhaltendes Violinspiel zu hören, enttäuscht, hätten
|
||
die ganze Vorführung satt und ließen sich nur aus Höflichkeit noch in
|
||
ihrer Ruhe stören. Besonders die Art, wie sie alle aus Nase und Mund den
|
||
Rauch ihrer Zigarren in die Höhe bliesen, ließ auf große Nervosität
|
||
schließen. Und doch spielte die Schwester so schön. Ihr Gesicht war zur
|
||
Seite geneigt, prüfend und traurig folgten ihre Blicke den Notenzeilen.
|
||
Gregor kroch noch ein Stück vorwärts und hielt den Kopf eng an den
|
||
Boden, um möglicherweise ihren Blicken begegnen zu können. War er ein
|
||
Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu
|
||
der ersehnten unbekannten Nahrung. Er war entschlossen, bis zur
|
||
Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch
|
||
anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen, denn
|
||
niemand lohnte hier das Spiel so, wie er es lohnen wollte. Er wollte sie
|
||
nicht mehr aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht, solange er lebte;
|
||
seine Schreckgestalt sollte ihm zum erstenmal nützlich werden; an allen
|
||
Türen seines Zimmers wollte er gleichzeitig sein und den Angreifern
|
||
entgegenfauchen; die Schwester aber sollte nicht gezwungen, sondern
|
||
freiwillig bei ihm bleiben; sie sollte neben ihm auf dem Kanapee sitzen,
|
||
das Ohr zu ihm herunterneigen, und er wollte ihr dann anvertrauen, daß
|
||
er die feste Absicht gehabt habe, sie auf das Konservatorium zu
|
||
schicken, und daß er dies, wenn nicht das Unglück dazwischen gekommen
|
||
wäre, vergangene Weihnachten -- Weihnachten war doch wohl schon vorüber?
|
||
-- allen gesagt hätte, ohne sich um irgendwelche Widerreden zu kümmern.
|
||
Nach dieser Erklärung würde die Schwester in Tränen der Rührung
|
||
ausbrechen, und Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren
|
||
Hals küssen, den sie, seitdem sie ins Geschäft ging, frei ohne Band oder
|
||
Kragen trug.
|
||
|
||
»Herr Samsa!« rief der mittlere Herr dem Vater zu und zeigte, ohne ein
|
||
weiteres Wort zu verlieren, mit dem Zeigefinger auf den langsam sich
|
||
vorwärtsbewegenden Gregor. Die Violine verstummte, der mittlere
|
||
Zimmerherr lächelte erst einmal kopfschüttelnd seinen Freunden zu und
|
||
sah dann wieder auf Gregor hin. Der Vater schien es für nötiger zu
|
||
halten, statt Gregor zu vertreiben, vorerst die Zimmerherren zu
|
||
beruhigen, trotzdem diese gar nicht aufgeregt waren und Gregor sie mehr
|
||
als das Violinspiel zu unterhalten schien. Er eilte zu ihnen und suchte
|
||
sie mit ausgebreiteten Armen in ihr Zimmer zu drängen und gleichzeitig
|
||
mit seinem Körper ihnen den Ausblick auf Gregor zu nehmen. Sie wurden
|
||
nun tatsächlich ein wenig böse, man wußte nicht mehr, ob über das
|
||
Benehmen des Vaters oder über die ihnen jetzt aufgehende Erkenntnis,
|
||
ohne es zu wissen, einen solchen Zimmernachbar wie Gregor besessen zu
|
||
haben. Sie verlangten vom Vater Erklärungen, hoben ihrerseits die Arme,
|
||
zupften unruhig an ihren Bärten und wichen nur langsam gegen ihr Zimmer
|
||
zurück. Inzwischen hatte die Schwester die Verlorenheit, in die sie nach
|
||
dem plötzlich abgebrochenen Spiel verfallen war, überwunden, hatte sich,
|
||
nachdem sie eine Zeitlang in den lässig hängenden Händen Violine und
|
||
Bogen gehalten und weiter, als spiele sie noch, in die Noten gesehen
|
||
hatte, mit einem Male aufgerafft, hatte das Instrument auf den Schoß der
|
||
Mutter gelegt, die in Atembeschwerden mit heftig arbeitenden Lungen noch
|
||
auf ihrem Sessel saß, und war in das Nebenzimmer gelaufen, dem sich die
|
||
Zimmerherren unter dem Drängen des Vaters schon schneller näherten. Man
|
||
sah, wie unter den geübten Händen der Schwester die Decken und Polster
|
||
in den Betten in die Höhe flogen und sich ordneten. Noch ehe die Herren
|
||
das Zimmer erreicht hatten, war sie mit dem Aufbetten fertig und
|
||
schlüpfte heraus. Der Vater schien wieder von seinem Eigensinn derartig
|
||
ergriffen, daß er jeden Respekt vergaß, den er seinen Mietern immerhin
|
||
schuldete. Er drängte nur und drängte, bis schon in der Tür des Zimmers
|
||
der mittlere der Herren donnernd mit dem Fuß aufstampfte und dadurch den
|
||
Vater zum Stehen brachte. »Ich erkläre hiermit,« sagte er, hob die Hand
|
||
und suchte mit den Blicken auch die Mutter und die Schwester, »daß ich
|
||
mit Rücksicht auf die in dieser Wohnung und Familie herrschenden
|
||
widerlichen Verhältnisse« -- hierbei spie er kurz entschlossen auf den
|
||
Boden -- »mein Zimmer augenblicklich kündige. Ich werde natürlich auch
|
||
für die Tage, die ich hier gewohnt habe, nicht das Geringste bezahlen,
|
||
dagegen werde ich es mir noch überlegen, ob ich nicht mit irgendwelchen
|
||
-- glauben Sie mir -- sehr leicht zu begründenden Forderungen gegen Sie
|
||
auftreten werde.« Er schwieg und sah gerade vor sich hin, als erwarte er
|
||
etwas. Tatsächlich fielen sofort seine zwei Freunde mit den Worten ein:
|
||
»Auch wir kündigen augenblicklich.« Darauf faßte er die Türklinke und
|
||
schloß mit einem Krach die Tür.
|
||
|
||
Der Vater wankte mit tastenden Händen zu seinem Sessel und ließ sich
|
||
hineinfallen; es sah aus, als strecke er sich zu seinem gewöhnlichen
|
||
Abendschläfchen, aber das starke Nicken seines wie haltlosen Kopfes
|
||
zeigte, daß er ganz und gar nicht schlief. Gregor war die ganze Zeit
|
||
still auf dem Platz gelegen, auf dem ihn die Zimmerherren ertappt
|
||
hatten. Die Enttäuschung über das Mißlingen seines Planes, vielleicht
|
||
aber auch die durch das viele Hungern verursachte Schwäche machten es
|
||
ihm unmöglich, sich zu bewegen. Er fürchtete mit einer gewissen
|
||
Bestimmtheit schon für den nächsten Augenblick einen allgemeinen über
|
||
ihn sich entladenden Zusammensturz und wartete. Nicht einmal die Violine
|
||
schreckte ihn auf, die, unter den zitternden Fingern der Mutter hervor,
|
||
ihr vom Schoße fiel und einen hallenden Ton von sich gab.
|
||
|
||
»Liebe Eltern,« sagte die Schwester und schlug zur Einleitung mit der
|
||
Hand auf den Tisch, »so geht es nicht weiter. Wenn ihr das vielleicht
|
||
nicht einsehet, ich sehe es ein. Ich will vor diesem Untier nicht den
|
||
Namen meines Bruders aussprechen und sage daher bloß: wir müssen
|
||
versuchen es loszuwerden. Wir haben das Menschenmögliche versucht, es zu
|
||
pflegen und zu dulden, ich glaube, es kann uns niemand den geringsten
|
||
Vorwurf machen.«
|
||
|
||
»Sie hat tausendmal recht,« sagte der Vater für sich. Die Mutter, die
|
||
noch immer nicht genug Atem finden konnte, fing mit einem irrsinnigen
|
||
Ausdruck der Augen dumpf in die vorgehaltene Hand zu husten an.
|
||
|
||
Die Schwester eilte zur Mutter und hielt ihr die Stirn. Der Vater schien
|
||
durch die Worte der Schwester auf bestimmtere Gedanken gebracht zu sein,
|
||
hatte sich aufrecht gesetzt, spielte mit seiner Dienermütze zwischen den
|
||
Tellern, die noch vom Nachtmahl der Zimmerherren her auf dem Tische
|
||
standen, und sah bisweilen auf den stillen Gregor hin.
|
||
|
||
»Wir müssen es loszuwerden suchen,« sagte die Schwester nun
|
||
ausschließlich zum Vater, denn die Mutter hörte in ihrem Husten nichts,
|
||
»es bringt euch noch beide um, ich sehe es kommen. Wenn man schon so
|
||
schwer arbeiten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hause diese
|
||
ewige Quälerei ertragen. Ich kann es auch nicht mehr.« Und sie brach so
|
||
heftig in Weinen aus, daß ihre Tränen auf das Gesicht der Mutter
|
||
niederflossen, von dem sie sie mit mechanischen Handbewegungen wischte.
|
||
|
||
»Kind,« sagte der Vater mitleidig und mit auffallendem Verständnis, »was
|
||
sollen wir aber tun?«
|
||
|
||
Die Schwester zuckte nur die Achseln zum Zeichen der Ratlosigkeit, die
|
||
sie nun während des Weinens im Gegensatz zu ihrer früheren Sicherheit
|
||
ergriffen hatte.
|
||
|
||
»Wenn er uns verstünde,« sagte der Vater halb fragend; die Schwester
|
||
schüttelte aus dem Weinen heraus heftig die Hand zum Zeichen, daß daran
|
||
nicht zu denken sei.
|
||
|
||
»Wenn er uns verstünde,« wiederholte der Vater und nahm durch Schließen
|
||
der Augen die Überzeugung der Schwester von der Unmöglichkeit dessen in
|
||
sich auf, »dann wäre vielleicht ein Übereinkommen mit ihm möglich. Aber
|
||
so --«
|
||
|
||
»Weg muß es,« rief die Schwester, »das ist das einzige Mittel, Vater. Du
|
||
mußt bloß den Gedanken loszuwerden suchen, daß es Gregor ist. Daß wir es
|
||
so lange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück. Aber wie
|
||
kann es denn Gregor sein? Wenn es Gregor wäre, er hätte längst
|
||
eingesehen, daß ein Zusammenleben von Menschen mit einem solchen Tier
|
||
nicht möglich ist, und wäre freiwillig fortgegangen. Wir hätten dann
|
||
keinen Bruder, aber könnten weiter leben und sein Andenken in Ehren
|
||
halten. So aber verfolgt uns dieses Tier, vertreibt die Zimmerherren,
|
||
will offenbar die ganze Wohnung einnehmen und uns auf der Gasse
|
||
übernachten lassen. Sieh nur, Vater,« schrie sie plötzlich auf, »er
|
||
fängt schon wieder an!« Und in einem für Gregor gänzlich
|
||
unverständlichen Schrecken verließ die Schwester sogar die Mutter, stieß
|
||
sich förmlich von ihrem Sessel ab, als wollte sie lieber die Mutter
|
||
opfern, als in Gregors Nähe bleiben, und eilte hinter den Vater, der,
|
||
lediglich durch ihr Benehmen erregt, auch aufstand und die Arme wie zum
|
||
Schutze der Schwester vor ihr halb erhob.
|
||
|
||
Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner
|
||
Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen sich
|
||
umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, und das nahm sich
|
||
allerdings auffallend aus, da er infolge seines leidenden Zustandes bei
|
||
den schwierigen Umdrehungen mit seinem Kopfe nachhelfen mußte, den er
|
||
hierbei viele Male hob und gegen den Boden schlug. Er hielt inne und sah
|
||
sich um. Seine gute Absicht schien erkannt worden zu sein; es war nur
|
||
ein augenblicklicher Schrecken gewesen. Nun sahen ihn alle schweigend
|
||
und traurig an. Die Mutter lag, die Beine ausgestreckt und
|
||
aneinandergedrückt, in ihrem Sessel, die Augen fielen ihr vor Ermattung
|
||
fast zu; der Vater und die Schwester saßen nebeneinander, die Schwester
|
||
hatte ihre Hand um des Vaters Hals gelegt.
|
||
|
||
»Nun darf ich mich schon vielleicht umdrehen,« dachte Gregor und begann
|
||
seine Arbeit wieder. Er konnte das Schnaufen der Anstrengung nicht
|
||
unterdrücken und mußte auch hie und da ausruhen. Im übrigen drängte ihn
|
||
auch niemand, es war alles ihm selbst überlassen. Als er die Umdrehung
|
||
vollendet hatte, fing er sofort an, geradeaus zurückzuwandern. Er
|
||
staunte über die große Entfernung, die ihn von seinem Zimmer trennte,
|
||
und begriff gar nicht, wie er bei seiner Schwäche vor kurzer Zeit den
|
||
gleichen Weg, fast ohne es zu merken, zurückgelegt hatte. Immerfort nur
|
||
auf rasches Kriechen bedacht, achtete er kaum darauf, daß kein Wort,
|
||
kein Ausruf seiner Familie ihn störte. Erst als er schon in der Tür war,
|
||
wendete er den Kopf, nicht, vollständig, denn er fühlte den Hals steif
|
||
werden, immerhin sah er noch, daß sich hinter ihm nichts verändert
|
||
hatte, nur die Schwester war aufgestanden. Sein letzter Blick streifte
|
||
die Mutter, die nun völlig eingeschlafen war.
|
||
|
||
Kaum war er innerhalb seines Zimmers, wurde die Tür eiligst zugedrückt,
|
||
festgeriegelt und versperrt. Über den plötzlichen Lärm hinter sich
|
||
erschrak Gregor so, daß ihm die Beinchen einknickten. Es war die
|
||
Schwester, die sich so beeilt hatte. Aufrecht war sie schon da
|
||
gestanden und hatte gewartet, leichtfüßig war sie dann
|
||
vorwärtsgesprungen, Gregor hatte sie gar nicht kommen hören, und ein
|
||
»Endlich!« rief sie den Eltern zu, während sie den Schlüssel im Schloß
|
||
umdrehte.
|
||
|
||
»Und jetzt?« fragte sich Gregor und sah sich im Dunkeln um. Er machte
|
||
bald die Entdeckung, daß er sich nun überhaupt nicht mehr rühren konnte.
|
||
Er wunderte sich darüber nicht, eher kam es ihm unnatürlich vor, daß er
|
||
sich bis jetzt tatsächlich mit diesen dünnen Beinchen hatte fortbewegen
|
||
können. Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte
|
||
zwar Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich
|
||
schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den
|
||
verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz
|
||
von weichem Staub bedeckt war, spürte er schon kaum. An seine Familie
|
||
dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er
|
||
verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner
|
||
Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb
|
||
er, bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des
|
||
allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann
|
||
sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen
|
||
Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor.
|
||
|
||
Als am frühen Morgen die Bedienerin kam -- vor lauter Kraft und Eile
|
||
schlug sie, wie oft man sie auch schon gebeten hatte, das zu vermeiden,
|
||
alle Türen derartig zu, daß in der ganzen Wohnung von ihrem Kommen an
|
||
kein ruhiger Schlaf mehr möglich war --, fand sie bei ihrem gewöhnlichen
|
||
kurzen Besuch bei Gregor zuerst nichts Besonderes. Sie dachte, er liege
|
||
absichtlich so unbeweglich da und spiele den Beleidigten; sie traute
|
||
ihm allen möglichen Verstand zu. Weil sie zufällig den langen Besen in
|
||
der Hand hielt, suchte sie mit ihm Gregor von der Tür aus zu kitzeln.
|
||
Als sich auch da kein Erfolg zeigte, wurde sie ärgerlich und stieß ein
|
||
wenig in Gregor hinein, und erst als sie ihn ohne jeden Widerstand von
|
||
seinem Platze geschoben hatte, wurde sie aufmerksam. Als sie bald den
|
||
wahren Sachverhalt erkannte, machte sie große Augen, pfiff vor sich hin,
|
||
hielt sich aber nicht lange auf, sondern riß die Tür des Schlafzimmers
|
||
auf und rief mit lauter Stimme in das Dunkel hinein: »Sehen Sie nur mal
|
||
an, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert!«
|
||
|
||
Das Ehepaar Samsa saß im Ehebett aufrecht da und hatte zu tun, den
|
||
Schrecken über die Bedienerin zu verwinden, ehe es dazu kam, ihre
|
||
Meldung aufzufassen. Dann aber stiegen Herr und Frau Samsa, jeder auf
|
||
seiner Seite, eiligst aus dem Bett, Herr Samsa warf die Decke über seine
|
||
Schultern, Frau Samsa kam nur im Nachthemd hervor; so traten sie in
|
||
Gregors Zimmer. Inzwischen hatte sich auch die Tür des Wohnzimmers
|
||
geöffnet, in dem Grete seit dem Einzug der Zimmerherren schlief; sie war
|
||
völlig angezogen, als hätte sie gar nicht geschlafen, auch ihr bleiches
|
||
Gesicht schien das zu beweisen. »Tot?« sagte Frau Samsa und sah fragend
|
||
zur Bedienerin auf, trotzdem sie doch alles selbst prüfen und sogar ohne
|
||
Prüfung erkennen konnte. »Das will ich meinen,« sagte die Bedienerin und
|
||
stieß zum Beweis Gregors Leiche mit dem Besen noch ein großes Stück
|
||
seitwärts. Frau Samsa machte eine Bewegung, als wolle sie den Besen
|
||
zurückhalten, tat es aber nicht. »Nun,« sagte Herr Samsa, »jetzt können
|
||
wir Gott danken.« Er bekreuzte sich, und die drei Frauen folgten seinem
|
||
Beispiel. Grete, die kein Auge von der Leiche wendete, sagte: »Seht
|
||
nur, wie mager er war. Er hat ja auch schon so lange Zeit nichts
|
||
gegessen. So wie die Speisen hereinkamen, sind sie wieder
|
||
hinausgekommen.« Tatsächlich war Gregors Körper vollständig flach und
|
||
trocken, man erkannte das eigentlich erst jetzt, da er nicht mehr von
|
||
den Beinchen gehoben war und auch sonst nichts den Blick ablenkte.
|
||
|
||
»Komm, Grete, auf ein Weilchen zu uns herein,« sagte Frau Samsa mit
|
||
einem wehmütigen Lächeln, und Grete ging, nicht ohne nach der Leiche
|
||
zurückzusehen, hinter den Eltern in das Schlafzimmer. Die Bedienerin
|
||
schloß die Tür und öffnete gänzlich das Fenster. Trotz des frühen
|
||
Morgens war der frischen Luft schon etwas Lauigkeit beigemischt. Es war
|
||
eben schon Ende März.
|
||
|
||
Aus ihrem Zimmer traten die drei Zimmerherren und sahen sich erstaunt
|
||
nach ihrem Frühstück um; man hatte sie vergessen. »Wo ist das
|
||
Frühstück?« fragte der mittlere der Herren mürrisch die Bedienerin.
|
||
Diese aber legte den Finger an den Mund und winkte dann hastig und
|
||
schweigend den Herren zu, sie möchten in Gregors Zimmer kommen. Sie
|
||
kamen auch und standen dann, die Hände in den Taschen ihrer etwas
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||
abgenützten Röckchen, in dem nun schon ganz hellen Zimmer um Gregors
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Leiche herum.
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Da öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, und Herr Samsa erschien in
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seiner Livree, an einem Arm seine Frau, am anderen seine Tochter. Alle
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waren ein wenig verweint; Grete drückte bisweilen ihr Gesicht an den Arm
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des Vaters.
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»Verlassen Sie sofort meine Wohnung!« sagte Herr Samsa und zeigte auf
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die Tür, ohne die Frauen von sich zu lassen. »Wie meinen Sie das?« sagte
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der mittlere der Herren etwas bestürzt und lächelte süßlich. Die zwei
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anderen hielten die Hände auf dem Rücken und rieben sie ununterbrochen
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aneinander, wie in freudiger Erwartung eines großen Streites, der aber
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für sie günstig ausfallen mußte. »Ich meine es genau so, wie ich es
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sage,« antwortete Herr Samsa und ging in einer Linie mit seinen zwei
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Begleiterinnen auf den Zimmerherrn zu. Dieser stand zuerst still da und
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sah zu Boden, als ob sich die Dinge in seinem Kopf zu einer neuen
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Ordnung zusammenstellten. »Dann gehen wir also,« sagte er dann und sah
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zu Herrn Samsa auf, als verlange er in einer plötzlich ihn überkommenden
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Demut sogar für diesen Entschluß eine neue Genehmigung. Herr Samsa
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nickte ihm bloß mehrmals kurz mit großen Augen zu. Daraufhin ging der
|
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Herr tatsächlich sofort mit langen Schritten ins Vorzimmer; seine beiden
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Freunde hatten schon ein Weilchen lang mit ganz ruhigen Händen
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aufgehorcht und hüpften ihm jetzt geradezu nach, wie in Angst, Herr
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Samsa könnte vor ihnen ins Vorzimmer eintreten und die Verbindung mit
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ihrem Führer stören. Im Vorzimmer nahmen alle drei die Hüte vom
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Kleiderrechen, zogen ihre Stöcke aus dem Stockbehälter, verbeugten sich
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stumm und verließen die Wohnung. In einem, wie sich zeigte, gänzlich
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unbegründeten Mißtrauen trat Herr Samsa mit den zwei Frauen auf den
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Vorplatz hinaus; an das Geländer gelehnt, sahen sie zu, wie die drei
|
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Herren zwar langsam, aber ständig die lange Treppe hinunterstiegen, in
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jedem Stockwerk in einer bestimmten Biegung des Treppenhauses
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verschwanden und nach ein paar Augenblicken wieder hervorkamen; je
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tiefer sie gelangten, desto mehr verlor sich das Interesse der Familie
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Samsa für sie, und als ihnen entgegen und dann hoch über sie hinweg ein
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Fleischergeselle mit der Trage auf dem Kopf in stolzer Haltung
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||
heraufstieg, verließ bald Herr Samsa mit den Frauen das Geländer, und
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||
alle kehrten, wie erleichtert, in ihre Wohnung zurück.
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Sie beschlossen, den heutigen Tag zum Ausruhen und Spazierengehen zu
|
||
verwenden; sie hatten diese Arbeitsunterbrechung nicht nur verdient, sie
|
||
brauchten sie sogar unbedingt. Und so setzten sie sich zum Tisch und
|
||
schrieben drei Entschuldigungsbriefe, Herr Samsa an seine Direktion,
|
||
Frau Samsa an ihren Auftraggeber, und Grete an ihren Prinzipal. Während
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||
des Schreibens kam die Bedienerin herein, um zu sagen, daß sie fortgehe,
|
||
denn ihre Morgenarbeit war beendet. Die drei Schreibenden nickten zuerst
|
||
bloß, ohne aufzuschauen, erst als die Bedienerin sich immer noch nicht
|
||
entfernen wollte, sah man ärgerlich auf. »Nun?« fragte Herr Samsa. Die
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||
Bedienerin stand lächelnd in der Tür, als habe sie der Familie ein
|
||
großes Glück zu melden, werde es aber nur dann tun, wenn sie gründlich
|
||
ausgefragt werde. Die fast aufrechte kleine Straußfeder auf ihrem Hut,
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über die sich Herr Samsa schon während ihrer ganzen Dienstzeit ärgerte,
|
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schwankte leicht nach allen Richtungen. »Also was wollen Sie
|
||
eigentlich?« fragte Frau Samsa, vor welcher die Bedienerin noch am
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||
meisten Respekt hatte. »Ja,« antwortete die Bedienerin und konnte vor
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freundlichem Lachen nicht gleich weiter reden, »also darüber, wie das
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Zeug von nebenan weggeschafft werden soll, müssen Sie sich keine Sorge
|
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machen. Es ist schon in Ordnung.« Frau Samsa und Grete beugten sich zu
|
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ihren Briefen nieder, als wollten sie weiterschreiben; Herr Samsa,
|
||
welcher merkte, daß die Bedienerin nun alles ausführlich zu beschreiben
|
||
anfangen wollte, wehrte dies mit ausgestreckter Hand entschieden ab. Da
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||
sie aber nicht erzählen durfte, erinnerte sie sich an die große Eile,
|
||
die sie hatte, rief offenbar beleidigt: »Adjes allseits,« drehte sich
|
||
wild um und verließ unter fürchterlichem Türezuschlagen die Wohnung.
|
||
|
||
»Abends wird sie entlassen,« sagte Herr Samsa, bekam aber weder von
|
||
seiner Frau noch von seiner Tochter eine Antwort, denn die Bedienerin
|
||
schien ihre kaum gewonnene Ruhe wieder gestört zu haben. Sie erhoben
|
||
sich, gingen zum Fenster und blieben dort, sich umschlungen haltend.
|
||
Herr Samsa drehte sich in seinem Sessel nach ihnen um und beobachtete
|
||
sie still ein Weilchen. Dann rief er: »Also kommt doch her. Laßt schon
|
||
endlich die alten Sachen. Und nehmt auch ein wenig Rücksicht auf mich.«
|
||
Gleich folgten ihm die Frauen, eilten zu ihm, liebkosten ihn und
|
||
beendeten rasch ihre Briefe.
|
||
|
||
Dann verließen alle drei gemeinschaftlich die Wohnung, was sie schon
|
||
seit Monaten nicht getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins
|
||
Freie vor die Stadt. Der Wagen, in dem sie allein saßen, war ganz von
|
||
warmer Sonne durchschienen. Sie besprachen, bequem auf ihren Sitzen
|
||
zurückgelehnt, die Aussichten für die Zukunft, und es fand sich, daß
|
||
diese bei näherer Betrachtung durchaus nicht schlecht waren, denn aller
|
||
drei Anstellungen waren, worüber sie einander eigentlich noch gar nicht
|
||
ausgefragt hatten, überaus günstig und besonders für später
|
||
vielversprechend. Die größte augenblickliche Besserung der Lage mußte
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sich natürlich leicht durch einen Wohnungswechsel ergeben; sie wollten
|
||
nun eine kleinere und billigere, aber besser gelegene und überhaupt
|
||
praktischere Wohnung nehmen, als es die jetzige, noch von Gregor
|
||
ausgesuchte war. Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und
|
||
Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast
|
||
gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Pflege, die
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||
ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen
|
||
aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich
|
||
verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen
|
||
braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung
|
||
ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die
|
||
Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.
|
||
|
||
Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses
|
||
getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau
|
||
Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr
|
||
früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals
|
||
geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus
|
||
die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr
|
||
ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig
|
||
befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den
|
||
er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war
|
||
schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid,
|
||
das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen,
|
||
Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen,
|
||
ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders
|
||
praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und saß gleich halb
|
||
aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse
|
||
man seine Erscheinung hinnehmen, und sagte bloß seinerseits: „Sie haben
|
||
geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen,“ sagte K. und
|
||
versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung
|
||
festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich
|
||
nicht allzu lange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die
|
||
er ein wenig öffnete, um jemandem, der offenbar knapp hinter der Tür
|
||
stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein
|
||
kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht
|
||
sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem der
|
||
fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon
|
||
früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es
|
||
ist unmöglich.“ „Das wäre neu,“ sagte K., sprang aus dem Bett und zog
|
||
rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer
|
||
sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten
|
||
wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen
|
||
müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des
|
||
Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig. Immerhin
|
||
faßte es der Fremde so auf, denn er sagte: „Wollen Sie nicht lieber
|
||
hierbleiben?“ „Ich will weder hierbleiben noch von Ihnen angesprochen
|
||
werden, solange Sie sich mir nicht vorstellen.“ „Es war gut gemeint,“
|
||
sagte der Fremde und öffnete nun freiwillig die Tür. Im Nebenzimmer, in
|
||
das K. langsamer eintrat als er wollte, sah es auf den ersten Blick
|
||
fast genau so aus, wie am Abend vorher. Es war das Wohnzimmer der Frau
|
||
Grubach, vielleicht war in diesem mit Möbeln, Decken, Porzellan und
|
||
Photographien überfüllten Zimmer heute ein wenig mehr Raum als sonst,
|
||
man erkannte das nicht gleich, um so weniger, als die Hauptveränderung
|
||
in der Anwesenheit eines Mannes bestand, der beim offenen Fenster mit
|
||
einem Buch saß, von dem er jetzt aufblickte. „Sie hätten in Ihrem
|
||
Zimmer bleiben sollen! Hat es Ihnen denn Franz nicht gesagt?“ „Ja, was
|
||
wollen Sie denn?“ sagte K. und sah von der neuen Bekanntschaft zu dem
|
||
mit Franz Benannten, der in der Tür stehengeblieben war, und dann
|
||
wieder zurück. Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte
|
||
Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt
|
||
gegenüberliegenden Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu
|
||
sehn. „Ich will doch Frau Grubach —“ sagte K., machte eine Bewegung,
|
||
als reiße er sich von den zwei Männern los, die aber weit von ihm
|
||
entfernt standen, und wollte weitergehn. „Nein,“ sagte der Mann beim
|
||
Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen
|
||
nicht weggehn, Sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus,“ sagte K. „Und
|
||
warum denn?“ fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das
|
||
zu sagen. Gehn Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun
|
||
einmal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren.
|
||
Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich
|
||
zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der ist
|
||
selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch
|
||
weiterhin so viel Glück haben wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter,
|
||
dann können Sie zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun
|
||
sah er, daß im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem
|
||
Sessel beim Fenster. „Sie werden noch einsehn, wie wahr das alles ist,“
|
||
sagte Franz und ging gleichzeitig mit dem andern Mann auf ihn zu.
|
||
Besonders der letztere überragte K. bedeutend und klopfte ihm öfters
|
||
auf die Schulter. Beide prüften K.s Nachthemd und sagten, daß er jetzt
|
||
ein viel schlechteres Hemd werde anziehn müssen, daß sie aber dieses
|
||
Hemd wie auch seine übrige Wäsche aufbewahren und, wenn seine Sache
|
||
günstig ausfallen sollte, ihm wieder zurückgeben würden. „Es ist
|
||
besser, Sie geben die Sachen uns als ins Depot,“ sagten sie, „denn im
|
||
Depot kommen öfters Unterschleife vor und außerdem verkauft man dort
|
||
alle Sachen nach einer gewissen Zeit ohne Rücksicht, ob das betreffende
|
||
Verfahren zu Ende ist oder nicht. Und wie lange dauern doch derartige
|
||
Prozesse besonders in letzter Zeit. Sie bekämen dann schließlich
|
||
allerdings vom Depot den Erlös, aber dieser Erlös ist erstens an sich
|
||
schon gering, denn beim Verkauf entscheidet nicht die Höhe des
|
||
Angebotes, sondern die Höhe der Bestechung und weiter verringern sich
|
||
solche Erlöse erfahrungsgemäß, wenn sie von Hand zu Hand und von Jahr
|
||
zu Jahr weitergegeben werden.“ K. achtete auf diese Reden kaum, das
|
||
Verfügungsrecht über seine Sachen, das er vielleicht noch besaß,
|
||
schätzte er nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit über
|
||
seine Lage zu bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht
|
||
einmal nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters —
|
||
es konnten ja nur Wächter sein — förmlich freundschaftlich an ihn, sah
|
||
er aber auf, dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht
|
||
passendes trockenes, knochiges Gesicht, mit starker, seitlich gedrehter
|
||
Nase, das sich über ihn hinweg mit dem andern Wächter verständigte. Was
|
||
waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde
|
||
gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte
|
||
Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner
|
||
Wohnung zu überfallen? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu
|
||
nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben,
|
||
keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte.
|
||
Hier schien ihm das aber nicht richtig, man konnte zwar das Ganze als
|
||
Spaß ansehn, als einen groben Spaß, den ihm aus unbekannten Gründen,
|
||
vielleicht weil heute sein dreißigster Geburtstag war, die Kollegen in
|
||
der Bank veranstaltet hatten, es war natürlich möglich, vielleicht
|
||
brauchte er nur auf irgendeine Weise den Wächtern ins Gesicht zu lachen
|
||
und sie würden mitlachen, vielleicht waren es Dienstmänner von der
|
||
Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich — trotzdem war er diesmal
|
||
förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters Franz entschlossen,
|
||
nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten
|
||
besaß, aus der Hand zu geben. Darin, daß man später sagen würde, er
|
||
habe keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber
|
||
erinnerte er sich — ohne daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre,
|
||
aus Erfahrungen zu lernen — an einige an sich unbedeutende Fälle, in
|
||
denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, ohne das
|
||
geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen
|
||
hatte und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht
|
||
wieder geschehen, zumindest nicht diesmal; war es eine Komödie, so
|
||
wollte er mitspielen.
|
||
|
||
Noch war er frei. „Erlauben Sie,“ sagte er und ging eilig zwischen den
|
||
Wächtern durch in sein Zimmer. „Er scheint vernünftig zu sein,“ hörte
|
||
er hinter sich sagen. In seinem Zimmer riß er gleich die Schubladen des
|
||
Schreibtischs auf, es lag dort alles in großer Ordnung, aber gerade die
|
||
Legitimationspapiere, die er suchte, konnte er in der Aufregung nicht
|
||
gleich finden. Schließlich fand er seine Radfahrlegitimation und wollte
|
||
schon mit ihr zu den Wächtern gehn, dann aber schien ihm das Papier zu
|
||
geringfügig und er suchte weiter, bis er den Geburtsschein fand. Als er
|
||
wieder in das Nebenzimmer zurückkam, öffnete sich gerade die
|
||
gegenüberliegende Tür und Frau Grubach wollte dort eintreten. Man sah
|
||
sie nur einen Augenblick, denn kaum hatte sie K. erkannt, als sie
|
||
offenbar verlegen wurde, um Verzeihung bat, verschwand und äußerst
|
||
vorsichtig die Tür schloß. „Kommen Sie doch herein,“ hatte K. gerade
|
||
noch sagen können. Nun aber stand er mit seinen Papieren in der Mitte
|
||
des Zimmers, sah noch auf die Tür hin, die sich nicht wieder öffnete,
|
||
und wurde erst durch einen Anruf der Wächter aufgeschreckt, die bei dem
|
||
Tischchen am offenen Fenster saßen und, wie K. jetzt erkannte, sein
|
||
Frühstück verzehrten. „Warum ist sie nicht eingetreten?“ fragte er.
|
||
„Sie darf nicht,“ sagte der große Wächter. „Sie sind doch verhaftet.“
|
||
„Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“ „Nun
|
||
fangen Sie also wieder an,“ sagte der Wächter und tauchte ein
|
||
Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“
|
||
„Sie werden sie beantworten müssen,“ sagte K. „Hier sind meine
|
||
Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem
|
||
den Verhaftbefehl.“ „Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter, „daß Sie
|
||
sich in Ihre Lage nicht fügen können und daß Sie es darauf angelegt zu
|
||
haben scheinen, uns, die wir Ihnen jetzt wahrscheinlich von allen Ihren
|
||
Mitmenschen am nächsten stehn, nutzlos zu reizen.“ „Es ist so, glauben
|
||
Sie es doch,“ sagte Franz, führte die Kaffeetasse, die er in der Hand
|
||
hielt, nicht zum Mund, sondern sah K. mit einem langen, wahrscheinlich
|
||
bedeutungsvollen, aber unverständlichen Blick an. K. ließ sich, ohne es
|
||
zu wollen, in ein Zwiegespräch der Blicke mit Franz ein, schlug dann
|
||
aber doch auf seine Papiere und sagte: „Hier sind meine
|
||
Legitimationspapiere.“ „Was kümmern uns denn die?“ rief nun schon der
|
||
große Wächter. „Sie führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen Sie
|
||
denn? Wollen Sie Ihren großen verfluchten Prozeß dadurch zu einem
|
||
raschen Ende bringen, daß Sie mit uns, den Wächtern, über Legitimation
|
||
und Verhaftbefehl diskutieren. Wir sind niedrige Angestellte, die sich
|
||
in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer Sache
|
||
nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen
|
||
Wache halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind,
|
||
trotzdem aber sind wir fähig, einzusehn, daß die hohen Behörden, in
|
||
deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich
|
||
sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des
|
||
Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde,
|
||
soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht
|
||
doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im
|
||
Gesetz heißt, von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken.
|
||
Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich
|
||
nicht,“ sagte K. „Desto schlimmer für Sie,“ sagte der Wächter. „Es
|
||
besteht wohl auch nur in Ihren Köpfen,“ sagte K., er wollte sich
|
||
irgendwie in die Gedanken der Wächter einschleichen, sie zu seinen
|
||
Gunsten wenden oder sich dort einbürgern. Aber der Wächter sagte nur
|
||
abweisend: „Sie werden es zu fühlen bekommen.“ Franz mischte sich ein
|
||
und sagte: „Sieh, Willem, er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und
|
||
behauptet gleichzeitig, schuldlos zu sein.“ „Du hast ganz recht, aber
|
||
ihm kann man nichts begreiflich machen,“ sagte der andere. K.
|
||
antwortete nicht mehr; muß ich, dachte er, durch das Geschwätz dieser
|
||
niedrigsten Organe — sie geben selbst zu, es zu sein — mich noch mehr
|
||
verwirren lassen? Sie reden doch jedenfalls von Dingen, die sie gar
|
||
nicht verstehn. Ihre Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit möglich.
|
||
Ein paar Worte, die ich mit einem mir ebenbürtigen Menschen sprechen
|
||
werde, werden alles unvergleichlich klarer machen als die längsten
|
||
Reden mit diesen. Er ging einige Male in dem freien Raum des Zimmers
|
||
auf und ab, drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel ältern
|
||
Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt. K. mußte
|
||
dieser Schaustellung ein Ende machen: „Führen Sie mich zu Ihrem
|
||
Vorgesetzten,“ sagte er. „Bis er es wünscht; nicht früher,“ sagte der
|
||
Wächter, der Willem genannt worden war. „Und nun rate ich Ihnen,“ fügte
|
||
er hinzu, „in Ihr Zimmer zu gehn, sich ruhig zu verhalten und darauf zu
|
||
warten, was über Sie verfügt werden wird. Wir raten Ihnen, zerstreuen
|
||
Sie sich nicht durch nutzlose Gedanken, sondern sammeln Sie sich, es
|
||
werden große Anforderungen an Sie gestellt werden. Sie haben uns nicht
|
||
so behandelt, wie es unser Entgegenkommen verdient hätte, Sie haben
|
||
vergessen, daß wir, mögen wir auch sein was immer, zumindest jetzt
|
||
Ihnen gegenüber freie Männer sind, das ist kein kleines Übergewicht.
|
||
Trotzdem sind wir bereit, falls Sie Geld haben, Ihnen ein kleines
|
||
Frühstück aus dem Kaffeehaus drüben zu bringen.“
|
||
|
||
Ohne auf dieses Angebot zu antworten, stand K. ein Weilchen lang still.
|
||
Vielleicht würden ihn die beiden, wenn er die Tür des folgenden Zimmers
|
||
oder gar die Tür des Vorzimmers öffnen würde, gar nicht zu hindern
|
||
wagen, vielleicht wäre es die einfachste Lösung des Ganzen, daß er es
|
||
auf die Spitze trieb. Aber vielleicht würden sie ihn doch packen, und
|
||
war er einmal niedergeworfen, so war auch alle Überlegenheit verloren,
|
||
die er jetzt ihnen gegenüber in gewisser Hinsicht doch wahrte. Deshalb
|
||
zog er die Sicherheit der Lösung vor, wie sie der natürliche Verlauf
|
||
bringen mußte, und ging in sein Zimmer zurück, ohne daß von seiner
|
||
Seite oder von Seite der Wächter ein weiteres Wort gefallen wäre.
|
||
|
||
Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel,
|
||
den er sich gestern abend für das Frühstück vorbereitet hatte. Jetzt
|
||
war er sein einziges Frühstück und jedenfalls, wie er sich beim ersten
|
||
großen Bissen versicherte, viel besser, als das Frühstück aus dem
|
||
schmutzigen Nachtcafé gewesen wäre, das er durch die Gnade der Wächter
|
||
hätte bekommen können. Er fühlte sich wohl und zuversichtlich, in der
|
||
Bank versäumte er zwar heute vormittag seinen Dienst, aber das war bei
|
||
der verhältnismäßig hohen Stellung, die er dort einnahm, leicht
|
||
entschuldigt. Sollte er die wirkliche Entschuldigung anführen? Er
|
||
gedachte es zu tun. Würde man ihm nicht glauben, was in diesem Fall
|
||
begreiflich war, so konnte er Frau Grubach als Zeugin führen oder auch
|
||
die beiden Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum
|
||
gegenüberliegenden Fenster waren. Es wunderte K., wenigstens aus dem
|
||
Gedankengang der Wächter wunderte es ihn, daß sie ihn in das Zimmer
|
||
getrieben und ihn hier allein gelassen hatten, wo er doch mehrfache
|
||
Möglichkeit hatte, sich umzubringen. Gleichzeitig allerdings fragte er
|
||
sich, aus seinem Gedankengang, was für einen Grund er haben könnte, es
|
||
zu tun. Etwa, weil die zwei nebenan saßen und sein Frühstück abgefangen
|
||
hatten. Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen, daß er, selbst
|
||
wenn er es hätte tun wollen, infolge der Sinnlosigkeit dazu nicht
|
||
imstande gewesen wäre. Wäre die geistige Beschränktheit der Wächter
|
||
nicht so auffallend gewesen, so hätte man annehmen können, daß auch sie
|
||
infolge der gleichen Überzeugung keine Gefahr darin gesehen hätten, ihn
|
||
allein zu lassen. Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehn, wie er
|
||
zu einem Wandschränkchen ging, in dem er einen guten Schnaps
|
||
aufbewahrte, wie er ein Gläschen zuerst zum Ersatz des Frühstücks
|
||
leerte und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, ihm Mut zu
|
||
machen, das letztere nur aus Vorsicht für den unwahrscheinlichen Fall,
|
||
daß es nötig sein sollte.
|
||
|
||
Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Nebenzimmer derartig, daß er mit
|
||
den Zähnen ans Glas schlug. „Der Aufseher ruft Sie,“ hieß es. Es war
|
||
nur das Schreien, das ihn erschreckte, dieses kurze abgehackte
|
||
militärische Schreien, das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut
|
||
hätte. Der Befehl selbst war ihm sehr willkommen, „endlich“, rief er
|
||
zurück, versperrte den Wandschrank und eilte sofort ins Nebenzimmer.
|
||
Dort standen die zwei Wächter und jagten ihn, als wäre das
|
||
selbstverständlich, wieder in sein Zimmer zurück. „Was fällt Euch ein?“
|
||
riefen sie, „im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher? Er läßt Euch
|
||
durchprügeln und uns mit.“ „Laßt mich, zum Teufel,“ rief K., der schon
|
||
bis zu seinem Kleiderkasten zurückgedrängt war, „wenn man mich im Bett
|
||
überfällt, kann man nicht erwarten, mich im Festanzug zu finden.“ „Es
|
||
hilft nichts,“ sagten die Wächter, die immer, wenn K. schrie, ganz
|
||
ruhig, ja fast traurig wurden und ihn dadurch verwirrten oder
|
||
gewissermaßen zur Besinnung brachten. „Lächerliche Zeremonien!“ brummte
|
||
er noch, hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen
|
||
mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter. Sie
|
||
schüttelten die Köpfe. „Es muß ein schwarzer Rock sein,“ sagten sie. K.
|
||
warf daraufhin den Rock zu Boden und sagte — er wußte selbst nicht, in
|
||
welchem Sinn er es sagte —: „Es ist doch noch nicht die
|
||
Hauptverhandlung.“ Die Wächter lächelten, blieben aber bei ihrem: „Es
|
||
muß ein schwarzer Rock sein.“ „Wenn ich dadurch die Sache beschleunige,
|
||
soll es mir recht sein,“ sagte K., öffnete selbst den Kleiderkasten,
|
||
suchte lange unter den vielen Kleidern, wählte sein bestes schwarzes
|
||
Kleid, ein Jackettkleid, das durch seine Taille unter den Bekannten
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fast Aufsehen gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd hervor und
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begann sich sorgfältig anzuziehn. Im Geheimen glaubte er eine
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Beschleunigung des Ganzen damit erreicht zu haben, daß die Wächter
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vergessen hatten, ihn zum Bad zu zwingen. Er beobachtete sie, ob sie
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sich vielleicht daran doch erinnern würden, aber das fiel ihnen
|
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natürlich gar nicht ein, dagegen vergaß Willem nicht, Franz mit der
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Meldung, daß sich K. anziehe, zum Aufseher zu schicken.
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Als er vollständig angezogen war, mußte er knapp vor Willem durch das
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leere Nebenzimmer in das folgende Zimmer gehn, dessen Tür mit beiden
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Flügeln bereits geöffnet war. Dieses Zimmer wurde, wie K. genau wußte,
|
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seit kurzer Zeit von einem Fräulein Bürstner, einer
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Schreibmaschinistin, bewohnt, die sehr früh in die Arbeit zu gehen
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pflegte, spät nach Hause kam und mit der K. nicht viel mehr als die
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Grußworte gewechselt hatte. Jetzt war das Nachttischchen von ihrem Bett
|
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als Verhandlungstisch in die Mitte des Zimmers gerückt und der Aufseher
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||
saß hinter ihm. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm
|
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auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt.
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In einer Ecke des Zimmers standen drei junge Leute und sahen die
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Photographien des Fräulein Bürstner an, die in einer an der Wand
|
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aufgehängten Matte steckten. An der Klinke des offenen Fensters hing
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eine weiße Bluse. Im gegenüberliegenden Fenster lagen wieder die zwei
|
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Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen,
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sie weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen
|
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Hemd, der seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und
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drehte. „Josef K?“ fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.s
|
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zerstreute Blicke auf sich zu lenken. K. nickte. „Sie sind durch die
|
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Vorgänge des heutigen Morgens wohl sehr überrascht,“ fragte der
|
||
Aufseher und verschob dabei mit beiden Händen die paar Gegenstände, die
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||
auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und
|
||
ein Nadelkissen, als seien es Gegenstände, die er zur Verhandlung
|
||
benötige. „Gewiß,“ sagte K. und das Wohlgefühl, endlich einem
|
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vernünftigen Menschen gegenüberzustehen und über seine Angelegenheit
|
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mit ihm sprechen zu können, ergriff ihn, „gewiß, ich bin überrascht,
|
||
aber ich bin keineswegs sehr überrascht.“ „Nicht sehr überrascht?“
|
||
fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des
|
||
Tischchens, während er die andern Sachen um sie gruppierte. „Sie
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||
mißverstehen mich vielleicht,“ beeilte sich K. zu bemerken. „Ich meine“
|
||
— Hier unterbrach sich K. und sah sich nach einem Sessel um. „Ich kann
|
||
mich doch setzen?“ fragte er. „Es ist nicht üblich,“ antwortete der
|
||
Aufseher. „Ich meine,“ sagte nun K. ohne weitere Pause, „ich bin
|
||
allerdings sehr überrascht, aber man ist, wenn man 30 Jahre auf der
|
||
Welt ist und sich allein hat durchschlagen müssen, wie es mir
|
||
beschieden war, gegen Überraschungen abgehärtet und nimmt sie nicht zu
|
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schwer. Besonders die heutige nicht.“ „Warum besonders die heutige
|
||
nicht?“ „Ich will nicht sagen, daß ich das Ganze für einen Spaß ansehe,
|
||
dafür scheinen mir die Veranstaltungen, die gemacht wurden, doch zu
|
||
umfangreich. Es müßten alle Mitglieder der Pension daran beteiligt sein
|
||
und auch Sie alle, das ginge über die Grenzen eines Spaßes. Ich will
|
||
also nicht sagen, daß es ein Spaß ist.“ „Ganz richtig,“ sagte der
|
||
Aufseher und sah nach, wieviel Zündhölzchen in der
|
||
Zündhölzchenschachtel waren. „Andererseits aber,“ fuhr K. fort und
|
||
wandte sich hierbei an alle und hätte gern sogar die drei bei den
|
||
Photographien sich zugewendet, „andererseits aber kann die Sache auch
|
||
nicht viel Wichtigkeit haben. Ich folgere das daraus, daß ich angeklagt
|
||
bin, aber nicht die geringste Schuld auffinden kann, wegen deren man
|
||
mich anklagen könnte. Aber auch das ist nebensächlich, die Hauptfrage
|
||
ist, von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren?
|
||
Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr Kleid —
|
||
hier wandte er sich an Franz — eine Uniform nennen will, aber es ist
|
||
doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit und
|
||
ich bin überzeugt, daß wir nach dieser Klarstellung voneinander den
|
||
herzlichsten Abschied werden nehmen können.“ Der Aufseher schlug die
|
||
Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder. „Sie befinden sich in einem
|
||
großen Irrtum,“ sagte er. „Diese Herren hier und ich sind für Ihre
|
||
Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr
|
||
fast nichts. Wir könnten die regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre
|
||
Sache würde um nichts schlechter stehn. Ich kann Ihnen auch durchaus
|
||
nicht sagen, daß Sie angeklagt sind, oder vielmehr ich weiß nicht, ob
|
||
Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht.
|
||
Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben
|
||
nur Geschwätz gewesen. Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht
|
||
beantworte, so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger an uns und
|
||
an das, was mit Ihnen geschehen wird, denken Sie lieber mehr an sich.
|
||
Und machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es
|
||
stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den Sie im übrigen machen.
|
||
Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles,
|
||
was Sie vorhin gesagt haben, hätte man auch, wenn Sie nur ein paar
|
||
Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem war es
|
||
nichts für Sie übermäßig Günstiges.“
|
||
|
||
K. starrte den Aufseher an. Schulmäßige Lehren bekam er hier von einem
|
||
vielleicht jüngeren Menschen? Für seine Offenheit wurde er mit einer
|
||
Rüge bestraft? Und über den Grund seiner Verhaftung und über deren
|
||
Auftraggeber erfuhr er nichts?
|
||
|
||
Er geriet in eine gewisse Aufregung, ging auf und ab, woran ihn niemand
|
||
hinderte, schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich
|
||
sein Haar zurecht, kam an den drei Herren vorüber, sagte, „es ist ja
|
||
sinnlos“, worauf sich diese zu ihm umdrehten und ihn entgegenkommend,
|
||
aber ernst ansahen, und machte endlich wieder vor dem Tisch des
|
||
Aufsehers halt. „Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund,“
|
||
sagte er „kann ich ihm telephonieren?“ „Gewiß,“ sagte der Aufseher,
|
||
„aber ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte, es müßte denn
|
||
sein, daß Sie irgendeine private Angelegenheit mit ihm zu besprechen
|
||
haben.“ „Welchen Sinn?“ rief K. mehr bestürzt als geärgert. „Wer sind
|
||
Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf, was es
|
||
gibt. Ist es nicht zum Steinerweichen? Die Herren haben mich zuerst
|
||
überfallen und jetzt sitzen oder stehn sie hier herum und lassen mich
|
||
vor Ihnen die hohe Schule reiten. Welchen Sinn es hätte, an einen
|
||
Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich verhaftet bin? Gut,
|
||
ich werde nicht telephonieren.“ „Aber doch,“ sagte der Aufseher und
|
||
streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, „bitte
|
||
telephonieren Sie doch.“ „Nein, ich will nicht mehr,“ sagte K. und ging
|
||
zum Fenster. Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien
|
||
nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe
|
||
des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber
|
||
der Mann hinter ihnen beruhigte sie. „Dort sind auch solche Zuschauer,“
|
||
rief K. ganz laut dem Aufseher zu und zeigte mit dem Zeigefinger
|
||
hinaus. „Weg von dort,“ rief er dann hinüber. Die drei wichen auch
|
||
sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den
|
||
Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen
|
||
Mundbewegungen zu schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin
|
||
Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern
|
||
schienen auf den Augenblick zu warten, bis sie sich unbemerkt wieder
|
||
dem Fenster nähern könnten. „Zudringliche, rücksichtslose Leute!“ sagte
|
||
K., als er sich im Zimmer zurückwendete. Der Aufseher stimmte ihm
|
||
möglicherweise zu, wie K. mit einem Seitenblick zu erkennen glaubte.
|
||
Aber es war ebensogut möglich, daß er gar nicht zugehört hatte, denn er
|
||
hatte eine Hand fest auf den Tisch gedrückt und schien die Finger ihrer
|
||
Länge nach zu vergleichen. Die zwei Wächter saßen auf einen mit einer
|
||
Schmuckdecke verhüllten Koffer und rieben ihre Knie. Die drei jungen
|
||
Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum. Es
|
||
war still wie in irgendeinem vergessenen Bureau. „Nun, meine Herren,“
|
||
rief K., es schien ihm einen Augenblick lang, als trage er alle auf
|
||
seinen Schultern, „Ihrem Aussehn nach zu schließen, dürfte meine
|
||
Angelegenheit beendet sein. Ich bin der Ansicht, daß es am besten ist,
|
||
über die Berechtigung oder Nichtberechtigung Ihres Vorgehns nicht mehr
|
||
nachzudenken und der Sache durch einen gegenseitigen Händedruck einen
|
||
versöhnlichen Abschluß zu geben. Wenn auch Sie meiner Ansicht sind,
|
||
dann bitte“ — und er trat an den Tisch des Aufsehers hin und reichte
|
||
ihm die Hand. Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah
|
||
auf K.s ausgestreckte Hand, noch immer glaubte K., der Aufseher werde
|
||
einschlagen. Dieser aber stand auf, nahm einen harten runden Hut, der
|
||
auf Fräulein Bürstners Bett lag und setzte sich ihn vorsichtig mit
|
||
beiden Händen auf, wie man es bei der Anprobe neuer Hüte tut. „Wie
|
||
einfach Ihnen alles scheint!“ sagte er dabei zu K., „wir sollten der
|
||
Sache einen versöhnlichen Abschluß geben, meinten Sie? Nein, nein, das
|
||
geht wirklich nicht. Womit ich andererseits durchaus nicht sagen will,
|
||
daß Sie verzweifeln sollen. Nein, warum denn? Sie sind nur verhaftet,
|
||
nichts weiter. Das hatte ich Ihnen mitzuteilen, habe es getan und habe
|
||
auch gesehn, wie Sie es aufgenommen haben. Damit ist es für heute genug
|
||
und wir können uns verabschieden, allerdings nur vorläufig. Sie werden
|
||
wohl jetzt in die Bank gehn wollen?“ „In die Bank?“ fragte K., „ich
|
||
dachte, ich wäre verhaftet.“ K. fragte mit einem gewissen Trotz, denn
|
||
obwohl sein Handschlag nicht angenommen worden war, fühlte er sich,
|
||
insbesondere seitdem der Aufseher aufgestanden war, immer unabhängiger
|
||
von allen diesen Leuten. Er spielte mit ihnen. Er hatte die Absicht,
|
||
falls sie weggehn sollten, bis zum Haustor nachzulaufen und ihnen seine
|
||
Verhaftung anzubieten. Darum wiederholte er auch: „Wie kann ich denn in
|
||
die Bank gehn, da ich verhaftet bin?“ „Ach so,“ sagte der Aufseher, der
|
||
schon bei der Tür war, „Sie haben mich mißverstanden. Sie sind
|
||
verhaftet, gewiß, aber das soll Sie nicht hindern, Ihren Beruf zu
|
||
erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht
|
||
gehindert sein.“ „Dann ist das Verhaftetsein nicht sehr schlimm,“ sagte
|
||
K. und ging nahe an den Aufseher heran. „Ich meinte es niemals anders,“
|
||
sagte dieser. „Es scheint aber dann nicht einmal die Mitteilung der
|
||
Verhaftung sehr notwendig gewesen zu sein,“ sagte K. und ging noch
|
||
näher. Auch die andern hatten sich genähert. Alle waren jetzt auf einem
|
||
engen Raum bei der Tür versammelt. „Es war meine Pflicht,“ sagte der
|
||
Aufseher. „Eine dumme Pflicht,“ sagte K. unnachgiebig. „Mag sein,“
|
||
antwortete der Aufseher, „aber wir wollen mit solchen Reden nicht
|
||
unsere Zeit verlieren. Ich hatte angenommen, daß Sie in die Bank gehn
|
||
wollen. Da Sie auf alle Worte aufpassen, füge ich hinzu: ich zwinge Sie
|
||
nicht in die Bank zu gehn, ich hatte nur angenommen, daß Sie es wollen.
|
||
Und um Ihnen das zu erleichtern, und Ihre Ankunft in der Bank möglichst
|
||
unauffällig zu machen, habe ich diese drei Herren, Ihre Kollegen, hier
|
||
zu Ihrer Verfügung gehalten.“ „Wie?“ rief K. und staunte die drei an.
|
||
Diese so uncharakteristischen blutarmen jungen Leute, die er immer noch
|
||
nur als Gruppe bei den Photographien in der Erinnerung hatte, waren
|
||
tatsächlich Beamte aus seiner Bank, nicht Kollegen, das war zu viel
|
||
gesagt und bereits eine Lücke in der Allwissenheit des Aufsehers, aber
|
||
untergeordnete Beamte aus der Bank waren es allerdings. Wie hatte K.
|
||
das übersehen können? Wie hatte er doch hingenommen sein müssen, von
|
||
dem Aufseher und den Wächtern, um diese drei nicht zu erkennen. Den
|
||
steifen, die Hände schwingenden Rabensteiner, den blonden Kullich mit
|
||
den tiefliegenden Augen und Kaminer mit dem unausstehlichen, durch eine
|
||
chronische Muskelzerrung bewirkten Lächeln, „Guten Morgen!“ sagte K.
|
||
nach einem Weilchen und reichte den sich korrekt verbeugenden Herren
|
||
die Hand. „Ich habe Sie gar nicht erkannt. Nun werden wir also an die
|
||
Arbeit gehn, nicht?“ Die Herren nickten lachend und eifrig, als hätten
|
||
sie die ganze Zeit über darauf gewartet, nur als K. seinen Hut
|
||
vermißte, der in seinem Zimmer liegen geblieben war, liefen sie
|
||
sämtlich hintereinander ihn holen, was immerhin auf eine gewisse
|
||
Verlegenheit schließen ließ. K. stand still und sah ihnen durch die
|
||
zwei offenen Türen nach, der letzte war natürlich der gleichgültige
|
||
Rabensteiner, der bloß einen eleganten Trab angeschlagen hatte. Kaminer
|
||
überreichte den Hut und K. mußte sich, wie dies übrigens auch öfters in
|
||
der Bank nötig war, ausdrücklich sagen, daß Kaminers Lächeln nicht
|
||
Absicht war, ja daß er überhaupt absichtlich nicht lächeln konnte. Im
|
||
Vorzimmer öffnete dann Frau Grubach, die gar nicht sehr schuldbewußt
|
||
aussah, der ganzen Gesellschaft die Wohnungstür und K. sah, wie so oft,
|
||
auf ihr Schürzenband nieder, das so unnötig tief in ihren mächtigen
|
||
Leib einschnitt. Unten entschloß sich K., die Uhr in der Hand, ein
|
||
Automobil zu nehmen, um die schon halbstündige Verspätung nicht unnötig
|
||
zu vergrößern. Kaminer lief zur Ecke, um den Wagen zu holen, die zwei
|
||
andern versuchten offensichtlich K. zu zerstreuen, als plötzlich
|
||
Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große
|
||
Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein
|
||
wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe
|
||
zeigte, zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl
|
||
noch auf der Treppe. K. ärgerte sich über Kullich, daß dieser auf den
|
||
Mann aufmerksam machte, den er selbst schon früher gesehen, ja den er
|
||
sogar erwartet hatte. „Schauen Sie nicht hin,“ stieß er hervor, ohne zu
|
||
bemerken, wie auffallend eine solche Redeweise gegenüber selbständigen
|
||
Männern war. Es war aber auch keine Erklärung nötig, denn gerade kam
|
||
das Automobil, man setzte sich und fuhr los. Da erinnerte sich K., daß
|
||
er das Weggehn des Aufsehers und der Wächter gar nicht bemerkt hatte,
|
||
der Aufseher hatte ihm die drei Beamten verdeckt und nun wieder die
|
||
Beamten den Aufseher. Viel Geistesgegenwart bewies das nicht, und K.
|
||
nahm sich vor, sich in dieser Hinsicht genauer zu beobachten. Doch
|
||
drehte er sich noch unwillkürlich um und beugte sich über das
|
||
Hinterdeck des Automobils vor, um möglicherweise den Aufseher und die
|
||
Wächter noch zu sehn. Aber gleich wendete er sich wieder zurück, und
|
||
lehnte sich bequem in die Wagenecke ohne auch nur den Versuch gemacht
|
||
zu haben, jemanden zu suchen. Trotzdem es nicht den Anschein hatte,
|
||
hätte er gerade jetzt Zuspruch nötig gehabt, aber nun schienen die
|
||
Herren ermüdet, Rabensteiner sah rechts aus dem Wagen, Kullich links
|
||
und nur Kaminer stand mit seinem Grinsen zur Verfügung, über das einen
|
||
Spaß zu machen leider die Menschlichkeit verbot.
|
||
|
||
|
||
|
||
In diesem Frühjahr pflegte K. die Abende in der Weise zu verbringen,
|
||
daß er nach der Arbeit, wenn dies noch möglich war — er saß meistens
|
||
bis 9 Uhr im Bureau — einen kleinen Spaziergang allein oder mit Beamten
|
||
machte und dann in eine Bierstube ging, wo er an einem Stammtisch mit
|
||
meist ältern Herren gewöhnlich bis 11 Uhr beisammen saß. Es gab aber
|
||
auch Ausnahmen von dieser Einteilung, wenn K. z. B. vom Bankdirektor,
|
||
der seine Arbeitskraft und Vertrauenswürdigkeit sehr schätzte, zu einer
|
||
Autofahrt oder zu einem Abendessen in seiner Villa eingeladen wurde.
|
||
Außerdem ging K. einmal in der Woche zu einem Mädchen namens Elsa, die
|
||
während der Nacht bis in den späten Morgen als Kellnerin in einer
|
||
Weinstube bediente und während des Tages nur vom Bett aus Besuche
|
||
empfing.
|
||
|
||
An diesem Abend aber — der Tag war unter angestrengter Arbeit und
|
||
vielen ehrenden und freundschaftlichen Geburtstagswünschen schnell
|
||
verlaufen — wollte K. sofort nach Hause gehn. In allen kleinen Pausen
|
||
der Tagesarbeit hatte er daran gedacht; ohne genau zu wissen, was er
|
||
meinte, schien es ihm, als ob durch die Vorfälle des Morgens eine große
|
||
Unordnung in der ganzen Wohnung der Frau Grubach verursacht worden sei
|
||
und daß gerade er nötig sei, um die Ordnung wiederherzustellen. War
|
||
aber einmal diese Ordnung hergestellt, dann war jede Spur jener
|
||
Vorfälle ausgelöscht und alles nahm seinen alten Gang wieder auf.
|
||
Insbesondere von den drei Beamten war nichts zu befürchten, sie waren
|
||
wieder in die große Beamtenschaft der Bank versenkt, es war keine
|
||
Veränderung an ihnen zu bemerken. K. hatte sie öfters einzeln und
|
||
gemeinsam in sein Bureau berufen, zu keinem andern Zweck, als um sie zu
|
||
beobachten; immer hatte er sie befriedigt entlassen können.
|
||
|
||
Als er um ½10 Uhr abends vor dem Hause, in dem er wohnte, ankam, traf
|
||
er im Haustor einen jungen Burschen, der dort breitbeinig stand und
|
||
eine Pfeife rauchte. „Wer sind Sie,“ fragte K. sofort und brachte sein
|
||
Gesicht nahe an den Burschen, man sah nicht viel im Halbdunkel des
|
||
Flurs. „Ich bin der Sohn des Hausmeisters, gnädiger Herr,“ antwortete
|
||
der Bursche, nahm die Pfeife aus dem Mund und trat zur Seite. „Der Sohn
|
||
des Hausmeisters?“ fragte K. und klopfte mit seinem Stock ungeduldig
|
||
den Boden. „Wünscht der gnädige Herr etwas? Soll ich den Vater holen?“
|
||
„Nein, nein,“ sagte K., in seiner Stimme lag etwas Verzeihendes, als
|
||
habe der Bursche etwas Böses ausgeführt, er aber verzeihe ihm. „Es ist
|
||
gut,“ sagte er dann und ging weiter, aber ehe er die Treppe
|
||
hinaufstieg, drehte er sich noch einmal um.
|
||
|
||
Er hätte geradewegs in sein Zimmer gehen können, aber da er mit Frau
|
||
Grubach sprechen wollte, klopfte er gleich an ihre Türe an. Sie saß mit
|
||
einem Strickstrumpf am Tisch, auf dem noch ein Haufen alter Strümpfe
|
||
lag. K. entschuldigte sich zerstreut, daß er so spät komme, aber Frau
|
||
Grubach war sehr freundlich und wollte keine Entschuldigung hören, für
|
||
ihn sei sie immer zu sprechen, er wisse sehr gut, daß er ihr bester und
|
||
liebster Mieter sei. K. sah sich im Zimmer um, es war wieder vollkommen
|
||
in seinem alten Zustand, das Frühstücksgeschirr, das früh auf dem
|
||
Tischchen beim Fenster gestanden hatte, war auch schon weggeräumt.
|
||
Frauenhände bringen doch im Stillen viel fertig, dachte er, er hätte
|
||
das Geschirr vielleicht auf der Stelle zerschlagen, aber gewiß nicht
|
||
hinaustragen können. Er sah Frau Grubach mit einer gewissen Dankbarkeit
|
||
an. „Warum arbeiten Sie noch so spät,“ fragte er. Sie saßen nun beide
|
||
am Tisch und K. vergrub von Zeit zu Zeit seine Hand in die Strümpfe.
|
||
„Es gibt viel Arbeit,“ sagte sie, „während des Tages gehöre ich den
|
||
Mietern; wenn ich meine Sachen in Ordnung bringen will, bleiben mir nur
|
||
die Abende.“ „Ich habe Ihnen heute wohl noch eine außergewöhnliche
|
||
Arbeit gemacht.“ „Wieso denn,“ fragte sie, etwas eifriger werdend, die
|
||
Arbeit ruhte in ihrem Schoße. „Ich meine die Männer, die heute früh
|
||
hier waren.“ „Ach so,“ sagte sie und kehrte wieder in ihre Ruhe zurück,
|
||
„das hat mir keine besondere Arbeit gemacht.“ K. sah schweigend zu, wie
|
||
sie den Strickstrumpf wieder vornahm. Sie scheint sich zu wundern, daß
|
||
ich davon spreche, dachte er, sie scheint es nicht für richtig zu
|
||
halten, daß ich davon spreche. Desto wichtiger ist es, daß ich es tue.
|
||
Nur mit einer alten Frau kann ich davon sprechen. „Doch, Arbeit hat es
|
||
gewiß gemacht,“ sagte er dann, „aber es wird nicht wieder vorkommen.“
|
||
„Nein, das kann nicht wieder vorkommen,“ sagte sie bekräftigend und
|
||
lächelte K. fast wehmütig an. „Meinen Sie das ernstlich?“ fragte K.
|
||
„Ja,“ sagte sie leiser, „aber vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer
|
||
nehmen. Was geschieht nicht alles in der Welt! Da Sie so vertraulich
|
||
mit mir reden, Herr K., kann ich Ihnen ja eingestehen, daß ich ein
|
||
wenig hinter der Tür gehorcht habe und daß mir auch die beiden Wächter
|
||
einiges erzählt haben. Es handelt sich ja um Ihr Glück, und das liegt
|
||
mir wirklich am Herzen, mehr als mir vielleicht zusteht, denn ich bin
|
||
ja bloß die Vermieterin. Nun, ich habe also einiges gehört, aber ich
|
||
kann nicht sagen, daß es etwas besonders Schlimmes war. Nein. Sie sind
|
||
zwar verhaftet, aber nicht so wie ein Dieb verhaftet wird. Wenn man wie
|
||
ein Dieb verhaftet wird, so ist es schlimm, aber diese Verhaftung—. Es
|
||
kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, entschuldigen Sie, wenn ich etwas
|
||
Dummes sage, es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht
|
||
verstehe, das man aber auch nicht verstehen muß.“
|
||
|
||
„Es ist gar nichts Dummes, was Sie gesagt haben, Frau Grubach,
|
||
wenigstens bin auch ich zum Teil Ihrer Meinung, nur urteile ich über
|
||
das Ganze noch schärfer als Sie, und halte es einfach nicht einmal für
|
||
etwas Gelehrtes, sondern überhaupt für nichts. Ich wurde überrumpelt,
|
||
das war es. Wäre ich gleich nach dem Erwachen, ohne mich durch das
|
||
Ausbleiben der Anna beirren zu lassen, aufgestanden und ohne Rücksicht
|
||
auf irgend jemand, der mir in den Weg getreten wäre, zu Ihnen gegangen,
|
||
hätte ich diesmal ausnahmsweise etwa in der Küche gefrühstückt, hätte
|
||
mir von Ihnen die Kleidungsstücke aus meinem Zimmer bringen lassen,
|
||
kurz, hätte ich vernünftig gehandelt, so wäre nichts weiter geschehen,
|
||
es wäre alles, was werden wollte, erstickt worden. Man ist aber so
|
||
wenig vorbereitet. In der Bank z. B. bin ich vorbereitet, dort könnte
|
||
mir etwas Derartiges unmöglich geschehn, ich habe dort einen eigenen
|
||
Diener, das allgemeine Telephon und das Bureautelephon stehn vor mir
|
||
auf dem Tisch, immerfort kommen Leute, Parteien und Beamte, außerdem
|
||
aber und vor allem bin ich dort immerfort im Zusammenhang der Arbeit,
|
||
daher geistesgegenwärtig, es würde mir geradezu ein Vergnügen machen,
|
||
dort einer solchen Sache gegenübergestellt zu werden. Nun, es ist
|
||
vorüber und ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr darüber sprechen,
|
||
nur Ihr Urteil, das Urteil einer vernünftigen Frau wollte ich hören und
|
||
bin sehr froh, daß wir darin übereinstimmen. Nun müssen Sie mir aber
|
||
die Hand reichen, eine solche Übereinstimmung muß durch Handschlag
|
||
bekräftigt werden.“
|
||
|
||
Ob sie mir die Hand reichen wird? Der Aufseher hat mir die Hand nicht
|
||
gereicht, dachte er und sah die Frau anders als früher, prüfend an. Sie
|
||
stand auf, weil auch er aufgestanden war, sie war ein wenig befangen,
|
||
weil ihr nicht alles, was K. gesagt hatte, verständlich gewesen war.
|
||
Infolge dieser Befangenheit sagte sie aber etwas, was sie gar nicht
|
||
wollte und was auch gar nicht am Platze war: „Nehmen Sie es doch nicht
|
||
so schwer, Herr K.,“ sagte sie, hatte Tränen in der Stimme und vergaß
|
||
natürlich auch den Handschlag. „Ich wüßte nicht, daß ich es schwer
|
||
nehme,“ sagte K. plötzlich ermüdet und das Wertlose aller Zustimmungen
|
||
dieser Frau einsehend.
|
||
|
||
Bei der Tür fragte er noch: „Ist Fräulein Bürstner zu Hause?“ „Nein,“
|
||
sagte Frau Grubach und lächelte bei dieser trockenen Auskunft mit einer
|
||
verspäteten vernünftigen Teilnahme. „Sie ist im Theater. Wollten Sie
|
||
etwas von ihr? Soll ich ihr etwas ausrichten?“ „Ach, ich wollte nur
|
||
paar Worte mit ihr reden.“ „Ich weiß leider nicht, wann sie kommt; wenn
|
||
sie im Theater ist, kommt sie gewöhnlich spät.“ „Das ist ja ganz
|
||
gleichgültig,“ sagte K. und drehte schon den gesenkten Kopf der Tür zu,
|
||
um wegzugehn, „ich wollte mich nur bei ihr entschuldigen, daß ich heute
|
||
ihr Zimmer in Anspruch genommen habe.“ „Das ist nicht nötig, Herr K.,
|
||
Sie sind zu rücksichtsvoll, das Fräulein weiß ja von gar nichts, sie
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war seit dem frühen Morgen noch nicht zu Hause, es ist auch schon alles
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in Ordnung gebracht, sehen Sie selbst.“ Und sie öffnete die Tür zu
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Fräulein Bürstners Zimmer. „Danke, ich glaube es,“ sagte K., ging dann
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aber doch zu der offenen Tür. Der Mond schien still in das dunkle
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Zimmer. Soviel man sehen konnte, war wirklich alles an seinem Platz,
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auch die Bluse hing nicht mehr an der Fensterklinke. Auffallend hoch
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schienen die Polster im Bett, sie lagen zum Teil im Mondlicht. „Das
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Fräulein kommt oft spät nach Hause,“ sagte K. und sah Frau Grubach an,
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als trage sie die Verantwortung dafür. „Wie eben junge Leute sind!“
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sagte Frau Grubach entschuldigend. „Gewiß, gewiß,“ sagte K., „es kann
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aber zu weit gehen.“ „Das kann es,“ sagte Frau Grubach, „wie sehr haben
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Sie recht, Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein
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Bürstner gewiß nicht verleumden, sie ist ein gutes liebes Mädchen,
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freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze das alles
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sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein.
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Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Straßen und
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immer mit einem andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich
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erzähle es beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen, Herr K., aber es wird sich
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nicht vermeiden lassen, daß ich auch mit dem Fräulein selbst darüber
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spreche. Es ist übrigens nicht das einzige, das sie mir verdächtig
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macht.“ „Sie sind auf ganz falschem Weg,“ sagte K. wütend und fast
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unfähig es zu verbergen, „übrigens haben Sie offenbar auch meine
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Bemerkung über das Fräulein mißverstanden, so war es nicht gemeint. Ich
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warne Sie sogar aufrichtig, dem Fräulein irgend etwas zu sagen, Sie
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sind durchaus im Irrtum, ich kenne das Fräulein sehr gut, es ist nichts
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davon wahr, was Sie sagten. Übrigens vielleicht gehe ich zu weit, ich
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will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.“
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„Herr K.,“ sagte Frau Grubach bittend und eilte K. bis zu seiner Tür
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nach, die er schon geöffnet hatte, „ich will ja noch gar nicht mit dem
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Fräulein reden, natürlich will ich sie vorher noch weiter beobachten,
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nur Ihnen habe ich anvertraut, was ich wußte. Schließlich muß es doch
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im Sinne jedes Mieters sein, wenn man die Pension rein zu erhalten
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sucht, und nichts anderes ist mein Bestreben dabei.“ „Die Reinheit!“
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rief K. noch durch die Spalte der Tür, „wenn sie die Pension rein
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erhalten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.“ Dann schlug er die
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Tür zu, ein leises Klopfen beachtete er nicht mehr.
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Dagegen beschloß er, da er gar keine Lust zum Schlafen hatte, noch
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wachzubleiben und bei dieser Gelegenheit auch festzustellen, wann
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Fräulein Bürstner kommen würde. Vielleicht wäre es dann auch möglich,
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so unpassend es sein mochte, noch ein paar Worte mit ihr zu reden. Als
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er im Fenster lag und die müden Augen drückte, dachte er einen
|
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Augenblick sogar daran, Frau Grubach zu bestrafen und Fräulein Bürstner
|
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zu überreden, gemeinsam mit ihm zu kündigen. Sofort aber erschien ihm
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das entsetzlich übertrieben und er hatte sogar den Verdacht gegen sich,
|
||
daß er darauf ausging, die Wohnung wegen der Vorfälle am Morgen zu
|
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wechseln. Nichts wäre unsinniger und vor allem zweckloser und
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verächtlicher gewesen.
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Als er des Hinausschauens auf die leere Straße überdrüssig geworden
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war, legte er sich auf das Kanapee, nachdem er die Tür zum Vorzimmer
|
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ein wenig geöffnet hatte, um jeden, der die Wohnung betrat, gleich vom
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Kanapee aus sehen zu können. Etwa bis 11 Uhr lag er ruhig, eine Zigarre
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rauchend, auf dem Kanapee. Von da ab hielt er es aber nicht mehr dort
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aus, sondern ging ein wenig ins Vorzimmer, als könne er dadurch die
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Ankunft des Fräulein Bürstner beschleunigen. Er hatte kein besonderes
|
||
Verlangen nach ihr, er konnte sich nicht einmal genau erinnern, wie sie
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||
aussah, aber nun wollte er mit ihr reden und es reizte ihn, daß sie
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||
durch ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluß dieses Tages Unruhe
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||
und Unordnung brachte. Sie war auch schuld daran, daß er heute nicht zu
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||
Abend gegessen und daß er den für heute beabsichtigten Besuch bei Elsa
|
||
unterlassen hatte. Beides konnte er allerdings noch dadurch nachholen,
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||
daß er jetzt in das Weinlokal ging, in dem Elsa bedienstet war. Er
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||
wollte es auch noch später nach der Unterredung mit Fräulein Bürstner
|
||
tun.
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Es war ½12 vorüber, als jemand im Treppenhaus zu hören war. K., der
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||
seinen Gedanken hingegeben im Vorzimmer so als wäre es sein eigenes
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Zimmer laut auf und ab ging, flüchtete hinter seine Tür. Es war
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||
Fräulein Bürstner, die gekommen war. Fröstelnd zog sie, während sie die
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Tür versperrte, einen seidenen Schal um ihre schmalen Schultern
|
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zusammen. Im nächsten Augenblick mußte sie in ihr Zimmer gehen, in das
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||
K. gewiß um Mitternacht nicht eindringen durfte; er mußte sie also
|
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jetzt ansprechen, hatte aber unglücklicherweise versäumt, das
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elektrische Licht in seinem Zimmer anzudrehen, so daß sein Vortreten
|
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aus dem dunklen Zimmer den Anschein eines Überfalls hatte und
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wenigstens sehr erschrecken mußte. In seiner Hilflosigkeit und da keine
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Zeit zu verlieren war, flüsterte er durch den Türspalt: „Fräulein
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||
Bürstner.“ Es klang wie eine Bitte, nicht wie ein Anruf. „Ist jemand
|
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hier,“ fragte Fräulein Bürstner und sah sich mit großen Augen um. „Ich
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||
bin es,“ sagte K. und trat vor. „Ach Herr K.!“ sagte Fräulein Bürstner
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lächelnd. „Guten Abend“ und sie reichte ihm die Hand. „Ich wollte ein
|
||
paar Worte mit Ihnen sprechen, wollen Sie mir das jetzt erlauben?“
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„Jetzt?“ fragte Fräulein Bürstner, „muß es jetzt sein? es ist ein wenig
|
||
sonderbar, nicht?“ „Ich warte seit 9 Uhr auf Sie.“ „Nun ja, ich war im
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||
Theater, ich wußte doch nichts von Ihnen.“ „Der Anlaß für das, was ich
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||
Ihnen sagen will, hat sich erst heute ergeben.“ „So, nun ich habe ja
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nichts Grundsätzliches dagegen, außer daß ich zum Hinfallen müde bin.
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Also kommen Sie auf ein paar Minuten in mein Zimmer. Hier können wir
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||
uns auf keinen Fall unterhalten, wir wecken ja alle und das wäre mir
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||
unseretwegen noch unangenehmer als der Leute wegen. Warten Sie hier,
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||
bis ich in meinem Zimmer angezündet habe, und drehen Sie dann hier das
|
||
Licht ab.“ K. tat so, wartete dann aber noch, bis Fräulein Bürstner ihn
|
||
aus ihrem Zimmer nochmals leise aufforderte zu kommen. „Setzen Sie
|
||
sich,“ sagte sie und zeigte auf die Ottomane, sie selbst blieb aufrecht
|
||
am Bettpfosten trotz der Müdigkeit, von der sie gesprochen hatte; nicht
|
||
einmal ihren kleinen, aber mit einer Überfülle von Blumen geschmückten
|
||
Hut legte sie ab. „Was wollten Sie also? Ich bin wirklich neugierig?“
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||
Sie kreuzte leicht die Beine. „Sie werden vielleicht sagen,“ begann K.,
|
||
„daß die Sache nicht so dringend war, um jetzt besprochen zu werden,
|
||
aber —“ „Einleitungen überhöre ich immer,“ sagte Fräulein Bürstner.
|
||
„Das erleichtert meine Aufgabe,“ sagte K. „Ihr Zimmer ist heute früh,
|
||
gewissermaßen durch meine Schuld, ein wenig in Unordnung gebracht
|
||
worden, es geschah durch fremde Leute gegen meinen Willen und doch wie
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||
gesagt durch meine Schuld; dafür wollte ich um Entschuldigung bitten.“
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||
„Mein Zimmer?“ fragte Fräulein Bürstner, und sah statt des Zimmers K.
|
||
prüfend an. „Es ist so,“ sagte K. und nun sahen einander beide zum
|
||
erstenmal in die Augen, „die Art und Weise, in der es geschah, ist an
|
||
sich keines Wortes wert.“ „Aber doch das eigentlich Interessante,“
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||
sagte Fräulein Bürstner. „Nein,“ sagte K. „Nun,“ sagte Fräulein
|
||
Bürstner, „ich will mich nicht in Geheimnisse eindrängen, bestehen Sie
|
||
darauf, daß es uninteressant ist, so will ich auch nichts dagegen
|
||
einwenden. Die Entschuldigung, um die Sie bitten, gebe ich Ihnen
|
||
hiermit gern, besonders da ich keine Spur einer Unordnung finden kann.“
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||
Sie machte, die flachen Hände tief an die Hüften gelegt, einen Rundgang
|
||
durch das Zimmer. Bei der Matte mit den Photographien blieb sie stehn.
|
||
„Sehn Sie doch,“ rief sie, „meine Photographien sind wirklich
|
||
durcheinandergeworfen. Das ist aber häßlich. Es ist also jemand
|
||
unberechtigterweise in meinem Zimmer gewesen.“ K. nickte und verfluchte
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||
im stillen den Beamten Kaminer, der seine öde sinnlose Lebhaftigkeit
|
||
niemals zähmen konnte. „Es ist sonderbar,“ sagte Fräulein Bürstner,
|
||
„daß ich gezwungen bin, Ihnen etwas zu verbieten, was Sie sich selbst
|
||
verbieten müßten, nämlich in meiner Abwesenheit mein Zimmer zu
|
||
betreten.“ „Ich erklärte Ihnen doch, Fräulein,“ sagte K. und ging auch
|
||
zu den Photographien, „daß nicht ich es war, der sich an Ihren
|
||
Photographien vergangen hat; aber da Sie mir nicht glauben, so muß ich
|
||
also eingestehn, daß die Untersuchungskommission drei Bankbeamte
|
||
mitgebracht hat, von denen der eine, den ich bei nächster Gelegenheit
|
||
aus der Bank hinausbefördern werde, die Photographien wahrscheinlich in
|
||
die Hand genommen hat.“ „Ja es war eine Untersuchungskommission hier,“
|
||
fügte K. hinzu, da ihn das Fräulein mit einem fragenden Blick ansah.
|
||
„Ihretwegen?“ fragte das Fräulein. „Ja,“ antwortete K. „Nein,“ rief das
|
||
Fräulein und lachte. „Doch,“ sagte K., „glauben Sie denn, daß ich
|
||
schuldlos bin?“ „Nun, schuldlos,“ sagte das Fräulein, „ich will nicht
|
||
gleich ein vielleicht folgenschweres Urteil aussprechen, auch kenne ich
|
||
Sie doch nicht, immerhin, es muß doch schon ein schwerer Verbrecher
|
||
sein, dem man gleich eine Untersuchungskommission auf den Leib schickt.
|
||
Da Sie aber doch frei sind — ich schließe wenigstens aus Ihrer Ruhe,
|
||
daß Sie nicht aus dem Gefängnis entlaufen sind — so können Sie doch
|
||
kein solches Verbrechen begangen haben.“ „Ja,“ sagte K., „aber die
|
||
Untersuchungskommission kann doch eingesehen haben, daß ich unschuldig
|
||
bin oder doch nicht so schuldig, wie angenommen wurde.“ „Gewiß, das
|
||
kann sein,“ sagte Fräulein Bürstner sehr aufmerksam. „Sehen Sie,“ sagte
|
||
K., „Sie haben nicht viel Erfahrung in Gerichtssachen.“ „Nein, das habe
|
||
ich nicht,“ sagte Fräulein Bürstner „und habe es auch schon oft
|
||
bedauert, denn ich möchte alles wissen, und gerade Gerichtssachen
|
||
interessieren mich ungemein. Das Gericht hat eine eigentümliche
|
||
Anziehungskraft, nicht? Aber ich werde in dieser Richtung meine
|
||
Kenntnisse sicher vervollständigen, denn ich trete nächsten Monat als
|
||
Kanzleikraft in ein Advokatenbureau ein.“ „Das ist sehr gut,“ sagte K.,
|
||
„Sie werden mir dann in meinem Prozeß ein wenig helfen können.“ „Das
|
||
könnte sein,“ sagte Fräulein Bürstner, „warum denn nicht? Ich verwende
|
||
gern meine Kenntnisse.“ „Ich meine es auch im Ernst,“ sagte K., „oder
|
||
zumindest indem halben Ernst, in dem Sie es meinen. Um einen Advokaten
|
||
heranzuziehen, dazu ist die Sache doch zu kleinlich, aber einen
|
||
Ratgeber könnte ich gut brauchen.“ „Ja, aber wenn ich Ratgeber sein
|
||
soll, müßte ich wissen, worum es sich handelt,“ sagte Fräulein
|
||
Bürstner. „Das ist eben der Haken,“ sagte K., „das weiß ich selbst
|
||
nicht.“ „Dann haben Sie sich also einen Spaß aus mir gemacht,“ sagte
|
||
Fräulein Bürstner übermäßig enttäuscht, „es war höchst unnötig, sich
|
||
diese späte Nachtzeit dazu auszusuchen.“ Und sie ging von den
|
||
Photographien weg, wo sie so lange vereinigt gestanden hatten. „Aber
|
||
mein Fräulein,“ sagte K., „ich mache keinen Spaß. Daß Sie mir nicht
|
||
glauben wollen! Was ich weiß, habe ich Ihnen schon gesagt. Sogar mehr
|
||
als ich weiß, denn es war gar keine Untersuchungskommission, ich nenne
|
||
es so, weil ich keinen andern Namen dafür weiß. Es wurde gar nichts
|
||
untersucht, ich wurde nur verhaftet, aber von einer Kommission.“
|
||
Fräulein Bürstner saß auf der Ottomane und lachte wieder. „Wie war es
|
||
denn?“ fragte sie. „Schrecklich“ sagte K., aber er dachte jetzt gar
|
||
nicht daran, sondern war ganz vom Anblick des Fräulein Bürstner
|
||
ergriffen, die das Gesicht auf eine Hand stützte — der Ellbogen ruhte
|
||
auf dem Kissen der Ottomane — während die andere Hand langsam die Hüfte
|
||
strich. „Das ist zu allgemein,“ sagte Fräulein Bürstner. „Was ist zu
|
||
allgemein?“ fragte K. Dann erinnerte er sich und fragte: „Soll ich
|
||
Ihnen zeigen, wie es gewesen ist?“ Er wollte Bewegung machen und doch
|
||
nicht weggehn. „Ich bin schon müde,“ sagte Fräulein Bürstner. „Sie
|
||
kamen so spät,“ sagte K. „Nun endet es damit, daß ich Vorwürfe bekomme,
|
||
es ist auch berechtigt, denn ich hätte Sie nicht mehr hereinlassen
|
||
sollen. Notwendig war es ja auch nicht, wie sich gezeigt hat.“ „Es war
|
||
notwendig, daß werden Sie erst jetzt sehn,“ sagte K. „Darf ich das
|
||
Nachttischchen von ihrem Bett herrücken?“ „Was fällt Ihnen ein?“ sagte
|
||
Fräulein Bürstner, „das dürfen Sie natürlich nicht!“ „Dann kann ich es
|
||
Ihnen nicht zeigen,“ sagte K. aufgeregt, als füge man ihm dadurch einen
|
||
unermeßlichen Schaden zu. „Ja, wenn Sie es zur Darstellung brauchen,
|
||
dann rücken Sie das Tischchen nur ruhig fort,“ sagte Fräulein Bürstner
|
||
und fügte nach einem Weilchen mit schwächerer Stimme hinzu: „Ich bin so
|
||
müde, daß ich mehr erlaube, als gut ist.“ K. stellte das Tischchen in
|
||
die Mitte des Zimmers und setzte sich dahinter. „Sie müssen sich die
|
||
Verteilung der Personen richtig vorstellen, es ist sehr interessant.
|
||
Ich bin der Aufseher, dort auf dem Koffer sitzen zwei Wächter, bei den
|
||
Photographien stehen drei junge Leute. An der Fensterklinke hängt, was
|
||
ich nur nebenbei erwähne, eine weiße Bluse. Und jetzt fängt es an. Ja,
|
||
ich vergesse mich, die wichtigste Person, also ich, stehe hier vor dem
|
||
Tischchen. Der Aufseher sitzt äußerst bequem, die Beine übereinander
|
||
gelegt, den Arm hier über die Lehne hinunterhängend, ein Lümmel
|
||
sondergleichen. Und jetzt fängt es also wirklich an. Der Aufseher ruft,
|
||
als ob er mich wecken müßte, er schreit geradezu, ich muß leider, wenn
|
||
ich es Ihnen begreiflich machen will, auch schreien, es ist übrigens
|
||
nur mein Name, den er so schreit.“ Fräulein Bürstner, die lachend
|
||
zuhörte, legte den Zeigefinger an den Mund, um K. am Schreien zu
|
||
hindern, aber es war zu spät, K. war zu sehr in der Rolle, er rief
|
||
langsam „Josef K.,“ übrigens nicht so laut wie er gedroht hatte, aber
|
||
doch so, daß sich der Ruf, nachdem er plötzlich ausgestoßen war, erst
|
||
allmählich im Zimmer zu verbreiten schien.
|
||
|
||
Da klopfte es an die Tür des Nebenzimmers einigemal, stark, kurz und
|
||
regelmäßig. Fräulein Bürstner erbleichte und legte die Hand aufs Herz.
|
||
K. erschrak deshalb besonders stark, weil er noch ein Weilchen ganz
|
||
unfähig war, an etwas anderes zu denken als an die Vorfälle des Morgens
|
||
und an das Mädchen, dem er sie vorführte. Kaum hatte er sich gefaßt,
|
||
sprang er zu Fräulein Bürstner und nahm ihre Hand. „Fürchten Sie
|
||
nichts,“ flüsterte er, „ich werde alles in Ordnung bringen. Wer kann es
|
||
aber sein? Hier nebenan ist doch nur das Wohnzimmer, in dem niemand
|
||
schläft.“ „Doch,“ flüsterte Fräulein Bürstner an K.s Ohr, „seit gestern
|
||
schläft hier ein Neffe von Frau Grubach, ein Hauptmann. Es ist gerade
|
||
kein anderes Zimmer frei. Auch ich habe daran vergessen. Daß Sie so
|
||
schreien mußten! Ich bin unglücklich darüber.“ „Dafür ist gar kein
|
||
Grund,“ sagte K. und küßte, als sie jetzt auf das Kissen zurücksank,
|
||
ihre Stirn. „Weg, weg,“ sagte sie und richtete sich eilig wieder auf,
|
||
„gehn Sie doch, gehn Sie doch, was wollen Sie, er horcht doch an der
|
||
Tür, er hört doch alles. Wie Sie mich quälen!“ „Ich gehe nicht früher,“
|
||
sagte K., „bis Sie ein wenig beruhigt sind. Kommen Sie in die andere
|
||
Ecke des Zimmers, dort kann er uns nicht hören.“ Sie ließ sich dorthin
|
||
führen. „Sie überlegen nicht,“ sagte er, „daß es sich zwar um eine
|
||
Unannehmlichkeit für Sie handelt, aber durchaus nicht um eine Gefahr.
|
||
Sie wissen, wie mich Frau Grubach, die in dieser Sache doch
|
||
entscheidet, besonders da der Hauptmann ihr Neffe ist, geradezu verehrt
|
||
und alles, was ich sage, unbedingt glaubt. Sie ist auch im übrigen von
|
||
mir abhängig, denn sie hat eine größere Summe von mir geliehen. Jeden
|
||
Ihrer Vorschläge über eine Erklärung für unser Beisammen nehme ich an,
|
||
wenn er nur ein wenig zweckentsprechend ist, und verbürge mich, Frau
|
||
Grubach dazu zu bringen, die Erklärung nicht nur vor der
|
||
Öffentlichkeit, sondern wirklich und aufrichtig zu glauben. Mich müssen
|
||
Sie dabei in keiner Weise schonen. Wollen Sie verbreitet haben, daß ich
|
||
Sie überfallen habe, so wird Frau Grubach in diesem Sinne unterrichtet
|
||
werden und wird es glauben, ohne das Vertrauen zu mir zu verlieren, so
|
||
sehr hängt sie an mir.“ Fräulein Bürstner sah, still und ein wenig
|
||
zusammengesunken, vor sich auf den Boden. „Warum sollte Frau Grubach
|
||
nicht glauben, daß ich Sie überfallen habe,“ fügte K. hinzu. Vor sich
|
||
sah er ihr Haar, geteiltes, niedrig gebauschtes, fest
|
||
zusammengehaltenes, rötliches Haar. Er glaubte, sie werde ihm den Blick
|
||
zuwenden, aber sie sagte in unveränderter Haltung: „Verzeihen Sie, ich
|
||
bin durch das plötzliche Klopfen erschreckt worden, nicht so sehr durch
|
||
die Folgen, die die Anwesenheit des Hauptmanns haben könnte. Es war so
|
||
still nach Ihrem Schrei und da klopfte es, deshalb bin ich so
|
||
erschrocken, ich saß auch in der Nähe der Tür, es klopfte fast neben
|
||
mir. Für Ihre Vorschläge danke ich, aber ich nehme sie nicht an. Ich
|
||
kann für alles, was in meinem Zimmer geschieht, die Verantwortung
|
||
tragen, und zwar gegenüber jedem. Ich wundere mich, daß Sie nicht
|
||
merken, was für eine Beleidigung für mich in Ihren Vorschlägen liegt,
|
||
neben den guten Absichten natürlich, die ich gewiß anerkenne. Aber nun
|
||
gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich habe es jetzt noch nötiger als
|
||
früher. Aus den paar Minuten, um die Sie gebeten haben, ist nun eine
|
||
halbe Stunde und mehr geworden.“ K. faßte sie bei der Hand und dann
|
||
beim Handgelenk: „Sie sind mir aber nicht böse?“ sagte er. Sie streifte
|
||
seine Hand ab und antwortete: „Nein, nein, ich bin niemals und
|
||
niemandem böse.“ Er faßte wieder nach ihrem Handgelenk, sie duldete es
|
||
jetzt und führte ihn so zur Tür. Er war fest entschlossen, wegzugehen.
|
||
Aber vor der Tür, als hätte er nicht erwartet, hier eine Tür zu finden,
|
||
stockte er, diesen Augenblick benutzte Fräulein Bürstner, sich
|
||
loszumachen, die Tür zu öffnen, ins Vorzimmer zu schlüpfen und von dort
|
||
aus K. leise zu sagen: „Nun kommen Sie doch, bitte. Sehen Sie“ — sie
|
||
zeigte auf die Tür des Hauptmanns, unter der ein Lichtschein hervorkam
|
||
— „er hat angezündet und unterhält sich über uns.“ „Ich komme schon,“
|
||
sagte K., lief vor, faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das
|
||
ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich
|
||
gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals,
|
||
wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen. Ein
|
||
Geräusch aus dem Zimmer des Hauptmanns ließ ihn aufschauen. „Jetzt
|
||
werde ich gehn,“ sagte er, er wollte Fräulein Bürstner beim Taufnamen
|
||
nennen, wußte ihn aber nicht. Sie nickte müde, überließ ihm schon halb
|
||
abgewendet die Hand zum Küssen, als wisse sie nichts davon und ging
|
||
gebückt in ihr Zimmer. Kurz darauf lag K. in seinem Bett. Er schlief
|
||
sehr bald ein, vor dem Einschlafen dachte er noch ein Weilchen über
|
||
sein Verhalten nach, er war damit zufrieden, wunderte sich aber, daß er
|
||
nicht noch zufriedener war; wegen des Hauptmanns machte er sich für
|
||
Fräulein Bürstner ernstliche Sorgen.
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
|
||
ZWEITES KAPITEL
|
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||
ERSTE UNTERSUCHUNG
|
||
|
||
|
||
K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine
|
||
kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man
|
||
machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen nun regelmäßig,
|
||
wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger einander folgen
|
||
würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch
|
||
zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder
|
||
Hinsicht gründlich sein und doch wegen der damit verbundenen
|
||
Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb habe man den Ausweg
|
||
dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen gewählt.
|
||
Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb
|
||
vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man
|
||
setze voraus, daß er damit einverstanden sei, wollte er einen andern
|
||
Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die
|
||
Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da
|
||
sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K.
|
||
nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß
|
||
er bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst
|
||
aufmerksam machen. Es wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem
|
||
er sich einfinden solle, es war ein Haus in einer entlegenen
|
||
Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war.
|
||
|
||
K. hängte, als er diese Meldung erhalten hatte, ohne zu antworten, den
|
||
Hörer an; er war gleich entschlossen, Sonntag hinzugehn, es war gewiß
|
||
notwendig, der Prozeß kam in Gang und er mußte sich dem
|
||
entgegenstellen, diese erste Untersuchung sollte auch die letzte sein.
|
||
Er stand noch nachdenklich beim Apparat, da hörte er hinter sich die
|
||
Stimme des Direktor-Stellvertreters, der telephonieren wollte, dem aber
|
||
K. den Weg verstellte. „Schlechte Nachrichten?“ fragte der
|
||
Direktor-Stellvertreter leichthin, nicht um etwas zu erfahren, sondern
|
||
um K. vom Apparat wegzubringen. „Nein, nein,“ sagte K., trat beiseite,
|
||
ging aber nicht weg. Der Direktor-Stellvertreter nahm den Hörer und
|
||
sagte, während er auf die telephonische Verbindung wartete, über das
|
||
Hörrohr hinweg: „Eine Frage, Herr K.? Möchten Sie mir Sonntag früh das
|
||
Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen. Es wird
|
||
eine größere Gesellschaft sein, gewiß auch Ihre Bekannten darunter.
|
||
Unter anderem Staatsanwalt Hesterer. Wollen Sie kommen? Kommen Sie
|
||
doch!“ K. versuchte, darauf achtzugeben, was der
|
||
Direktor-Stellvertreter sagte. Es war nicht unwichtig für ihn, denn
|
||
diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich niemals
|
||
sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen
|
||
Seite und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war und wie
|
||
wertvoll seine Freundschaft oder wenigstens seine Unparteilichkeit dem
|
||
zweithöchsten Beamten der Bank erschien. Diese Einladung war eine
|
||
Demütigung des Direktor-Stellvertreters, mochte sie auch nur in
|
||
Erwartung der telephonischen Verbindung über das Hörrohr hinweg gesagt
|
||
sein. Aber K. mußte eine zweite Demütigung folgen lassen, er sagte:
|
||
„Vielen Dank! Aber ich habe leider Sonntag keine Zeit, ich habe schon
|
||
eine Verpflichtung.“ „Schade,“ sagte der Direktor-Stellvertreter und
|
||
wandte sich dem telephonischen Gespräch zu, das gerade hergestellt
|
||
worden war. Es war kein kurzes Gespräch, aber K. blieb in seiner
|
||
Zerstreutheit die ganze Zeit über neben dem Apparat stehn. Erst als der
|
||
Direktor-Stellvertreter abläutete, erschrak er und sagte, um sein
|
||
unnützes Dastehn nur ein wenig zu entschuldigen: „Ich bin jetzt
|
||
antelephoniert worden, ich möchte irgendwo hinkommen, aber man hat
|
||
vergessen, mir zu sagen, zu welcher Stunde.“ „Fragen Sie doch noch
|
||
einmal nach,“ sagte der Direktor-Stellvertreter. „Es ist nicht so
|
||
wichtig,“ sagte K., trotzdem dadurch seine frühere schon an sich
|
||
mangelhafte Entschuldigung noch weiter verfiel. Der
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Direktor-Stellvertreter sprach noch im Weggehn über andere Dinge. K.
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zwang sich auch zu antworten, dachte aber hauptsächlich daran, daß es
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am besten sein werde, Sonntag um 9 Uhr vormittag hinzukommen, da zu
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dieser Stunde an Werktagen alle Gerichte zu arbeiten anfangen.
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Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer
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Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben
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war, er hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit zu haben, zu überlegen
|
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und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche ausgedacht hatte,
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zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken,
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in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, trotzdem
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er wenig Zeit hatte umherzublicken, die drei in seiner Angelegenheit
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beteiligten Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei
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fuhren in einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf
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der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K.
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vorüberkam, neugierig über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und
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wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der
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K. davon abgehalten hatte, zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder,
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selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache, auch wollte
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er niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im
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allerentferntesten einweihen, schließlich hatte er aber auch nicht die
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geringste Lust, sich durch allzu große Pünktlichkeit vor der
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Untersuchungskommission zu erniedrigen. Allerdings lief er jetzt, um
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nur möglichst um 9 Uhr einzutreffen, trotzdem er nicht einmal für eine
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bestimmte Stunde bestellt war.
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Er hatte gedacht, das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen,
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das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer
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besondern Bewegung vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen. Aber
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die Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen
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Augenblick lang stehen blieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz
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einförmige Häuser, hohe graue, von armen Leuten bewohnte Miethäuser.
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||
Jetzt am Sonntagmorgen waren die meisten Fenster besetzt, Männer in
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Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder
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vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch
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mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerzauste Kopf einer Frau
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erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf
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bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt
|
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befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau
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liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen
|
||
Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den
|
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Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern
|
||
hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren
|
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diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in bessern Stadtvierteln
|
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ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.
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||
|
||
K. ging tiefer in die Gasse hinein, langsam, als hätte er nun schon
|
||
Zeit oder als sähe ihn der Untersuchungsrichter aus irgendeinem Fenster
|
||
und wisse also, daß sich K. eingefunden habe. Es war kurz nach 9 Uhr.
|
||
Das Haus lag ziemlich weit, es war fast ungewöhnlich ausgedehnt,
|
||
besonders die Toreinfahrt war hoch und weit. Sie war offenbar für
|
||
Lastfuhren bestimmt, die zu den verschiedenen Warenmagazinen gehörten,
|
||
die jetzt versperrt den großen Hof umgaben und Aufschriften von Firmen
|
||
trugen, von denen K. einige aus dem Bankgeschäft kannte. Gegen seine
|
||
sonstige Gewohnheit sich mit allen diesen Äußerlichkeiten genauer
|
||
befassend, blieb er auch ein wenig am Eingang des Hofes stehen. In
|
||
seiner Nähe auf einer Kiste saß ein bloßfüßiger Mann und las eine
|
||
Zeitung. Auf einem Handkarren schaukelten zwei Jungen. Vor einer Pumpe
|
||
stand ein schwaches junges Mädchen in einer Nachtjoppe und blickte,
|
||
während das Wasser in ihre Kanne strömte, auf K. hin. In einer Ecke des
|
||
Hofes wurde zwischen zwei Fenstern ein Strick gespannt, auf dem die zum
|
||
Trocknen bestimmte Wäsche schon hing. Ein Mann stand unten und leitete
|
||
die Arbeit durch ein paar Zurufe.
|
||
|
||
K. wandte sich der Treppe zu, um zum Untersuchungszimmer zu kommen,
|
||
stand dann aber wieder still, denn außer dieser Treppe sah er im Hof
|
||
noch drei verschiedene Treppenaufgänge und überdies schien ein kleiner
|
||
Durchgang am Ende des Hofes noch in einen zweiten Hof zu führen. Er
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||
ärgerte sich, daß man ihm die Lage des Zimmers nicht näher bezeichnet
|
||
hatte, es war doch eine sonderbare Nachlässigkeit oder
|
||
Gleichgültigkeit, mit der man ihn behandelte, er beabsichtigte, das
|
||
sehr laut und deutlich festzustellen. Schließlich stieg er doch die
|
||
erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung an den
|
||
Ausspruch des Wächters Willem, daß das Gericht von der Schuld angezogen
|
||
werde, woraus eigentlich folgte, daß das Untersuchungszimmer an der
|
||
Treppe liegen mußte, die K. zufällig wählte.
|
||
|
||
Er störte im Hinaufgehen viele Kinder, die auf der Treppe spielten und
|
||
ihn, wenn er durch ihre Reihe schritt, böse ansahen. „Wenn ich
|
||
nächstens wieder hergehen sollte,“ sagte er sich, „muß ich entweder
|
||
Zuckerwerk mitnehmen, um sie zu gewinnen, oder den Stock, um sie zu
|
||
prügeln.“ Knapp vor dem ersten Stockwerk mußte er sogar ein Weilchen
|
||
warten, bis eine Spielkugel ihren Weg vollendet hatte, zwei kleine
|
||
Jungen mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche hielten ihn
|
||
indessen an den Beinkleidern; hätte er sie abschütteln wollen, hätte er
|
||
ihnen wehtun müssen und er fürchtete ihr Geschrei.
|
||
|
||
Im ersten Stockwerk begann die eigentliche Suche. Da er doch nicht nach
|
||
der Untersuchungskommission fragen konnte, erfand er einen Tischler
|
||
Lanz — der Name fiel ihm ein, weil der Hauptmann, der Neffe der Frau
|
||
Grubach, so hieß — und wollte nun in allen Wohnungen nachfragen, ob
|
||
hier ein Tischler Lanz wohne, um so die Möglichkeit zu bekommen, in die
|
||
Zimmer hineinzusehen. Es zeigte sich aber, daß das meistens ohne
|
||
weiteres möglich war, denn fast alle Türen standen offen und die Kinder
|
||
liefen ein und aus. Es waren in der Regel kleine einfenstrige Zimmer,
|
||
in denen auch gekocht wurde. Manche Frauen hielten Säuglinge im Arm und
|
||
arbeiteten mit der freien Hand auf dem Herd. Halbwüchsige, scheinbar
|
||
nur mit Schürzen bekleidete Mädchen liefen am fleißigsten hin und her.
|
||
In allen Zimmern standen die Betten noch in Benutzung, es lagen dort
|
||
Kranke oder noch Schlafende oder Leute, die sich dort in Kleidern
|
||
streckten. An den Wohnungen, deren Türen geschlossen waren, klopfte K.
|
||
an und fragte, ob hier ein Tischler Lanz wohne. Meistens öffnete eine
|
||
Frau, hörte die Frage an und wandte sich ins Zimmer zu jemandem, der
|
||
sich aus dem Bett erhob. „Der Herr fragt, ob ein Tischler Lanz hier
|
||
wohnt.“ „Tischler Lanz?“ fragte der aus dem Bett. „Ja,“ sagte K.,
|
||
trotzdem sich hier die Untersuchungskommission zweifellos nicht befand
|
||
und daher seine Aufgabe beendet war. Viele glaubten, es liege K. sehr
|
||
viel daran, den Tischler Lanz zu finden, dachten lange nach, nannten
|
||
einen Tischler, der aber nicht Lanz hieß, oder einen Namen, der mit
|
||
Lanz eine ganz entfernte Ähnlichkeit hatte, oder sie fragten bei
|
||
Nachbarn oder begleiteten K. zu einer weit entfernten Tür, wo ihrer
|
||
Meinung nach ein derartiger Mann möglicherweise in Aftermiete wohne
|
||
oder wo jemand sei, der bessere Auskunft als sie selbst geben könne.
|
||
Schließlich mußte K. kaum mehr selbst fragen, sondern wurde auf diese
|
||
Weise durch die Stockwerke gezogen. Er bedauerte seinen Plan, der ihm
|
||
zuerst so praktisch erschienen war. Vor dem fünften Stockwerk entschloß
|
||
er sich die Suche aufzugeben, verabschiedete sich von einem
|
||
freundlichen jungen Arbeiter, der ihn weiter hinaufführen wollte, und
|
||
ging hinunter. Dann aber ärgerte ihn wieder das Nutzlose dieser ganzen
|
||
Unternehmung, er ging nochmals zurück und klopfte an die erste Tür des
|
||
fünften Stockwerkes. Das erste, was er in dem kleinen Zimmer sah, war
|
||
eine große Wanduhr, die schon 10 Uhr zeigte. „Wohnt ein Tischler Lanz
|
||
hier?“ fragte er. „Bitte,“ sagte eine junge Frau mit schwarzen
|
||
leuchtenden Augen, die gerade in einem Kübel Kinderwäsche wusch, und
|
||
zeigte mit der nassen Hand auf die offene Tür des Nebenzimmers.
|
||
|
||
K. glaubte in eine Versammlung einzutreten. Ein Gedränge der
|
||
verschiedensten Leute — niemand kümmerte sich um den Eintretenden —
|
||
füllte ein mittelgroßes zweifenstriges Zimmer, das knapp an der Decke
|
||
von einer Galerie umgeben war, die gleichfalls vollständig besetzt war
|
||
und wo die Leute nur gebückt stehen konnten und mit Kopf und Rücken an
|
||
die Decke stießen. K., dem die Luft zu dumpf war, trat wieder hinaus
|
||
und sagte zu der jungen Frau, die ihn wahrscheinlich falsch verstanden
|
||
hatte: „Ich habe nach einem Tischler, einem gewissen Lanz gefragt?“
|
||
„Ja,“ sagte die Frau, „gehen Sie bitte hinein.“ K. hätte ihr vielleicht
|
||
nicht gefolgt, wenn die Frau nicht auf ihn zugegangen wäre, die
|
||
Türklinke ergriffen und gesagt hätte: „Nach Ihnen muß ich schließen, es
|
||
darf niemand mehr hinein.“ „Sehr vernünftig,“ sagte K., „es ist aber
|
||
schon jetzt zu voll.“ Dann ging er aber doch wieder hinein.
|
||
|
||
Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür
|
||
unterhielten — der eine machte mit beiden weit vorgestreckten Händen
|
||
die Bewegung des Geldaufzählens, der andere sah ihm scharf in die Augen
|
||
— faßte eine Hand nach K. Es war ein kleiner rotbäckiger Junge. „Kommen
|
||
Sie, kommen Sie,“ sagte er. K. ließ sich von ihm führen, es zeigte
|
||
sich, daß in dem durcheinanderwimmelnden Gedränge doch ein schmaler Weg
|
||
frei war, der möglicherweise zwei Parteien schied; dafür sprach auch,
|
||
daß K. in den ersten Reihen rechts und links kaum ein ihm zugewendetes
|
||
Gesicht sah, sondern nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und
|
||
Bewegungen nur an Leute ihrer Partei richteten. Die meisten waren
|
||
schwarz angezogenen, in alten lange und lose hinunterhängenden
|
||
Feiertagsröcken. Nur diese Kleidung beirrte K., sonst hätte er das
|
||
ganze für eine politische Bezirksversammlung angesehen.
|
||
|
||
Am andern Ende des Saales, zu dem K. geführt wurde, stand auf einem
|
||
sehr niedrigen, gleichfalls überfüllten Podium ein kleiner Tisch, der
|
||
Quere nach aufgestellt, und hinter ihm nahe am Rand des Podiums saß ein
|
||
kleiner dicker schnaufender Mann, der sich gerade mit einem hinter ihm
|
||
Stehenden — dieser hatte den Ellbogen auf die Sessellehne gestützt und
|
||
die Beine gekreuzt — unter großem Gelächter unterhielt. Manchmal warf
|
||
er den Arm in die Luft, als karrikiere er jemanden. Der Junge, der K.
|
||
führte, hatte Mühe seine Meldung vorzubringen. Zweimal hatte er schon
|
||
auf den Fußspitzen stehend etwas auszurichten versucht, ohne von dem
|
||
Mann oben beachtet worden zu sein. Erst als einer der Leute oben auf
|
||
dem Podium auf den Jungen aufmerksam machte, wandte sich der Mann ihm
|
||
zu und hörte heruntergebeugt seinen leisen Bericht an. Dann zog er
|
||
seine Uhr und sah schnell nach K. hin. „Sie hätten vor 1 Stunde und 5
|
||
Minuten erscheinen sollen,“ sagte er. K. wollte etwas antworten, aber
|
||
er hatte keine Zeit, denn kaum hatte der Mann ausgesprochen, erhob sich
|
||
in der rechten Saalhälfte ein allgemeines Murren. „Sie hätten vor 1
|
||
Stunde und 5 Minuten erscheinen sollen,“ wiederholte nun der Mann mit
|
||
erhobener Stimme und sah nun auch schnell in den Saal hinunter. Sofort
|
||
wurde auch das Murren stärker und verlor sich, da der Mann nichts mehr
|
||
sagte, nur allmählich. Es war jetzt im Saal viel stiller als bei K.s
|
||
Eintritt. Nur die Leute auf der Galerie hörten nicht auf, ihre
|
||
Bemerkungen zu machen. Sie schienen, soweit man oben in dem Halbdunkel,
|
||
Dunst und Staub etwas unterscheiden konnte, schlechter angezogen zu
|
||
sein als die unten. Manche hatten Polster mitgebracht, die sie zwischen
|
||
den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten, um sich nicht
|
||
wundzudrücken.
|
||
|
||
K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden,
|
||
infolgedessen verzichtete er auf die Verteidigung wegen seines
|
||
angeblichen Zuspätkommens und sagte bloß: „Mag ich zu spät gekommen
|
||
sein, jetzt bin ich hier.“ Ein Beifallklatschen, wieder aus der rechten
|
||
Saalhälfte, folgte. „Leicht zu gewinnende Leute,“ dachte K. und war nur
|
||
gestört durch die Stille in der linken Saalhälfte, die gerade hinter
|
||
ihm lag und aus der sich nur ganz vereinzeltes Händeklatschen erhoben
|
||
hatte. Er dachte nach, was er sagen könnte, um alle auf einmal oder,
|
||
wenn das nicht möglich sein sollte, wenigstens zeitweilig auch die
|
||
andern zu gewinnen.
|
||
|
||
„Ja,“ sagte der Mann, „aber ich bin nicht mehr verpflichtet, Sie jetzt
|
||
zu verhören“ — wieder das Murren, diesmal aber mißverständlich, denn
|
||
der Mann fuhr, indem er den Leuten mit der Hand abwinkte, fort — „ich
|
||
will es jedoch ausnahmsweise heute noch tun. Eine solche Verspätung
|
||
darf sich aber nicht mehr wiederholen. Und nun treten Sie vor!“ Irgend
|
||
jemand sprang vom Podium herunter, so daß für K. ein Platz frei wurde,
|
||
auf den er hinaufstieg. Er stand eng an den Tisch gedrückt, das
|
||
Gedränge hinter ihm war so groß, daß er ihm Widerstand leisten mußte,
|
||
wollte er nicht den Tisch des Untersuchungsrichters und vielleicht auch
|
||
diesen selbst vom Podium hinunterstoßen.
|
||
|
||
Der Untersuchungsrichter kümmerte sich aber nicht darum, sondern saß
|
||
bequem genug auf seinem Sessel und griff, nachdem er dem Mann hinter
|
||
ihm ein abschließendes Wort gesagt hatte nach einem kleinen
|
||
Anmerkungsbuch, dem einzigen Gegenstand auf seinem Tisch. Es war
|
||
schulheftartig, alt, durch vieles Blättern ganz aus der Form gebracht.
|
||
„Also,“ sagte der Untersuchungsrichter, blätterte in dem Heft und
|
||
wendete sich im Tone einer Feststellung an K., „Sie sind Zimmermaler?“
|
||
„Nein,“ sagte K. „sondern erster Prokurist einer großen Bank.“ Dieser
|
||
Antwort folgte bei der rechten Partei ein Gelächter, das so herzlich
|
||
war, daß K. mitlachen mußte. Die Leute stützten sich mit den Händen auf
|
||
ihre Knie und schüttelten sich wie unter schweren Hustenanfällen. Es
|
||
lachten sogar einzelne auf der Galerie. Der ganz böse gewordene
|
||
Untersuchungsrichter, der wahrscheinlich gegen die Leute unten machtlos
|
||
war, suchte sich an der Galerie zu entschädigen, sprang auf, drohte der
|
||
Galerie, und seine sonst wenig auffallenden Augenbrauen drängten sich
|
||
buschig, schwarz und groß über seinen Augen.
|
||
|
||
Die linke Saalhälfte war aber noch immer still, die Leute standen dort
|
||
in Reihen, hatten ihre Gesichter dem Podium zugewendet und hörten die
|
||
Worte, die oben gewechselt wurden, ebenso ruhig an wie den Lärm der
|
||
andern Partei, sie duldeten sogar, daß einzelne aus ihren Reihen mit
|
||
der andern Partei hie und da gemeinsam vorgingen. Die Leute der linken
|
||
Partei, die übrigens weniger zahlreich war, mochten im Grunde ebenso
|
||
unbedeutend sein wie die der rechten Partei, aber die Ruhe ihres
|
||
Verhaltens ließ sie bedeutungsvoller erscheinen. Als K. jetzt zu reden
|
||
begann, war er überzeugt, in ihrem Sinne zu sprechen.
|
||
|
||
„Ihre Frage, Herr Untersuchungsrichter, ob ich Zimmermaler bin —
|
||
vielmehr Sie haben gar nicht gefragt, sondern es mir auf den Kopf
|
||
zugesagt — ist bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens, das gegen
|
||
mich geführt wird. Sie können einwenden, daß es ja überhaupt kein
|
||
Verfahren ist, Sie haben sehr Recht, denn es ist ja nur ein Verfahren,
|
||
wenn ich es als solches anerkenne. Aber ich erkenne es also für den
|
||
Augenblick jetzt an, aus Mitleid gewissermaßen. Man kann sich nicht
|
||
anders als mitleidig dazu stellen, wenn man es überhaupt beachten will.
|
||
Ich sage nicht, daß es ein liederliches Verfahren ist, aber ich möchte
|
||
Ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben.“
|
||
|
||
K. unterbrach sich und sah in den Saal hinunter. Was er gesagt hatte,
|
||
war scharf, schärfer als er es beabsichtigt hatte, aber doch richtig.
|
||
Es hätte Beifall hier oder dort verdient, es war jedoch alles still,
|
||
man wartete offenbar gespannt auf das Folgende, es bereitete sich
|
||
vielleicht in der Stille ein Ausbruch vor, der allem ein Ende machen
|
||
würde. Störend war es, daß sich jetzt die Tür am Saalende öffnete, die
|
||
junge Wäscherin, die ihre Arbeit wahrscheinlich beendet hatte, eintrat
|
||
und trotz aller Vorsicht, die sie aufwendete, einige Blicke auf sich
|
||
zog. Nur der Untersuchungsrichter machte K. unmittelbare Freude, denn
|
||
er schien von den Worten sofort getroffen zu werden. Er hatte bisher
|
||
stehend zugehört, denn er war von K.s Ansprache überrascht worden,
|
||
während er sich für die Galerie aufgerichtet hatte. Jetzt in der Pause
|
||
setzte er sich allmählich, als sollte es nicht bemerkt werden.
|
||
Wahrscheinlich, um seine Miene zu beruhigen, nahm er wieder das
|
||
Heftchen vor.
|
||
|
||
„Es hilft nichts,“ fuhr K. fort, „auch Ihr Heftchen, Herr
|
||
Untersuchungsrichter, bestätigt, was ich sage.“ Zufrieden damit, nur
|
||
seine ruhigen Worte in der fremden Versammlung zu hören, wagte es K.
|
||
sogar, kurzerhand das Heft dem Untersuchungsrichter wegzunehmen und es
|
||
mit den Fingerspitzen, als scheue er sich davor, an einem mittleren
|
||
Blatte hochzuheben, so daß beiderseits die engbeschriebenen, fleckigen,
|
||
gelbrandigen Blätter hinunterhingen. „Das sind die Akten des
|
||
Untersuchungsrichters,“ sagte er und ließ das Heft auf den Tisch
|
||
hinunterfallen. „Lesen Sie darin ruhig weiter, Herr
|
||
Untersuchungsrichter, vor diesem Schuldbuch fürchte ich mich wahrhaftig
|
||
nicht, trotzdem es mir unzugänglich ist, denn ich kann es nur mit zwei
|
||
Fingerspitzen anfassen und nicht in die Hand nehmen.“ Es konnte nur ein
|
||
Zeichen tiefer Demütigung sein oder es mußte zumindest so aufgefaßt
|
||
werden, daß der Untersuchungsrichter nach dem Heftchen, wie es auf den
|
||
Tisch gefallen war, griff, es ein wenig in Ordnung zu bringen suchte
|
||
und es wieder vornahm, um darin zu lesen.
|
||
|
||
Die Gesichter der Leute in der ersten Reihe waren so gespannt auf K.
|
||
gerichtet, daß er ein Weilchen lang zu ihnen hinuntersah. Es waren
|
||
durchwegs ältere Männer, einige waren weißbärtig. Waren vielleicht sie
|
||
die Entscheidenden, die die ganze Versammlung beeinflussen konnten,
|
||
welche auch durch die Demütigung des Untersuchungsrichters sich nicht
|
||
aus der Regungslosigkeit bringen ließ, in welche sie seit K.s Rede
|
||
versunken war.
|
||
|
||
„Was mir geschehen ist,“ fuhr K. fort, etwas leiser als früher, und
|
||
suchte immer wieder die Gesichter der ersten Reihe ab, was seiner Rede
|
||
einen etwas fahrigen Ausdruck gab, „was mir geschehen ist, ist ja nur
|
||
ein einzelner Fall und als solcher nicht sehr wichtig, da ich es nicht
|
||
sehr schwer nehme, aber es ist das Zeichen eines Verfahrens, wie es
|
||
gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“
|
||
|
||
Er hatte unwillkürlich seine Stimme erhoben. Irgendwo klatschte jemand
|
||
mit erhobenen Händen und rief: „Bravo! Warum denn nicht? Bravo! Und
|
||
wieder Bravo!“ Die in der ersten Reihe griffen hie und da in ihre
|
||
Barte, keiner kehrte sich wegen des Ausrufs um. Auch K. maß ihm keine
|
||
Bedeutung bei, war aber doch aufgemuntert; er hielt es jetzt gar nicht
|
||
mehr für nötig, daß alle Beifall klatschten, es genügte, wenn die
|
||
Allgemeinheit über die Sache nachzudenken begann und nur manchmal einer
|
||
durch Überredung gewonnen wurde.
|
||
|
||
„Ich will nicht Rednererfolg,“ sagte K. aus dieser Überlegung heraus,
|
||
„er dürfte mir auch nicht erreichbar sein. Der Herr
|
||
Untersuchungsrichter spricht wahrscheinlich viel besser, es gehört ja
|
||
zu seinem Beruf. Was ich will, ist nur die öffentliche Besprechung
|
||
eines öffentlichen Mißstandes. Hören Sie: Ich bin vor etwa 10 Tagen
|
||
verhaftet worden, über die Tatsache der Verhaftung selbst lache ich,
|
||
aber das gehört jetzt nicht hierher. Ich wurde früh im Bett überfallen,
|
||
vielleicht hatte man — es ist nach dem, was der Untersuchungsrichter
|
||
sagte, nicht ausgeschlossen — den Befehl, irgendeinen Zimmermaler, der
|
||
ebenso unschuldig ist wie ich, zu verhaften, aber man wählte mich. Das
|
||
Nebenzimmer war von zwei groben Wächtern besetzt. Wenn ich ein
|
||
gefährlicher Räuber wäre, hätte man nicht bessere Vorsorge treffen
|
||
können. Diese Wächter waren überdies demoralisiertes Gesindel, sie
|
||
schwätzten mir die Ohren voll, sie wollten sich bestechen lassen, sie
|
||
wollten mir unter Vorspiegelungen Wäsche und Kleider herauslocken, sie
|
||
wollten Geld, um mir angeblich ein Frühstück zu bringen, nachdem sie
|
||
mein eigenes Frühstück vor meinen Augen schamlos aufgegessen hatten.
|
||
Nicht genug daran. Ich wurde in ein drittes Zimmer vor den Aufseher
|
||
geführt. Es war das Zimmer einer Dame, die ich sehr schätze, und ich
|
||
mußte zusehen, wie dieses Zimmer meinetwegen, aber ohne meine Schuld
|
||
durch die Anwesenheit der Wächter und des Aufsehers gewissermaßen
|
||
verunreinigt wurde. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. Es gelang
|
||
mir aber, und ich fragte den Aufseher vollständig ruhig — wenn er hier
|
||
wäre, müßte er es bestätigen — warum ich verhaftet sei. Was antwortete
|
||
nun dieser Aufseher, den ich jetzt noch vor mir sehe, wie er auf dem
|
||
Sessel der erwähnten Dame als eine Darstellung des stumpfsinnigsten
|
||
Hochmuts sitzt? Meine Herren, er antwortete im Grunde nichts,
|
||
vielleicht wußte er wirklich nichts, er hatte mich verhaftet und war
|
||
damit zufrieden. Er hat sogar noch ein übriges getan und in das Zimmer
|
||
jener Dame drei niedrige Angestellte meiner Bank gebracht, die sich
|
||
damit beschäftigten, Photographien, Eigentum der Dame, zu betasten und
|
||
in Unordnung zu bringen. Die Anwesenheit dieser Angestellten hatte
|
||
natürlich noch einen andern Zweck, sie sollten, ebenso wie meine
|
||
Vermieterin und ihr Dienstmädchen, die Nachricht von meiner Verhaftung
|
||
verbreiten, mein öffentliches Ansehen schädigen und insbesondere in der
|
||
Bank meine Stellung erschüttern. Nun ist nichts davon, auch nicht im
|
||
geringsten, gelungen, selbst meine Vermieterin, eine ganz einfache
|
||
Person — ich will ihren Namen hier in ehrendem Sinne nennen, sie heißt
|
||
Frau Grubach — selbst Frau Grubach war verständig genug einzusehen, daß
|
||
eine solche Verhaftung nicht mehr bedeutet als ein Anschlag, den nicht
|
||
genügend beaufsichtigte Jungen auf der Gasse ausführen. Ich wiederhole,
|
||
mir hat das Ganze nur Unannehmlichkeiten und vorübergehenden Ärger
|
||
bereitet, hätte es aber nicht auch schlimmere Folgen haben können?“
|
||
|
||
Als K. sich hier unterbrach und nach dem stillen Untersuchungsrichter
|
||
hinsah, glaubte er zu bemerken, daß dieser gerade mit einem Blick
|
||
jemandem in der Menge ein Zeichen gab. K. lächelte und sagte: „Eben
|
||
gibt hier neben mir der Herr Untersuchungsrichter jemandem von Ihnen
|
||
ein geheimes Zeichen. Es sind also Leute unter Ihnen, die von hier oben
|
||
dirigiert werden. Ich weiß nicht, ob das Zeichen jetzt Zischen oder
|
||
Beifall bewirken sollte, und verzichte dadurch, daß ich die Sache
|
||
vorzeitig verrate, ganz bewußt darauf, die Bedeutung des Zeichens zu
|
||
erfahren. Es ist mir vollständig gleichgültig, und ich ermächtige den
|
||
Herrn Untersuchungsrichter öffentlich, seine bezahlten Angestellten
|
||
dort unten statt mit geheimen Zeichen, laut mit Worten zu befehligen,
|
||
indem er etwa einmal sagt: Jetzt zischt, und das nächste Mal: Jetzt
|
||
klatscht.“
|
||
|
||
In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf
|
||
seinem Sessel hin und her. Der Mann hinter ihm, mit dem er sich schon
|
||
früher unterhalten hatte, beugte sich wieder zu ihm, sei es, um ihm im
|
||
allgemeinen Mut zuzusprechen oder um ihm einen besondern Rat zu geben.
|
||
Unten unterhielten sich die Leute leise, aber lebhaft. Die zwei
|
||
Parteien, die früher so entgegengesetzte Meinungen gehabt zu haben
|
||
schienen, vermischten sich, einzelne Leute zeigten mit dem Finger auf
|
||
K., andere auf den Untersuchungsrichter. Der neblige Dunst im Zimmer
|
||
war äußerst lästig, er verhinderte sogar eine genauere Beobachtung der
|
||
Fernerstehenden. Besonders für die Galeriebesucher mußte er störend
|
||
sein, sie waren gezwungen, allerdings unter scheuen Seitenblicken nach
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||
dem Untersuchungsrichter, leise Fragen an die Versammlungsteilnehmer zu
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stellen, um sich näher zu unterrichten. Die Antworten wurden im Schutz
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der vorgehaltenen Hände ebenso leise gegeben.
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„Ich bin gleich zu Ende,“ sagte K. und schlug, da keine Glocke
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vorhanden war, mit der Faust auf den Tisch. Im Schrecken darüber fuhren
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die Köpfe des Untersuchungsrichters und seines Ratgebers augenblicklich
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auseinander: „Mir steht die ganze Sache fern, ich beurteile sie daher
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ruhig, und Sie können, vorausgesetzt, daß Ihnen an diesem angeblichen
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Gericht etwas gelegen ist, großen Vorteil davon haben, wenn Sie mir
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zuhören. Ihre gegenseitigen Besprechungen dessen, was ich vorbringe,
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bitte ich Sie für späterhin zu verschieben, denn ich habe keine Zeit
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und werde bald weggehn.“
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Sofort war es still, so sehr beherrschte schon K. die Versammlung. Man
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schrie nicht mehr durcheinander wie am Anfang, man klatschte nicht
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einmal mehr Beifall, aber man schien schon überzeugt oder auf dem
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nächsten Wege dazu.
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„Es ist kein Zweifel,“ sagte K. sehr leise, denn ihn freute das
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angespannte Aufhorchen der ganzen Versammlung, in dieser Stille
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entstand ein Sausen, das aufreizender war als der verzückteste Beifall,
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„es ist kein Zweifel, daß hinter allen Äußerungen dieses Gerichtes, in
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meinem Fall also hinter der Verhaftung und der heutigen Untersuchung
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eine große Organisation sich befindet. Eine Organisation, die nicht nur
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bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter, die
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günstigsten Falles bescheiden sind, beschäftigt, sondern die weiterhin
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jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit
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dem zahllosen unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen
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und andern Hilfskräften, vielleicht sogar Henkern, ich scheue vor dem
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Wort nicht zurück. Und der Sinn dieser großen Organisation, meine
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Herren? Er besteht darin, daß unschuldige Personen verhaftet werden und
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gegen sie ein sinnloses und meistens wie in meinem Fall ergebnisloses
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Verfahren eingeleitet wird. Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des
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Ganzen die schlimmste Korruption der Beamtenschaft vertuschen? Das ist
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unmöglich, das brächte auch der höchste Richter nicht einmal für sich
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selbst zustande. Darum suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider
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vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein,
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darum sollen Unschuldige statt verhört lieber vor ganzen Versammlungen
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entwürdigt werden. Die Wächter haben nur von Depots erzählt, in die man
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das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese
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Depotplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der
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Verhafteten fault, soweit es nicht von diebischen Depotbeamten
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gestohlen ist.“
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K. wurde durch ein Kreischen vom Saalende unterbrochen, er beschattete
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die Augen, um hinsehen zu können, denn das trübe Tageslicht machte den
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Dunst weißlich und blendete. Es handelte sich um die Waschfrau, die K.
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gleich bei ihrem Eintritt als eine wesentliche Störung erkannt hatte.
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Ob sie jetzt schuldig war oder nicht, konnte man nicht erkennen. K. sah
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||
nur, daß ein Mann sie in einen Winkel bei der Tür gezogen hatte und
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dort an sich drückte. Aber nicht sie kreischte, sondern der Mann, er
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hatte den Mund breit gezogen und blickte zur Decke. Ein kleiner Kreis
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hatte sich um beide gebildet, die Galeriebesucher in der Nähe schienen
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darüber begeistert, daß der Ernst, den K. in die Versammlung eingeführt
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hatte, auf diese Weise unterbrochen wurde. K. wollte unter dem ersten
|
||
Eindruck gleich hinlaufen, auch dachte er, allen würde daran gelegen
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sein, dort Ordnung zu schaffen und zumindest das Paar aus dem Saal zu
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weisen, aber die ersten Reihen vor ihm blieben ganz fest, keiner rührte
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sich und keiner ließ K. durch. Im Gegenteil, man hinderte ihn, und
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||
irgendeine Hand — er hatte nicht Zeit sich umzudrehn — faßte ihn hinten
|
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am Kragen, alte Männer hielten den Arm vor, K. dachte nicht eigentlich
|
||
mehr an das Paar, ihm war, als werde seine Freiheit eingeschränkt, als
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mache man mit der Verhaftung ernst und er sprang rücksichtslos vom
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Podium hinunter. Nun stand er Aug’ an Aug’ dem Gedränge gegenüber.
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||
Hatte er die Leute nicht richtig beurteilt? Hatte er seiner Rede zuviel
|
||
Wirkung zugetraut? Hatte man sich verstellt, solange er gesprochen
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hatte, und hatte man jetzt, da er zu den Schlußfolgerungen kam, die
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||
Verstellung satt? Was für Gesichter rings um ihn! Kleine schwarze
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Äuglein huschten hin und her, die Wangen hingen herab wie bei
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Versoffenen, die langen Bärte waren steif und schütter, und griff man
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||
in sie, so war es, als bilde man bloß Krallen, nicht als griffe man an
|
||
Bärte. Unter den Bärten aber — und das war die eigentliche Entdeckung,
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die K. machte — schimmerten am Rockkragen Abzeichen in verschiedener
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||
Größe und Farbe. Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte.
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||
Alle gehörten zueinander, die scheinbaren Parteien rechts und links,
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||
und als er sich plötzlich umdrehte, sah er die gleichen Abzeichen am
|
||
Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im Schoß, ruhig
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hinuntersah. „So,“ rief K. und warf die Arme in die Höhe, die
|
||
plötzliche Erkenntnis wollte Raum, „ihr seid ja alle Beamte, wie ich
|
||
sehe, ihr seid ja die korrupte Bande, gegen die ich sprach, ihr habt
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||
euch hier gedrängt, als Zuhörer und Schnüffler, habt scheinbar Parteien
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||
gebildet, und eine hat applaudiert, um mich zu prüfen, ihr wolltet
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||
lernen, wie man Unschuldige verführen soll. Nun, ihr seid richtig
|
||
nutzlos hier gewesen, hoffe ich, entweder habt ihr euch darüber
|
||
unterhalten, daß jemand die Verteidigung der Unschuld von euch erwartet
|
||
hat, oder aber — laß mich oder ich schlage,“ rief K. einem zitternden
|
||
Greis zu, der sich besonders nahe an ihn geschoben hatte — „oder aber
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||
ihr habt wirklich etwas gelernt. Und damit wünsche ich euch Glück zu
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||
eurem Gewerbe.“ Er nahm schnell seinen Hut, der am Rand des Tisches
|
||
lag, und drängte sich unter allgemeiner Stille, jedenfalls der Stille
|
||
vollkommenster Überraschung, zum Ausgang. Der Untersuchungsrichter
|
||
schien aber noch schneller als K. gewesen zu sein, denn er erwartete
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||
ihn bei der Tür. „Einen Augenblick,“ sagte er. K. blieb stehen, sah
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||
aber nicht auf den Untersuchungsrichter, sondern auf die Tür, deren
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||
Klinke er schon ergriffen hatte. „Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam
|
||
machen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „daß Sie sich heute — es
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||
dürfte Ihnen noch nicht zu Bewußtsein gekommen sein — des Vorteils
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||
beraubt haben, den ein Verhör für den Verhafteten in jedem Falle
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bedeutet.“ K. lachte die Tür an. „Ihr Lumpen, ich schenke euch alle
|
||
Verhöre,“ rief er, öffnete die Tür und eilte die Treppe hinunter.
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||
Hinter ihm erhob sich der Lärm der wieder lebendig gewordenen
|
||
Versammlung, welche die Vorfälle nach Art von Studierenden zu
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besprechen begann.
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DRITTES KAPITEL
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IM LEEREN SITZUNGSSAAL · DER STUDENT · DIE KANZLEIEN
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K. wartete während der nächsten Woche von Tag zu Tag auf eine
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neuerliche Verständigung, er konnte nicht glauben, daß man seinen
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||
Verzicht auf Verhör wörtlich genommen hatte, und als die erwartete
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||
Verständigung bis Sonntagabend wirklich nicht kam, nahm er an, er sei
|
||
stillschweigend in das gleiche Haus für die gleiche Zeit wieder
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||
vorgeladen. Er begab sich daher Sonntags wieder hin, ging diesmal
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||
geradewegs über Treppen und Gänge; einige Leute, die sich seiner
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||
erinnerten, grüßten ihn an ihren Türen, aber er mußte niemanden mehr
|
||
fragen und kam bald zu der richtigen Tür. Auf sein Klopfen wurde ihm
|
||
gleich aufgemacht, und ohne sich weiter nach der bekannten Frau
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||
umzusehn, die bei der Tür stehen blieb, wollte er gleich ins
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||
Nebenzimmer. „Heute ist keine Sitzung,“ sagte die Frau. „Warum sollte
|
||
keine Sitzung sein?“ fragte er und wollte es nicht glauben. Aber die
|
||
Frau überzeugte ihn, indem sie die Tür des Nebenzimmers öffnete. Es war
|
||
wirklich leer und sah in seiner Leere noch kläglicher aus, als am
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||
letzten Sonntag. Auf dem Tisch, der unverändert auf dem Podium stand,
|
||
lagen einige Bücher. „Kann ich mir die Bücher anschauen,“ fragte K.,
|
||
nicht aus besonderer Neugierde, sondern nur um nicht vollständig
|
||
nutzlos hier gewesen zu sein. „Nein,“ sagte die Frau und schloß wieder
|
||
die Tür, „das ist nicht erlaubt. Die Bücher gehören dem
|
||
Untersuchungsrichter.“ „Ach so,“ sagte K. und nickte, „die Bücher sind
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||
wohl Gesetzbücher und es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, daß
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||
man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird.“ „Es
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||
wird so sein,“ sagte die Frau, die ihn nicht genau verstanden hatte.
|
||
„Nun, dann gehe ich wieder,“ sagte K. „Soll ich dem
|
||
Untersuchungsrichter etwas melden?“ fragte die Frau. „Sie kennen ihn?“
|
||
fragte K. „Natürlich,“ sagte die Frau, „mein Mann ist ja
|
||
Gerichtsdiener.“ Erst jetzt merkte K., daß das Zimmer, in dem letzthin
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||
nur ein Waschbottich gestanden war, jetzt ein völlig eingerichtetes
|
||
Wohnzimmer bildete. Die Frau bemerkte sein Staunen und sagte: „Ja, wir
|
||
haben hier freie Wohnung, müssen aber an Sitzungstagen das Zimmer
|
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ausräumen. Die Stellung meines Mannes hat manche Nachteile.“ „Ich
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||
staune nicht so sehr über das Zimmer,“ sagte K. und blickte sie böse
|
||
an, „als vielmehr darüber, daß Sie verheiratet sind.“ „Spielen Sie
|
||
vielleicht auf den Vorfall in der letzten Sitzung an, durch den ich
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Ihre Rede störte,“ fragte die Frau. „Natürlich,“ sagte K., „heute ist
|
||
es ja schon vorüber und fast vergessen, aber damals hat es mich
|
||
geradezu wütend gemacht. Und nun sagen Sie selbst, daß Sie eine
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||
verheiratete Frau sind.“ „Es war nicht zu Ihrem Nachteil, daß Ihre Rede
|
||
abgebrochen wurde. Man hat nachher noch sehr ungünstig über sie
|
||
geurteilt.“ „Mag sein,“ sagte K. ablenkend, „aber Sie entschuldigt das
|
||
nicht.“ „Ich bin vor allen entschuldigt, die mich kennen,“ sagte die
|
||
Frau, „der, welcher mich damals umarmt hat, verfolgt mich schon seit
|
||
langem. Ich mag im allgemeinen nicht verlockend sein, für ihn bin ich
|
||
es aber. Es gibt hiefür keinen Schutz, auch mein Mann hat sich schon
|
||
damit abgefunden; will er seine Stellung behalten, muß er es dulden,
|
||
denn jener Mann ist Student und wird voraussichtlich zu größerer Macht
|
||
kommen. Er ist immerfort hinter mir her, gerade ehe Sie kamen, ist er
|
||
fortgegangen.“ „Es paßt zu allem andern,“ sagte K., „es überrascht mich
|
||
nicht.“ „Sie wollen hier wohl einiges verbessern,“ fragte die Frau
|
||
langsam und prüfend, als sage sie etwas, was sowohl für sie als für K.
|
||
gefährlich war. „Ich habe das schon aus Ihrer Rede geschlossen, die mir
|
||
persönlich sehr gut gefallen hat. Ich habe allerdings nur einen Teil
|
||
gehört, den Anfang habe ich versäumt und während des Schlusses lag ich
|
||
mit dem Studenten auf dem Boden. — Es ist ja so widerlich hier,“ sagte
|
||
sie nach einer Pause und faßte K.s Hand. „Glauben Sie, daß es Ihnen
|
||
gelingen wird, eine Besserung zu erreichen?“ K. lächelte und drehte
|
||
seine Hand ein wenig in ihren weichen Händen. „Eigentlich,“ sagte er,
|
||
„bin ich nicht dazu angestellt, Besserungen hier zu erreichen, wie Sie
|
||
sich ausdrücken, und wenn Sie es z. B. dem Untersuchungsrichter sagen
|
||
würden, würden Sie ausgelacht oder bestraft werden. Tatsächlich hätte
|
||
ich mich auch aus freiem Willen in diese Dinge gewiß nicht eingemischt
|
||
und meinen Schlaf hätte die Verbesserungsbedürftigkeit dieses
|
||
Gerichtswesens niemals gestört. Aber ich bin dadurch, daß ich angeblich
|
||
verhaftet wurde — ich bin nämlich verhaftet — gezwungen worden, hier
|
||
einzugreifen, und zwar um meinetwillen. Wenn ich aber dabei auch Ihnen
|
||
irgendwie nützlich sein kann, werde ich es natürlich sehr gerne tun.
|
||
Nicht etwa nur aus Nächstenliebe, sondern außerdem deshalb, weil auch
|
||
Sie mir helfen können.“ „Wie könnte ich denn das,“ fragte die Frau.
|
||
„Indem Sie mir z. B. jetzt die Bücher dort auf dem Tisch zeigen.“ „Aber
|
||
gewiß,“ rief die Frau und zog ihn eiligst hinter sich her. Es waren
|
||
alte abgegriffene Bücher, ein Einbanddeckel war in der Mitte fast
|
||
zerbrochen, die Stücke hingen nur durch Fasern zusammen. „Wie schmutzig
|
||
hier alles ist,“ sagte K. kopfschüttelnd und die Frau wischte mit ihrer
|
||
Schürze, ehe K. nach den Büchern greifen konnte, wenigstens
|
||
oberflächlich den Staub weg. K. schlug das erste Buch auf, es erschien
|
||
ein unanständiges Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf dem
|
||
Kanapee, die gemeine Absicht des Zeichners war deutlich zu erkennen,
|
||
aber seine Ungeschicklichkeit war so groß gewesen, daß schließlich doch
|
||
nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu körperlich aus dem
|
||
Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und sich infolge
|
||
falscher Perspektive nur mühsam einander zuwendeten. K. blätterte nicht
|
||
weiter, sondern schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf,
|
||
es war ein Roman mit dem Titel: „Die Plagen, welche Grete von ihrem
|
||
Manne Hans zu erleiden hatte.“ „Das sind die Gesetzbücher, die hier
|
||
studiert werden,“ sagte K., „von solchen Menschen soll ich gerichtet
|
||
werden.“ „Ich werde Ihnen helfen,“ sagte die Frau. „Wollen Sie?“
|
||
„Könnten Sie denn das wirklich, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen?
|
||
Sie sagten doch vorhin, Ihr Mann sei sehr abhängig von Vorgesetzten.“
|
||
„Trotzdem will ich Ihnen helfen,“ sagte die Frau, „kommen Sie, wir
|
||
müssen es besprechen. Über meine Gefahr reden Sie nicht mehr, ich
|
||
fürchte die Gefahr nur dort, wo ich sie fürchten will. Kommen Sie.“ Sie
|
||
zeigte auf das Podium und bat ihn, sich mit ihr auf die Stufe zu
|
||
setzen. „Sie haben schöne dunkle Augen,“ sagte sie, nachdem sie sich
|
||
gesetzt hatten und sah K. von unten ins Gesicht, „man sagt mir, ich
|
||
hätte auch schöne Augen, aber Ihre sind viel schöner. Sie fielen mir
|
||
übrigens gleich damals auf, als Sie zum erstenmal hier eintraten. Sie
|
||
waren auch der Grund, warum ich dann später hierher ins
|
||
Versammlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar
|
||
gewissermaßen verboten ist.“ ‚Das ist also alles,‘ dachte K., ‚sie
|
||
bietet sich mir an, sie ist verdorben wie alle hier rings herum, sie
|
||
hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt
|
||
deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner
|
||
Augen.‘ Und K. stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken
|
||
laut ausgesprochen und dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. „Ich
|
||
glaube nicht, daß Sie mir helfen könnten,“ sagte er, „um mir wirklich
|
||
zu helfen, müßte man Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie aber
|
||
kennen gewiß nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen
|
||
herumtreiben. Diese kennen Sie gewiß sehr gut und könnten bei ihnen
|
||
auch manches durchsetzen, das bezweifle ich nicht, aber das Größte, was
|
||
man bei ihnen durchsetzen könnte, wäre für den endgültigen Ausgang des
|
||
Prozesses gänzlich belanglos. Sie aber hätten sich dadurch doch einige
|
||
Freunde verscherzt. Das will ich nicht. Führen Sie Ihr bisheriges
|
||
Verhältnis zu diesen Leuten weiter, es scheint mir nämlich, daß es
|
||
Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das nicht ohne Bedauern, denn, um Ihr
|
||
Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern, auch Sie gefallen mir gut,
|
||
besonders wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehn, wozu übrigens für
|
||
Sie gar kein Grund ist. Sie gehören zu der Gesellschaft, die ich
|
||
bekämpfen muß, befinden sich aber in ihr sehr wohl, Sie lieben sogar
|
||
den Studenten, und wenn Sie ihn nicht lieben, so ziehen Sie ihn doch
|
||
wenigstens Ihrem Manne vor. Das konnte man aus Ihren Worten leicht
|
||
erkennen.“ „Nein,“ rief sie, blieb sitzen und griff nur nach K.s Hand,
|
||
die er ihr nicht rasch genug entzog. „Sie dürfen jetzt nicht weggehn,
|
||
Sie dürfen nicht mit einem falschen Urteil über mich weggehn. Brächten
|
||
Sie es wirklich zustande, jetzt wegzugehn? Bin ich wirklich so wertlos,
|
||
daß Sie mir nicht einmal den Gefallen tun wollen, noch ein kleines
|
||
Weilchen hierzubleiben?“ „Sie mißverstehen mich,“ sagte K. und setzte
|
||
sich, „wenn Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich
|
||
gern, ich habe ja Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute
|
||
eine Verhandlung sein werde. Mit dem, was ich früher sagte, wollte ich
|
||
Sie nur bitten, in meinem Prozeß nichts für mich zu unternehmen. Aber
|
||
auch das muß Sie nicht kränken, wenn Sie bedenken, daß mir am Ausgang
|
||
des Prozesses gar nichts liegt und daß ich über eine Verurteilung nur
|
||
lachen werde. Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einem wirklichen
|
||
Abschluß des Prozesses kommt, was ich sehr bezweifle. Ich glaube
|
||
vielmehr, daß das Verfahren infolge Faulheit oder Vergeßlichkeit oder
|
||
vielleicht sogar infolge Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist
|
||
oder in der nächsten Zeit abgebrochen werden wird. Möglich ist
|
||
allerdings auch, daß man in Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung
|
||
den Prozeß scheinbar weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute
|
||
schon sagen kann, denn ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine
|
||
Gefälligkeit, die Sie mir leisten könnten, wenn Sie dem
|
||
Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst, der wichtige
|
||
Nachrichten gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich niemals und
|
||
durch keine Kunststücke, an denen die Herren wohl reich sind, zu einer
|
||
Bestechung zu bewegen sein werde. Es wäre ganz aussichtslos, das können
|
||
Sie ihnen offen sagen. Übrigens wird man es vielleicht selbst schon
|
||
bemerkt haben und selbst wenn dies nicht sein sollte, liegt mir gar
|
||
nicht soviel daran, daß man es jetzt schon erfährt. Es würde ja dadurch
|
||
den Herren nur Arbeit erspart werden, allerdings auch mir einige
|
||
Unannehmlichkeiten, die ich aber gern auf mich nehme, wenn ich weiß,
|
||
daß jede gleichzeitig ein Hieb für die andern ist. Und daß es so wird,
|
||
dafür will ich sorgen. Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?“
|
||
„Natürlich,“ sagte die Frau, „an den dachte ich sogar zuerst, als ich
|
||
Ihnen Hilfe anbot. Ich wußte nicht, daß er nur ein niedriger Beamter
|
||
ist, aber da Sie es sagen, wird es wahrscheinlich richtig sein.
|
||
Trotzdem glaube ich, daß der Bericht, den er nach oben liefert,
|
||
immerhin einigen Einfluß hat. Und er schreibt soviel Berichte. Sie
|
||
sagen, daß die Beamten faul sind, alle gewiß nicht, besonders dieser
|
||
Untersuchungsrichter nicht, er schreibt sehr viel. Letzten Sonntag z.
|
||
B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg, der
|
||
Untersuchungsrichter aber blieb im Saal, ich mußte ihm eine Lampe
|
||
bringen, ich hatte nur eine kleine Küchenlampe, aber er war mit ihr
|
||
zufrieden und fing gleich zu schreiben an. Inzwischen war auch mein
|
||
Mann gekommen, der an jenem Sonntag gerade Urlaub hatte, wir holten die
|
||
Möbel, richteten wieder unser Zimmer ein, es kamen dann noch Nachbarn,
|
||
wir unterhielten uns noch bei einer Kerze, kurz, wir vergaßen den
|
||
Untersuchungsrichter und gingen schlafen. Plötzlich in der Nacht, es
|
||
muß schon tief in der Nacht gewesen sein, wache ich auf, neben dem Bett
|
||
steht der Untersuchungsrichter und blendet die Lampe mit der Hand ab,
|
||
so daß auf meinen Mann kein Licht fällt, es war unnötige Vorsicht, mein
|
||
Mann hat einen solchen Schlaf, daß ihn auch das Licht nicht geweckt
|
||
hätte. Ich war so erschrocken, daß ich fast geschrien hätte, aber der
|
||
Untersuchungsrichter war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht,
|
||
flüsterte mir zu, daß er bis jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt
|
||
die Lampe zurückbringe und daß er niemals den Anblick vergessen werde,
|
||
wie er mich schlafend gefunden habe. Mit dem allen wollte ich Ihnen nur
|
||
sagen, daß der Untersuchungsrichter tatsächlich viele Berichte
|
||
schreibt, insbesondere über Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer
|
||
der Hauptgegenstände der zweitägigen Sitzung. Solche lange Berichte
|
||
können aber doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem aber können
|
||
Sie doch auch aus dem Vorfall sehn, daß sich der Untersuchungsrichter
|
||
um mich bewirbt und daß ich gerade jetzt in der ersten Zeit, er muß
|
||
mich überhaupt erst jetzt bemerkt haben, großen Einfluß auf ihn haben
|
||
kann. Daß ihm viel an mir liegt, dafür habe ich jetzt auch noch andere
|
||
Beweise. Er hat mir gestern durch den Studenten, zu dem er viel
|
||
Vertrauen hat und der sein Mitarbeiter ist, seidene Strümpfe zum
|
||
Geschenk geschickt, angeblich dafür, daß ich das Sitzungszimmer
|
||
aufräume, aber das ist nur ein Vorwand, denn diese Arbeit ist doch nur
|
||
meine Pflicht und für sie wird mein Mann bezahlt. Es sind schöne
|
||
Strümpfe, sehen Sie — sie streckte die Beine, zog die Röcke bis zum
|
||
Knie hinauf und sah auch selbst die Strümpfe an — es sind schöne
|
||
Strümpfe, aber doch eigentlich zu fein und für mich nicht geeignet.“
|
||
|
||
Plötzlich unterbrach sie sich, legte ihre Hand auf K.s Hand, als wolle
|
||
sie ihn beruhigen und flüsterte: „Still, Bertold sieht uns zu.“ K. hob
|
||
langsam den Blick. In der Tür des Sitzungszimmers stand ein junger
|
||
Mann, er war klein, hatte nicht ganz gerade Beine und suchte sich durch
|
||
einen kurzen schüttern rötlichen Vollbart, in dem er die Finger
|
||
fortwährend herumführte, Würde zu geben. K. sah ihn neugierig an, es
|
||
war ja der erste Student der unbekannten Rechtswissenschaft, dem er
|
||
gewissermaßen menschlich begegnete, ein Mann, der wahrscheinlich auch
|
||
einmal zu höhern Beamtenstellen gelangen würde. Der Student dagegen
|
||
kümmerte sich um K. scheinbar gar nicht, er winkte nur mit einem
|
||
Finger, den er für einen Augenblick aus seinem Barte zog, der Frau und
|
||
ging zum Fenster, die Frau beugte sich zu K. und flüsterte: „Seien Sie
|
||
mir nicht böse, ich bitte Sie vielmals, denken Sie auch nicht schlecht
|
||
von mir, ich muß jetzt zu ihm gehn, zu diesem scheußlichen Menschen,
|
||
sehn Sie nur seine krummen Beine an. Aber ich komme gleich zurück und
|
||
dann geh ich mit Ihnen, wenn Sie mich mitnehmen, ich gehe, wohin Sie
|
||
wollen, Sie können mit mir tun, was Sie wollen, ich werde glücklich
|
||
sein, wenn ich von hier für möglichst lange Zeit fort bin, am liebsten
|
||
allerdings für immer.“ Sie streichelte noch K.s Hand, sprang auf und
|
||
lief zum Fenster. Unwillkürlich haschte noch K. nach ihrer Hand ins
|
||
Leere. Die Frau verlockte ihn wirklich, er fand trotz allem Nachdenken
|
||
keinen haltbaren Grund dafür, warum er der Verlockung nicht nachgeben
|
||
sollte. Den flüchtigen Einwand, daß ihn die Frau für das Gericht
|
||
einfange, wehrte er ohne Mühe ab. Auf welche Weise konnte sie ihn
|
||
einfangen? Blieb er nicht immer so frei, daß er das ganze Gericht,
|
||
wenigstens soweit es ihn betraf, sofort zerschlagen konnte? Konnte er
|
||
nicht dieses geringe Vertrauen zu sich haben? Und ihr Anerbieten einer
|
||
Hilfe klang aufrichtig und war vielleicht nicht wertlos. Und es gab
|
||
vielleicht keine bessere Rache an dem Untersuchungsrichter und seinem
|
||
Anhang, als daß er ihnen diese Frau entzog und an sich nahm. Es könnte
|
||
sich dann einmal der Fall ereignen, daß der Untersuchungsrichter nach
|
||
mühevoller Arbeit an Lügenberichten über K. in später Nacht das Bett
|
||
der Frau leer fand. Und leer deshalb, weil sie K. gehörte, weil diese
|
||
Frau am Fenster, dieser üppige gelenkige warme Körper im dunklen Kleid
|
||
aus grobem schweren Stoff durchaus nur K. gehörte.
|
||
|
||
Nachdem er auf diese Weise die Bedenken gegen die Frau beseitigt hatte,
|
||
wurde ihm das leise Zwiegespräch am Fenster zu lang, er klopfte mit den
|
||
Knöcheln auf das Podium und dann auch mit der Faust. Der Student sah
|
||
kurz über die Schulter der Frau hinweg nach K. hin, ließ sich aber
|
||
nicht stören, ja drückte sich sogar enger an die Frau und umfaßte sie.
|
||
Sie senkte tief den Kopf, als höre sie ihm aufmerksam zu, er küßte sie,
|
||
als sie sich bückte, laut auf den Hals, ohne sich im Reden wesentlich
|
||
zu unterbrechen. K. sah darin die Tyrannei bestätigt, die der Student
|
||
nach den Klagen der Frau über sie ausübte, stand auf und ging im Zimmer
|
||
auf und ab. Er überlegte unter Seitenblicken nach dem Studenten, wie er
|
||
ihn möglichst schnell wegschaffen könnte, und es war ihm daher nicht
|
||
unwillkommen, als der Student, offenbar gestört durch K.s Herumgehn,
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||
das schon zeitweilig zu einem Trampeln ausgeartet war, bemerkte: „Wenn
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Sie ungeduldig sind, können Sie weggehn. Sie hätten auch schon früher
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weggehn können, es hätte Sie niemand vermißt. Ja, Sie hätten sogar
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weggehn sollen, und zwar schon bei meinem Eintritt, und zwar
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schleunigst.“ Es mochte in dieser Bemerkung alle mögliche Wut zum
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Ausbruch kommen, jedenfalls lag darin aber auch der Hochmut des
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künftigen Gerichtsbeamten, der zu einem mißliebigen Angeklagten sprach.
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K. blieb ganz nahe bei ihm stehn und sagte lächelnd: „Ich bin
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ungeduldig, das ist richtig, aber diese Ungeduld wird am leichtesten
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dadurch zu beseitigen sein, daß Sie uns verlassen. Wenn Sie aber
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vielleicht hergekommen sind, um zu studieren — ich hörte, daß Sie
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Student sind — so will ich Ihnen gerne Platz machen und mit der Frau
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weggehn. Sie werden übrigens noch viel studieren müssen, ehe Sie
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Richter werden. Ich kenne zwar Ihr Gerichtswesen noch nicht sehr genau,
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nehme aber an, daß es mit groben Reden allein, die Sie allerdings schon
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unverschämt gut zu führen wissen, noch lange nicht getan ist.“ „Man
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hätte ihn nicht so frei herumlaufen lassen sollen,“ sagte der Student,
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als wolle er der Frau eine Erklärung für K.s beleidigende Rede geben,
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„es war ein Mißgriff. Ich habe es dem Untersuchungsrichter gesagt. Man
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hätte ihn zwischen den Verhören zumindest in seinem Zimmer halten
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sollen. Der Untersuchungsrichter ist manchmal unbegreiflich.“ „Unnütze
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Reden,“ sagte K. und streckte die Hand nach der Frau aus, „kommen Sie.“
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„Ach so,“ sagte der Student, „nein, nein, die bekommen Sie nicht,“ und
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mit einer Kraft, die man ihm nicht zugetraut hätte, hob er sie auf
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einen Arm, und lief mit gebeugtem Rücken, zärtlich zu ihr aufsehend,
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zur Tür. Eine gewisse Angst vor K. war hiebei nicht zu verkennen,
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trotzdem wagte er es, K. noch zu reizen, indem er mit der freien Hand
|
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den Arm der Frau streichelte und drückte. K. lief paar Schritte neben
|
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ihm her, bereit, ihn zu fassen und, wenn es sein müßte, zu würgen, da
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||
sagte die Frau: „Es hilft nichts, der Untersuchungsrichter läßt mich
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||
holen, ich darf nicht mit Ihnen gehn, dieses kleine Scheusal,“ sie fuhr
|
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hiebei dem Studenten mit der Hand übers Gesicht, „dieses kleine
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||
Scheusal läßt mich nicht.“ „Und Sie wollen nicht befreit werden,“
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||
schrie K. und legte die Hand auf die Schulter des Studenten, der mit
|
||
den Zähnen nach ihr schnappte. „Nein,“ rief die Frau und wehrte K. mit
|
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beiden Händen ab, „nein, nein, nur das nicht, woran denken Sie denn!
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||
Das wäre mein Verderben. Lassen Sie ihn doch, o bitte, lassen Sie ihn
|
||
doch. Er führt ja nur den Befehl des Untersuchungsrichters aus und
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||
trägt mich zu ihm.“ „Dann mag er laufen und Sie will ich nie mehr
|
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sehn,“ sagte K. wütend vor Enttäuschung und gab dem Studenten einen
|
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Stoß in den Rücken, daß er kurz stolperte, um gleich darauf, vor
|
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Vergnügen darüber, daß er nicht gefallen war, mit seiner Last desto
|
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höher zu springen. K. ging ihnen langsam nach, er sah ein, daß das die
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||
erste zweifellose Niederlage war, die er von diesen Leuten erfahren
|
||
hatte. Es war natürlich gar kein Grund, sich deshalb zu ängstigen, er
|
||
erhielt die Niederlage nur deshalb, weil er den Kampf aufsuchte. Wenn
|
||
er zu Hause bliebe und sein gewohntes Leben führen würde, war er jedem
|
||
dieser Leute tausendfach überlegen und konnte jeden mit einem Fußtritt
|
||
von seinem Wege räumen. Und er stellte sich die allerlächerlichste
|
||
Szene vor, die es z. B. geben würde, wenn dieser klägliche Student,
|
||
dieses aufgeblasene Kind, dieser krumme Bartträger vor Elsas Bett knien
|
||
und mit gefalteten Händen um Gnade bitten würde. K. gefiel diese
|
||
Vorstellung so, daß er beschloß, wenn sich nur irgendeine Gelegenheit
|
||
dafür ergeben sollte, den Studenten einmal zu Elsa mitzunehmen.
|
||
|
||
Aus Neugierde eilte K. noch zur Tür, er wollte sehn, wohin die Frau
|
||
getragen wurde, der Student würde sie doch nicht etwa über die Straßen
|
||
auf dem Arm tragen. Es zeigte sich, daß der Weg viel kürzer war. Gleich
|
||
gegenüber der Wohnungstür führte eine schmale hölzerne Treppe
|
||
wahrscheinlich zum Dachboden, sie machte eine Wendung, so daß man ihr
|
||
Ende nicht sah. Über diese Treppe trug der Student die Frau hinauf,
|
||
schon sehr langsam und stöhnend, denn er war durch das bisherige Laufen
|
||
geschwächt. Die Frau grüßte mit der Hand zu K. hinunter, und suchte
|
||
durch Auf- und Abziehn der Schultern zu zeigen, daß sie an der
|
||
Entführung unschuldig sei, viel Bedauern lag aber in dieser Bewegung
|
||
nicht. K. sah sie ausdruckslos, wie eine Fremde an, er wollte weder
|
||
verraten, daß er enttäuscht war, noch auch, daß er die Enttäuschung
|
||
leicht überwinden könne.
|
||
|
||
Die zwei waren schon verschwunden, K. aber stand noch immer in der Tür.
|
||
Er mußte annehmen, daß ihn die Frau nicht nur betrogen, sondern mit der
|
||
Angabe, daß sie zum Untersuchungsrichter getragen werde, auch belogen
|
||
habe. Der Untersuchungsrichter würde doch nicht auf dem Dachboden
|
||
sitzen und warten. Die Holztreppe erklärte nichts, so lange man sie
|
||
auch ansah. Da bemerkte K. einen kleinen Zettel neben dem Aufgang, ging
|
||
hinüber und las in einer kindlichen ungeübten Schrift: „Aufgang zu den
|
||
Gerichtskanzleien.“ Hier auf dem Dachboden dieses Miethauses waren also
|
||
die Gerichtskanzleien? Das war keine Einrichtung, die viel Achtung
|
||
einzuflößen imstande war und es war für einen Angeklagten beruhigend,
|
||
sich vorzustellen, wie wenig Geldmittel diesem Gericht zur Verfügung
|
||
standen, wenn es seine Kanzleien dort unterbrachte, wo die
|
||
Mietparteien, die schon selbst zu den Ärmsten gehörten, ihren unnützen
|
||
Kram hinwarfen. Allerdings war es nicht ausgeschlossen, daß man Geld
|
||
genug hatte, daß aber die Beamtenschaft sich darüber warf, ehe es für
|
||
Gerichtszwecke verwendet wurde. Das war nach den bisherigen Erfahrungen
|
||
K.s sogar sehr wahrscheinlich, nur war dann eine solche Verlotterung
|
||
des Gerichtes für einen Angeklagten zwar entwürdigend, aber im Grunde
|
||
noch beruhigender, als es die Armut des Gerichtes gewesen wäre. Nun war
|
||
es K. auch begreiflich, daß man sich beim ersten Verhör schämte, den
|
||
Angeklagten auf den Dachboden vorzuladen und es vorzog, ihn in seiner
|
||
Wohnung zu belästigen. In welcher Stellung befand sich doch K.
|
||
gegenüber dem Richter, der auf dem Dachboden saß, während er selbst in
|
||
der Bank ein großes Zimmer mit einem Vorzimmer hatte und durch eine
|
||
riesige Fensterscheibe auf den belebten Stadtplatz hinuntersehen
|
||
konnte. Allerdings hatte er keine Nebeneinkünfte aus Bestechungen oder
|
||
Unterschlagungen und konnte sich auch vom Diener keine Frau auf dem Arm
|
||
ins Bureau tragen lassen. Darauf wollte K. aber, wenigstens in diesem
|
||
Leben, gerne verzichten.
|
||
|
||
K. stand noch vor dem Anschlagzettel, als ein Mann die Treppe
|
||
heraufkam, durch die offene Tür ins Wohnzimmer sah, aus dem man auch in
|
||
das Sitzungszimmer sehen konnte, und schließlich K. fragte, ob er hier
|
||
nicht vor kurzem eine Frau gesehen habe. „Sie sind der Gerichtsdiener,
|
||
nicht?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Mann, „ach so, Sie sind der
|
||
Angeklagte K., jetzt erkenne ich Sie auch, seien Sie willkommen.“ Und
|
||
er reichte K., der es gar nicht erwartet hatte, die Hand. „Heute ist
|
||
aber keine Sitzung angezeigt,“ sagte dann der Gerichtsdiener, als K.
|
||
schwieg. „Ich weiß,“ sagte K. und betrachtete den Zivilrock des
|
||
Gerichtsdieners, der als einziges amtliches Abzeichen neben einigen
|
||
gewöhnlichen Knöpfen auch zwei vergoldete Knöpfe aufwies, die von einem
|
||
alten Offiziersmantel abgetrennt zu sein schienen. „Ich habe vor einem
|
||
Weilchen mit Ihrer Frau gesprochen. Sie ist nicht mehr hier. Der
|
||
Student hat sie zum Untersuchungsrichter getragen.“ „Sehen Sie,“ sagte
|
||
der Gerichtsdiener, „immer trägt man sie mir weg. Heute ist doch
|
||
Sonntag und ich bin zu keiner Arbeit verpflichtet, aber nur, um mich
|
||
von hier zu entfernen, schickt man mich mit einer unnützen Meldung weg.
|
||
Und zwar schickt man mich nicht weit weg, so daß ich die Hoffnung habe,
|
||
wenn ich mich sehr beeile, vielleicht noch rechtzeitig zurückzukommen.
|
||
Ich laufe also, so sehr ich kann, schreie dem Amt, zu dem ich geschickt
|
||
wurde, meine Meldung durch den Türspalt so atemlos zu, daß man sie kaum
|
||
verstanden haben wird, laufe wieder zurück, aber der Student hat sich
|
||
noch mehr beeilt als ich, er hatte allerdings auch einen kürzeren Weg,
|
||
er mußte nur die Bodentreppe hinunterlaufen. Wäre ich nicht so
|
||
abhängig, ich hätte den Studenten schon längst hier an der Wand
|
||
zerdrückt. Hier neben dem Anschlagzettel. Davon träume ich immer. Hier
|
||
ein wenig über dem Fußboden ist er festgedrückt, die Arme gestreckt,
|
||
die Finger gespreizt, die krummen Beine zum Kreis gedreht und
|
||
ringsherum Blutspritzer. Bisher war es aber nur Traum.“ „Eine andere
|
||
Hilfe gibt es nicht?“ fragte K. lächelnd. „Ich wüßte keine,“ sagte der
|
||
Gerichtsdiener. „Und jetzt wird es ja noch ärger, bisher hat er sie nur
|
||
zu sich getragen, jetzt trägt er sie, was ich allerdings längst
|
||
erwartet habe, auch zum Untersuchungsrichter.“ „Hat denn Ihre Frau gar
|
||
keine Schuld dabei,“ fragte K., er mußte sich bei dieser Frage
|
||
bezwingen, so sehr fühlte auch er jetzt die Eifersucht. „Aber gewiß,“
|
||
sagte der Gerichtsdiener, „sie hat sogar die größte Schuld. Sie hat
|
||
sich ja an ihn gehängt. Was ihn betrifft, er läuft allen Weibern nach.
|
||
In diesem Hause allein ist er schon aus fünf Wohnungen, in die er sich
|
||
eingeschlichen hat, hinausgeworfen worden. Meine Frau ist allerdings
|
||
die schönste im ganzen Haus, und gerade ich darf mich nicht wehren.“
|
||
„Wenn es sich so verhält, dann gibt es allerdings keine Hilfe,“ sagte
|
||
K. „Warum denn nicht,“ fragte der Gerichtsdiener. „Man müßte den
|
||
Studenten, der ein Feigling ist, einmal, wenn er meine Frau anrühren
|
||
will, so durchprügeln, daß er es niemals mehr wagt. Aber ich darf es
|
||
nicht und andere machen mir den Gefallen nicht, denn alle fürchten
|
||
seine Macht. Nur ein Mann wie Sie könnte es tun.“ „Wieso denn ich?“
|
||
fragte K. erstaunt. „Sie sind doch angeklagt,“ sagte der
|
||
Gerichtsdiener. „Ja,“ sagte K., „aber desto mehr müßte ich doch
|
||
fürchten, daß er, wenn auch vielleicht nicht Einfluß auf den Ausgang
|
||
des Prozesses, so doch wahrscheinlich auf die Voruntersuchung hat.“
|
||
„Ja, gewiß,“ sagte der Gerichtsdiener, als sei die Ansicht K.s genau so
|
||
richtig wie seine eigene. „Es werden aber bei uns in der Regel keine
|
||
aussichtslosen Prozesse geführt.“ „Ich bin nicht Ihrer Meinung,“ sagte
|
||
K., „das soll mich aber nicht hindern, gelegentlich den Studenten in
|
||
Behandlung zu nehmen.“ „Ich wäre Ihnen sehr dankbar,“ sagte der
|
||
Gerichtsdiener etwas förmlich, er schien eigentlich doch nicht an die
|
||
Erfüllbarkeit seines höchsten Wunsches zu glauben. „Es würden
|
||
vielleicht,“ fuhr K. fort, „auch noch andere Ihrer Beamten und
|
||
vielleicht sogar alle das gleiche verdienen.“ „Ja, ja,“ sagte der
|
||
Gerichtsdiener, als handle es sich um etwas Selbstverständliches. Dann
|
||
sah er K. mit einem zutraulichen Blick an, wie er es bisher trotz aller
|
||
Freundlichkeit nicht getan hatte, und fügte hinzu: „Man rebelliert eben
|
||
immer.“ Aber das Gespräch schien ihm doch ein wenig unbehaglich
|
||
geworden zu sein, denn er brach es ab, indem er sagte: „Jetzt muß ich
|
||
mich in der Kanzlei melden. Wollen Sie mitkommen?“ „Ich habe dort
|
||
nichts zu tun,“ sagte K. „Sie könnten die Kanzleien ansehn. Es wird
|
||
sich niemand um Sie kümmern.“ „Sind sie denn sehenswert?“ fragte K.
|
||
zögernd, hatte aber große Lust mitzugehn. „Nun,“ sagte der
|
||
Gerichtsdiener, „ich dachte, es würde Sie interessieren.“ „Gut,“ sagte
|
||
K. schließlich, „ich gehe mit“. Und er lief schneller als der
|
||
Gerichtsdiener die Treppe hinauf.
|
||
|
||
Beim Eintritt wäre er fast hingefallen, denn hinter der Tür war noch
|
||
eine Stufe. „Auf das Publikum nimmt man nicht viel Rücksicht,“ sagte
|
||
er. „Man nimmt überhaupt keine Rücksicht,“ sagte der Gerichtsdiener,
|
||
„sehn Sie nur hier das Wartezimmer.“ Es war ein langer Gang, von dem
|
||
aus rohe gezimmerte Türen zu den einzelnen Abteilungen des Dachbodens
|
||
führten. Trotzdem kein unmittelbarer Lichtzutritt bestand, war es doch
|
||
nicht vollständig dunkel, denn manche Abteilungen hatten gegen den Gang
|
||
zu statt einheitlicher Bretterwände, bloße, allerdings bis zur Decke
|
||
reichende Holzgitter, durch die einiges Licht drang und durch die man
|
||
auch einzelne Beamte sehen konnte, wie sie an Tischen schrieben oder
|
||
geradezu am Gitter standen und durch die Lücken die Leute auf dem Gang
|
||
beobachteten. Es waren, wahrscheinlich weil Sonntag war, nur wenig
|
||
Leute auf dem Gang. Sie machten einen sehr bescheidenen Eindruck. In
|
||
fast regelmäßigen Entfernungen voneinander saßen sie auf den zwei
|
||
Reihen langer Holzbänke, die zu beiden Seiten des Ganges angebracht
|
||
waren. Alle waren vernachlässigt angezogen, trotzdem die meisten nach
|
||
dem Gesichtsausdruck, der Haltung, der Barttracht und vielen kaum
|
||
sicherzustellenden kleinen Einzelheiten den höheren Klassen angehörten.
|
||
Da keine Kleiderhaken vorhanden waren, hatten sie die Hüte,
|
||
wahrscheinlich einer dem Beispiel des andern folgend, unter die Bank
|
||
gestellt. Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den
|
||
Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich zum Gruß, da das die
|
||
Folgenden sahen, glaubten sie auch grüßen zu müssen, so daß alle beim
|
||
Vorbeigehn der zwei sich erhoben. Sie standen niemals vollständig
|
||
aufrecht, der Rücken war geneigt, die Knie geknickt, sie standen wie
|
||
Straßenbettler. K. wartete auf den ein wenig hinter ihm gehenden
|
||
Gerichtsdiener und sagte: „Wie gedemütigt die sein müssen.“ „Ja,“ sagte
|
||
der Gerichtsdiener, „es sind Angeklagte, alle die Sie hier sehn, sind
|
||
Angeklagte.“ „Wirklich!“ sagte K. „Dann sind es ja meine Kollegen.“ Und
|
||
er wandte sich an den nächsten, einen großen schlanken, schon fast
|
||
grauhaarigen Mann. „Worauf warten Sie hier?“ fragte K. höflich. Die
|
||
unerwartete Ansprache aber machte den Mann verwirrt, was um so
|
||
peinlicher aussah, da es sich offenbar um einen welterfahrenen Menschen
|
||
handelte, der anderswo gewiß sich zu beherrschen verstand und die
|
||
Überlegenheit, die er sich über viele erworben hatte, nicht leicht
|
||
aufgab. Hier aber wußte er auf eine so einfache Frage nicht zu
|
||
antworten und sah auf die andern hin, als seien sie verpflichtet, ihm
|
||
zu helfen, und als könne niemand von ihm eine Antwort verlangen, wenn
|
||
diese Hilfe ausbliebe. Da trat der Gerichtsdiener hinzu und sagte, um
|
||
den Mann zu beruhigen und aufzumuntern: „Der Herr hier fragt ja nur,
|
||
auf was Sie warten. Antworten Sie doch.“ Die ihm wahrscheinlich
|
||
bekannte Stimme des Gerichtsdieners wirkte besser: „Ich warte —“ begann
|
||
er und stockte. Offenbar hatte er diesen Anfang gewählt, um ganz genau
|
||
auf die Fragestellung zu antworten, fand aber jetzt die Fortsetzung
|
||
nicht. Einige der Wartenden hatten sich genähert und umstanden die
|
||
Gruppe, der Gerichtsdiener sagte zu ihnen: „Weg, weg, macht den Gang
|
||
frei.“ Sie wichen ein wenig zurück, aber nicht bis zu ihren früheren
|
||
Sitzen. Inzwischen hatte sich der Gefragte gesammelt und antwortete
|
||
sogar mit einem kleinen Lächeln: „Ich habe vor einem Monat einige
|
||
Beweisanträge in meiner Sache gemacht und warte auf die Erledigung.“
|
||
„Sie scheinen sich ja viele Mühe zu geben,“ sagte K. „Ja,“ sagte der
|
||
Mann, „es ist ja meine Sache.“ „Jeder denkt nicht so wie Sie,“ sagte
|
||
K., „ich z. B. bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden
|
||
will, weder einen Beweisantrag gestellt, noch auch sonst irgend etwas
|
||
derartiges unternommen. Halten Sie denn das für nötig?“ „Ich weiß nicht
|
||
genau,“ sagte der Mann wieder in vollständiger Unsicherheit; er glaubte
|
||
offenbar, K. mache mit ihm einen Scherz, deshalb hätte er
|
||
wahrscheinlich am liebsten, aus Furcht, irgendeinen neuen Fehler zu
|
||
machen, seine frühere Antwort ganz wiederholt, vor K.s ungeduldigem
|
||
Blick aber sagte er nur, „was mich betrifft, ich habe Beweisanträge
|
||
gestellt.“ „Sie glauben wohl nicht, daß ich angeklagt bin,“ fragte K.
|
||
„O bitte gewiß,“ sagte der Mann, und trat ein wenig zur Seite, aber in
|
||
der Antwort war nicht Glaube, sondern nur Angst. „Sie glauben mir also
|
||
nicht?“ fragte K. und faßte ihn, unbewußt durch das demütige Wesen des
|
||
Mannes dazu aufgefordert, beim Arm, als wolle er ihn zum Glauben
|
||
zwingen. Er wollte ihm nicht Schmerz bereiten, hatte ihn auch nur ganz
|
||
leicht angegriffen, trotzdem aber schrie der Mann auf, als habe K. ihn
|
||
nicht mit zwei Fingern, sondern mit einer glühenden Zange erfaßt.
|
||
Dieses lächerliche Schreien machte K. endgültig überdrüssig; glaubte
|
||
man ihm nicht, daß er angeklagt war, so war es desto besser; vielleicht
|
||
hielt er ihn sogar für einen Richter. Und er faßte ihn nun zum Abschied
|
||
wirklich fester, stieß ihn auf die Bank zurück und ging weiter. „Die
|
||
meisten Angeklagten sind so empfindlich,“ sagte der Gerichtsdiener.
|
||
Hinter ihnen sammelten sich jetzt fast alle Wartenden um den Mann, der
|
||
schon zu schreien aufgehört hatte, und schienen ihn über den
|
||
Zwischenfall genau auszufragen. K. entgegen kam jetzt ein Wächter, der
|
||
hauptsächlich an einem Säbel kenntlich war, dessen Scheide, wenigstens
|
||
der Farbe nach, aus Aluminium bestand. K. staunte darüber und griff
|
||
sogar mit der Hand hin. Der Wächter, der wegen des Schreins gekommen
|
||
war, fragte nach dem Vorgefallenen. Der Gerichtsdiener suchte ihn mit
|
||
einigen Worten zu beruhigen, aber der Wächter erklärte, doch noch
|
||
selbst nachsehn zu müssen, salutierte und ging weiter mit sehr eiligen,
|
||
aber sehr kurzen, wahrscheinlich durch Gicht abgemessenen Schritten.
|
||
|
||
K. kümmerte sich nicht lange um ihn und die Gesellschaft auf dem Gang,
|
||
besonders da er etwa in der Hälfte des Ganges die Möglichkeit sah,
|
||
rechts durch eine türlose Öffnung einzubiegen. Er verständigte sich mit
|
||
dem Gerichtsdiener darüber, ob das der richtige Weg sei, der
|
||
Gerichtsdiener nickte und K. bog nun wirklich dort ein. Es war ihm
|
||
lästig, daß er immer einen oder zwei Schritte vor dem Gerichtsdiener
|
||
gehen mußte, es konnte wenigstens an diesem Ort den Anschein haben, als
|
||
ob er verhaftet vorgeführt werde. Er wartete also öfters auf den
|
||
Gerichtsdiener, aber dieser blieb gleich wieder zurück. Schließlich
|
||
sagte K., um seinem Unbehagen ein Ende zu machen: „Nun habe ich gesehn,
|
||
wie es hier aussieht, ich will jetzt weggehn.“ „Sie haben noch nicht
|
||
alles gesehn,“ sagte der Gerichtsdiener vollständig unverfänglich. „Ich
|
||
will nicht alles sehn,“ sagte K., der sich übrigens wirklich müde
|
||
fühlte, „ich will gehn, wie kommt man zum Ausgang?“ „Sie haben sich
|
||
doch nicht schon verirrt,“ fragte der Gerichtsdiener erstaunt, „Sie
|
||
gehn hier bis zur Ecke und dann rechts den Gang hinunter geradeaus zur
|
||
Tür.“ „Kommen Sie mit,“ sagte K., „zeigen Sie mir den Weg, ich werde
|
||
ihn verfehlen, es sind hier so viele Wege.“ „Es ist der einzige Weg,“
|
||
sagte der Gerichtsdiener nun schon vorwurfsvoll, „ich kann nicht wieder
|
||
mit Ihnen zurückgehn, ich muß doch meine Meldung vorbringen und habe
|
||
schon viel Zeit durch Sie versäumt.“ „Kommen Sie mit,“ wiederholte K.
|
||
jetzt schärfer, als habe er endlich den Gerichtsdiener auf einer
|
||
Unwahrheit ertappt. „Schreien Sie doch nicht so,“ flüsterte der
|
||
Gerichtsdiener, „es sind ja hier überall Bureaus. Wenn Sie nicht allein
|
||
zurückgehn wollen, so gehn Sie noch ein Stückchen mit mir oder warten
|
||
Sie hier, bis ich meine Meldung erledigt habe, dann will ich ja gern
|
||
mit Ihnen wieder zurückgehn.“ „Nein, nein,“ sagte K., „ich werde nicht
|
||
warten und Sie müssen jetzt mit mir gehn.“ K. hatte sich noch gar nicht
|
||
in dem Raum umgesehn, in dem er sich befand, erst als jetzt eine der
|
||
vielen Holztüren, die ringsherum standen, sich öffnete, blickte er hin.
|
||
Ein Mädchen, das wohl durch K.s lautes Sprechen herbeigerufen war, trat
|
||
ein und fragte: „Was wünscht der Herr?“ Hinter ihr in der Ferne sah man
|
||
im Halbdunkel noch einen Mann sich nähern. K. blickte den
|
||
Gerichtsdiener an. Dieser hatte doch gesagt, daß sich niemand um K.
|
||
kümmern werde, und nun kamen schon zwei, es brauchte nur wenig und die
|
||
Beamtenschaft wurde auf ihn aufmerksam, würde eine Erklärung seiner
|
||
Anwesenheit haben wollen. Die einzig verständliche und annehmbare war
|
||
die, daß er Angeklagter war und das Datum des nächsten Verhörs erfahren
|
||
wollte, gerade diese Erklärung aber wollte er nicht geben, besonders da
|
||
sie auch nicht wahrheitsgemäß war, denn er war nur aus Neugierde
|
||
gekommen oder, was als Erklärung noch unmöglicher war, aus dem
|
||
Verlangen, festzustellen, daß das Innere dieses Gerichtswesens ebenso
|
||
widerlich war wie sein Äußeres. Und es schien ja, daß er mit dieser
|
||
Annahme recht hatte, er wollte nicht weiter eindringen, er war beengt
|
||
genug von dem, was er bisher gesehen hatte, er war gerade jetzt nicht
|
||
in der Verfassung, einem höheren Beamten gegenüberzutreten, wie er
|
||
hinter jeder Tür auftauchen konnte, er wollte weggehn, und zwar mit dem
|
||
Gerichtsdiener oder allein, wenn es sein mußte.
|
||
|
||
Aber sein stummes Dastehn mußte auffallend sein und wirklich sahen ihn
|
||
das Mädchen und der Gerichtsdiener derartig an, als ob in der nächsten
|
||
Minute irgendeine große Verwandlung mit ihm geschehen müsse, die sie zu
|
||
beobachten nicht versäumen wollten. Und in der Türöffnung stand der
|
||
Mann, den K. früher in der Ferne bemerkt hatte, er hielt sich am
|
||
Deckbalken der niedrigen Tür fest und schaukelte ein wenig auf den
|
||
Fußspitzen, wie ein ungeduldiger Zuschauer. Das Mädchen aber erkannte
|
||
doch zuerst, daß das Benehmen K.s in einem leichten Unwohlsein seinen
|
||
Grund hatte, sie brachte einen Sessel und fragte: „Wollen Sie sich
|
||
nicht setzen?“ K. setzte sich sofort und stützte, um noch besser Halt
|
||
zu bekommen, die Ellbogen auf die Lehnen. „Sie haben ein wenig
|
||
Schwindel, nicht?“ fragte sie ihn. Er hatte nun ihr Gesicht nahe vor
|
||
sich, es hatte den strengen Ausdruck, wie ihn manche Frauen gerade in
|
||
ihrer schönsten Jugend haben. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken,“
|
||
sagte sie, „das ist hier nichts Außergewöhnliches, fast jeder bekommt
|
||
einen solchen Anfall, wenn er zum erstenmal herkommt. Sie sind zum
|
||
erstenmal hier? Nun ja, das ist aber nichts Außergewöhnliches. Die
|
||
Sonne brennt hier auf das Dachgerüst und das heiße Holz macht die Luft
|
||
so dumpf und schwer. Der Ort ist deshalb für Bureauräumlichkeiten nicht
|
||
sehr geeignet, so große Vorteile er allerdings sonst bietet. Aber was
|
||
die Luft betrifft, so ist sie an Tagen großen Parteienverkehrs, und das
|
||
ist fast jeder Tag, kaum mehr atembar. Wenn Sie dann noch bedenken, daß
|
||
hier auch vielfach Wäsche zum Trocknen ausgehängt wird, — man kann es
|
||
den Mietern nicht gänzlich untersagen, — so werden Sie sich nicht mehr
|
||
wundern, daß Ihnen ein wenig übel wurde. Aber man gewöhnt sich
|
||
schließlich an die Luft sehr gut. Wenn Sie zum zweiten- oder drittenmal
|
||
herkommen, werden Sie das Drückende hier kaum mehr spüren. Fühlen Sie
|
||
sich schon besser?“ K. antwortete nicht, es war ihm zu peinlich, durch
|
||
diese plötzliche Schwäche den Leuten hier ausgeliefert zu sein,
|
||
überdies war ihm, da er jetzt die Ursachen seiner Übelkeit erfahren
|
||
hatte, nicht besser, sondern noch ein wenig schlechter. Das Mädchen
|
||
merkte es gleich, nahm, um K. eine Erfrischung zu bereiten, eine
|
||
Hakenstange, die an der Wand lehnte und stieß damit eine kleine Luke
|
||
auf, die gerade über K. angebracht war und ins Freie führte. Aber es
|
||
fiel soviel Ruß herein, daß das Mädchen die Luke gleich wieder zuziehn
|
||
und mit ihrem Taschentuch die Hände K.s vom Ruß reinigen mußte, denn K.
|
||
war zu müde, um das selbst zu besorgen. Er wäre gern hier ruhig
|
||
sitzengeblieben, bis er sich zum Weggehn genügend gekräftigt hatte, das
|
||
mußte aber um so früher geschehen, je weniger man sich um ihn kümmern
|
||
würde. Nun sagte aber überdies das Mädchen: „Hier können Sie nicht
|
||
bleiben, hier stören wir den Verkehr.“ — K. fragte mit den Blicken,
|
||
welchen Verkehr er denn hier störe — „ich werde Sie, wenn Sie wollen,
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ins Krankenzimmer führen.“ „Helfen Sie mir bitte,“ sagte sie zu dem
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Mann in der Tür, der auch gleich näher kam. Aber K. wollte nicht ins
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Krankenzimmer, gerade das wollte er ja vermeiden, weiter geführt zu
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werden, je weiter er kam, desto ärger mußte es werden. „Ich kann schon
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gehn,“ sagte er deshalb und stand, durch das bequeme Sitzen verwöhnt,
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zitternd auf. Dann aber konnte er sich nicht aufrecht halten. „Es geht
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doch nicht,“ sagte er kopfschüttelnd und setzte sich seufzend wieder
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nieder. Er erinnerte sich an den Gerichtsdiener, der ihn trotz allem
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leicht hinausführen konnte, aber der schien schon längst weg zu sein,
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K. sah zwischen dem Mädchen und dem Mann, die vor ihm standen,
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hindurch, konnte aber den Gerichtsdiener nicht finden.
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„Ich glaube,“ sagte der Mann, der übrigens elegant gekleidet war und
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besonders durch eine graue Weste auffiel, die in zwei langen, scharf
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geschnittenen Spitzen endigte, „das Unwohlsein des Herrn geht auf die
|
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Atmosphäre hier zurück, es wird daher am besten und auch ihm am
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liebsten sein, wenn wir ihn nicht erst ins Krankenzimmer, sondern
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überhaupt aus den Kanzleien hinausführen.“ „Das ist es,“ rief K. und
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fuhr vor lauter Freude fast noch in die Rede des Mannes hinein, „mir
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wird gewiß sofort besser werden, ich bin auch gar nicht so schwach, nur
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ein wenig Unterstützung unter den Achseln brauche ich, ich werde Ihnen
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nicht viel Mühe machen, es ist ja auch kein langer Weg, führen Sie mich
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nur zur Tür, ich setze mich dann noch ein wenig auf die Stufen und
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werde gleich erholt sein, ich leide nämlich gar nicht unter solchen
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Anfällen, es kommt mir selbst überraschend. Ich bin doch auch Beamter
|
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und an Bureauluft gewöhnt, aber hier scheint es doch zu arg, Sie sagen
|
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es selbst. Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, mich ein wenig zu
|
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führen, ich habe nämlich Schwindel und es wird mir schlecht, wenn ich
|
||
allein aufstehe.“ Und er hob die Schultern, um es den beiden zu
|
||
erleichtern, ihm unter die Arme zu greifen.
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||
|
||
Aber der Mann folgte der Aufforderung nicht, sondern hielt die Hände
|
||
ruhig in den Hosentaschen und lachte laut. „Sehen Sie,“ sagte er zu dem
|
||
Mädchen, „ich habe also doch das Richtige getroffen. Dem Herrn ist nur
|
||
hier nicht wohl, nicht im Allgemeinen.“ Das Mädchen lächelte auch,
|
||
schlug aber dem Mann leicht mit den Fingerspitzen auf den Arm, als
|
||
hätte er sich mit K. einen zu starken Spaß erlaubt. „Aber was denken
|
||
Sie denn,“ sagte der Mann noch immer lachend, „ich will ja den Herrn
|
||
wirklich hinausführen.“ „Dann ist es gut,“ sagte das Mädchen, indem sie
|
||
ihren zierlichen Kopf für einen Augenblick neigte. „Messen Sie dem
|
||
Lachen nicht zu viel Bedeutung zu,“ sagte das Mädchen zu K., der wieder
|
||
traurig geworden vor sich hinstarrte und keine Erklärung zu brauchen
|
||
schien, „dieser Herr — ich darf Sie doch vorstellen?“ (der Herr gab mit
|
||
einer Handbewegung die Erlaubnis) — „dieser Herr also ist der
|
||
Auskunftgeber. Er gibt den wartenden Parteien alle Auskunft, die sie
|
||
brauchen, und da unser Gerichtswesen in der Bevölkerung nicht sehr
|
||
bekannt ist, werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle Fragen
|
||
eine Antwort, Sie können ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben,
|
||
daraufhin erproben. Das ist aber nicht sein einziger Vorzug, sein
|
||
zweiter Vorzug ist die elegante Kleidung. Wir, d. h. die Beamtenschaft,
|
||
meinte einmal, man müsse den Auskunftgeber, der immerfort, und zwar als
|
||
erster mit Parteien verhandelt, des würdigen ersten Eindrucks halber,
|
||
auch elegant anziehn. Wir andern sind, wie Sie gleich an mir sehn
|
||
können, leider sehr schlecht und altmodisch angezogen; es hat auch
|
||
nicht viel Sinn, für die Kleidung etwas zu verwenden, da wir fast
|
||
unaufhörlich in den Kanzleien sind, wir schlafen ja auch hier. Aber wie
|
||
gesagt, für den Auskunftgeber hielten wir einmal schöne Kleidung für
|
||
nötig. Da sie aber von unserer Verwaltung, die in dieser Hinsicht etwas
|
||
sonderbar ist, nicht erhältlich war, machten wir eine Sammlung — auch
|
||
Parteien steuerten bei — und wir kauften ihm dieses schöne Kleid und
|
||
noch andere. Alles wäre jetzt vorbereitet, einen guten Eindruck zu
|
||
machen, aber durch sein Lachen verdirbt er es wieder und erschreckt die
|
||
Leute.“ „So ist es,“ sagte der Herr spöttisch, „aber ich verstehe
|
||
nicht, Fräulein, warum Sie dem Herrn alle unsere Intimitäten erzählen,
|
||
oder besser aufdrängen, denn er will sie ja gar nicht erfahren. Sehen
|
||
Sie nur, wie er, offenbar mit seinen eigenen Angelegenheiten
|
||
beschäftigt, dasitzt.“ K. hatte nicht einmal Lust zu widersprechen, die
|
||
Absicht des Mädchens mochte eine gute sein, sie war vielleicht darauf
|
||
gerichtet, ihn zu zerstreuen oder ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu
|
||
sammeln, aber das Mittel war verfehlt. „Ich mußte ihm Ihr Lachen
|
||
erklären,“ sagte das Mädchen. „Es war ja beleidigend.“ „Ich glaube, er
|
||
würde noch ärgere Beleidigungen verzeihen, wenn ich ihn schließlich
|
||
hinausführe.“ K. sagte nichts, sah nicht einmal auf, er duldete es, daß
|
||
die zwei über ihn wie über eine Sache verhandelten, es war ihm sogar am
|
||
liebsten. Aber plötzlich fühlte er die Hand des Auskunftgebers an einem
|
||
Arm und die Hand des Mädchens am andern. „Also auf, Sie schwacher
|
||
Mann,“ sagte der Auskunftgeber. „Ich danke Ihnen beiden vielmals,“
|
||
sagte K. freudig überrascht, erhob sich langsam und führte selbst die
|
||
fremden Hände an die Stellen, an denen er die Stütze am meisten
|
||
brauchte. „Es sieht so aus,“ sagte das Mädchen leise in K.s Ohr,
|
||
während sie sich dem Gang näherten, „als ob mir besonders viel daran
|
||
gelegen wäre, den Auskunftgeber in ein gutes Licht zu stellen, aber man
|
||
mag es glauben, ich will doch die Wahrheit sagen. Er hat kein hartes
|
||
Herz. Er ist nicht verpflichtet, kranke Parteien hinauszuführen, und
|
||
tut es doch, wie Sie sehn. Vielleicht ist niemand von uns hartherzig,
|
||
wir wollten vielleicht alle gern helfen, aber als Gerichtsbeamte
|
||
bekommen wir leicht den Anschein, als ob wir hartherzig wären und
|
||
niemandem helfen wollten. Ich leide geradezu darunter.“ „Wollen Sie
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||
sich nicht hier ein wenig setzen,“ fragte der Auskunftgeber, sie waren
|
||
schon im Gang und gerade vor dem Angeklagten, den K. früher
|
||
angesprochen hatte. K. schämte sich fast vor ihm, früher war er so
|
||
aufrecht vor ihm gestanden, jetzt mußten ihn zwei stützen, seinen Hut
|
||
balancierte der Auskunftgeber auf den gespreizten Fingern, die Frisur
|
||
war zerstört, die Haare hingen ihm in die schweißbedeckte Stirn. Aber
|
||
der Angeklagte schien nichts davon zu bemerken, demütig stand er vor
|
||
dem Auskunftgeber, der über ihn hinwegsah, und suchte nur seine
|
||
Anwesenheit zu entschuldigen. „Ich weiß,“ sagte er, „daß die Erledigung
|
||
meiner Anträge heute noch nicht gegeben werden kann. Ich bin aber doch
|
||
gekommen, ich dachte, ich könnte doch hier warten, es ist Sonntag, ich
|
||
habe ja Zeit und hier störe ich nicht.“ „Sie müssen das nicht so sehr
|
||
entschuldigen,“ sagte der Auskunftgeber, „Ihre Sorgsamkeit ist ja ganz
|
||
lobenswert, Sie nehmen hier zwar unnötigerweise den Platz weg, aber ich
|
||
will Sie, trotzdem, so lange es mir nicht lästig wird, durchaus nicht
|
||
hindern, den Gang Ihrer Angelegenheit genau zu verfolgen. Wenn man
|
||
Leute gesehen hat, die Ihre Pflicht schändlich vernachlässigten, lernt
|
||
man es, mit Leuten wie Sie sind, Geduld zu haben. Setzen Sie sich.“
|
||
„Wie er mit den Parteien zu reden versteht,“ flüsterte das Mädchen. K.
|
||
nickte, fuhr aber gleich auf, als ihn der Auskunftgeber wieder fragte:
|
||
„Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen?“ „Nein,“ sagte K., „ich will
|
||
nicht ausruhn.“ Er hatte das mit möglichster Bestimmtheit gesagt, in
|
||
Wirklichkeit hätte es ihm aber sehr wohlgetan, sich niederzusetzen. Er
|
||
war wie seekrank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich in
|
||
schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das Wasser gegen die
|
||
Holzwände, als komme aus der Tiefe des Ganges ein Brausen her wie von
|
||
überschlagendem Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als
|
||
würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt und gehoben.
|
||
Desto unbegreiflicher war die Ruhe des Mädchens und des Mannes, die ihn
|
||
führten. Er war ihnen ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er
|
||
hinfallen wie ein Brett. Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe Blicke
|
||
hin und her, ihre gleichmäßigen Schritte fühlte K., ohne sie
|
||
mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt zu Schritt getragen.
|
||
Endlich merkte er, daß sie zu ihm sprachen, aber er verstand sie nicht,
|
||
er hörte nur den Lärm, der alles erfüllte und durch den hindurch ein
|
||
unveränderlicher hoher Ton wie von einer Sirene zu klingen schien.
|
||
„Lauter,“ flüsterte er mit gesenktem Kopf und schämte sich, denn er
|
||
wußte, daß sie laut genug, wenn auch für ihn unverständlich gesprochen
|
||
hatten. Da kam endlich, als wäre die Wand vor ihnen durchrissen, ein
|
||
frischer Luftzug ihm entgegen und er hörte neben sich sagen: „Zuerst
|
||
will er weg, dann aber kann man ihm hundertmal sagen, daß hier der
|
||
Ausgang ist, und er rührt sich nicht.“ K. merkte, daß er vor der
|
||
Ausgangstür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war, als wären
|
||
alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt, um einen Vorgeschmack der
|
||
Freiheit zu gewinnen, trat er gleich auf eine Treppenstufe und
|
||
verabschiedete sich von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm
|
||
herabbeugten. „Vielen Dank,“ wiederholte er, drückte beiden wiederholt
|
||
die Hände und ließ erst ab, als er zu sehen glaubte, daß sie, an die
|
||
Kanzleiluft gewöhnt, die verhältnismäßig frische Luft, die von der
|
||
Treppe kam, schlecht ertrugen. Sie konnten kaum antworten und das
|
||
Mädchen wäre vielleicht abgestürzt, wenn K. nicht äußerst schnell die
|
||
Tür geschlossen hätte. K. stand dann noch einen Augenblick still,
|
||
strich sich mit Hilfe eines Taschenspiegels das Haar zurecht, hob
|
||
seinen Hut auf, der auf dem nächsten Treppenabsatz lag — der
|
||
Auskunftgeber hatte ihn wohl hingeworfen — und lief dann die Treppe
|
||
hinunter so frisch und in so langen Sprüngen, daß er vor diesem
|
||
Umschwung fast Angst bekam. Solche Überraschungen hatte ihm sein sonst
|
||
ganz gefestigter Gesundheitszustand noch nie bereitet. Wollte etwa sein
|
||
Körper revolutionieren und ihm einen neuen Prozeß bereiten, da er den
|
||
alten so mühelos ertrug. Er lehnte den Gedanken nicht ganz ab, bei
|
||
nächster Gelegenheit zu einem Arzt zu gehn, jedenfalls aber wollte er —
|
||
darin konnte er sich selbst beraten — alle zukünftigen
|
||
Sonntagvormittage besser als diesen verwenden.
|
||
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||
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VIERTES KAPITEL
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||
DIE FREUNDIN DES FRÄULEIN BÜRSTNER
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|
||
In der nächsten Zeit war es K. unmöglich, mit Fräulein Bürstner auch
|
||
nur einige wenige Worte zu sprechen. Er versuchte auf die
|
||
verschiedenste Weise an sie heranzukommen, sie aber wußte es immer zu
|
||
verhindern. Er kam gleich nach dem Bureau nach Hause, blieb in seinem
|
||
Zimmer, ohne das Licht anzudrehn, auf dem Kanapee sitzen und
|
||
beschäftigte sich mit nichts anderem, als das Vorzimmer zu beobachten.
|
||
Ging etwa das Dienstmädchen vorbei und schloß die Tür des scheinbar
|
||
leeren Zimmers, so stand er nach einem Weilchen auf und öffnete sie
|
||
wieder. Des Morgens stand er um eine Stunde früher auf als sonst, um
|
||
vielleicht Fräulein Bürstner allein treffen zu können, wenn sie ins
|
||
Bureau ging. Aber keiner dieser Versuche gelang. Dann schrieb er ihr
|
||
einen Brief sowohl ins Bureau als auch in die Wohnung, suchte darin
|
||
nochmals sein Verhalten zu rechtfertigen, bot sich zu jeder Genugtuung
|
||
an, versprach, niemals die Grenzen zu überschreiten, die sie ihm setzen
|
||
würde und bat nur, ihm die Möglichkeit zu geben, einmal mit ihr zu
|
||
sprechen, besonders da er auch bei Frau Grubach nichts veranlassen
|
||
könne, solange er sich nicht vorher mit ihr beraten habe, schließlich
|
||
teilte er ihr mit, daß er den nächsten Sonntag während des ganzen Tages
|
||
in seinem Zimmer auf ein Zeichen von ihr warten werde, das ihm die
|
||
Erfüllung seiner Bitte in Aussicht stelle oder das ihm wenigstens
|
||
erklären solle, warum sie die Bitte nicht erfüllen könne, trotzdem er
|
||
doch versprochen habe, sich in allem ihr zu fügen. Die Briefe kamen
|
||
nicht zurück, aber es erfolgte auch keine Antwort. Dagegen gab es
|
||
Sonntag ein Zeichen, dessen Deutlichkeit genügend war. Gleich früh
|
||
bemerkte K. durch das Schlüsselloch eine besondere Bewegung im
|
||
Vorzimmer, die sich bald aufklärte. Eine Lehrerin des Französischen,
|
||
sie war übrigens eine Deutsche und hieß Montag, ein schwaches blasses,
|
||
ein wenig hinkendes Mädchen, das bisher ein eigenes Zimmer bewohnt
|
||
hatte, übersiedelte in das Zimmer des Fräulein Bürstner. Stundenlang
|
||
sah man sie durch das Vorzimmer schlürfen. Immer war noch ein
|
||
Wäschestück oder ein Deckchen oder ein Buch vergessen, das besonders
|
||
geholt und in die neue Wohnung hinübergetragen werden mußte.
|
||
|
||
Als Frau Grubach K. das Frühstück brachte — sie überließ, seitdem sie
|
||
K. so erzürnt hatte, auch nicht die geringste Bedienung dem
|
||
Dienstmädchen — konnte sich K. nicht zurückhalten, sie zum erstenmal
|
||
anzusprechen. „Warum ist denn heute ein solcher Lärm im Vorzimmer?“
|
||
fragte er, während er den Kaffee eingoß, „könnte das nicht eingestellt
|
||
werden? Muß gerade am Sonntag aufgeräumt werden?“ Trotzdem K. nicht zu
|
||
Frau Grubach aufsah, bemerkte er doch, daß sie wie erleichtert
|
||
aufatmete. Selbst diese strengen Fragen K.s faßte sie als Verzeihung
|
||
oder als Beginn der Verzeihung auf. „Es wird nicht aufgeräumt, Herr
|
||
K.,“ sagte sie, „Fräulein Montag übersiedelt nur zu Fräulein Bürstner
|
||
und schafft ihre Sachen hinüber.“ Sie sagte nichts weiter, sondern
|
||
wartete, wie K. es aufnehmen und ob er ihr gestatten würde, weiter zu
|
||
reden. K. stellte sie aber auf die Probe, rührte nachdenklich den
|
||
Kaffee mit dem Löffel und schwieg. Dann sah er zu ihr auf und sagte:
|
||
„Haben Sie schon Ihren frühern Verdacht wegen Fräulein Bürstner
|
||
aufgegeben.“ „Herr K.,“ rief Frau Grubach, die nur auf diese Frage
|
||
gewartet hatte und hielt K. ihre gefalteten Hände hin. „Sie haben eine
|
||
gelegentliche Bemerkung letzthin so schwer genommen. Ich habe ja nicht
|
||
im entferntesten daran gedacht, Sie oder irgend jemand zu kränken. Sie
|
||
kennen mich doch schon lange genug, Herr K., um davon überzeugt sein zu
|
||
können. Sie wissen gar nicht, wie ich die letzten Tage gelitten habe!
|
||
Ich sollte meine Mieter verleumden! Und Sie, Herr K., glaubten es! Und
|
||
sagten, ich solle Ihnen kündigen! Ihnen kündigen!“ Der letzte Ausruf
|
||
erstickte schon unter Tränen, sie hob die Schürze zum Gesicht und
|
||
schluchzte laut.
|
||
|
||
„Weinen Sie doch nicht, Frau Grubach,“ sagte K. und sah zum Fenster
|
||
hinaus, er dachte nur an Fräulein Bürstner und daran, daß sie ein
|
||
fremdes Mädchen in ihr Zimmer aufgenommen hatte. „Weinen Sie doch
|
||
nicht,“ sagte er nochmals, als er sich ins Zimmer zurückwandte und Frau
|
||
Grubach noch immer weinte. „Es war ja damals auch von mir nicht so
|
||
schlimm gemeint. Wir haben eben einander gegenseitig mißverstanden. Das
|
||
kann auch alten Freunden einmal geschehn.“ Frau Grubach rückte die
|
||
Schürze unter die Augen, um zu sehn, ob K. wirklich versöhnt sei. „Nun
|
||
ja, es ist so,“ sagte K. und wagte nun, da nach dem Verhalten der Frau
|
||
Grubach zu schließen, der Hauptmann nichts verraten hatte, noch
|
||
hinzuzufügen: „Glauben Sie denn wirklich, daß ich mich wegen eines
|
||
fremden Mädchens mit Ihnen verfeinden könnte.“ „Das ist es ja eben,
|
||
Herr K.,“ sagte Frau Grubach, es war ihr Unglück, daß sie, sobald sie
|
||
sich nur irgendwie freier fühlte, gleich etwas Ungeschicktes sagte.
|
||
„Ich fragte mich immerfort: Warum nimmt sich Herr K. so sehr des
|
||
Fräulein Bürstner an? Warum zankt er ihretwegen mit mir, trotzdem er
|
||
weiß, daß mir jedes böse Wort von ihm den Schlaf nimmt? Ich habe ja
|
||
über das Fräulein nichts anderes gesagt, als was ich mit eigenen Augen
|
||
gesehen habe.“ K. sagte dazu nichts, er hätte sie mit dem ersten Wort
|
||
aus dem Zimmer jagen müssen und das wollte er nicht. Er begnügte sich
|
||
damit, den Kaffee zu trinken und Frau Grubach ihre Überflüssigkeit
|
||
fühlen zu lassen. Draußen hörte man wieder den schleppenden Schritt des
|
||
Fräulein Montag, welche das ganze Vorzimmer durchquerte. „Hören Sie
|
||
es?“ fragte K. und zeigte mit der Hand nach der Tür. „Ja,“ sagte Frau
|
||
Grubach und seufzte, „ich wollte ihr helfen und auch vom Dienstmädchen
|
||
helfen lassen, aber sie ist eigensinnig, sie will alles selbst
|
||
übersiedeln. Ich wundere mich über Fräulein Bürstner. Mir ist es oft
|
||
lästig, daß ich Fräulein Montag in Miete habe, Fräulein Bürstner aber
|
||
nimmt sie sogar zu sich ins Zimmer.“ „Das muß Sie gar nicht kümmern,“
|
||
sagte K. und zerdrückte die Zuckerreste in der Tasse. „Haben Sie denn
|
||
dadurch einen Schaden?“ „Nein,“ sagte Frau Grubach, „an und für sich
|
||
ist es mir ganz willkommen, ich bekomme dadurch ein Zimmer frei und
|
||
kann dort meinen Neffen, den Hauptmann, unterbringen. Ich fürchtete
|
||
schon längst, daß er Sie in den letzten Tagen, während derer ich ihn
|
||
nebenan im Wohnzimmer wohnen lassen mußte, gestört haben könnte. Er
|
||
nimmt nicht viel Rücksicht.“ „Was für Einfälle!“ sagte K. und stand
|
||
auf, „davon ist ja keine Rede. Sie scheinen mich wohl für
|
||
überempfindlich zu halten, weil ich diese Wanderungen des Fräulein
|
||
Montag — jetzt geht sie wieder zurück — nicht vertragen kann.“ Frau
|
||
Grubach kam sich recht machtlos vor. „Soll ich, Herr K., sagen, daß sie
|
||
den restlichen Teil der Übersiedelung aufschieben soll? Wenn Sie
|
||
wollen, tue ich es sofort.“ „Aber sie soll doch zu Fräulein Bürstner
|
||
übersiedeln!“ sagte K. „Ja,“ sagte Frau Grubach, sie verstand nicht
|
||
ganz, was K. meinte. „Nun also,“ sagte K., „dann muß sie doch ihre
|
||
Sachen hinübertragen.“ Frau Grubach nickte nur. Diese stumme
|
||
Hilflosigkeit, die äußerlich nicht anders aussah als Trotz, reizte K.
|
||
noch mehr. Er fing an, im Zimmer vom Fenster zur Tür auf und ab zu gehn
|
||
und nahm dadurch Frau Grubach die Möglichkeit, sich zu entfernen, was
|
||
sie sonst wahrscheinlich getan hätte.
|
||
|
||
Gerade war K. einmal wieder bis zur Tür gekommen, als es klopfte. Es
|
||
war das Dienstmädchen, welches meldete, daß Fräulein Montag gern mit
|
||
Herrn K. ein paar Worte sprechen möchte und daß sie ihn deshalb bitte,
|
||
ins Eßzimmer zu kommen, wo sie ihn erwarte. K. hörte das Dienstmädchen
|
||
nachdenklich an, dann wandte er sich mit einem fast höhnischen Blick
|
||
nach der erschrockenen Frau Grubach um. Dieser Blick schien zu sagen,
|
||
daß K. diese Einladung des Fräulein Montag schon längst vorausgesehen
|
||
habe und daß sie auch sehr gut mit der Quälerei zusammenpasse, die er
|
||
diesen Sonntagvormittag von den Mietern der Frau Grubach erfahren
|
||
mußte. Er schickte das Dienstmädchen zurück mit der Antwort, daß er
|
||
sofort komme, ging dann zum Kleiderkasten, um den Rock zu wechseln und
|
||
hatte als Antwort für Frau Grubach, welche leise über die lästige
|
||
Person jammerte, nur die Bitte, sie möge das Frühstücksgeschirr schon
|
||
forttragen. „Sie haben ja fast nichts angerührt,“ sagte Frau Grubach.
|
||
„Ach, tragen Sie es doch weg,“ rief K., es war ihm, als sei irgendwie
|
||
allem Fräulein Montag beigemischt und mache es widerwärtig.
|
||
|
||
Als er durch das Vorzimmer ging, sah er nach der geschlossenen Tür von
|
||
Fräulein Bürstners Zimmer. Aber er war nicht dorthin eingeladen,
|
||
sondern in das Eßzimmer, dessen Tür er aufriß, ohne zu klopfen.
|
||
|
||
Es war ein sehr langes aber schmales einfenstriges Zimmer. Es war dort
|
||
nur soviel Platz vorhanden, daß man in den Ecken an der Türseite zwei
|
||
Schränke schief hatte aufstellen können, während der übrige Raum
|
||
vollständig von dem langen Speisetisch eingenommen war, der in der Nähe
|
||
der Tür begann und bis knapp zum großen Fenster reichte, welches
|
||
dadurch fast unzugänglich geworden war. Der Tisch war bereits gedeckt,
|
||
und zwar für viele Personen, da am Sonntag fast alle Mieter hier zu
|
||
Mittag aßen.
|
||
|
||
Als K. eintrat, kam Fräulein Montag vom Fenster her an der einen Seite
|
||
des Tisches entlang K. entgegen. Sie grüßten einander stumm. Dann sagte
|
||
Fräulein Montag, wie immer den Kopf ungewöhnlich aufgerichtet: „Ich
|
||
weiß nicht, ob Sie mich kennen.“ K. sah sie mit zusammengezogenen Augen
|
||
an. „Gewiß,“ sagte er, „Sie wohnen doch schon längere Zeit bei Frau
|
||
Grubach.“ „Sie kümmern sich aber, wie ich glaube, nicht viel um die
|
||
Pension,“ sagte Fräulein Montag. „Nein,“ sagte K. „Wollen Sie sich
|
||
nicht setzen,“ sagte Fräulein Montag. Sie zogen beide schweigend zwei
|
||
Sessel am äußersten Ende des Tisches hervor und setzten sich einander
|
||
gegenüber. Aber Fräulein Montag stand gleich wieder auf, denn sie hatte
|
||
ihr Handtäschchen auf dem Fensterbrett liegengelassen und ging es
|
||
holen; sie schleifte durch das ganze Zimmer. Als sie, das Handtäschchen
|
||
leicht schwenkend, wieder zurückkam, sagte sie: „Ich möchte nur im
|
||
Auftrag meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Sie wollte
|
||
selbst kommen, aber sie fühlt sich heute ein wenig unwohl. Sie möchten
|
||
sie entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie hätte Ihnen auch
|
||
nichts anderes sagen können, als ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil,
|
||
ich glaube, ich kann Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch
|
||
verhältnismäßig unbeteiligt bin. Glauben Sie nicht auch?“
|
||
|
||
„Was wäre denn zu sagen?“ antwortete K., der dessen müde war, die Augen
|
||
des Fräulein Montag fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn. Sie
|
||
maßte sich dadurch eine Herrschaft schon darüber an, was er erst sagen
|
||
wollte. „Fräulein Bürstner will mir offenbar die persönliche
|
||
Aussprache, um die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen.“ „Das ist
|
||
es,“ sagte Fräulein Montag, „oder vielmehr, so ist es gar nicht, Sie
|
||
drücken es sonderbar scharf aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen
|
||
weder bewilligt, noch geschieht das Gegenteil. Aber es kann geschehn,
|
||
daß man Aussprachen für unnötig hält und so ist es eben hier. Jetzt,
|
||
nach Ihrer Bemerkung kann ich ja offen reden. Sie haben meine Freundin
|
||
schriftlich oder mündlich um eine Unterredung gebeten. Nun weiß aber
|
||
meine Freundin, so muß ich wenigstens annehmen, was diese Unterredung
|
||
betreffen soll, und ist deshalb aus Gründen, die ich nicht kenne,
|
||
überzeugt, daß es niemandem Nutzen bringen würde, wenn die Unterredung
|
||
wirklich zustande käme. Im übrigen erzählte sie mir erst gestern und
|
||
nur ganz flüchtig davon, sie sagte hierbei, daß auch Ihnen jedenfalls
|
||
nicht viel an der Unterredung liegen könne, denn Sie wären nur durch
|
||
einen Zufall auf einen derartigen Gedanken gekommen und würden selbst
|
||
auch ohne besondere Erklärung, wenn nicht schon jetzt, so doch sehr
|
||
bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen. Ich antwortete darauf, daß
|
||
das richtig sein mag, daß ich es aber zur vollständigen Klarstellung
|
||
doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine ausdrückliche Antwort
|
||
zukommen zu lassen. Ich bot mich an, diese Aufgabe zu übernehmen, nach
|
||
einigem Zögern gab meine Freundin mir nach. Ich hoffe nun aber auch in
|
||
Ihrem Sinne gehandelt zu haben, denn selbst die kleinste Unsicherheit
|
||
in der geringfügigsten Sache ist doch immer quälend und wenn man sie,
|
||
wie in diesem Falle, leicht beseitigen kann, so soll es doch besser
|
||
sofort geschehn.“ „Ich danke Ihnen,“ sagte K. sofort, stand langsam
|
||
auf, sah Fräulein Montag an, dann über den Tisch hin, dann aus dem
|
||
Fenster — das gegenüberliegende Haus stand in der Sonne — und ging zur
|
||
Tür. Fräulein Montag folgte ihm ein paar Schritte, als vertraue sie ihm
|
||
nicht ganz. Vor der Tür mußten aber beide zurückweichen, denn sie
|
||
öffnete sich und der Hauptmann Lanz trat ein. K. sah ihn zum erstenmal
|
||
aus der Nähe. Es war ein großer, etwa 40 jähriger Mann mit
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braungebranntem fleischigen Gesicht. Er machte eine leichte Verbeugung,
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die auch K. galt, ging dann zu Fräulein Montag und küßte ihr
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ehrerbietig die Hand. Er war sehr gewandt in seinen Bewegungen. Seine
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Höflichkeit gegen Fräulein Montag stach auffallend von der Behandlung
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ab, die sie von K. erfahren hatte. Trotzdem schien Fräulein Montag K.
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nicht böse zu sein, denn sie wollte ihn sogar, wie K. zu bemerken
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glaubte, dem Hauptmann vorstellen. Aber K. wollte nicht vorgestellt
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werden, er wäre nicht imstande gewesen, weder dem Hauptmann noch
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Fräulein Montag gegenüber irgendwie freundlich zu sein, der Handkuß
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hatte sie für ihn zu einer Gruppe verbunden, die ihn unter dem Anschein
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äußerster Harmlosigkeit und Uneigennützigkeit von Fräulein Bürstner
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abhalten wollte. K. glaubte jedoch nicht nur das zu erkennen, er
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erkannte auch, daß Fräulein Montag ein gutes, allerdings
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zweischneidiges Mittel gewählt hatte. Sie übertrieb die Bedeutung der
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Beziehung zwischen Fräulein Bürstner und K., sie übertrieb vor allem
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die Bedeutung der erbetenen Aussprache und versuchte es gleichzeitig so
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zu wenden, als ob es K. sei, der alles übertreibe. Sie sollte sich
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täuschen, K. wollte nichts übertreiben, er wußte, daß Fräulein Bürstner
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ein kleines Schreibmaschinenfräulein war, die ihm nicht lange
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Widerstand leisten sollte. Hiebei zog er absichtlich gar nicht in
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Berechnung, was er von Frau Grubach über Fräulein Bürstner erfahren
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hatte. Das alles überlegte er, während er kaum grüßend das Zimmer
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verließ. Er wollte gleich in sein Zimmer gehn, aber ein kleines Lachen
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des Fräulein Montag, das er hinter sich aus dem Eßzimmer hörte, brachte
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ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht beiden, dem Hauptmann wie
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Fräulein Montag eine Überraschung bereiten könnte. Er sah sich um und
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horchte, ob aus irgendeinem der umliegenden Zimmer eine Störung zu
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erwarten wäre, es war überall still, nur die Unterhaltung aus dem
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Eßzimmer war zu hören und aus dem Gang, der zur Küche führte, die
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Stimme der Frau Grubach. Die Gelegenheit schien günstig, K. ging zur
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Tür von Fräulein Bürstners Zimmer und klopfte leise. Da sich nichts
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rührte, klopfte er nochmals, aber es erfolgte noch immer keine Antwort.
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Schlief sie? Oder war sie wirklich unwohl? Oder verleugnete sie sich
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nur deshalb, weil sie ahnte, daß es nur K, sein konnte, der so leise
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klopfte? K. nahm an, daß sie sich verleugne und klopfte stärker,
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öffnete schließlich, da das Klopfen keinen Erfolg hatte, vorsichtig und
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nicht ohne das Gefühl, etwas Unrechtes und überdies Nutzloses zu tun,
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die Tür. Im Zimmer war niemand. Es erinnerte übrigens kaum mehr an das
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Zimmer, wie es K. gekannt hatte. An der Wand waren nun zwei Betten
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hintereinander aufgestellt, drei Sessel in der Nähe der Tür waren mit
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Kleidern und Wäsche überhäuft, ein Schrank stand offen. Fräulein
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Bürstner war wahrscheinlich fortgegangen, während Fräulein Montag im
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Eßzimmer auf K. eingeredet hatte. K. war dadurch nicht sehr bestürzt,
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er hatte kaum mehr erwartet, Fräulein Bürstner so leicht zu treffen, er
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hatte diesen Versuch fast nur aus Trotz gegen Fräulein Montag gemacht.
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Um so peinlicher war es ihm aber, als er, während er die Tür wieder
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schloß, in der offenen Tür des Eßzimmers Fräulein Montag und den
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Hauptmann sich unterhalten sah. Sie standen dort vielleicht schon,
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seitdem K. die Tür geöffnet hatte, sie vermieden jeden Anschein, als ob
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sie K. etwa beobachteten, sie unterhielten sich leise und verfolgten
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K.s Bewegungen mit den Blicken nur so, wie man während eines Gespräches
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zerstreut umherblickt. Aber auf K. lagen diese Blicke doch schwer, er
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beeilte sich, an der Wand entlang in sein Zimmer zu kommen.
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FÜNFTES KAPITEL
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DER PRÜGLER
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Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein
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Bureau von der Haupttreppe trennte — er ging diesmal fast als der
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letzte nach Hause, nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im
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||
kleinen Lichtfeld einer Glühlampe — hörte er hinter einer Tür, hinter
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der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals
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||
selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen. Er blieb erstaunt stehn und
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||
horchte noch einmal auf, um festzustellen, ob er sich nicht irrte — es
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||
wurde ein Weilchen still, dann waren es aber doch wieder Seufzer. —
|
||
Zuerst wollte er einen der Diener holen, man konnte vielleicht einen
|
||
Zeugen brauchen, dann aber faßte ihn eine derart unbezähmbare
|
||
Neugierde, daß er die Tür förmlich aufriß. Es war, wie er richtig
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||
vermutet hatte, eine Rumpelkammer. Unbrauchbare alte Drucksorten,
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||
umgeworfene leere irdene Tintenflaschen lagen hinter der Schwelle. In
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||
der Kammer selbst aber standen drei Männer, gebückt in dem niedrigen
|
||
Raum. Eine auf einem Regal festgemachte Kerze gab ihnen Licht. „Was
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||
treibt Ihr hier?“ fragte K., sich vor Aufregung überstürzend, aber
|
||
nicht laut. Der eine Mann, der die andern offenbar beherrschte und
|
||
zuerst den Blick auf sich lenkte, stak in einer Art dunklen
|
||
Lederkleidung, die den Hals bis tief zur Brust und die ganzen Arme
|
||
nackt ließ. Er antwortete nicht. Aber die zwei andern riefen: „Herr!
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||
Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter
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||
über uns beklagt hast.“ Und nun erst erkannte K., daß es wirklich die
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||
Wächter Franz und Willem waren, und daß der Dritte eine Rute in der
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||
Hand hielt, um sie zu prügeln. „Nun,“ sagte K. und starrte sie an, „ich
|
||
habe mich nicht beklagt, ich habe nur gesagt, wie es sich in meiner
|
||
Wohnung zugetragen hat. Und einwandfrei habt Ihr Euch ja nicht
|
||
benommen.“ „Herr,“ sagte Willem, während Franz sich hinter ihm vor dem
|
||
Dritten offenbar zu sichern suchte, „wenn Ihr wüßtet, wie schlecht wir
|
||
bezahlt sind, Ihr würdet besser über uns urteilen. Ich habe eine
|
||
Familie zu ernähren und Franz hier wollte heiraten, man sucht sich zu
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||
bereichern, wie es geht, durch bloße Arbeit gelingt es nicht, selbst
|
||
durch die angestrengteste. Eure feine Wäsche hat mich verlockt, es ist
|
||
natürlich den Wächtern verboten, so zu handeln, es war unrecht, aber
|
||
Tradition ist es, daß die Wäsche den Wächtern gehört, es ist immer so
|
||
gewesen, glaubt es mir; es ist ja auch verständlich, was bedeuten denn
|
||
noch solche Dinge für den, welcher so unglücklich ist, verhaftet zu
|
||
werden. Bringt er es dann allerdings öffentlich zur Sprache, dann muß
|
||
die Strafe erfolgen.“ „Was Ihr jetzt sagt, wußte ich nicht, ich habe
|
||
auch keineswegs Eure Bestrafung verlangt, mir ging es um ein Prinzip.“
|
||
„Franz,“ wandte sich Willem zum andern Wächter, „sagte ich dir nicht,
|
||
daß der Herr unsere Bestrafung nicht verlangt hat. Jetzt hörst du, daß
|
||
er nicht einmal gewußt hat, daß wir bestraft werden müssen.“ „Laß dich
|
||
nicht durch solche Reden rühren,“ sagte der Dritte zu K., „die Strafe
|
||
ist ebenso gerecht als unvermeidlich.“ „Höre nicht auf ihn,“ sagte
|
||
Willem und unterbrach sich nur, um die Hand, über die er einen
|
||
Rutenhieb bekommen hatte, schnell an den Mund zu führen, „wir werden
|
||
nur gestraft, weil du uns angezeigt hast. Sonst wäre uns nichts
|
||
geschehn, selbst wenn man erfahren hätte, was wir getan haben. Kann man
|
||
das Gerechtigkeit nennen? Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten uns
|
||
als Wächter durch lange Zeit sehr bewährt — du selbst mußt eingestehn,
|
||
daß wir, vom Gesichtspunkt der Behörde gesehn, gut gewacht haben — wir
|
||
hatten Aussicht, vorwärts zu kommen und wären gewiß bald auch Prügler
|
||
geworden, wie dieser, der eben das Glück hatte, von niemandem angezeigt
|
||
worden zu sein, denn eine solche Anzeige kommt wirklich nur sehr selten
|
||
vor. Und jetzt, Herr, ist alles verloren, unsere Laufbahn beendet, wir
|
||
werden noch viel untergeordnetere Arbeiten leisten müssen, als der
|
||
Wachdienst ist, und überdies bekommen wir jetzt diese schrecklich
|
||
schmerzhaften Prügel.“ „Kann denn die Rute solche Schmerzen machen,“
|
||
fragte K. und prüfte die Rute, die der Prügler vor ihm schwang. „Wir
|
||
werden uns ja ganz nackt ausziehn müssen,“ sagte Willem. „Ach so,“
|
||
sagte K. und sah den Prügler genau an, er war braun gebrannt wie ein
|
||
Matrose und hatte ein wildes frisches Gesicht. „Gibt es keine
|
||
Möglichkeit, den zweien die Prügel zu ersparen,“ fragte er ihn. „Nein,“
|
||
sagte der Prügler und schüttelte lächelnd den Kopf. „Zieht Euch aus,“
|
||
befahl er den Wächtern. Und zu K. sagte er: „Du mußt ihnen nicht alles
|
||
glauben, sie sind durch die Angst vor den Prügeln schon ein wenig
|
||
schwachsinnig geworden. Was dieser hier z. B.“ — zeigte auf Willem —
|
||
„über seine mögliche Laufbahn erzählt hat, ist geradezu lächerlich.
|
||
Sieh an, wie fett er ist — die ersten Rutenstreiche werden überhaupt im
|
||
Fett verloren gehn. — Weißt du, wodurch er so fett geworden ist? Er hat
|
||
die Gewohnheit, allen Verhafteten das Frühstück aufzuessen. Hat er
|
||
nicht auch dein Frühstück aufgegessen? Nun, ich sagte es ja. Aber ein
|
||
Mann mit einem solchen Bauch kann nie und nimmermehr Prügler werden,
|
||
das ist ganz ausgeschlossen.“ „Es gibt auch solche Prügler,“ behauptete
|
||
Willem, der gerade seinen Hosengürtel löste. „Nein,“ sagte der Prügler
|
||
und strich ihm mit der Rute derartig über den Hals, daß er
|
||
zusammenzuckte, „du sollst nicht zuhören, sondern dich ausziehn.“ „Ich
|
||
würde dich gut belohnen, wenn du sie laufen läßt,“ sagte K. und zog,
|
||
ohne den Prügler nochmals anzusehn — solche Geschäfte werden
|
||
beiderseits mit niedergeschlagenen Augen am besten abgewickelt — seine
|
||
Brieftasche hervor. „Du willst wohl dann auch mich anzeigen,“ sagte der
|
||
Prügler, „und auch noch mir Prügel verschaffen. Nein, nein!“ „Sei doch
|
||
vernünftig,“ sagte K., „wenn ich gewollt hätte, daß diese zwei bestraft
|
||
werden, würde ich sie doch jetzt nicht loskaufen wollen. Ich könnte
|
||
einfach die Tür hier zuschlagen, nichts weiter sehn und hören wollen
|
||
und nach Hause gehn; nun tue ich das aber nicht, vielmehr liegt mir
|
||
ernstlich daran, sie zu befreien; hätte ich geahnt, daß sie bestraft
|
||
werden sollen oder auch nur bestraft werden können, hätte ich ihre
|
||
Namen nie genannt. Ich halte sie nämlich gar nicht für schuldig,
|
||
schuldig ist die Organisation, schuldig sind die hohen Beamten.“ „So
|
||
ist es,“ riefen die Wächter und bekamen sofort einen Hieb über ihren
|
||
schon entkleideten Rücken. „Hättest du hier unter deiner Rute einen
|
||
hohen Richter,“ sagte K. und drückte, während er sprach, die Rute, die
|
||
sich schon wieder erheben wollte, nieder, „ich würde dich wahrhaftig
|
||
nicht hindern, loszuschlagen, im Gegenteil, ich würde dir noch Geld
|
||
geben, damit du dich für die gute Sache kräftigst.“ „Was du sagst,
|
||
klingt ja glaubwürdig,“ sagte der Prügler, „aber ich lasse mich nicht
|
||
bestechen. Ich bin zum Prügeln angestellt, also prügle ich.“ Der
|
||
Wächter Franz, der vielleicht in Erwartung eines guten Ausgangs des
|
||
Eingreifens von K. bisher ziemlich zurückhaltend gewesen war, trat
|
||
jetzt nur noch mit den Hosen bekleidet zur Tür, hing sich niederkniend
|
||
an K.s Arm und flüsterte: „Wenn du für uns beide Schonung nicht
|
||
durchsetzen kannst, so versuche wenigstens mich zu befreien. Willem ist
|
||
älter als ich, in jeder Hinsicht weniger empfindlich, auch hat er schon
|
||
einmal vor paar Jahren eine leichte Prügelstrafe bekommen, ich aber bin
|
||
noch nicht entehrt und bin doch zu meiner Handlungsweise nur durch
|
||
Willem gebracht worden, der im Guten und Schlechten mein Lehrer ist.
|
||
Unten vor der Bank wartet meine arme Braut auf den Ausgang, ich schäme
|
||
mich ja so erbärmlich.“ Er trocknete mit K.s Rock sein von Tränen ganz
|
||
überlaufenes Gesicht. „Ich warte nicht mehr,“ sagte der Prügler, faßte
|
||
die Rute mit beiden Händen und hieb auf Franz ein, während Willem in
|
||
einem Winkel kauerte und heimlich zusah, ohne eine Kopfwendung zu
|
||
wagen. Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und
|
||
unveränderlich, er schien nicht von einem Menschen, sondern von einem
|
||
gemarterten Instrument zu stammen, der ganze Korridor stöhnte von ihm,
|
||
das ganze Haus mußte es hören. „Schrei nicht,“ rief K., er konnte sich
|
||
nicht zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, aus
|
||
der die Diener kommen mußten, stieß er den Franz, nicht stark aber doch
|
||
stark genug, daß der Besinnungslose niederfiel und im Krampf mit den
|
||
Händen den Boden absuchte; den Schlägen entging er aber nicht, die Rute
|
||
fand ihn auch auf der Erde; während er sich unter ihr wälzte, schwang
|
||
sich ihre Spitze regelmäßig auf und ab. Und schon erschien in der Ferne
|
||
ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm ein zweiter. K. hatte
|
||
schnell die Tür zugeworfen, war zu einem nahen Hoffenster getreten und
|
||
öffnete es. Das Schreien hatte vollständig aufgehört. Um die Diener
|
||
nicht herankommen zu lassen, rief er: „Ich bin es.“ „Guten Abend, Herr
|
||
Prokurist,“ rief es zurück. „Ist etwas geschehn?“ „Nein, nein,“
|
||
antwortete K. „es schreit nur ein Hund auf dem Hof.“ Als die Diener
|
||
sich doch nicht rührten, fügte er hinzu: „Sie können bei Ihrer Arbeit
|
||
bleiben.“ Um sich in kein Gespräch mit den Dienern einlassen zu müssen,
|
||
beugte er sich aus dem Fenster. Als er nach einem Weilchen wieder in
|
||
den Korridor sah, waren sie schon weg. K. aber blieb nun beim Fenster,
|
||
in die Rumpelkammer wagte er nicht zu gehn und nach Hause gehn wollte
|
||
er auch nicht. Es war ein kleiner viereckiger Hof, in den er
|
||
hinuntersah, ringsherum waren Bureauräume untergebracht, alle Fenster
|
||
waren jetzt schon dunkel, nur die obersten fingen einen Widerschein des
|
||
Mondes auf. K. suchte angestrengt mit den Blicken in das Dunkel eines
|
||
Hofwinkels einzudringen, in dem einige Handkarren ineinandergefahren
|
||
waren. Es quälte ihn, daß es ihm nicht gelungen war, das Prügeln zu
|
||
verhindern, aber es war nicht seine Schuld, daß es nicht gelungen war,
|
||
hätte Franz nicht geschrien — gewiß, es mußte sehr weh getan haben,
|
||
aber in einem entscheidenden Augenblick muß man sich beherrschen —
|
||
hätte er nicht geschrien, so hätte K., wenigstens sehr wahrscheinlich,
|
||
noch ein Mittel gefunden, den Prügler zu überreden. Wenn die ganze
|
||
unterste Beamtenschaft Gesindel war, warum hätte gerade der Prügler,
|
||
der das unmenschlichste Amt hatte, eine Ausnahme machen sollen. K.
|
||
hatte auch gut beobachtet, wie ihm beim Anblick der Banknote die Augen
|
||
geleuchtet hatten, er hatte mit dem Prügeln offenbar nur deshalb Ernst
|
||
gemacht, um die Bestechungssumme noch ein wenig zu erhöhen. Und K.
|
||
hätte nicht gespart, es lag ihm wirklich daran, die Wächter zu
|
||
befreien; wenn er nun schon angefangen hatte, die Verderbnis dieses
|
||
Gerichtswesens zu bekämpfen, so war es selbstverständlich, daß er auch
|
||
von dieser Seite eingriff. Aber in dem Augenblick, wo Franz zu schreien
|
||
angefangen hatte, war natürlich alles zu Ende. K. konnte nicht
|
||
zulassen, daß die Diener und vielleicht noch alle möglichen Leute kämen
|
||
und ihn in Unterhandlungen mit der Gesellschaft in der Rumpelkammer
|
||
überraschten. Diese Aufopferung konnte wirklich niemand von K.
|
||
verlangen. Wenn er das zu tun beabsichtigt hätte, so wäre es ja fast
|
||
einfacher gewesen, K. hätte sich selbst ausgezogen und dem Prügler als
|
||
Ersatz für die Wächter angeboten. Übrigens hätte der Prügler diese
|
||
Vertretung gewiß nicht angenommen, da er dadurch, ohne einen Vorteil zu
|
||
gewinnen, dennoch seine Pflicht schwer verletzt hätte, und
|
||
wahrscheinlich doppelt verletzt hätte, denn K. mußte wohl, solange er
|
||
im Verfahren stand, für alle Angestellten des Gerichts unverletzlich
|
||
sein. Allerdings konnten hier auch besondere Bestimmungen gelten.
|
||
Jedenfalls hatte K. nichts anderes tun können, als die Tür zuschlagen,
|
||
trotzdem dadurch auch jetzt noch für K. durchaus nicht jede Gefahr
|
||
beseitigt blieb. Daß er zuletzt noch Franz einen Stoß gegeben hatte,
|
||
war bedauerlich und nur durch seine Aufregung zu entschuldigen.
|
||
|
||
In der Ferne hörte er die Schritte der Diener; um ihnen nicht auffällig
|
||
zu werden, schloß er das Fenster und ging in der Richtung zur
|
||
Haupttreppe. Bei der Tür zur Rumpelkammer blieb er ein wenig stehn und
|
||
horchte. Es war ganz still. Der Mann konnte die Wächter totgeprügelt
|
||
haben, sie waren ja ganz in seine Macht gegeben. K. hatte schon die
|
||
Hand nach der Klinke ausgestreckt, zog sie dann aber wieder zurück.
|
||
Helfen konnte er niemandem mehr und die Diener mußten gleich kommen; er
|
||
gelobte sich aber, die Sache noch zur Sprache zu bringen und die
|
||
wirklich Schuldigen, die hohen Beamten, von denen sich ihm noch keiner
|
||
zu zeigen gewagt hatte, soweit es in seinen Kräften war, gebührend zu
|
||
bestrafen. Als er die Freitreppe der Bank hinunterging, beobachtete er
|
||
sorgfältig alle Passanten, aber selbst in der weitern Umgebung war kein
|
||
Mädchen zu sehn, das auf jemanden gewartet hätte. Die Bemerkung
|
||
Franzens, daß seine Braut auf ihn warte, erwies sich als eine
|
||
allerdings verzeihliche Lüge, die nur den Zweck gehabt hatte, größeres
|
||
Mitleid zu erwecken.
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||
|
||
Auch noch am nächsten Tage kamen K. die Wächter nicht aus dem Sinn; er
|
||
war bei der Arbeit zerstreut und mußte, um sie zu bewältigen, noch ein
|
||
wenig länger im Bureau bleiben als am Tag vorher. Als er auf dem
|
||
Nachhauseweg wieder an der Rumpelkammer vorbeikam, öffnete er sie aus
|
||
Gewohnheit. Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels erblickte,
|
||
wußte er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert, so wie er es am
|
||
Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und
|
||
Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute,
|
||
die noch vollständig angezogenen Wächter, die Kerze auf dem Regal und
|
||
die Wächter begannen zu klagen und riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür
|
||
zu und schlug noch mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester
|
||
verschlossen. Fast weinend lief er zu den Dienern, die ruhig an den
|
||
Kopiermaschinen arbeiteten und erstaunt in ihrer Arbeit innehielten.
|
||
„Räumt doch endlich die Rumpelkammer aus,“ rief er. „Wir versinken ja
|
||
im Schmutz.“ Die Diener waren bereit, es am nächsten Tag zu tun, K.
|
||
nickte, jetzt spät am Abend konnte er sie nicht mehr zu der Arbeit
|
||
zwingen, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Er setzte sich ein
|
||
wenig, um die Diener ein Weilchen lang in der Nähe zu behalten, warf
|
||
einige Kopien durcheinander, wodurch er den Anschein zu erwecken
|
||
glaubte, daß er sie überprüfe, und ging dann, da er einsah, daß die
|
||
Diener nicht wagen würden, gleichzeitig mit ihm wegzugehn, müde und
|
||
gedankenlos nach Hause.
|
||
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||
SECHSTES KAPITEL
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||
DER ONKEL · LENI
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||
Eines Nachmittags — K. war gerade vor dem Postabschluß sehr beschäftigt
|
||
— drängte sich zwischen zwei Dienern, die Schriftstücke hereintrugen,
|
||
K.s Onkel Karl, ein kleiner Grundbesitzer vom Lande, ins Zimmer. K.
|
||
erschrak bei dem Anblick weniger, als er schon vor längerer Zeit bei
|
||
der Vorstellung vom Kommen des Onkels erschrocken war. Der Onkel mußte
|
||
kommen, das stand bei K. schon etwa einen Monat lang fest. Schon damals
|
||
hatte er ihn zu sehen geglaubt, wie er, ein wenig gebückt, den
|
||
eingedrückten Panamahut in der Linken, die Rechte schon von weitem ihm
|
||
entgegenstreckte und sie mit rücksichtsloser Eile über den Schreibtisch
|
||
hinreichte, alles umstoßend, was ihm im Wege war. Der Onkel befand sich
|
||
immer in Eile, denn er war von dem unglücklichen Gedanken verfolgt, bei
|
||
seinem immer nur eintägigen Aufenthalt in der Hauptstadt müsse er alles
|
||
erledigen können, was er sich vorgenommen hatte, und dürfe überdies
|
||
auch kein gelegentlich sich darbietendes Gespräch oder Geschäft oder
|
||
Vergnügen sich entgehen lassen. Dabei mußte ihm K., der ihm als seinem
|
||
gewesenen Vormund besonders verpflichtet war, in allem möglichen
|
||
behilflich sein und ihn außerdem bei sich übernachten lassen. „Das
|
||
Gespenst vom Lande“ pflegte er ihn zu nennen.
|
||
|
||
Gleich nach der Begrüßung — sich in das Fauteuil zu setzen, wozu ihn K.
|
||
einlud, hatte er keine Zeit — bat er K. um ein kurzes Gespräch unter
|
||
vier Augen. „Es ist notwendig,“ sagte er, mühselig schluckend, „zu
|
||
meiner Beruhigung ist es notwendig.“ K. schickte sofort die Diener aus
|
||
dem Zimmer mit der Weisung, niemand einzulassen. „Was habe ich gehört,
|
||
Josef?“ rief der Onkel, als sie allein waren, setzte sich auf den Tisch
|
||
und stopfte ohne hinzusehn verschiedene Papiere unter sich, um besser
|
||
zu sitzen. K. schwieg, er wußte, was kommen würde, aber, plötzlich von
|
||
der anstrengenden Arbeit entspannt, wie er war, gab er sich zunächst
|
||
einer angenehmen Mattigkeit hin und sah durch das Fenster auf die
|
||
gegenüberliegende Straßenseite, von der von seinem Sitz aus nur ein
|
||
kleiner dreieckiger Ausschnitt zu sehen war, ein Stück leerer
|
||
Häusermauer, zwischen zwei Geschäftsauslagen. „Du schaust aus dem
|
||
Fenster,“ rief der Onkel mit erhobenen Armen, „um Himmels willen,
|
||
Josef, antworte mir doch. Ist es wahr, kann es denn wahr sein?“ „Lieber
|
||
Onkel,“ sagte K. und riß sich von seiner Zerstreutheit los, „ich weiß
|
||
ja gar nicht, was du von mir willst.“ „Josef,“ sagte der Onkel warnend,
|
||
„die Wahrheit hast du immer gesagt, soviel ich weiß. Soll ich deine
|
||
letzten Worte als schlimmes Zeichen auffassen.“ „Ich ahne ja, was du
|
||
willst,“ sagte K. folgsam, „du hast wahrscheinlich von meinem Prozeß
|
||
gehört.“ „So ist es,“ antwortete der Onkel, langsam nickend, „ich habe
|
||
von deinem Prozeß gehört.“ „Von wem denn?“ fragte K. „Erna hat es mir
|
||
geschrieben,“ sagte der Onkel, „sie hat ja keinen Verkehr mit dir, du
|
||
kümmerst dich leider nicht viel um sie, trotzdem hat sie es erfahren.
|
||
Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich sofort hergefahren.
|
||
Aus keinem andern Grund, aber es scheint ein genügender Grund zu sein.
|
||
Ich kann dir die Briefstelle, die dich betrifft, vorlesen.“ Er zog den
|
||
Brief aus der Brieftasche. „Hier ist es. Sie schreibt: Josef habe ich
|
||
schon lange nicht gesehn, vorige Woche war ich einmal in der Bank, aber
|
||
Josef war so beschäftigt, daß ich nicht vorgelassen wurde; ich habe
|
||
fast eine Stunde gewartet, mußte dann aber nach Hause, weil ich
|
||
Klavierstunde hatte. Ich hätte gern mit ihm gesprochen, vielleicht wird
|
||
sich nächstens eine Gelegenheit finden. Zu meinem Namenstag hat er mir
|
||
eine große Schachtel Schokolade geschickt, es war sehr lieb und
|
||
aufmerksam. Ich hatte vergessen, es Euch damals zu schreiben, erst
|
||
jetzt, da Ihr mich fragt, erinnere ich mich daran. Schokolade, müßt Ihr
|
||
wissen, verschwindet nämlich in der Pension sofort, kaum ist man zum
|
||
Bewußtsein dessen gekommen, daß man mit Schokolade beschenkt worden
|
||
ist, ist sie auch schon weg. Aber was Josef betrifft, wollte ich Euch
|
||
noch etwas sagen. Wie erwähnt, wurde ich in der Bank nicht zu ihm
|
||
vorgelassen, weil er gerade mit einem Herrn verhandelte. Nachdem ich
|
||
eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die
|
||
Verhandlung noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte wohl sein,
|
||
denn es handle sich wahrscheinlich um den Prozeß, der gegen den Herrn
|
||
Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozeß sei,
|
||
ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein
|
||
Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er nicht. Er
|
||
selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn dieser sei ein
|
||
guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen
|
||
sollte, und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren
|
||
seiner annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehn und es werde
|
||
schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus
|
||
der Laune des Herrn Prokuristen entnehmen könne, gar nicht gut. Ich
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legte diesen Reden natürlich nicht viel Bedeutung bei, suchte auch den
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einfältigen Diener zu beruhigen, verbot ihm, andern gegenüber davon zu
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sprechen und halte das Ganze für ein Geschwätz. Trotzdem wäre es
|
||
vielleicht gut, wenn Du, liebster Vater, bei Deinem nächsten Besuch der
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||
Sache nachgehn wolltest, es wird Dir leicht sein, Genaueres zu erfahren
|
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und wenn es wirklich nötig sein sollte, durch Deine großen
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||
einflußreichen Bekanntschaften einzugreifen. Sollte es aber nicht nötig
|
||
sein, was ja das Wahrscheinlichste ist, so wird es wenigstens Deiner
|
||
Tochter bald Gelegenheit geben, Dich zu umarmen, was sie freuen würde.“
|
||
„Ein gutes Kind,“ sagte der Onkel, als er die Vorlesung beendet hatte,
|
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und wischte einige Tränen aus den Augen fort. K. nickte, er hatte
|
||
infolge der verschiedenen Störungen der letzten Zeit Erna vollständig
|
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vergessen, sogar ihren Geburtstag hatte er vergessen, und die
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||
Geschichte von der Schokolade war offenbar zu dem Zweck erfunden, um
|
||
ihn vor Onkel und Tante in Schutz zu nehmen. Es war sehr rührend, und
|
||
mit den Theaterkarten, die er ihr von jetzt ab regelmäßig schicken
|
||
wollte, gewiß nicht genügend belohnt, aber zu Besuchen in der Pension
|
||
und zu Unterhaltungen mit einer kleinen 18 jährigen Gymnasiastin fühlte
|
||
er sich jetzt nicht geeignet. „Und was sagst du jetzt?“ fragte der
|
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Onkel, der durch den Brief alle Eile und Aufregung vergessen hatte und
|
||
ihn noch einmal zu lesen schien. „Ja, Onkel,“ sagte K., „es ist wahr.“
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||
„Wahr?“ rief der Onkel, „Was ist wahr? Wie kann es denn wahr sein? Was
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||
für ein Prozeß? Doch nicht ein Strafprozeß?“ „Ein Strafprozeß,“
|
||
antwortete K. „Und du sitzt ruhig hier und hast einen Strafprozeß auf
|
||
dem Halse?“ rief der Onkel, der immer lauter wurde. „Je ruhiger ich
|
||
bin, desto besser ist es für den Ausgang,“ sagte K. müde. „Fürchte
|
||
nichts.“ „Das kann mich nicht beruhigen,“ rief der Onkel, „Josef,
|
||
lieber Josef, denke an dich, an deine Verwandten, an unsern guten
|
||
Namen. Du warst bisher unsere Ehre, du darfst nicht unsere Schande
|
||
werden. Deine Haltung,“ er sah K. mit schief geneigtem Kopfe an,
|
||
„gefällt mir nicht, so verhält sich kein unschuldig Angeklagter, der
|
||
noch bei Kräften ist. Sag mir nur schnell, um was es sich handelt,
|
||
damit ich dir helfen kann. Es handelt sich natürlich um die Bank?“
|
||
„Nein,“ sagte K. und stand auf, „du sprichst aber zu laut, lieber
|
||
Onkel, der Diener steht wahrscheinlich an der Tür und horcht. Das ist
|
||
mir unangenehm. Wir wollen lieber weggehn. Ich werde dir dann alle
|
||
Fragen so gut es geht beantworten. Ich weiß sehr gut, daß ich der
|
||
Familie Rechenschaft schuldig bin.“ „Richtig,“ schrie der Onkel, „sehr
|
||
richtig, beeile dich nur, Josef, beeile dich.“ „Ich muß nur noch einige
|
||
Aufträge geben,“ sagte K. und berief telephonisch seinen Vertreter zu
|
||
sich, der in wenigen Augenblicken eintrat. Der Onkel in seiner
|
||
Aufregung zeigte ihm mit der Hand, daß K. ihn habe rufen lassen, woran
|
||
auch sonst kein Zweifel gewesen wäre. K., der vor dem Schreibtisch
|
||
stand, erklärte dem jungen Mann, der kühl aber aufmerksam zuhörte, mit
|
||
leiser Stimme unter Zuhilfenahme verschiedener Schriftstücke, was in
|
||
seiner Abwesenheit heute noch erledigt werden müsse. Der Onkel störte,
|
||
indem er zuerst mit großen Augen und nervösem Lippenbeißen dabeistand,
|
||
ohne allerdings zuzuhören, aber der Anschein dessen war schon störend
|
||
genug. Dann aber ging er im Zimmer auf und ab und blieb hie und da vor
|
||
dem Fenster oder vor einem Bild stehen, wobei er immer in verschiedene
|
||
Ausrufe ausbrach, wie: „Mir ist es vollständig unbegreiflich“ oder
|
||
„Jetzt sagt mir nur, was soll denn daraus werden.“ Der junge Mann tat,
|
||
als bemerke er nichts davon, hörte ruhig K.s Aufträge bis zu Ende an,
|
||
notierte sich auch einiges und ging, nachdem er sich vor K. wie auch
|
||
vor dem Onkel verneigt hatte, der ihm aber gerade den Rücken zukehrte,
|
||
aus dem Fenster sah und mit ausgestreckten Händen die Vorhänge
|
||
zusammenknüllte. Die Tür hatte sich noch kaum geschlossen, als der
|
||
Onkel ausrief: „Endlich ist der Hampelmann weggegangen, jetzt können
|
||
doch auch wir gehn. Endlich!“ Es gab leider kein Mittel, den Onkel zu
|
||
bewegen, in der Vorhalle, wo einige Beamte und Diener herumstanden und
|
||
die gerade auch der Direktor-Stellvertreter kreuzte, die Fragen wegen
|
||
des Prozesses zu unterlassen. „Also, Josef,“ begann der Onkel, während
|
||
er die Verbeugungen der Umstehenden durch leichtes Salutieren
|
||
beantwortete, „jetzt sag’ mir offen, was es für ein Prozeß ist.“ K.
|
||
machte einige nichtssagende Bemerkungen, lachte auch ein wenig und erst
|
||
auf der Treppe erklärte er dem Onkel, daß er vor den Leuten nicht habe
|
||
offen reden wollen. „Richtig,“ sagte der Onkel, „aber jetzt rede.“ Mit
|
||
geneigtem Kopf, eine Zigarre in kurzen, eiligen Zügen rauchend, hörte
|
||
er zu. „Vor allem, Onkel,“ sagte K., „handelt es sich gar nicht um
|
||
einen Prozeß vor dem gewöhnlichen Gericht.“ „Das ist schlimm,“ sagte
|
||
der Onkel. „Wie?“ sagte K. und sah den Onkel an. „Daß das schlimm ist,
|
||
meine ich,“ wiederholte der Onkel. Sie standen auf der Freitreppe, die
|
||
zur Straße führte; da der Portier zu horchen schien, zog K. den Onkel
|
||
hinunter; der lebhafte Straßenverkehr nahm sie auf. Der Onkel, der sich
|
||
in K. eingehängt hatte, fragte nicht mehr so dringend nach dem Prozeß,
|
||
sie gingen sogar eine Zeitlang schweigend weiter. „Wie ist es aber
|
||
geschehn?“ fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß
|
||
die hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen. „Solche Dinge
|
||
kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor, es
|
||
müssen Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. Du
|
||
weißt, daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein
|
||
Vormund und war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch
|
||
jetzt noch helfen, nur ist es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange
|
||
ist, sehr schwer. Am besten wäre es jedenfalls, wenn du dir jetzt einen
|
||
kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein
|
||
wenig abgemagert, jetzt merke ich es. Auf dem Land wirst du dich
|
||
kräftigen, das wird gut sein, es stehen dir ja gewiß Anstrengungen
|
||
bevor. Außerdem aber wirst du dadurch dem Gericht gewissermaßen
|
||
entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen Machtmittel, die sie
|
||
notwendigerweise automatisch auch dir gegenüber anwenden; auf das Land
|
||
müßten sie aber erst Organe delegieren oder nur brieflich,
|
||
telegraphisch, telephonisch auf dich einzuwirken suchen. Das schwächt
|
||
natürlich die Wirkung ab, befreit dich zwar nicht, aber läßt dich
|
||
aufatmen.“ „Sie könnten mir ja verbieten, wegzufahren,“ sagte K., den
|
||
die Rede des Onkels ein wenig in ihren Gedankengang gezogen hatte. „Ich
|
||
glaube nicht, daß sie das tun werden,“ sagte der Onkel nachdenklich,
|
||
„so groß ist der Verlust an Macht nicht, den sie durch deine Abreise
|
||
erleiden.“ „Ich dachte,“ sagte K. und faßte den Onkel unterm Arm, um
|
||
ihn am Stehenbleiben hindern zu können, „daß du dem Ganzen noch weniger
|
||
Bedeutung beimessen würdest als ich, und jetzt nimmst du es selbst so
|
||
schwer.“ „Josef,“ rief der Onkel und wollte sich ihm entwinden, um
|
||
stehn bleiben zu können, aber K. ließ ihn nicht, „du bist verwandelt,
|
||
du hattest doch immer ein so richtiges Auffassungsvermögen und gerade
|
||
jetzt verläßt es dich? Willst du denn den Prozeß verlieren? Weißt du,
|
||
was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und
|
||
daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den
|
||
Boden gedemütigt wird. Josef, nimm dich doch zusammen. Deine
|
||
Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand. Wenn man dich ansieht,
|
||
möchte man fast dem Sprichwort glauben: „Einen solchen Prozeß haben,
|
||
heißt ihn schon verloren haben.“ „Lieber Onkel,“ sagte K., „die
|
||
Aufregung ist so unnütz, sie ist es auf deiner Seite und wäre es auch
|
||
auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse nicht, laß auch
|
||
meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten, so wie ich deine,
|
||
selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch jetzt sehr achte. Da
|
||
du sagst, daß auch die Familie durch den Prozeß in Mitleidenschaft
|
||
gezogen würde, — was ich für meinen Teil durchaus nicht begreifen kann,
|
||
das ist aber Nebensache — so will ich dir gerne in allem folgen. Nur
|
||
den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht für
|
||
vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten.
|
||
Überdies bin ich hier zwar mehr verfolgt, kann aber auch selbst die
|
||
Sache mehr betreiben.“ „Richtig,“ sagte der Onkel in einem Ton, als
|
||
kämen sie jetzt endlich einander näher, „ich machte den Vorschlag nur,
|
||
weil ich, wenn du hier bliebst, die Sache von deiner Gleichgültigkeit
|
||
gefährdet sah und es für besser hielt, wenn ich statt deiner für dich
|
||
arbeitete. Willst du sie aber mit aller Kraft selbst betreiben, so ist
|
||
es natürlich weit besser.“ „Darin wären wir also einig,“ sagte K. „Und
|
||
hast du jetzt einen Vorschlag dafür, was ich zunächst machen soll?“
|
||
„Ich muß mir natürlich die Sache noch überlegen,“ sagte der Onkel, „du
|
||
mußt bedenken, daß ich jetzt schon 20 Jahre fast ununterbrochen auf dem
|
||
Lande bin, dabei läßt der Spürsinn in diesen Richtungen nach.
|
||
Verschiedene wichtige Verbindungen mit Persönlichkeiten, die sich hier
|
||
vielleicht besser auskennen, haben sich von selbst gelockert. Ich bin
|
||
auf dem Land ein wenig verlassen, das weißt du ja. Selbst merkt man es
|
||
eigentlich erst bei solchen Gelegenheiten. Zum Teil kam mir deine Sache
|
||
auch unerwartet, wenn ich auch merkwürdigerweise nach Ernas Brief schon
|
||
etwas derartiges ahnte und es heute bei deinem Anblick fast mit
|
||
Bestimmtheit wußte. Aber das ist gleichgültig, das Wichtigste ist
|
||
jetzt, keine Zeit zu verlieren.“ Schon während seiner Rede hatte er auf
|
||
den Fußspitzen stehend einem Automobil gewinkt und zog jetzt, während
|
||
er gleichzeitig dem Wagenlenker eine Adresse zurief, K. hinter sich in
|
||
den Wagen. „Wir fahren jetzt zum Advokaten Huld,“ sagte er, „er war
|
||
mein Schulkollege. Du kennst den Namen gewiß auch? Nicht? Das ist aber
|
||
merkwürdig. Er hat doch als Verteidiger und Armenadvokat einen
|
||
bedeutenden Ruf. Ich aber habe besonders zu ihm als Menschen großes
|
||
Vertrauen.“ „Mir ist alles recht, was du unternimmst,“ sagte K.,
|
||
trotzdem ihn die eilige und dringliche Art, mit der der Onkel die
|
||
Angelegenheit behandelte, Unbehagen verursachte. Es war nicht sehr
|
||
erfreulich, als Angeklagter zu einem Armenadvokaten zu fahren. „Ich
|
||
wußte nicht,“ sagte er, „daß man in einer solchen Sache auch einen
|
||
Advokaten zuziehen könne.“ „Aber natürlich,“ sagte der Onkel, „das ist
|
||
ja selbstverständlich. Warum denn nicht? Und nun erzähle mir, damit ich
|
||
über die Sache genau unterrichtet bin, alles, was bisher geschehen
|
||
ist.“ K. begann sofort zu erzählen, ohne irgend etwas zu verschweigen,
|
||
seine vollständige Offenheit war der einzige Protest, den er sich gegen
|
||
des Onkels Ansicht, der Prozeß sei eine große Schande, erlauben konnte.
|
||
Fräulein Bürstners Namen erwähnte er nur einmal und flüchtig, aber das
|
||
beeinträchtigte nicht die Offenheit, denn Fräulein Bürstner stand mit
|
||
dem Prozeß in keiner Verbindung. Während er erzählte, sah er aus dem
|
||
Fenster und beobachtete, wie sie sich gerade jener Vorstadt näherten,
|
||
in der die Gerichtskanzleien waren, er machte den Onkel darauf
|
||
aufmerksam, der aber das Zusammentreffen nicht besonders auffallend
|
||
fand. Der Wagen hielt vor einem dunklen Haus. Der Onkel läutete gleich
|
||
im Parterre bei der ersten Tür; während sie warteten, fletschte er
|
||
lächelnd seine großen Zähne und flüsterte: „8 Uhr, eine ungewöhnliche
|
||
Zeit für Parteienbesuche. Huld nimmt es mir aber nicht übel.“ Im
|
||
Guckfenster der Tür erschienen zwei große schwarze Augen, sahen ein
|
||
Weilchen die zwei Gäste an und verschwanden; die Tür öffnete sich aber
|
||
nicht. Der Onkel und K. bestätigten einander gegenseitig die Tatsache,
|
||
die zwei Augen gesehen zu haben. „Ein neues Stubenmädchen, das sich vor
|
||
Fremden fürchtet,“ sagte der Onkel und klopfte nochmals. Wieder
|
||
erschienen die Augen, man konnte sie jetzt fast für traurig halten,
|
||
vielleicht war das aber auch nur eine Täuschung, hervorgerufen durch
|
||
die offene Gasflamme, die nahe über den Köpfen stark zischend brannte,
|
||
aber wenig Licht gab. „Öffnen Sie,“ rief der Onkel und hieb mit der
|
||
Faust gegen die Tür, „es sind Freunde des Herrn Advokaten.“ „Der Herr
|
||
Advokat ist krank,“ flüsterte es hinter ihnen. In einer Tür am andern
|
||
Ende des kleinen Ganges stand ein Herr im Schlafrock und machte mit
|
||
äußerst leiser Stimme diese Mitteilung. Der Onkel, der schon wegen des
|
||
langen Wartens wütend war, wandte sich mit einem Ruck um, rief: „Krank?
|
||
Sie sagen, er ist krank?“ und ging fast drohend, als sei der Herr die
|
||
Krankheit, auf ihn zu. „Man hat schon geöffnet,“ sagte der Herr, zeigte
|
||
auf die Tür des Advokaten, raffte seinen Schlafrock zusammen und
|
||
verschwand. Die Tür war wirklich geöffnet worden, ein junges Mädchen —
|
||
K. erkannte die dunklen, ein wenig hervorgewälzten Augen wieder — stand
|
||
in langer weißer Schürze im Vorzimmer und hielt eine Kerze in der Hand.
|
||
„Nächstens öffnen Sie früher,“ sagte der Onkel statt einer Begrüßung,
|
||
während das Mädchen einen kleinen Knix machte. „Komm, Josef,“ sagte er
|
||
dann zu K., der sich langsam an dem Mädchen vorüberschob. „Der Herr
|
||
Advokat ist krank,“ sagte das Mädchen, da der Onkel, ohne sich
|
||
aufzuhalten, auf eine Tür zueilte. K. staunte das Mädchen noch an,
|
||
während es sich schon umgedreht hatte, um die Wohnungstüre wieder zu
|
||
versperren, es hatte ein puppenförmig gerundetes Gesicht, nicht nur die
|
||
bleichen Wangen und das Kinn verliefen rund, auch die Schläfen und die
|
||
Stirnränder. „Josef,“ rief der Onkel wieder und das Mädchen fragte er:
|
||
„Es ist das Herzleiden?“ „Ich glaube wohl,“ sagte das Mädchen, es hatte
|
||
Zeit gefunden mit der Kerze voranzugehn und die Zimmertür zu öffnen. In
|
||
einem Winkel des Zimmers, wohin das Kerzenlicht noch nicht drang, erhob
|
||
sich im Bett ein Gesicht mit langem Bart. „Leni, wer kommt denn,“
|
||
fragte der Advokat, der, durch die Kerze geblendet, die Gäste nicht
|
||
erkannte. „Albert, dein alter Freund ist es,“ sagte der Onkel. „Ach
|
||
Albert,“ sagte der Advokat und ließ sich auf die Kissen zurückfallen,
|
||
als bedürfe es diesem Besuch gegenüber keiner Verstellung. „Steht es
|
||
wirklich so schlecht?“ fragte der Onkel und setzte sich auf den
|
||
Bettrand. „Ich glaube es nicht. Es ist ein Anfall deines Herzleidens
|
||
und wird vorübergehn wie die frühern.“ „Möglich,“ sagte der Advokat
|
||
leise, „es ist aber ärger, als es jemals gewesen ist. Ich atme schwer,
|
||
schlafe gar nicht und verliere täglich an Kraft.“ „So,“ sagte der Onkel
|
||
und drückte den Panamahut mit seiner großen Hand fest aufs Knie. „Das
|
||
sind schlechte Nachrichten. Hast du übrigens die richtige Pflege? Es
|
||
ist auch so traurig hier, so dunkel. Es ist schon lange her, seitdem
|
||
ich zum letztenmal hier war, damals schien es mir freundlicher. Auch
|
||
dein kleines Fräulein hier scheint nicht sehr lustig oder sie verstellt
|
||
sich.“ Das Mädchen stand noch immer mit der Kerze nahe bei der Tür;
|
||
soweit ihr unbestimmter Blick erkennen ließ, sah sie eher K. an als den
|
||
Onkel, selbst als dieser jetzt von ihr sprach. K. lehnte an einem
|
||
Sessel, den er in die Nähe des Mädchens geschoben hatte. „Wenn man so
|
||
krank ist wie ich,“ sagte der Advokat, „muß man Ruhe haben. Mir ist es
|
||
nicht traurig.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und Leni
|
||
pflegt mich gut, sie ist brav.“ Den Onkel konnte das aber nicht
|
||
überzeugen, er war sichtlich gegen die Pflegerin voreingenommen und
|
||
wenn er auch dem Kranken nichts entgegnete, so verfolgte er doch die
|
||
Pflegerin mit strengen Blicken, als sie jetzt zum Bett hinging, die
|
||
Kerze auf das Nachttischchen stellte, sich über den Kranken hinbeugte
|
||
und beim Ordnen der Kissen mit ihm flüsterte. Er vergaß fast die
|
||
Rücksicht auf den Kranken, stand auf, ging hinter der Pflegerin hin und
|
||
her, und K. hätte es nicht gewundert, wenn er sie hinten an den Röcken
|
||
erfaßt und vom Bett fortgezogen hätte. K. selbst sah allem ruhig zu,
|
||
die Krankheit des Advokaten war ihm sogar nicht ganz unwillkommen, dem
|
||
Eifer, den der Onkel für seine Sache entwickelt hatte, hatte er sich
|
||
nicht entgegenstellen können, die Ablenkung, die dieser Eifer jetzt
|
||
ohne sein Zutun erfuhr, nahm er gerne hin. Da sagte der Onkel,
|
||
vielleicht nur in der Absicht, die Pflegerin zu beleidigen: „Fräulein,
|
||
bitte, lassen Sie uns ein Weilchen allein, ich habe mit meinem Freund
|
||
eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.“ Die Pflegerin, die noch
|
||
weit über den Kranken hingebeugt war und gerade das Leintuch an der
|
||
Wand glättete, wendete nur den Kopf und sagte sehr ruhig, was einen
|
||
auffallenden Unterschied zu den vor Wut stockenden und dann wieder
|
||
überfließenden Reden des Onkels bildete: „Sie sehen, der Herr ist so
|
||
krank, er kann keine Angelegenheiten besprechen.“ Sie hatte die Worte
|
||
des Onkels wahrscheinlich nur aus Bequemlichkeit wiederholt, immerhin
|
||
konnte es selbst von einem Unbeteiligten als spöttisch aufgefaßt
|
||
werden, der Onkel aber fuhr natürlich wie ein Gestochener auf. „Du
|
||
Verdammte,“ sagte er im ersten Gurgeln der Aufregung noch ziemlich
|
||
unverständlich, K. erschrak, trotzdem er etwas Ähnliches erwartet
|
||
hatte, und lief auf den Onkel zu, mit der bestimmten Absicht, ihm mit
|
||
beiden Händen den Mund zu schließen. Glücklicherweise erhob sich aber
|
||
hinter dem Mädchen der Kranke, der Onkel machte ein finsteres Gesicht,
|
||
als schlucke er etwas Abscheuliches hinunter, und sagte dann ruhiger:
|
||
„Wir haben natürlich auch noch den Verstand nicht verloren; wäre das,
|
||
was ich verlange, nicht möglich, würde ich es nicht verlangen. Bitte
|
||
gehn Sie jetzt.“ Die Pflegerin stand aufgerichtet am Bett dem Onkel
|
||
voll zugewendet, mit der einen Hand streichelte sie, wie K. zu bemerken
|
||
glaubte, die Hand des Advokaten. „Du kannst vor Leni alles sagen,“
|
||
sagte der Kranke zweifellos im Ton einer dringenden Bitte. „Es betrifft
|
||
nicht mich,“ sagte der Onkel, „es ist nicht mein Geheimnis.“ Und er
|
||
drehte sich um, als gedenke er in keine Verhandlungen mehr einzugehn,
|
||
gebe aber noch eine kleine Bedenkzeit. „Wen betrifft es denn?“ fragte
|
||
der Advokat mit erlöschender Stimme und legte sich wieder zurück.
|
||
„Meinen Neffen,“ sagte der Onkel, „ich habe ihn auch mitgebracht.“ Und
|
||
er stellte vor: Prokurist Josef K. „Oh,“ sagte der Kranke viel
|
||
lebhafter und streckte K. die Hand entgegen, „verzeihen Sie, ich habe
|
||
Sie gar nicht bemerkt. Geh, Leni,“ sagte er dann zu der Pflegerin, die
|
||
sich auch gar nicht mehr wehrte, und reichte ihr die Hand, als gelte es
|
||
einen Abschied für lange Zeit. „Du bist also,“ sagte er endlich zum
|
||
Onkel, der versöhnt nähergetreten war, „nicht gekommen, mir einen
|
||
Krankenbesuch zu machen, sondern du kommst in Geschäften.“ Es war, als
|
||
hätte die Vorstellung eines Krankenbesuches den Advokaten bisher
|
||
gelähmt, so gekräftigt sah er jetzt aus, blieb ständig auf einen
|
||
Ellbogen aufgestützt, was ziemlich anstrengend sein mußte, und zog
|
||
immer wieder an einem Bartstrahn in der Mitte seines Bartes. „Du siehst
|
||
schon viel gesünder aus,“ sagte der Onkel, „seitdem diese Hexe draußen
|
||
ist.“ Er unterbrach sich, flüsterte: „Ich wette, daß sie horcht“ und
|
||
sprang zur Tür. Aber hinter der Tür war niemand, der Onkel kam zurück,
|
||
nicht enttäuscht, denn ihr Nichthorchen erschien ihm als eine noch
|
||
größere Bosheit, wohl aber verbittert. „Du verkennst sie,“ sagte der
|
||
Advokat, ohne die Pflegerin weiter in Schutz zu nehmen; vielleicht
|
||
wollte er damit ausdrücken, daß sie nicht schutzbedürftig sei. Aber in
|
||
viel teilnehmenderem Tone fuhr er fort: „Was die Angelegenheit deines
|
||
Herrn Neffen betrifft, so würde ich mich allerdings glücklich schätzen,
|
||
wenn meine Kraft für diese äußerst schwierige Aufgabe ausreichen
|
||
könnte; ich fürchte sehr, daß sie nicht ausreichen wird, jedenfalls
|
||
will ich nichts unversucht lassen; wenn ich nicht ausreiche, könnte man
|
||
ja noch jemanden andern beiziehen. Um aufrichtig zu sein, interessiert
|
||
mich die Sache zu sehr, als daß ich es über mich bringen könnte, auf
|
||
jede Beteiligung zu verzichten. Hält es mein Herz nicht aus, so wird es
|
||
doch wenigstens hier eine würdige Gelegenheit finden, gänzlich zu
|
||
versagen.“ K. glaubte kein Wort dieser ganzen Rede zu verstehn, er sah
|
||
den Onkel an, um doch eine Erklärung zu finden, aber dieser saß mit der
|
||
Kerze in der Hand auf dem Nachttischchen, von dem bereits eine
|
||
Arzneiflasche auf den Teppich gerollt war, nickte zu allem, was der
|
||
Advokat sagte, war mit allem einverstanden und sah hie und da auf K.
|
||
mit der Aufforderung zu gleichem Einverständnis hin. Hatte vielleicht
|
||
der Onkel schon früher dem Advokaten von dem Prozeß erzählt? Aber das
|
||
war unmöglich, alles was vorhergegangen war, sprach dagegen. „Ich
|
||
verstehe nicht“ — sagte er deshalb. „Ja, habe vielleicht ich Sie
|
||
mißverstanden?“ fragte der Advokat ebenso erstaunt und verlegen wie K.
|
||
„Ich war vielleicht voreilig. Worüber wollten Sie denn mit mir
|
||
sprechen? Ich dachte, es handle sich um Ihren Prozeß?“ „Natürlich,“
|
||
sagte der Onkel und fragte dann K.: „Was willst du denn?“ „Ja, aber
|
||
woher wissen Sie denn etwas über mich und meinen Prozeß?“ fragte K.
|
||
„Ach so,“ sagte der Advokat lächelnd, „ich bin doch Advokat, ich
|
||
verkehre in Gerichtskreisen, man spricht über verschiedene Prozesse und
|
||
auffallendere, besonders wenn es den Neffen eines Freundes betrifft,
|
||
behält man im Gedächtnis. Das ist doch nichts Merkwürdiges.“ „Was
|
||
willst du denn?“ fragte der Onkel K. nochmals. „Du bist so unruhig.“
|
||
„Sie verkehren in diesen Gerichtskreisen,“ fragte K. „Ja,“ sagte der
|
||
Advokat. „Du fragst wie ein Kind,“ sagte der Onkel. „Mit wem sollte ich
|
||
denn verkehren, wenn nicht mit Leuten meines Faches?“ fügte der Advokat
|
||
hinzu. Es klang so unwiderleglich, daß K. gar nicht antwortete. „Sie
|
||
arbeiten doch bei dem Gericht im Justizpalast, und nicht bei dem auf
|
||
dem Dachboden,“ hatte er sagen wollen, konnte sich aber nicht
|
||
überwinden, es wirklich zu sagen. „Sie müssen doch bedenken,“ fuhr der
|
||
Advokat fort, in einem Tone, als erkläre er etwas Selbstverständliches,
|
||
überflüssigerweise und nebenbei, „Sie müssen doch bedenken, daß ich aus
|
||
einem solchen Verkehr auch große Vorteile für meine Klientel ziehe, und
|
||
zwar in vielfacher Hinsicht, man darf nicht einmal immer davon reden.
|
||
Natürlich bin ich jetzt infolge meiner Krankheit ein wenig behindert,
|
||
aber ich bekomme trotzdem Besuch von guten Freunden vom Gericht und
|
||
erfahre doch einiges. Erfahre vielleicht mehr als manche, die in bester
|
||
Gesundheit den ganzen Tag bei Gericht verbringen. So habe ich z. B.
|
||
gerade jetzt einen lieben Besuch.“ Und er zeigte in eine dunkle
|
||
Zimmerecke. „Wo denn?“ fragte K. in der ersten Überraschung fast grob.
|
||
Er sah unsicher umher; das Licht der kleinen Kerze drang bei weitem
|
||
nicht bis zur gegenüberliegenden Wand. Und wirklich begann sich dort in
|
||
der Ecke etwas zu rühren. Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt
|
||
hochhielt, sah man dort bei einem kleinen Tischchen einen älteren Herrn
|
||
sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er solange unbemerkt
|
||
geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden
|
||
damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er
|
||
mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und
|
||
Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die andern durch
|
||
seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die
|
||
Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das
|
||
konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehn. „Ihr habt uns nämlich
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überrascht,“ sagte der Advokat zur Erklärung und winkte dabei dem Herrn
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aufmunternd zu, näherzukommen, was dieser langsam, zögernd,
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herumblickend und doch mit einer gewissen Würde tat, „der Herr
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Kanzleidirektor — ach so, Verzeihung, ich habe nicht vorgestellt — hier
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mein Freund Albert K., hier sein Neffe Prokurist Josef K. und hier der
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||
Herr Kanzleidirektor — der Herr Kanzleidirektor also war so
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freundlich, mich zu besuchen. Den Wert eines solchen Besuches kann
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eigentlich nur der Eingeweihte würdigen, welcher weiß, wie der liebe
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Kanzleidirektor mit Arbeit überhäuft ist. Nun, er kam aber trotzdem,
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||
wir unterhielten uns friedlich, soweit meine Schwäche es erlaubte, wir
|
||
hatten zwar Leni nicht verboten, Besuche einzulassen, denn es waren
|
||
keine zu erwarten, aber unsere Meinung war doch, daß wir allein bleiben
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||
sollten, dann aber kamen deine Fausthiebe, Albert, der Herr
|
||
Kanzleidirektor rückte mit Sessel und Tisch in den Winkel, nun aber
|
||
zeigt sich, daß wir möglicherweise, d. h. wenn der Wunsch danach
|
||
besteht, gemeinsame Angelegenheit zu besprechen haben und sehr gut
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wieder zusammenrücken können. — Herr Kanzleidirektor,“ sagte er mit
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Kopfneigen und unterwürfigem Lächeln und zeigte auf einen Lehnstuhl in
|
||
der Nähe des Bettes. „Ich kann leider nur noch ein paar Minuten
|
||
bleiben,“ sagte der Kanzleidirektor freundlich, setzte sich breit in
|
||
den Lehnstuhl und sah auf die Uhr, „die Geschäfte rufen mich.
|
||
Jedenfalls will ich nicht die Gelegenheit vorübergehen lassen, einen
|
||
Freund meines Freundes kennenzulernen.“ Er neigte den Kopf leicht gegen
|
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den Onkel, der von der neuen Bekanntschaft sehr befriedigt schien, aber
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||
infolge seiner Natur Gefühle der Ergebenheit nicht ausdrücken konnte
|
||
und die Worte des Kanzleidirektors mit verlegenem, aber lautem Lachen
|
||
begleitete. Ein häßlicher Anblick! K. konnte ruhig alles beobachten,
|
||
denn um ihn kümmerte sich niemand, der Kanzleidirektor nahm, wie es
|
||
seine Gewohnheit schien, da er nun schon einmal hervorgezogen war, die
|
||
Herrschaft über das Gespräch an sich, der Advokat, dessen erste
|
||
Schwäche vielleicht nur dazu hatte dienen sollen, den neuen Besuch zu
|
||
vertreiben, hörte aufmerksam, die Hand am Ohre, zu, der Onkel als
|
||
Kerzenträger — er balancierte die Kerze auf seinem Schenkel, der
|
||
Advokat sah öfters besorgt hin — war bald frei von Verlegenheit und nur
|
||
noch entzückt, sowohl von der Art der Rede des Kanzleidirektors, als
|
||
auch von den sanften wellenförmigen Handbewegungen, mit denen er sie
|
||
begleitete. K., der am Bettpfosten lehnte, wurde vom Kanzleidirektor
|
||
vielleicht sogar mit Absicht vollständig vernachlässigt und diente den
|
||
alten Herren nur als Zuhörer. Übrigens wußte er kaum, wovon die Rede
|
||
war und dachte bald an die Pflegerin und an die schlechte Behandlung,
|
||
die sie vom Onkel erfahren hatte, bald daran, ob er den Kanzleidirektor
|
||
nicht schon einmal gesehn hatte, vielleicht sogar in der Versammlung
|
||
bei seiner ersten Untersuchung. Wenn er sich vielleicht auch täuschte,
|
||
so hätte sich doch der Kanzleidirektor den Versammlungsteilnehmern in
|
||
der ersten Reihe, den alten Herren mit den schüttern Bärten, vorzüglich
|
||
eingefügt.
|
||
|
||
Da ließ ein Lärm aus dem Vorzimmer wie von zerbrechendem Porzellan alle
|
||
aufhorchen. „Ich will nachsehn, was geschehen ist,“ sagte K. und ging
|
||
langsam hinaus, als gebe er den andern noch Gelegenheit, ihn
|
||
zurückzuhalten. Kaum war er ins Vorzimmer getreten und wollte sich im
|
||
Dunkel zurechtfinden, als sich auf die Hand, mit der er die Tür noch
|
||
festhielt, eine kleine Hand legte, viel kleiner als K.s Hand und die
|
||
Tür leise schloß. Es war die Pflegerin, die hier gewartet hatte. „Es
|
||
ist nichts geschehn,“ flüsterte sie, „ich habe nur einen Teller gegen
|
||
die Mauer geworfen, um Sie herauszuholen.“ In seiner Befangenheit sagte
|
||
K.: „Ich habe auch an Sie gedacht.“ „Desto besser,“ sagte die
|
||
Pflegerin, „kommen Sie.“ Nach ein paar Schritten kamen sie zu einer Tür
|
||
aus mattem Glas, welche die Pflegerin vor K. öffnete. „Treten Sie doch
|
||
ein,“ sagte sie. Es war jedenfalls das Arbeitszimmer des Advokaten;
|
||
soweit man im Mondlicht sehen konnte, das jetzt nur einen kleinen
|
||
viereckigen Teil des Fußbodens an jedem der zwei großen Fenster stark
|
||
erhellte, war es mit schweren alten Möbelstücken ausgestattet.
|
||
„Hierher,“ sagte die Pflegerin und zeigte auf eine dunkle Truhe mit
|
||
holzgeschnitzter Lehne. Noch als er sich gesetzt hatte, sah sich K. im
|
||
Zimmer um, es war ein hohes großes Zimmer, die Kundschaft des
|
||
Armenadvokaten mußte sich hier verloren vorkommen. K. glaubte die
|
||
kleinen Schritte zu sehn, mit denen die Besucher zu dem gewaltigen
|
||
Schreibtisch vorrückten. Dann aber vergaß er daran und hatte nur noch
|
||
Augen für die Pflegerin, die ganz nahe neben ihm saß und ihn fast an
|
||
die Seitenlehne drückte. „Ich dachte,“ sagte sie, „Sie würden allein zu
|
||
mir herauskommen, ohne daß ich Sie erst rufen müßte. Es war doch
|
||
merkwürdig. Zuerst sahen Sie mich gleich beim Eintritt ununterbrochen
|
||
an und dann ließen Sie mich warten. Nennen Sie mich übrigens Leni,“
|
||
fügte sie noch rasch und unvermittelt zu, als solle kein Augenblick
|
||
dieser Aussprache versäumt werden. „Gern,“ sagte K. „Was aber die
|
||
Merkwürdigkeit betrifft, Leni, so ist sie leicht zu erklären. Erstens
|
||
mußte ich doch das Geschwätz der alten Herren anhören und konnte nicht
|
||
grundlos weglaufen, zweitens aber bin ich nicht frech, sondern eher
|
||
schüchtern und auch Sie, Leni, sahen wahrhaftig nicht so aus, als ob
|
||
Sie in einem Sprung zu gewinnen wären.“ „Das ist es nicht,“ sagte Leni,
|
||
legte den Arm über die Lehne und sah K. an, „aber ich gefiel Ihnen
|
||
nicht und gefalle Ihnen wahrscheinlich auch jetzt nicht.“ „Gefallen
|
||
wäre ja nicht viel,“ sagte K. ausweichend. „Oh!“ sagte sie lächelnd und
|
||
gewann durch K.s Bemerkung und diesen kleinen Ausruf eine gewisse
|
||
Überlegenheit. Deshalb schwieg K. ein Weilchen. Da er sich an das
|
||
Dunkel im Zimmer schon gewöhnt hatte, konnte er verschiedene
|
||
Einzelheiten der Einrichtung unterscheiden. Besonders fiel ihm ein
|
||
großes Bild auf, das rechts von der Tür hing, er beugte sich vor, um es
|
||
besser zu sehn. Es stellte einen Mann im Richtertalar dar; er saß auf
|
||
einem hohen Thronsessel, dessen Vergoldung vielfach aus dem Bilde
|
||
hervorstach. Das Ungewöhnliche war, daß dieser Richter nicht in Ruhe
|
||
und Würde dort saß, sondern den linken Arm fest an Rücken- und
|
||
Seitenlehne drückte, den rechten Arm aber völlig frei hatte und nur mit
|
||
der Hand die Seitenlehne umfaßte, als wolle er im nächsten Augenblick
|
||
mit einer heftigen und vielleicht empörten Wendung aufspringen, um
|
||
etwas Entscheidendes zu sagen oder gar das Urteil zu verkünden. Der
|
||
Angeklagte war wohl zu Füßen der Treppe zu denken, deren oberste, mit
|
||
einem gelben Teppich bedeckte Stufen noch auf dem Bilde zu sehen waren.
|
||
„Vielleicht ist das mein Richter,“ sagte K. und zeigte mit einem Finger
|
||
auf das Bild. „Ich kenne ihn,“ sagte Leni und sah auch zum Bilde auf,
|
||
„er kommt öfters hierher. Das Bild stammt aus seiner Jugend, er kann
|
||
aber niemals dem Bilde auch nur ähnlich gewesen sein, denn er ist fast
|
||
winzig klein. Trotzdem hat er sich auf dem Bild so in die Länge ziehen
|
||
lassen, denn er ist unsinnig eitel, wie alle hier. Aber auch ich bin
|
||
eitel und sehr unzufrieden damit, daß ich Ihnen gar nicht gefalle.“ Auf
|
||
die letzte Bemerkung antwortete K. nur damit, daß er Leni umfaßte und
|
||
an sich zog, sie lehnte still den Kopf an seine Schulter. Zu dem
|
||
übrigen aber sagte er: „Was für einen Rang hat er?“ „Er ist
|
||
Untersuchungsrichter,“ sagte sie, ergriff K.s Hand, mit der er sie
|
||
umfaßt hielt, und spielte mit seinen Fingern. „Wieder nur
|
||
Untersuchungsricher,“ sagte K. enttäuscht, „die hohen Beamten
|
||
verstecken sich. Aber er sitzt doch auf einem Thronsessel.“ „Das ist
|
||
alles Erfindung,“ sagte Leni, das Gesicht über K.s Hand gebeugt, „in
|
||
Wirklichkeit sitzt er auf einem Küchensessel, auf dem eine alte
|
||
Pferdedecke zusammengelegt ist. Aber müssen Sie denn immerfort an Ihren
|
||
Prozeß denken?“ fügte sie langsam hinzu. „Nein, durchaus nicht,“ sagte
|
||
K., „ich denke wahrscheinlich sogar zu wenig an ihn.“ „Das ist nicht
|
||
der Fehler, den Sie machen,“ sagte Leni, „Sie sind zu unnachgiebig, so
|
||
habe ich es gehört.“ „Wer hat das gesagt?“ fragte K., er fühlte ihren
|
||
Körper an seiner Brust und sah auf ihr reiches dunkles fest gedrehtes
|
||
Haar hinab. „Ich würde zuviel verraten, wenn ich das sagte,“ antwortete
|
||
Leni. „Fragen Sie, bitte, nicht nach Namen, stellen Sie aber Ihren
|
||
Fehler ab, seien Sie nicht mehr so unnachgiebig, gegen dieses Gericht
|
||
kann man sich ja nicht wehren, man muß das Geständnis machen. Machen
|
||
Sie doch bei nächster Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die
|
||
Möglichkeit, zu entschlüpfen, gegeben, erst dann. Jedoch selbst das ist
|
||
ohne fremde Hilfe nicht möglich, wegen dieser Hilfe aber müssen Sie
|
||
sich nicht ängstigen, die will ich Ihnen selbst leisten.“ „Sie
|
||
verstehen viel von diesem Gericht und von den Betrügereien, die hier
|
||
nötig sind,“ sagte K. und hob sie, da sie sich allzu stark an ihn
|
||
drängte, auf seinen Schoß. „So ist es gut,“ sagte sie und richtete sich
|
||
auf seinem Schoß ein, indem sie den Rock glättete und die Bluse
|
||
zurechtzog. Dann hing sie sich mit beiden Händen an seinen Hals, lehnte
|
||
sich zurück und sah ihn lange an. „Und wenn ich das Geständnis nicht
|
||
mache, dann können Sie mir nicht helfen?“ fragte K. versuchsweise. Ich
|
||
werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert, zuerst Fräulein Bürstner,
|
||
dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine Pflegerin,
|
||
die ein unbegreifliches Bedürfnis nach mir zu haben scheint. Wie sie
|
||
auf meinem Schoß sitzt, als sei es ihr einzig richtiger Platz! „Nein,“
|
||
antwortete Leni und schüttelte langsam den Kopf, „dann kann ich Ihnen
|
||
nicht helfen. Aber Sie wollen ja meine Hilfe gar nicht, es liegt Ihnen
|
||
nichts daran, Sie sind eigensinnig und lassen sich nicht überzeugen.“
|
||
„Haben Sie eine Geliebte?“ fragte sie nach einem Weilchen. „Nein,“
|
||
sagte K. „O doch,“ sagte sie. „Ja, wirklich,“ sagte K., „denken Sie
|
||
nur, ich habe sie verleugnet und trage doch sogar ihre Photographie bei
|
||
mir.“ Auf ihre Bitten zeigte er ihr eine Photographie Elsas,
|
||
zusammengekrümmt auf seinem Schoß studierte sie das Bild. Es war eine
|
||
Momentphotographie, Elsa war nach einem Wirbeltanz aufgenommen, wie sie
|
||
ihn in dem Weinlokal gern tanzte, ihr Rock flog noch im Faltenwurf der
|
||
Drehung um sie her, die Hände hatte sie auf die festen Hüften gelegt
|
||
und sah mit straffem Hals lachend zur Seite; wem ihr Lachen galt,
|
||
konnte man aus dem Bild nicht erkennen. „Sie ist stark geschnürt,“
|
||
sagte Leni und zeigte auf die Stelle, wo dies ihrer Meinung nach zu
|
||
sehen war. „Sie gefällt mir nicht, sie ist unbeholfen und roh.
|
||
Vielleicht ist sie aber Ihnen gegenüber sanft und freundlich, darauf
|
||
könnte man nach dem Bilde schließen. So große starke Mädchen wissen oft
|
||
nichts anderes, als sanft und freundlich zu sein. Würde sie sich aber
|
||
für Sie opfern können?“ „Nein,“ sagte K., „sie ist weder sanft und
|
||
freundlich, noch würde sie sich für mich opfern können. Auch habe ich
|
||
bisher weder das eine noch das andere von ihr verlangt. Ja, ich habe
|
||
noch nicht einmal das Bild so genau angesehn wie Sie.“ „Es liegt Ihnen
|
||
also gar nicht viel an ihr,“ sagte Leni, „sie ist also gar nicht Ihre
|
||
Geliebte.“ „Doch,“ sagte K. „Ich nehme mein Wort nicht zurück.“ „Mag
|
||
sie also jetzt Ihre Geliebte sein,“ sagte Leni, „Sie würden sie aber
|
||
nicht sehr vermissen, wenn Sie sie verlieren oder für jemand andern, z.
|
||
B. für mich, eintauschen würden.“ „Gewiß,“ sagte K. lächelnd, „das wäre
|
||
denkbar, aber sie hat einen großen Vorteil Ihnen gegenüber, sie weiß
|
||
nichts von meinem Prozeß, und selbst wenn sie etwas davon wüßte, würde
|
||
sie nicht daran denken. Sie würde mich nicht zur Nachgiebigkeit zu
|
||
überreden suchen.“ „Das ist kein Vorteil,“ sagte Leni. „Wenn sie keine
|
||
sonstigen Vorteile hat, verliere ich nicht den Mut. Hat sie irgendeinen
|
||
körperlichen Fehler?“ „Einen körperlichen Fehler?“ fragte K. „Ja,“
|
||
sagte Leni, „ich habe nämlich einen solchen kleinen Fehler, sehen Sie.“
|
||
Sie spannte den Mittel- und Ringfinger ihrer rechten Hand auseinander,
|
||
zwischen denen das Verbindungshäutchen fast bis zum obersten Gelenk der
|
||
kurzen Finger reichte. K. merkte im Dunkel nicht gleich, was sie ihm
|
||
zeigen wollte, sie führte deshalb seine Hand hin, damit er es abtaste.
|
||
„Was für ein Naturspiel,“ sagte K. und fügte, als er die ganze Hand
|
||
überblickt hatte, hinzu. „Was für eine hübsche Kralle!“ Mit einer Art
|
||
Stolz sah Leni zu, wie K. staunend immer wieder ihre zwei Finger
|
||
auseinanderzog und zusammenlegte, bis er sie schließlich flüchtig küßte
|
||
und losließ. „Oh!“ rief sie aber sofort, „Sie haben mich geküßt!“
|
||
Eilig, mit offenem Mund erkletterte sie mit den Knien seinen Schoß, K.
|
||
sah fast bestürzt zu ihr auf, jetzt, da sie ihm so nahe war, ging ein
|
||
bitterer anfeuernder Geruch wie von Pfeffer von ihr aus, sie nahm
|
||
seinen Kopf an sich, beugte sich über ihn hinweg und biß und küßte
|
||
seinen Hals, biß selbst in seine Haare. „Sie haben mich eingetauscht,“
|
||
rief sie von Zeit zu Zeit, „sehen Sie, nun haben Sie mich doch
|
||
eingetauscht!“ Da glitt ihr Knie aus, mit einem kleinen Schrei fiel sie
|
||
fast auf den Teppich, K. umfaßte sie, um sie noch zu halten, und wurde
|
||
zu ihr hinabgezogen. „Jetzt gehörst du mir,“ sagte sie.
|
||
|
||
„Hier hast du den Hausschlüssel, komm, wann du willst,“ waren ihre
|
||
letzten Worte und ein zielloser Kuß traf ihn noch im Weggehn auf den
|
||
Rücken. Als er aus dem Haustor trat, fiel ein leichter Regen, er wollte
|
||
in die Mitte der Straße gehn, um vielleicht Leni noch beim Fenster
|
||
erblicken zu können, da stürzte aus einem Automobil, das vor dem Hause
|
||
wartete und das K. in seiner Zerstreutheit gar nicht bemerkt hatte, der
|
||
Onkel, faßte ihn bei den Armen und stieß ihn gegen das Haustor, als
|
||
wolle er ihn dort festnageln. „Junge,“ rief er, „wie konntest du nur
|
||
das tun! Du hast deiner Sache, die auf gutem Wege war, schrecklich
|
||
geschadet. Verkriechst dich mit einem kleinen schmutzigen Ding, das
|
||
überdies offensichtlich die Geliebte des Advokaten ist, und bleibst
|
||
stundenlang weg. Suchst nicht einmal einen Vorwand, verheimlichst
|
||
nichts, nein, bist ganz offen, läufst zu ihr und bleibst bei ihr. Und
|
||
unterdessen sitzen wir beisammen, der Onkel, der sich für dich abmüht,
|
||
der Advokat, der für dich gewonnen werden soll, der Kanzleidirektor vor
|
||
allem, dieser große Herr, der deine Sache in ihrem jetzigen Stadium
|
||
geradezu beherrscht. Wir wollen beraten, wie dir zu helfen wäre, ich
|
||
muß den Advokaten vorsichtig behandeln, dieser wieder den
|
||
Kanzleidirektor und du hättest doch allen Grund, mich wenigstens zu
|
||
unterstützen. Statt dessen bleibst du fort. Schließlich läßt es sich
|
||
nicht verheimlichen, nun, es sind höfliche gewandte Männer, sie
|
||
sprechen nicht davon, sie schonen mich, schließlich können aber auch
|
||
sie sich nicht mehr überwinden und da sie von der Sache nicht reden
|
||
können, verstummen sie. Wir sind minutenlang schweigend dagesessen und
|
||
haben gehorcht, ob du nicht doch endlich kämest. Alles vergebens.
|
||
Endlich steht der Kanzleidirektor, der viel länger geblieben ist, als
|
||
er ursprünglich wollte, auf, verabschiedet sich, bedauert mich
|
||
sichtlich, ohne mir helfen zu können, wartet in unbegreiflicher
|
||
Liebenswürdigkeit noch eine Zeitlang in der Tür, dann geht er. Ich war
|
||
natürlich glücklich, daß er weg war, mir war schon die Luft zum Atmen
|
||
ausgegangen. Auf den kranken Advokaten hat alles noch stärker
|
||
eingewirkt, er konnte, der gute Mann, gar nicht sprechen, als ich mich
|
||
von ihm verabschiedete. Du hast wahrscheinlich im seinem vollständigen
|
||
Zusammenbrechen beigetragen und beschleunigst so den Tod eines Mannes,
|
||
auf den du angewiesen bist. Und mich, deinen Onkel, läßt du hier im
|
||
Regen, fühle nur, ich bin ganz durchnäßt, stundenlang warten.“
|
||
|
||
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||
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||
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||
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SIEBENTES KAPITEL
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ADVOKAT · FABRIKANT · MALER
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||
An einem Wintervormittag - draußen fiel Schnee im trüben Licht - saß K.
|
||
trotz der frühen Stunde schon äußerst müde in seinem Bureau. Um sich
|
||
wenigstens vor den untersten Beamten zu schützen, hatte er dem Diener
|
||
den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer
|
||
größern Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich
|
||
in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch,
|
||
ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der
|
||
Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.
|
||
|
||
Der Gedanke an den Prozeß verließ ihn nicht mehr. Öfters schon hatte er
|
||
überlegt, ob es nicht gut wäre, eine Verteidigungsschrift auszuarbeiten
|
||
und bei Gericht einzureichen. Er wollte darin eine kurze
|
||
Lebensbeschreibung vorlegen und bei jedem irgendwie wichtigen Ereignis
|
||
erklären, aus welchen Gründen er so gehandelt hatte, ob diese
|
||
Handlungsweise nach seinem gegenwärtigen Urteil zu verwerfen oder zu
|
||
billigen war und welche Gründe er für dieses oder jenes anführen
|
||
konnte. Die Vorteile einer solchen Verteidigungsschrift gegenüber der
|
||
bloßen Verteidigung durch den übrigens auch sonst nicht einwandfreien
|
||
Advokaten waren zweifellos. K. wußte ja gar nicht, was der Advokat
|
||
unternahm; viel war es jedenfalls nicht, schon einen Monat lang hatte
|
||
er ihn nicht mehr zu sich berufen und auch bei keiner der frühern
|
||
Besprechungen hatte K. den Eindruck gehabt, daß dieser Mann viel für
|
||
ihn erreichen könne. Vor allem hatte er ihn fast gar nicht ausgefragt.
|
||
Und hier war doch so viel zu fragen. Fragen war die Hauptsache. K.
|
||
hatte das Gefühl, als ob er selbst alle hier nötigen Fragen stellen
|
||
könnte. Der Advokat dagegen, statt zu fragen, erzählte selbst oder saß
|
||
ihm stumm gegenüber, beugte sich, wahrscheinlich wegen seines schwachen
|
||
Gehörs, ein wenig über den Schreibtisch vor, zog an einem Bartstrahn
|
||
innerhalb seines Bartes und blickte auf den Teppich nieder, vielleicht
|
||
gerade auf die Stelle, wo K. mit Leni gelegen war. Hie und da gab er K.
|
||
einige leere Ermahnungen, wie man sie Kindern gibt. Ebenso nutzlose wie
|
||
langweilige Reden, die K. in der Schlußabrechnung mit keinem Heller zu
|
||
bezahlen gedachte. Nachdem der Advokat ihn genügend gedemütigt zu haben
|
||
glaubte, fing er gewöhnlich an, ihn wieder ein wenig aufzumuntern. Er
|
||
habe schon, erzählte er dann, viele ähnliche Prozesse ganz oder
|
||
teilweise gewonnen. Prozesse, die, wenn auch in Wirklichkeit vielleicht
|
||
nicht so schwierig wie dieser, äußerlich noch hoffnungsloser waren. Ein
|
||
Verzeichnis dieser Prozesse habe er hier in der Schublade — hiebei
|
||
klopfte er an irgendeine Lade des Tisches —, die Schriften könne er
|
||
leider nicht zeigen, da es sich um Amtsgeheimnisse handle. Trotzdem
|
||
komme jetzt die große Erfahrung, die er durch alle diese Prozesse
|
||
erworben habe, K. zugute. Er habe natürlich sofort zu arbeiten begonnen
|
||
und die erste Eingabe sei schon fast fertiggestellt. Sie sei sehr
|
||
wichtig, weil der erste Eindruck, den die Verteidigung mache, oft die
|
||
ganze Richtung des Verfahrens bestimme. Leider, darauf müsse er K.
|
||
allerdings aufmerksam machen, geschehe es manchmal, daß die ersten
|
||
Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen würden. Man lege sie einfach zu
|
||
den Akten und weise darauf hin, daß vorläufig die Einvernahme und
|
||
Beobachtung des Angeklagten wichtiger sei, als alles Geschriebene. Man
|
||
fügt, wenn der Petent dringlich wird, hinzu, daß man vor der
|
||
Entscheidung, bis alles Material gesammelt ist, im Zusammenhang
|
||
natürlich alle Akten, also auch diese erste Eingabe, überprüfen wird.
|
||
Leider sei aber auch dies meistens nicht richtig, die erste Eingabe
|
||
werde gewöhnlich verlegt oder gehe gänzlich verloren und, selbst wenn
|
||
sie bis zum Ende erhalten bleibt, werde sie, wie der Advokat allerdings
|
||
nur gerüchtweise erfahren hat, kaum gelesen. Das alles sei bedauerlich,
|
||
aber nicht ganz ohne Berechtigung. K. möge doch nicht außer acht
|
||
lassen, daß das Verfahren nicht öffentlich sei, es kann, wenn das
|
||
Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber schreibt
|
||
Öffentlichkeit nicht vor. Infolgedessen sind auch die Schriften des
|
||
Gerichts, vor allem die Anklageschrift dem Angeklagten und seiner
|
||
Verteidigung unzugänglich, man weiß daher im allgemeinen nicht oder
|
||
wenigstens nicht genau, wogegen sich die erste Eingabe zu richten hat,
|
||
sie kann daher eigentlich nur zufälligerweise etwas enthalten, was für
|
||
die Sache von Bedeutung ist. Wirklich zutreffende und beweisführende
|
||
Eingaben kann man erst später ausarbeiten, wenn im Laufe der
|
||
Einvernahmen des Angeklagten die einzelnen Anklagepunkte und ihre
|
||
Begründung deutlicher hervortreten oder erraten werden können. Unter
|
||
diesen Verhältnissen ist natürlich die Verteidigung in einer sehr
|
||
ungünstigen und schwierigen Lage. Aber auch das ist beabsichtigt. Die
|
||
Verteidigung ist nämlich durch das Gesetz nicht eigentlich gestattet,
|
||
sondern nur geduldet und selbst darüber, ob aus der betreffenden
|
||
Gesetzesstelle wenigstens Duldung herausgelesen werden soll, besteht
|
||
Streit. Es gibt daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten
|
||
Advokaten, alle, die vor diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind
|
||
im Grunde nur Winkeladvokaten. Das wirkt natürlich auf den ganzen Stand
|
||
sehr entwürdigend ein und wenn K. nächstens einmal in die
|
||
Gerichtskanzleien gehen werde, könne er sich ja, um auch das einmal
|
||
gesehen zu haben, das Advokatenzimmer ansehn. Er werde vor der
|
||
Gesellschaft, die dort beisammen sei, vermutlich erschrecken. Schon die
|
||
ihnen zugewiesene enge niedrige Kammer zeige die Verachtung, die das
|
||
Gericht für diese Leute hat. Licht bekommt die Kammer nur durch eine
|
||
kleine Luke, die so hochgelegen ist, daß man, wenn man hinausschauen
|
||
will, wo einem übrigens der Rauch eines knapp davor gelegenen Kamins in
|
||
die Nase fährt und das Gesicht schwärzt, erst einen Kollegen suchen
|
||
muß, der einen auf den Rücken nimmt. Im Fußboden dieser Kammer — um nur
|
||
noch ein Beispiel für diese Zustände anzuführen — ist nun schon seit
|
||
mehr als einem Jahr ein Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen
|
||
könnte, aber groß genug, daß man mit einem Bein ganz einsinkt. Das
|
||
Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden; sinkt also einer ein,
|
||
so hängt sein Bein in den ersten Dachboden hinunter und zwar gerade in
|
||
den Gang, wo die Parteien warten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man
|
||
in Advokatenkreisen solche Verhältnisse schändlich nennt. Beschwerden
|
||
an die Verwaltung haben nicht den geringsten Erfolg, wohl aber ist es
|
||
den Advokaten auf das strengste verboten, irgend etwas in dem Zimmer
|
||
auf eigene Kosten ändern zu lassen. Aber auch diese Behandlung der
|
||
Advokaten hat ihre Begründung. Man will die Verteidigung möglichst
|
||
ausschalten, alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt sein. Kein
|
||
schlechter Standpunkt im Grunde, nichts wäre aber verfehlter, als
|
||
daraus zu folgern, daß bei diesem Gericht die Advokaten für den
|
||
Angeklagten unnötig sind. Im Gegenteil, bei keinem andern Gericht sind
|
||
sie so notwendig wie bei diesem. Das Verfahren ist nämlich im
|
||
allgemeinen nicht nur vor der Öffentlichkeit geheim, sondern auch vor
|
||
dem Angeklagten. Natürlich nur soweit dies möglich ist, es ist aber in
|
||
sehr weitem Ausmaß möglich. Auch der Angeklagte hat nämlich keinen
|
||
Einblick in die Gerichtsschriften und aus den Verhören auf die ihnen
|
||
zugrundeliegenden Schriften zu schließen, ist sehr schwierig,
|
||
insbesondere aber für den Angeklagten, der doch befangen ist und alle
|
||
möglichen Sorgen hat, die ihn zerstreuen. Hier greift nun die
|
||
Verteidigung ein. Bei den Verhören dürfen im allgemeinen Verteidiger
|
||
nicht anwesend sein, sie müssen daher nach den Verhören und zwar
|
||
möglichst noch an der Tür des Untersuchungszimmers den Angeklagten über
|
||
das Verhör ausforschen und diesen oft schon sehr verwischten Berichten
|
||
das für die Verteidigung Taugliche entnehmen. Aber das Wichtigste ist
|
||
dies nicht, denn viel kann man auf diese Weise nicht erfahren, wenn
|
||
natürlich auch hier wie überall ein tüchtiger Mann mehr erfährt als
|
||
andere. Das Wichtigste bleiben trotzdem die persönlichen Beziehungen
|
||
des Advokaten, in ihnen liegt der Hauptwert der Verteidigung. Nun habe
|
||
ja wohl K. schon aus seinen eigenen Erlebnissen entnommen, daß die
|
||
allerunterste Organisation des Gerichtes nicht ganz vollkommen ist,
|
||
pflichtvergessene und bestechliche Angestellte aufweist, wodurch
|
||
gewissermaßen die strenge Abschließung des Gerichtes Lücken bekommt.
|
||
Hier nun drängt sich die Mehrzahl der Advokaten ein, hier wird
|
||
bestochen und ausgehorcht, ja es kamen wenigstens in früherer Zeit
|
||
sogar Fälle von Aktendiebstählen vor. Es ist nicht zu leugnen, daß auf
|
||
diese Weise für den Augenblick einige sogar überraschend günstige
|
||
Resultate für den Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren
|
||
auch diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber
|
||
für den weitern Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder
|
||
nichts Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persönliche
|
||
Beziehungen und zwar mit höhern Beamten, womit natürlich nur höhere
|
||
Beamten der untern Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang
|
||
des Prozesses, wenn auch zunächst nur unmerklich, später aber immer
|
||
deutlicher beeinflußt werden. Das können natürlich nur wenige Advokaten
|
||
und hier sei die Wahl K.s sehr günstig gewesen. Nur noch vielleicht ein
|
||
oder zwei Advokaten könnten sich mit ähnlichen Beziehungen ausweisen
|
||
wie Dr. Huld. Diese kümmern sich allerdings um die Gesellschaft im
|
||
Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun. Um so enger
|
||
sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei nicht einmal
|
||
immer nötig, daß Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der
|
||
Untersuchungsrichter auf ihr zufälliges Erscheinen warte, und je nach
|
||
ihrer Laune einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht
|
||
einmal diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, die Beamten und
|
||
darunter recht hohe kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene
|
||
oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nächsten Fortgang der
|
||
Prozesse, ja sie lassen sich sogar in einzelnen Fällen überzeugen und
|
||
nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings dürfe man ihnen gerade in
|
||
dieser letzten Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre
|
||
neue, für die Verteidigung günstige Absicht, auch aussprechen, gehen
|
||
sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben für den
|
||
nächsten Tag einen Gerichtsbeschluß heraus, der gerade das
|
||
Entgegengesetzte enthält und vielleicht für den Angeklagten noch viel
|
||
strenger ist, als ihre erste Absicht, von der sie gänzlich abgekommen
|
||
zu sein behaupteten. Dagegen könne man sich natürlich nicht wehren,
|
||
denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur
|
||
zwischen vier Augen gesagt und lasse keine öffentliche Folgerung zu,
|
||
selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein müßte, sich
|
||
die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei es allerdings auch
|
||
richtig, daß die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus
|
||
freundschaftlichen Gefühlen sich mit der Verteidigung, natürlich nur
|
||
mit einer sachverständigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind
|
||
vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich
|
||
eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation geltend, die selbst in
|
||
ihren Anfängen den geheimen Bericht festsetzt. Den Beamten fehlt der
|
||
Zusammenhang mit der Bevölkerung, für die gewöhnlichen mittleren
|
||
Prozesse sind sie gut ausgerüstet, ein solcher Prozeß rollt fast von
|
||
selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen Anstoß,
|
||
gegenüber den ganz einfachen Fällen aber, wie auch gegenüber den
|
||
besonders schwierigen, sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie
|
||
fortwährend Tag und Nacht in ihr Gesetz eingezwängt sind, nicht den
|
||
richtigen Sinn für menschliche Beziehungen und das entbehren sie in
|
||
solchen Fällen schwer. Dann kommen sie zum Advokaten um Rat und hinter
|
||
ihnen trägt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. An diesem
|
||
Fenster hätte man manche Herren, von denen man es am wenigsten erwarten
|
||
würde, antreffen können wie sie geradezu trostlos auf die Gasse
|
||
hinaussahen, während der Advokat an seinem Tisch die Akten studierte,
|
||
um ihnen einen guten Rat geben zu können. Übrigens könne man gerade bei
|
||
solchen Gelegenheiten sehn, wie ungemein ernst die Herren ihren Beruf
|
||
nehmen und wie sie über Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht
|
||
bewältigen können, in große Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei
|
||
auch sonst nicht leicht und man dürfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre
|
||
Stellung nicht für leicht ansehn. Die Rangordnung und die Steigerung
|
||
des Gerichtes sei unendlich und selbst für den Eingeweihten nicht
|
||
absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshöfen sei aber im allgemeinen
|
||
auch für die untern Beamten geheim, sie können daher die
|
||
Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem fernern Weitergang kaum
|
||
jemals vollständig verfolgen, die Gerichtssache erscheint also in ihrem
|
||
Gerichtskreis, ohne daß sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht
|
||
weiter, ohne daß sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus
|
||
dem Studium der einzelnen Prozeßstadien, der schließlichen Entscheidung
|
||
und ihrer Gründe schöpfen kann, entgeht diesen Beamten. Sie dürfen sich
|
||
nur mit jenem Teil des Prozesses befassen, der vom Gesetz für sie
|
||
abgegrenzt ist und wissen von dem Weitern, also von den Ergebnissen
|
||
ihrer eigenen Arbeit meist weniger als die Verteidigung, die doch in
|
||
der Regel fast bis zum Schluß des Prozesses mit dem Angeklagten in
|
||
Verbindung bleibt. Auch in dieser Richtung also können sie von der
|
||
Verteidigung manches Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er
|
||
alles dieses im Auge behalte über die Gereiztheit der Beamten, die sich
|
||
manchmal den Parteien gegenüber in — jeder mache diese Erfahrung —
|
||
beleidigenderweise äußert. Alle Beamten seien gereizt, selbst wenn sie
|
||
ruhig scheinen. Natürlich haben kleine Advokaten besonders viel
|
||
darunter zu leiden. Man erzählt z. B. folgende Geschichte, die sehr den
|
||
Anschein der Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter stiller Herr,
|
||
hatte eine schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die
|
||
Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht
|
||
ununterbrochen studiert — diese Beamten sind tatsächlich fleißig, wie
|
||
niemand sonst. Gegen Morgen nun, nach 24stündiger, wahrscheinlich nicht
|
||
sehr ergiebiger Arbeit ging er zur Eingangstür, stellte sich dort in
|
||
Hinterhalt und warf jeden Advokaten der eintreten wollte, die Treppe
|
||
hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und
|
||
berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen
|
||
Anspruch darauf, eingelassen zu werden, können daher rechtlich gegen
|
||
den Beamten kaum etwas unternehmen und müssen sich, wie schon erwähnt,
|
||
auch hüten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits
|
||
aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag für sie verloren und es
|
||
lag ihnen also viel daran einzudringen. Schließlich einigten sie sich
|
||
darauf, daß sie den alten Herren ermüden wollten. Immer wieder wurde
|
||
ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich dann unter
|
||
möglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen ließ, wo er
|
||
dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde,
|
||
dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon
|
||
erschöpft, wirklich müde und ging in seine Kanzlei zurück. Die unten
|
||
wollten es erst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der
|
||
hinter der Tür nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst
|
||
zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn
|
||
den Advokaten — und selbst der kleinste kann doch die Verhältnisse
|
||
wenigstens zum Teil übersehn — liegt es vollständig ferne, bei Gericht
|
||
irgendwelche Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen,
|
||
während — und dies ist sehr bezeichnend — fast jeder Angeklagte, selbst
|
||
ganz einfältige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den Prozeß
|
||
an Verbesserungsvorschläge zu denken anfängt und damit oft Zeit und
|
||
Kraft verschwendet, die anders viel besser verwendet werden könnten.
|
||
Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen
|
||
abzufinden. Selbst wenn es möglich wäre, Einzelheiten zu verbessern —
|
||
es ist aber ein unsinniger Aberglaube — hätte man bestenfalls für
|
||
künftige Fälle etwas erreicht, sich selbst aber unermeßlich dadurch
|
||
geschadet, daß man die besondere Aufmerksamkeit der immer rachsüchtigen
|
||
Beamtenschaft erregt hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig
|
||
verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht!
|
||
Einzusehen versuchen, daß dieser große Gerichtsorganismus gewissermaßen
|
||
ewig in Schwebe bleibt und daß man zwar, wenn man auf seinem Platz
|
||
selbständig etwas ändert, den Boden unter den Füßen sich wegnimmt und
|
||
selbst abstürzen kann, während der große Organismus sich selbst für die
|
||
kleine Störung leicht an einer andern Stelle — alles ist doch in
|
||
Verbindung — Ersatz schafft und unverändert bleibt, wenn er nicht etwa,
|
||
was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer,
|
||
noch strenger, noch böser wird. Man überlasse doch die Arbeit dem
|
||
Advokaten, statt sie zu stören. Vorwürfe nützen ja nicht viel,
|
||
besonders wenn man ihre Ursache in ihrer ganzen Bedeutung nicht
|
||
begreiflich machen kann, aber gesagt müsse es doch werden, wie viel K.
|
||
seiner Sache durch das Verhalten gegenüber dem Kanzleidirektor
|
||
geschadet habe. Dieser einflußreiche Mann sei aus der Liste jener, bei
|
||
denen man für K. etwas unternehmen könne, schon fast zu streichen.
|
||
Selbst flüchtige Erwähnungen des Prozesses überhöre er mit deutlicher
|
||
Absicht. In manchem seien ja die Beamten wie Kinder. Oft können sie
|
||
durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten leider nicht
|
||
gehörte, derartig verletzt werden, daß sie selbst mit guten Freunden zu
|
||
reden aufhören, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und
|
||
ihnen in allem möglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal,
|
||
überraschenderweise, ohne besondern Grund lassen sie sich durch einen
|
||
kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles aussichtslos
|
||
scheint, zum Lachen bringen und sind versöhnt. Es sei eben gleichzeitig
|
||
schwer und leicht, sich mit ihnen zu verhalten, Grundsätze dafür gibt
|
||
es kaum. Manchmal sei es zum Verwundern, daß ein einziges
|
||
Durchschnittsleben dafür hinreiche, um soviel zu erfassen, daß man hier
|
||
mit einigem Erfolg arbeiten könne. Es kommen allerdings trübe Stunden,
|
||
wie sie ja jeder hat, wo man glaubt, nicht das geringste erzielt zu
|
||
haben, wo es einem scheint, als hätten nur die von Anfang an für einen
|
||
guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch
|
||
ohne Mithilfe geschehen wäre, während alle andern verlorengegangen
|
||
sind, trotz alles Nebenherlaufens, aller Mühe, aller kleinen
|
||
scheinbaren Erfolge, über die man solche Freude hatte. Dann scheint
|
||
einem allerdings nichts mehr sicher und man würde auf bestimmte Fragen
|
||
hin nicht einmal zu leugnen wagen, daß man ihrem Wesen nach gut
|
||
verlaufende Prozesse gerade durch die Mithilfe auf Abwege gebracht hat.
|
||
Auch das ist ja eine Art Selbstvertrauen, aber es ist das einzige, das
|
||
dann übrigbleibt. Solchen Anfällen — es sind natürlich nur Anfälle,
|
||
nichts weiter — sind Advokaten besonders dann ausgesetzt, wenn ihnen
|
||
ein Prozeß, den sie weit genug und zufriedenstellend geführt haben,
|
||
plötzlich aus der Hand genommen wird. Das ist wohl das Ärgste, was
|
||
einem Advokaten geschehen kann. Nicht etwa durch den Angeklagten wird
|
||
ihnen der Prozeß entzogen, das geschieht wohl niemals, ein Angeklagter,
|
||
der einmal einen bestimmten Advokaten genommen hat, muß bei ihm
|
||
bleiben, geschehe was immer. Wie könnte er sich überhaupt, wenn er
|
||
einmal Hilfe in Anspruch genommen hat, allein noch erhalten. Das
|
||
geschieht also nicht, wohl aber geschieht es manchmal, daß der Prozeß
|
||
eine Richtung nimmt, wo der Advokat nicht mehr mitkommen darf. Der
|
||
Prozeß und der Angeklagte und alles wird dem Advokaten einfach
|
||
entzogen; dann können auch die besten Beziehungen zu den Beamten nicht
|
||
mehr helfen, denn sie selbst wissen nichts. Der Prozeß ist eben in ein
|
||
Stadium getreten, wo keine Hilfe mehr geleistet werden darf, wo ihn
|
||
unzugängliche Gerichtshöfe bearbeiten, wo auch der Angeklagte für den
|
||
Advokaten nicht mehr erreichbar ist. Man kommt dann eines Tages nach
|
||
Hause und findet auf seinem Tisch alle die vielen Eingaben, die man mit
|
||
allem Fleiß und mit den schönsten Hoffnungen in dieser Sache gemacht
|
||
hat, sie sind zurückgestellt worden, da sie in das neue Prozeßstadium
|
||
nicht übertragen werden dürfen, es sind wertlose Fetzen. Dabei muß der
|
||
Prozeß noch nicht verloren sein, durchaus nicht, wenigstens liegt kein
|
||
entscheidender Grund für diese Annahme vor, man weiß bloß nichts mehr
|
||
von dem Prozeß und wird auch nichts mehr von ihm erfahren. Nun sind ja
|
||
solche Fälle glücklicherweise Ausnahmen, und selbst wenn K.s Prozeß ein
|
||
solcher Fall sein sollte, sei er doch vorläufig noch weit von einem
|
||
solchen Stadium entfernt. Hier sei aber noch reichliche Gelegenheit für
|
||
Advokatenarbeit gegeben, und daß sie ausgenutzt werde, dessen dürfe K.
|
||
sicher sein. Die Eingabe sei, wie erwähnt, noch nicht überreicht, das
|
||
eile aber auch nicht, viel wichtiger seien die einleitenden
|
||
Besprechungen mit maßgebenden Beamten und die hätten schon
|
||
stattgefunden. Mit verschiedenem Erfolg, wie offen zugestanden werden
|
||
soll. Es sei viel besser, vorläufig Einzelheiten nicht zu verraten,
|
||
durch die K. nur ungünstig beeinflußt und allzu hoffnungsfreudig oder
|
||
allzu ängstlich gemacht werden könnte, nur soviel sei gesagt, daß sich
|
||
einzelne sehr günstig ausgesprochen und sich auch sehr bereitwillig
|
||
gezeigt haben, während andere sich weniger günstig geäußert, aber doch
|
||
ihre Mithilfe keineswegs verweigert haben. Das Ergebnis sei also im
|
||
ganzen sehr erfreulich, nur dürfe man daraus keine besondern Schlüsse
|
||
ziehen, da alle Vorverhandlungen ähnlich beginnen und durchaus erst die
|
||
weitere Entwicklung den Wert dieser Vorverhandlungen zeigt. Jedenfalls
|
||
sei noch nichts verloren und wenn es noch gelingen sollte, den
|
||
Kanzleidirektor trotz allem zu gewinnen — es sei schon verschiedenes zu
|
||
diesem Zwecke eingeleitet — dann sei das Ganze —, wie die Chirurgen
|
||
sagen, eine reine Wunde und man könne getrost das Folgende erwarten.
|
||
|
||
In solchen und ähnlichen Reden war der Advokat unerschöpflich. Sie
|
||
wiederholten sich bei jedem Besuch. Immer gab es Fortschritte, niemals
|
||
aber konnte die Art dieser Fortschritte mitgeteilt werden. Immerfort
|
||
wurde an der ersten Eingabe gearbeitet, aber sie wurde nicht fertig,
|
||
was sich meistens beim nächsten Besuch als gewisser Vorteil
|
||
herausstellte, da die letzte Zeit, was man nicht hatte voraussehen
|
||
können, für die Übergabe sehr ungünstig gewesen wäre. Bemerkte K.
|
||
manchmal, ganz ermattet von den Reden, daß es doch selbst unter
|
||
Berücksichtigung aller Schwierigkeiten, sehr langsam vorwärtsgehe,
|
||
wurde ihm entgegnet, es gehe gar nicht langsam vorwärts, wohl aber wäre
|
||
man schon viel weiter, wenn K. sich rechtzeitig an den Advokaten
|
||
gewendet hätte. Das hatte er aber leider versäumt und diese Versäumnis
|
||
werde auch noch weitere Nachteile bringen, nicht nur zeitliche.
|
||
|
||
Die einzige wohltätige Unterbrechung dieser Besuche war Leni, die es
|
||
immer so einzurichten wußte, daß sie dem Advokaten in Anwesenheit K.s
|
||
den Tee brachte. Dann stand sie hinter K., sah scheinbar zu, wie der
|
||
Advokat mit einer Art Gier tief zur Tasse herabgebeugt den Tee eingoß
|
||
und trank, und ließ im Geheimen ihre Hand von K. erfassen. Es herrschte
|
||
völliges Schweigen. Der Advokat trank, K. drückte Lenis Hand und Leni
|
||
wagte es manchmal K.s Haare sanft zu streicheln. „Du bist noch hier?“
|
||
fragte der Advokat, nachdem er fertig war. „Ich wollte das Geschirr
|
||
wegnehmen“, sagte Leni, es gab noch einen letzten Händedruck, der
|
||
Advokat wischte sich den Mund und begann mit neuer Kraft auf K.
|
||
einzureden.
|
||
|
||
War es Trost oder Verzweiflung, was der Advokat erreichen wollte? K.
|
||
wußte es nicht, wohl aber hielt er es bald für feststehend, daß seine
|
||
Verteidigung nicht in guten Händen war. Es mochte ja alles richtig
|
||
sein, was der Advokat erzählte, wenn es auch durchsichtig war, daß er
|
||
sich möglichst in den Vordergrund stellen wollte und wahrscheinlich
|
||
noch niemals einen so großen Prozeß geführt hatte, wie es K.s Prozeß
|
||
seiner Meinung nach war. Verdächtig aber blieben die unaufhörlich
|
||
hervorgehobenen persönlichen Beziehungen zu den Beamten. Mußten sie
|
||
denn ausschließlich zu K.s Nutzen ausgebeutet werden? Der Advokat
|
||
vergaß nie zu bemerken, daß es sich nur um niedrige Beamte handelte,
|
||
also um Beamte in sehr abhängiger Stellung, für deren Fortkommen
|
||
gewisse Wendungen der Prozesse wahrscheinlich von Bedeutung sein
|
||
konnten. Benutzten sie vielleicht den Advokaten dazu, um solche für den
|
||
Angeklagten natürlich immer ungünstige Wendungen zu erzielen?
|
||
Vielleicht taten sie das nicht in jedem Prozeß, gewiß, das war nicht
|
||
wahrscheinlich, es gab dann wohl wieder Prozesse, in deren Verlauf sie
|
||
dem Advokaten für seine Dienste Vorteile einräumten, denn es mußte
|
||
ihnen ja auch daran gelegen sein, seinen Ruf ungeschädigt zu erhalten.
|
||
Verhielt es sich aber wirklich so, in welcher Weise würden sie bei K.s
|
||
Prozeß eingreifen, der, wie der Advokat erklärte, ein sehr schwieriger,
|
||
also wichtiger Prozeß war und gleich anfangs bei Gericht große
|
||
Aufmerksamkeit erregt hatte? Es konnte nicht sehr zweifelhaft sein, was
|
||
sie tun würden. Anzeichen dessen konnte man ja schon darin sehn, daß
|
||
die erste Eingabe noch immer nicht überreicht war, trotzdem der Prozeß
|
||
schon Monate dauerte und daß sich alles den Angaben des Advokaten nach
|
||
in den Anfängen befand, was natürlich sehr geeignet war, den
|
||
Angeklagten einzuschläfern und hilflos zu erhalten, um ihn dann
|
||
plötzlich mit der Entscheidung zu überfallen oder wenigstens mit der
|
||
Bekanntmachung, daß die zu seinen Ungunsten abgeschlossene Untersuchung
|
||
an die höhern Behörden weitergegeben werde.
|
||
|
||
Es war unbedingt nötig, daß K. selbst eingriff. Gerade in Zuständen
|
||
großer Müdigkeit, wie an diesem Wintervormittag, wo ihm alles willenlos
|
||
durch den Kopf zog, war diese Überzeugung unabweisbar. Die Verachtung,
|
||
die er früher für den Prozeß gehabt hatte, galt nicht mehr. Wäre er
|
||
allein in der Welt gewesen, hätte er den Prozeß leicht mißachten
|
||
können, wenn es allerdings auch sicher war, daß dann der Prozeß
|
||
überhaupt nicht entstanden wäre. Jetzt aber hatte ihn der Onkel schon
|
||
zum Advokaten gezogen, Familienrücksichten sprachen mit; seine Stellung
|
||
war nicht mehr vollständig unabhängig von dem Verlauf des Prozesses, er
|
||
selbst hatte unvorsichtigerweise mit einer gewissen unerklärlichen
|
||
Genugtuung vor Bekannten den Prozeß erwähnt, andere hatten auf
|
||
unbekannte Weise davon erfahren, das Verhältnis zu Fräulein Bürstner
|
||
schien entsprechend dem Prozeß zu schwanken — kurz, er hatte kaum mehr
|
||
die Wahl, den Prozeß anzunehmen oder abzulehnen, er stand mitten darin
|
||
und mußte sich wehren. War er müde, dann war es schlimm.
|
||
|
||
Zu übertriebener Sorge war allerdings vorläufig kein Grund. Er hatte es
|
||
verstanden, sich in der Bank in verhältnismäßig kurzer Zeit zu seiner
|
||
hohen Stellung emporzuarbeiten und sich von allen anerkannt in dieser
|
||
Stellung zu erhalten, er mußte jetzt nur diese Fähigkeiten, die ihm das
|
||
ermöglicht hatten, ein wenig dem Prozeß zuwenden und es war kein
|
||
Zweifel, daß es gut ausgehn müßte. Vor allem war es, wenn etwas
|
||
erreicht werden sollte, notwendig, jeden Gedanken an eine mögliche
|
||
Schuld von vornherein abzulehnen. Es gab keine Schuld. Der Prozeß war
|
||
nichts anderes als ein großes Geschäft, wie er es schon oft mit Vorteil
|
||
für die Bank abgeschlossen hatte, ein Geschäft, innerhalb dessen, wie
|
||
das die Regel war, verschiedene Gefahren lauerten, die eben abgewehrt
|
||
werden mußten. Zu diesem Zwecke durfte man allerdings nicht mit
|
||
Gedanken an irgendeine Schuld spielen, sondern den Gedanken an den
|
||
eigenen Vorteil möglichst festhalten. Von diesem Gesichtspunkt aus war
|
||
es auch unvermeidlich, dem Advokaten die Vertretung sehr bald, am
|
||
besten noch an diesem Abend, zu entziehen. Es war zwar nach seinen
|
||
Erzählungen etwas Unerhörtes und wahrscheinlich sehr Beleidigendes,
|
||
aber K. konnte nicht dulden, daß seinen Anstrengungen in dem Prozeß
|
||
Hindernisse begegneten, die vielleicht von seinem eigenen Advokaten
|
||
veranlaßt waren. War aber einmal der Advokat abgeschüttelt, dann mußte
|
||
die Eingabe sofort überreicht und womöglich jeden Tag darauf gedrängt
|
||
werden, daß man sie berücksichtige. Zu diesem Zwecke würde es natürlich
|
||
nicht genügen, daß K. wie die andern im Gang saß und den Hut unter die
|
||
Bank stellte. Er selbst oder die Frauen oder andere Boten mußten Tag
|
||
für Tag die Beamten überlaufen und sie zwingen, statt durch das Gitter
|
||
auf den Gang zu schauen, sich zu ihrem Tisch zu setzen und K.s Eingabe
|
||
zu studieren. Von diesen Anstrengungen dürfte man nicht ablassen, alles
|
||
müßte organisiert und überwacht werden, das Gericht sollte einmal auf
|
||
einen Angeklagten stoßen, der sein Recht zu wahren verstand.
|
||
|
||
Wenn sich aber auch K. dies alles durchzuführen getraute, die
|
||
Schwierigkeit der Abfassung der Eingabe war überwältigend. Früher, etwa
|
||
noch vor einer Woche, hatte er nur mit einem Gefühl der Scham daran
|
||
denken können, daß er einmal genötigt sein könnte, eine solche Eingabe
|
||
selbst zu machen; daß dies auch schwierig sein konnte, daran hatte er
|
||
gar nicht gedacht. Er erinnerte sich, wie er einmal an einem Vormittag,
|
||
als er gerade mit Arbeit überhäuft war, plötzlich alles zur Seite
|
||
geschoben und den Schreibblock vorgenommen hatte, um versuchsweise den
|
||
Gedankengang einer derartigen Eingabe zu entwerfen und ihn vielleicht
|
||
dem schwerfälligen Advokaten zur Verfügung zu stellen und wie gerade in
|
||
diesem Augenblick die Tür des Direktionszimmers sich öffnete und der
|
||
Direktor-Stellvertreter mit großem Gelächter eintrat. Es war für K.
|
||
damals sehr peinlich gewesen, trotzdem der Direktor-Stellvertreter
|
||
natürlich nicht über die Eingabe gelacht hatte, von der er nichts
|
||
wußte, sondern über einen Börsenwitz, den er eben gehört hatte, einen
|
||
Witz, der zum Verständnis eine Zeichnung erforderte, die nun der
|
||
Direktor-Stellvertreter über K.s Tisch gebeugt mit K.s Bleistift, den
|
||
er ihm aus der Hand nahm, auf dem Schreibblock ausführte, der für die
|
||
Eingabe bestimmt gewesen war.
|
||
|
||
Heute wußte K. nichts mehr von Scham, die Eingabe mußte gemacht werden.
|
||
Wenn er im Bureau keine Zeit für sie fand, was sehr wahrscheinlich war,
|
||
dann mußte er sie zu Hause in den Nächten machen. Würden auch die
|
||
Nächte nicht genügen, dann mußte er einen Urlaub nehmen. Nur nicht auf
|
||
halbem Wege stehnbleiben, das war nicht nur in Geschäften, sondern
|
||
immer und überall das Unsinnigste. Die Eingabe bedeutete freilich eine
|
||
fast endlose Arbeit. Man mußte keinen sehr ängstlichen Charakter haben
|
||
und konnte doch leicht zu dem Glauben kommen, daß es unmöglich war, die
|
||
Eingabe jemals fertigzustellen. Nicht aus Faulheit oder Hinterlist, die
|
||
den Advokaten allein an der Fertigstellung hindern konnten, sondern
|
||
weil in Unkenntnis der vorhandenen Anklage und gar ihrer möglichen
|
||
Erweiterungen das ganze Leben in den kleinsten Handlungen und
|
||
Ereignissen in die Erinnerung zurückgebracht, dargestellt und von allen
|
||
Seiten überprüft werden mußte. Und wie traurig war eine solche Arbeit
|
||
überdies. Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung
|
||
den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu helfen, die
|
||
langen Tage hinzubringen. Aber jetzt, wo K. alle Gedanken zu seiner
|
||
Arbeit brauchte, wo jede Stunde, da er noch im Aufstieg war und schon
|
||
für den Direktor-Stellvertreter eine Drohung bedeutete, mit größter
|
||
Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende und Nächte als junger
|
||
Mensch genießen wollte, jetzt sollte er mit der Verfassung dieser
|
||
Eingabe beginnen. Wieder ging sein Denken in Klagen aus. Fast
|
||
unwillkürlich, nur um dem ein Ende zu machen, tastete er mit dem Finger
|
||
nach dem Knopf der elektrischen Glocke, die ins Vorzimmer führte.
|
||
Während er ihn niederdrückte, blickte er zur Uhr auf. Es war 11 Uhr,
|
||
zwei Stunden, eine lange kostbare Zeit hatte er verträumt und war
|
||
natürlich noch matter als vorher. Immerhin war die Zeit nicht verloren,
|
||
er hatte Entschlüsse gefaßt, die wertvoll sein konnten. Die Diener
|
||
brachten außer verschiedener Post zwei Visitenkarten von Herren, die
|
||
schon längere Zeit auf K. warteten. Es waren gerade sehr wichtige
|
||
Kundschaften der Bank, die man eigentlich auf keinen Fall hätte warten
|
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lassen sollen. Warum kamen sie zu so ungelegener Zeit? — und warum, so
|
||
schienen wieder die Herren hinter der geschlossenen Tür zu fragen,
|
||
verwendete der fleißige K. für Privatangelegenheiten die beste
|
||
Geschäftszeit? Müde von dem Vorhergegangenen und müde das Folgende
|
||
erwartend, stand K. auf, um den ersten zu empfangen.
|
||
|
||
Es war ein kleiner munterer Herr, ein Fabrikant, den K. gut kannte. Er
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||
bedauerte, K. in wichtiger Arbeit gestört zu haben und K. bedauerte
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||
seinerseits, daß er den Fabrikanten so lange hatte warten lassen. Schon
|
||
dieses Bedauern aber sprach er in derartig mechanischer Weise und mit
|
||
fast falscher Betonung aus, daß der Fabrikant, wenn er nicht ganz von
|
||
der Geschäftssache eingenommen gewesen wäre, es hätte bemerken müssen.
|
||
Statt dessen zog er eilig Rechnungen und Tabellen aus allen Taschen,
|
||
breitete sie vor K. aus, erklärte verschiedene Posten, verbesserte
|
||
einen kleinen Rechenfehler, der ihm sogar bei diesem flüchtigen
|
||
Überblick aufgefallen war, erinnerte K. an ein ähnliches Geschäft, das
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||
er mit ihm vor etwa einem Jahr abgeschlossen hatte, erwähnte nebenbei,
|
||
daß sich diesmal eine andere Bank unter größten Opfern um das Geschäft
|
||
bewerbe und verstummte schließlich, um nun K.s Meinung zu erfahren. K.
|
||
hatte auch tatsächlich im Anfang die Rede des Fabrikanten gut verfolgt,
|
||
der Gedanke an das wichtige Geschäft hatte dann auch ihn ergriffen, nur
|
||
leider nicht für die Dauer, er war bald vom Zuhören abgekommen, hatte
|
||
dann noch ein Weilchen zu den lauteren Ausrufen des Fabrikanten mit dem
|
||
Kopf genickt, hatte aber schließlich auch das unterlassen und sich
|
||
darauf eingeschränkt, den kahlen, auf die Papiere hinabgebeugten Kopf
|
||
anzusehn und sich zu fragen, wann der Fabrikant endlich erkennen werde,
|
||
daß seine ganze Rede nutzlos sei. Als er nun verstummte, glaubte K.
|
||
zuerst wirklich, es geschehe dies deshalb, um ihm Gelegenheit zu dem
|
||
Eingeständnis zu geben, daß er nicht fähig sei, zuzuhören. Nur mit
|
||
Bedauern merkte er aber an dem gespannten Blick des offenbar auf alle
|
||
Entgegnungen gefaßten Fabrikanten, daß die geschäftliche Besprechung
|
||
fortgesetzt werden müsse. Er neigte also den Kopf wie vor einem Befehl
|
||
und begann mit dem Bleistift langsam über den Papieren hin- und
|
||
herzufahren, hie und da hielt er inne und starrte eine Ziffer an. Der
|
||
Fabrikant vermutete Einwände, vielleicht waren die Ziffern wirklich
|
||
nicht feststehend, vielleicht waren sie nicht das Entscheidende,
|
||
jedenfalls bedeckte der Fabrikant die Papiere mit der Hand und begann
|
||
von neuem, ganz nahe an K. heranrückend, eine allgemeine Darstellung
|
||
des Geschäftes. „Es ist schwierig,“ sagte K., rümpfte die Lippen und
|
||
sank, da die Papiere, das einzig Faßbare, verdeckt waren, haltlos gegen
|
||
die Seitenlehne. Er blickte sogar nur schwach auf, als sich die Tür des
|
||
Direktionszimmers öffnete und dort nicht ganz deutlich, etwa wie hinter
|
||
einem Gazeschleier, der Direktor-Stellvertreter erschien. K. dachte
|
||
nicht weiter darüber nach, sondern verfolgte nur die unmittelbare
|
||
Wirkung, die für ihn sehr erfreulich war. Denn sofort hüpfte der
|
||
Fabrikant vom Sessel auf und eilte dem Direktor-Stellvertreter
|
||
entgegen, K. aber hätte ihn noch zehnmal flinker machen sollen, denn er
|
||
fürchtete, der Direktor-Stellvertreter könnte wieder verschwinden. Es
|
||
war unnütze Furcht, die Herren trafen sich, reichten einander die Hände
|
||
und gingen gemeinsam auf K.s Schreibtisch zu. Der Fabrikant beklagte
|
||
sich, daß er beim Prokuristen so wenig Neigung für das Geschäft
|
||
gefunden habe und zeigte auf K., der sich unter dem Blick des
|
||
Direktor-Stellvertreters wieder über die Papiere beugte. Als dann die
|
||
zwei sich an den Schreibtisch lehnten und der Fabrikant sich daran
|
||
machte, den Direktor-Stellvertreter für sich zu erobern, war es K., als
|
||
werde über seinem Kopf von zwei Männern, deren Größe er sich
|
||
übertrieben vorstellte, über ihn selbst verhandelt. Langsam suchte er
|
||
mit vorsichtig aufwärts gedrehten Augen zu erfahren, was sich oben
|
||
ereignete, nahm vom Schreibtisch ohne hinzusehn eines der Papiere,
|
||
legte es auf die flache Hand und hob es allmählich, während er selbst
|
||
aufstand, zu den Herren hinauf. Er dachte hiebei an nichts Bestimmtes,
|
||
sondern handelte nur in dem Gefühl, daß er sich so verhalten müßte,
|
||
wenn er einmal die große Eingabe fertiggestellt hätte, die ihn gänzlich
|
||
entlasten sollte. Der Direktor-Stellvertreter, der sich an dem Gespräch
|
||
mit aller Aufmerksamkeit beteiligte, sah nur flüchtig auf das Papier,
|
||
überlas gar nicht, was dort stand, denn was dem Prokuristen wichtig
|
||
war, war ihm unwichtig, nahm es aus K.s Hand, sagte „danke, ich weiß
|
||
schon alles“ und legte es ruhig wieder auf den Tisch zurück. K. sah ihn
|
||
verbittert von der Seite an. Der Direktor-Stellvertreter aber merkte es
|
||
gar nicht oder wurde, wenn er es merkte, dadurch nur aufgemuntert,
|
||
lachte öfters laut auf, brachte einmal durch eine schlagfertige
|
||
Entgegnung den Fabrikanten in deutliche Verlegenheit, aus der er ihn
|
||
aber sofort riß, indem er sich selbst einen Einwand machte, und lud ihn
|
||
schließlich ein, in sein Bureau hinüberzukommen, wo sie die
|
||
Angelegenheit zu Ende führen könnten. „Es ist eine sehr wichtige
|
||
Sache,“ sagte er zum Fabrikanten, „ich sehe das vollständig ein. Und
|
||
dem Herrn Prokuristen“ — selbst bei dieser Bemerkung redete er
|
||
eigentlich nur zum Fabrikanten — „wird es gewiß lieb sein, wenn wir es
|
||
ihm abnehmen. Die Sache verlangt ruhige Überlegung. Er aber scheint
|
||
heute sehr überlastet zu sein, auch warten ja einige Leute im Vorzimmer
|
||
schon stundenlang auf ihn.“ K. hatte gerade noch genügend Fassung, sich
|
||
vom Direktor-Stellvertreter wegzudrehn und sein freundliches, aber
|
||
starres Lächeln nur dem Fabrikanten zuzuwenden, sonst griff er gar
|
||
nicht ein, stützte sich ein wenig vorgebeugt mit beiden Händen auf den
|
||
Schreibtisch wie ein Kommis hinter dem Pult und sah zu, wie die zwei
|
||
Herren unter weiteren Reden die Papiere vom Tisch nahmen und im
|
||
Direktionszimmer verschwanden. In der Tür drehte sich der Fabrikant
|
||
noch um, sagte, er verabschiede sich noch nicht, sondern werde
|
||
natürlich dem Herrn Prokuristen über den Erfolg der Besprechung
|
||
berichten, auch habe er ihm noch eine andere kleine Mitteilung zu
|
||
machen.
|
||
|
||
Endlich war K. allein. Er dachte gar nicht daran, irgendeine andere
|
||
Partei vorzulassen, und nur undeutlich kam ihm zu Bewußtsein, wie
|
||
angenehm es sei, daß die Leute draußen in dem Glauben waren, er
|
||
verhandle noch mit dem Fabrikanten und es könne aus diesem Grunde
|
||
niemand, nicht einmal der Diener, bei ihm eintreten. Er ging zum
|
||
Fenster, setzte sich auf die Brüstung, hielt sich mit einer Hand an der
|
||
Klinke fest und sah auf den Platz hinaus. Der Schnee fiel noch immer,
|
||
es hatte sich noch gar nicht aufgehellt.
|
||
|
||
Lange saß er so, ohne zu wissen, was ihm eigentlich Sorgen machte, nur
|
||
von Zeit zu Zeit blickte er ein wenig erschreckt über die Schulter
|
||
hinweg zur Vorzimmertür, wo er irrtümlicherweise ein Geräusch zu hören
|
||
geglaubt hatte. Da aber niemand kam, wurde er ruhiger, ging zum
|
||
Waschtisch, wusch sich mit kaltem Wasser und kehrte mit freierem Kopf
|
||
zu seinem Fensterplatz zurück. Der Entschluß, seine Verteidigung selbst
|
||
in die Hand zu nehmen, stellte sich ihm nun schwerwiegender dar, als er
|
||
ursprünglich angenommen hatte. Solange er die Verteidigung auf den
|
||
Advokaten überwälzt hatte, war er doch noch vom Prozeß im Grunde wenig
|
||
betroffen gewesen, er hatte ihn von der Ferne beobachtet und hatte
|
||
unmittelbar von ihm kaum erreicht werden können, er hatte nachsehn
|
||
können, wann er wollte, wie seine Sache stand, aber er hatte auch den
|
||
Kopf wieder zurückziehn können, wann er wollte. Jetzt hingegen, wenn er
|
||
seine Verteidigung selbst führen würde, mußte er sich wenigstens für
|
||
den Augenblick ganz und gar dem Gericht aussetzen, der Erfolg dessen
|
||
sollte ja für später seine vollständige und endgültige Befreiung sein,
|
||
aber um diese zu erreichen, mußte er sich vorläufig jedenfalls in viel
|
||
größere Gefahr begeben als bisher. Hätte er daran zweifeln wollen, so
|
||
hätte ihn das heutige Beisammensein mit dem Direktor-Stellvertreter und
|
||
dem Fabrikanten hinreichend vom Gegenteil überzeugen können. Wie war er
|
||
doch dagesessen, schon vom bloßen Entschluß, sich selbst zu
|
||
verteidigen, gänzlich benommen? Wie sollte es aber später werden? Was
|
||
für Tage standen ihm bevor! Würde er den Weg finden, der durch alles
|
||
hindurch zum guten Ende führte? Bedeutete nicht eine sorgfältige
|
||
Verteidigung — und alles andere war sinnlos — bedeutete nicht eine
|
||
sorgfältige Verteidigung gleichzeitig die Notwendigkeit, sich von allem
|
||
andern möglichst abzuschließen? Würde er das glücklich überstehn? Und
|
||
wie sollte ihm die Durchführung in der Bank gelingen? Es handelte sich
|
||
ja nicht nur um die Eingabe, für die ein Urlaub vielleicht genügt
|
||
hätte, trotzdem die Bitte um einen Urlaub gerade jetzt ein großes
|
||
Wagnis gewesen wäre, es handelte sich doch um einen ganzen Prozeß,
|
||
dessen Dauer unabsehbar war. Was für ein Hindernis war plötzlich in K.s
|
||
Laufbahn geworfen worden!
|
||
|
||
Und jetzt sollte er für die Bank arbeiten? — Er sah auf den
|
||
Schreibtisch hin. — Jetzt sollte er Parteien vorlassen und mit ihnen
|
||
verhandeln? Während sein Prozeß weiterrollte, während oben auf dem
|
||
Dachboden die Gerichtsbeamten über den Schriften dieses Prozesses
|
||
saßen, sollte er die Geschäfte der Bank besorgen? Sah es nicht aus wie
|
||
eine Folter, die, vom Gericht anerkannt, mit dem Prozeß zusammenhing
|
||
und ihn begleitete? Und würde man etwa in der Bank bei der Beurteilung
|
||
seiner Arbeit seine besondere Lage berücksichtigen? Niemand und
|
||
niemals. Ganz unbekannt war ja sein Prozeß nicht, wenn es auch noch
|
||
nicht ganz klar war, wer davon wußte und wie viel. Bis zum
|
||
Direktor-Stellvertreter aber war das Gerücht hoffentlich noch nicht
|
||
gedrungen, sonst hätte man schon deutlich sehen müssen, wie er es ohne
|
||
jede Kollegialität und Menschlichkeit gegen K. ausnützen würde. Und der
|
||
Direktor? Gewiß, er war K. gut gesinnt und er hätte wahrscheinlich,
|
||
sobald er vom Prozeß erfahren hätte, soweit es an ihm lag, manche
|
||
Erleichterungen für K. schaffen wollen, aber er wäre damit gewiß nicht
|
||
durchgedrungen, denn er unterlag jetzt, da das Gegengewicht, das K.
|
||
bisher gebildet hatte, schwächer zu werden anfing, immer mehr dem
|
||
Einfluß des Direktor-Stellvertreter, der außerdem auch den leidenden
|
||
Zustand des Direktors zur Stärkung der eigenen Macht ausnutzte. Was
|
||
hatte also K. zu erhoffen? Vielleicht schwächte er durch solche
|
||
Überlegungen seine Widerstandskraft, aber es war doch auch notwendig,
|
||
sich selbst nicht zu täuschen und alles so klar zu sehn, als es
|
||
augenblicklich möglich war.
|
||
|
||
Ohne besondern Grund, nur um vorläufig noch nicht zum Schreibtisch
|
||
zurückkehren zu müssen, öffnete er das Fenster. Es ließ sich nur schwer
|
||
öffnen, er mußte mit beiden Händen die Klinke drehn. Dann zog durch das
|
||
Fenster in dessen ganzer Breite und Höhe der mit Rauch vermischte Nebel
|
||
in das Zimmer und füllte es mit einem leichten Brandgeruch. Auch einige
|
||
Schneeflocken wurden hereingeweht. „Ein häßlicher Herbst,“ sagte hinter
|
||
K. der Fabrikant, der, vom Direktor-Stellvertreter kommend, unbemerkt
|
||
ins Zimmer getreten war. K. nickte und sah unruhig auf die Aktentasche
|
||
des Fabrikanten, aus der dieser nun wohl die Papiere herausziehn würde,
|
||
um K. das Ergebnis der Verhandlungen mit dem Direktor-Stellvertreter
|
||
mitzuteilen. Der Fabrikant aber folgte K.s Blick, klopfte auf seine
|
||
Tasche und sagte, ohne sie zu öffnen: „Sie wollen hören, wie es
|
||
ausgefallen ist. Ich trage schon fast den Geschäftsabschluß in der
|
||
Tasche. Ein reizender Mensch, Ihr Direktor-Stellvertreter, aber
|
||
durchaus nicht ungefährlich.“ Er lachte, schüttelte K.s Hand und wollte
|
||
auch ihn zum Lachen bringen. Aber K. schien es nun wieder verdächtig,
|
||
daß ihm der Fabrikant die Papiere nicht zeigen wollte und er fand an
|
||
der Bemerkung des Fabrikanten nichts zum Lachen. „Herr Prokurist,“
|
||
sagte der Fabrikant, „Sie leiden wohl unter dem Wetter. Sie sehn heute
|
||
so bedrückt aus.“ „Ja,“ sagte K. und griff mit der Hand an die Schläfe,
|
||
„Kopfschmerzen, Familiensorgen.“ „Sehr richtig,“ sagte der Fabrikant,
|
||
der ein eiliger Mensch war und niemanden ruhig anhören konnte, „jeder
|
||
hat sein Kreuz zu tragen.“ Unwillkürlich hatte K. einen Schritt gegen
|
||
die Tür gemacht, als wolle er den Fabrikanten hinausbegleiten, dieser
|
||
aber sagte: „Ich hätte, Herr Prokurist, noch eine kleine Mitteilung für
|
||
Sie. Ich fürchte sehr, daß ich Sie gerade heute damit vielleicht
|
||
belästige, aber ich war schon zweimal in der letzten Zeit bei Ihnen und
|
||
habe es jedesmal vergessen. Schiebe ich es aber noch weiterhin auf,
|
||
verliert es wahrscheinlich vollständig seinen Zweck. Das wäre aber
|
||
schade, denn im Grunde ist meine Mitteilung vielleicht doch nicht
|
||
wertlos.“ Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an
|
||
ihn heran, klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und
|
||
sagte leise: „Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?“ K. trat zurück und
|
||
rief sofort: „Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter gesagt.“ „Ach
|
||
nein,“ sagte der Fabrikant, „woher sollte denn der
|
||
Direktor-Stellvertreter es wissen?“ „Durch Sie?“ fragte K. schon viel
|
||
gefaßter. „Ich erfahre hie und da etwas von dem Gericht,“ sagte der
|
||
Fabrikant, „das betrifft eben die Mitteilung, die ich Ihnen machen
|
||
wollte.“ „So viel Leute sind mit dem Gericht in Verbindung!“ sagte K.
|
||
mit gesenktem Kopf und führte den Fabrikanten zum Schreibtisch. Sie
|
||
setzten sich wieder wie früher und der Fabrikant sagte: „Es ist leider
|
||
nicht sehr viel, was ich Ihnen mitteilen kann. Aber in solchen Dingen
|
||
soll man nicht das Geringste vernachlässigen. Außerdem drängte es mich
|
||
aber, Ihnen irgendwie zu helfen, und sei meine Hilfe noch so
|
||
bescheiden. Wir waren doch bisher gute Geschäftsfreunde, nicht? Nun
|
||
also.“ K. wollte sich wegen seines Verhaltens bei der heutigen
|
||
Besprechung entschuldigen, aber der Fabrikant duldete keine
|
||
Unterbrechung, schob die Aktentasche hoch unter die Achsel, um zu
|
||
zeigen, daß er Eile habe, und fuhr fort: „Von Ihrem Prozeß weiß ich
|
||
durch einen gewissen Titorelli. Es ist ein Maler, Titorelli ist nur
|
||
sein Künstlername, seinen wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Er
|
||
kommt schon seit Jahren von Zeit zu Zeit in mein Bureau und bringt
|
||
kleine Bilder mit, für die ich ihm — er ist fast ein Bettler — immer
|
||
eine Art Almosen gebe. Es sind übrigens hübsche Bilder,
|
||
Heidelandschaften und dergleichen. Diese Verkäufe — wir hatten uns
|
||
schon beide daran gewöhnt — gingen ganz glatt vor sich. Einmal aber
|
||
wiederholten sich diese Besuche doch zu oft, ich machte ihm Vorwürfe,
|
||
wir kamen ins Gespräch, es interessierte mich, wie er sich allein durch
|
||
Malen erhalten könne, und ich erfuhr nun zu meinem Staunen, daß seine
|
||
Haupteinnahmsquelle das Porträtmalen sei. Er arbeite für das Gericht,
|
||
sagte er. Für welches Gericht, fragte ich. Und nun erzählte er mir von
|
||
dem Gericht. Sie werden sich wohl am besten vorstellen können, wie
|
||
erstaunt ich über diese Erzählungen war. Seitdem höre ich bei jedem
|
||
seiner Besuche irgendwelche Neuigkeiten vom Gericht und bekomme so
|
||
allmählich einen großen Einblick in die Sache. Allerdings ist Titorelli
|
||
geschwätzig und ich muß ihn oft abwehren, nicht nur weil er gewiß auch
|
||
lügt, sondern vor allem, weil ein Geschäftsmann wie ich, der unter den
|
||
eigenen Geschäftssorgen fast zusammenbricht, sich nicht noch viel um
|
||
fremde Dinge kümmern kann. Aber das nur nebenbei. Vielleicht — so
|
||
dachte ich jetzt — kann Ihnen Titorelli ein wenig behilflich sein, er
|
||
kennt viele Richter und wenn er selbst auch keinen großen Einfluß haben
|
||
sollte, so kann er Ihnen doch Ratschläge geben, wie man verschiedenen
|
||
einflußreichen Leuten beikommen kann. Und wenn auch diese Ratschläge an
|
||
und für sich nicht entscheidend sein sollten, so werden sie doch meiner
|
||
Meinung nach in Ihrem Besitz von großer Bedeutung sein. Sie sind ja
|
||
fast ein Advokat. Ich pflege immer zu sagen: Prokurist K. ist fast ein
|
||
Advokat. Oh, ich habe keine Sorgen wegen Ihres Prozesses. Wollen Sie
|
||
nun aber zu Titorelli gehen? Auf meine Empfehlung hin wird er gewiß
|
||
alles tun, was ihm möglich ist. Ich denke wirklich, Sie sollten
|
||
hingehn. Es muß natürlich nicht heute sein, einmal, gelegentlich.
|
||
Allerdings sind Sie — das will ich noch sagen — dadurch, daß gerade ich
|
||
Ihnen diesen Rat gebe, nicht im geringsten verpflichtet, auch wirklich
|
||
zu Titorelli hinzugehn. Nein, wenn Sie Titorelli entbehren zu können
|
||
glauben, ist es gewiß besser, ihn ganz beiseite zu lassen. Vielleicht
|
||
haben Sie schon einen ganz genauen Plan und Titorelli könnte ihn
|
||
stören. Nein, dann gehn Sie natürlich auf keinen Fall hin. Es kostet
|
||
gewiß auch Überwindung, sich von einem solchen Burschen Ratschläge
|
||
geben zu lassen. Nun, wie Sie wollen. Hier ist das Empfehlungsschreiben
|
||
und hier die Adresse.“
|
||
|
||
Enttäuscht nahm K. den Brief und steckte ihn in die Tasche. Selbst im
|
||
günstigsten Falle war der Vorteil, den ihm die Empfehlung bringen
|
||
konnte, verhältnismäßig kleiner als der Schaden, der darin lag, daß der
|
||
Fabrikant von seinem Prozeß wußte und daß der Maler die Nachricht
|
||
weiter verbreitete. Er konnte sich kaum dazu zwingen, dem Fabrikanten,
|
||
der schon auf dem Weg zur Tür war, mit ein paar Worten zu danken. „Ich
|
||
werde hingehn,“ sagte er, als er sich bei der Tür vom Fabrikanten
|
||
verabschiedete, „oder ihm, da ich jetzt sehr beschäftigt bin,
|
||
schreiben, er möge einmal zu mir ins Bureau kommen.“ „Ich wußte ja,“
|
||
sagte der Fabrikant, „daß Sie den besten Ausweg finden würden.
|
||
Allerdings dachte ich, daß Sie es lieber vermeiden wollen, Leute wie
|
||
diesen Titorelli in die Bank einzuladen, um mit ihm hier über den
|
||
Prozeß zu sprechen. Es ist auch nicht immer vorteilhaft, Briefe an
|
||
solche Leute aus der Hand zu geben. Aber Sie haben gewiß alles
|
||
durchgedacht und wissen, was Sie tun dürfen.“ K. nickte und begleitete
|
||
den Fabrikanten noch durch das Vorzimmer. Aber trotz äußerlicher Ruhe
|
||
war er über sich sehr erschrocken. Daß er Titorelli schreiben würde,
|
||
hatte er eigentlich nur gesagt, um dem Fabrikanten irgendwie zu zeigen,
|
||
daß er die Empfehlung zu schätzen wisse und die Möglichkeiten mit
|
||
Titorelli zusammenzukommen sofort überlege, aber wenn er Titorellis
|
||
Beistand für wertvoll angesehen hätte, hätte er auch nicht gezögert,
|
||
ihm wirklich zu schreiben. Die Gefahren aber, die das zur Folge haben
|
||
könnte, hatte er erst durch die Bemerkung des Fabrikanten erkannt.
|
||
Konnte er sich auf seinen eigenen Verstand tatsächlich schon so wenig
|
||
verlassen? Wenn es möglich war, daß er einen fragwürdigen Menschen
|
||
durch einen deutlichen Brief in die Bank einlud, um von ihm, nur durch
|
||
eine Tür vom Direktor-Stellvertreter getrennt, Ratschläge wegen seines
|
||
Prozesses zu erbitten, war es dann nicht möglich und sogar sehr
|
||
wahrscheinlich, daß er auch andere Gefahren übersah oder in sie
|
||
hineinrannte? Nicht immer stand jemand neben ihm, um ihn zu warnen. Und
|
||
gerade jetzt, wo er mit gesammelten Kräften auftreten wollte, mußten
|
||
derartige, ihm bisher fremde Zweifel an seiner eigenen Wachsamkeit
|
||
auftreten! Sollten die Schwierigkeiten, die er bei Ausführung seiner
|
||
Bureauarbeit fühlte, nun auch im Prozeß beginnen? Jetzt allerdings
|
||
begriff er es gar nicht mehr, wie es möglich gewesen war, daß er an
|
||
Titorelli hatte schreiben und ihn in die Bank einladen wollen.
|
||
|
||
Er schüttelte noch den Kopf darüber, als der Diener an seine Seite trat
|
||
und ihn auf drei Herren aufmerksam machte, die hier im Vorzimmer auf
|
||
einer Bank saßen. Sie warteten schon lange darauf, zu K. vorgelassen zu
|
||
werden. Jetzt, da der Diener mit K. sprach, waren sie aufgestanden und
|
||
jeder wollte eine günstige Gelegenheit ausnützen, um sich vor den
|
||
andern an K. heranzumachen. Da man von seiten der Bank so rücksichtslos
|
||
war, sie hier im Wartezimmer ihre Zeit verlieren zu lassen, wollten
|
||
auch sie keine Rücksicht mehr üben. „Herr Prokurist,“ sagte schon der
|
||
eine. Aber K. hatte sich vom Diener den Winterrock bringen lassen und
|
||
sagte, während er ihn mit Hilfe des Dieners anzog, zu allen dreien:
|
||
„Verzeihen Sie meine Herren, ich habe augenblicklich leider keine Zeit,
|
||
Sie zu empfangen. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, aber ich habe einen
|
||
dringenden Geschäftsgang zu erledigen und muß sofort weggehn. Sie haben
|
||
ja selbst gesehn, wie lange ich jetzt aufgehalten wurde. Wären Sie so
|
||
freundlich, morgen oder wann immer wiederzukommen? Oder wollen wir die
|
||
Sachen vielleicht telephonisch besprechen? Oder wollen Sie mir
|
||
vielleicht jetzt kurz sagen, um was es sich handelt, und ich gebe Ihnen
|
||
dann eine ausführliche schriftliche Antwort. Am besten wäre es
|
||
allerdings, Sie kämen nächstens.“ Diese Vorschläge K.s brachten die
|
||
Herren, die nun vollständig nutzlos gewartet haben sollten, in solches
|
||
Staunen, daß sie einander stumm ansahen. „Wir sind also einig?“ fragte
|
||
K., der sich nach dem Diener umgewendet hatte, der ihm nun auch den Hut
|
||
brachte. Durch die offene Tür zu K.s Zimmer sah man, wie sich draußen
|
||
der Schneefall sehr verstärkt hatte. K. schlug daher den Mantelkragen
|
||
in die Höhe und knöpfte ihn hoch unter dem Halse zu.
|
||
|
||
Da trat gerade aus dem Nebenzimmer der Direktor-Stellvertreter, sah
|
||
lächelnd K. im Winterrock mit den Herren verhandeln und fragte: „Sie
|
||
gehn jetzt weg, Herr Prokurist.“ „Ja,“ sagte K. und richtete sich auf,
|
||
„ich habe einen Geschäftsgang zu machen.“ Aber der
|
||
Direktor-Stellvertreter hatte sich schon den Herren zugewendet. „Und
|
||
die Herren?“ fragte er. „Ich glaube, sie warten schon lange.“ „Wir
|
||
haben uns schon geeinigt,“ sagte K. Aber nun ließen sich die Herren
|
||
nicht mehr halten, umringten K. und erklärten, daß sie nicht
|
||
stundenlang gewartet hätten, wenn ihre Angelegenheiten nicht wichtig
|
||
wären und nicht jetzt, und zwar ausführlich und unter vier Augen
|
||
besprochen werden müßten. Der Direktor-Stellvertreter hörte ihnen ein
|
||
Weilchen zu, betrachtete auch K., der den Hut in der Hand hielt und ihn
|
||
stellenweise von Staub reinigte, und sagte dann: „Meine Herren, es gibt
|
||
ja einen sehr einfachen Ausweg. Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen,
|
||
übernehme ich sehr gerne die Verhandlungen statt des Herrn Prokuristen.
|
||
Ihre Angelegenheiten müssen natürlich sofort besprochen werden. Wir
|
||
sind Geschäftsleute wie Sie und wissen die Zeit von Geschäftsleuten
|
||
richtig zu bewerten. Wollen Sie hier eintreten?“ Und er öffnete die
|
||
Tür, die zu dem Vorzimmer seines Bureaus führte.
|
||
|
||
Wie sich doch der Direktor-Stellvertreter alles anzueignen verstand,
|
||
was K. jetzt notgedrungen aufgeben mußte! Gab aber K. nicht mehr auf,
|
||
als unbedingt nötig war? Während er mit unbestimmten und, wie er sich
|
||
eingestehen mußte, sehr geringen Hoffnungen zu einem unbekannten Maler
|
||
lief, erlitt hier sein Ansehen eine unheilbare Schädigung. Es wäre
|
||
wahrscheinlich viel besser gewesen, den Winterrock wieder auszuziehn
|
||
und wenigstens die zwei Herren, die ja nebenan doch noch warten mußten,
|
||
für sich zurückzugewinnen. K. hätte es vielleicht auch versucht, wenn
|
||
er nicht jetzt in seinem Zimmer den Direktor-Stellvertreter erblickt
|
||
hätte, wie er im Bücherständer, als wäre es sein eigener, etwas suchte.
|
||
Als K. sich erregt der Tür näherte, rief er: „Ach, Sie sind noch nicht
|
||
weggegangen.“ Er wandte ihm sein Gesicht zu, dessen viele straffe
|
||
Falten nicht Alter, sondern Kraft zu beweisen schienen, und fing sofort
|
||
wieder zu suchen an. „Ich suche eine Vertragsabschrift,“ sagte er, „die
|
||
sich, wie der Vertreter der Firma behauptet, bei Ihnen befinden soll.
|
||
Wollen Sie mir nicht suchen helfen.“ K. machte einen Schritt, aber der
|
||
Direktor-Stellvertreter sagte: „Danke, ich habe sie schon gefunden,“
|
||
und kehrte mit einem großen Paket Schriften, das nicht nur die
|
||
Vertragsabschrift, sondern gewiß noch vieles andere enthielt, wieder in
|
||
sein Zimmer zurück.
|
||
|
||
Jetzt bin ich ihm nicht gewachsen, sagte sich K., wenn aber meine
|
||
persönlichen Schwierigkeiten einmal beseitigt sein werden, dann soll er
|
||
wahrhaftig der erste sein, der es zu fühlen bekommt, und zwar möglichst
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bitter. Durch diesen Gedanken ein wenig beruhigt, gab K. dem Diener,
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der schon lange die Tür zum Korridor für ihn offenhielt, den Auftrag,
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dem Direktor gelegentlich die Meldung zu machen, daß er sich auf einem
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Geschäftsgang befinde, und verließ fast glücklich darüber, sich eine
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Zeitlang vollständiger seiner Sache widmen zu können, die Bank.
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Er fuhr sofort zum Maler, der in einer Vorstadt wohnte, die jener, in
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welcher sich die Gerichtskanzleien befanden, vollständig
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entgegengesetzt war. Es war eine noch ärmere Gegend, die Häuser noch
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dunkler, die Gassen voll Schmutz, der auf dem zerflossenen Schnee
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langsam umhertrieb. Im Hause, in dem der Maler wohnte, war nur ein
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Flügel des großen Tores geöffnet, in dem andern aber war unten in der
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Mauer eine Lücke gebrochen, aus der gerade, als sich K. näherte, eine
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widerliche gelbe, rauchende Flüssigkeit herausschoß, vor der sich eine
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Ratte in den nahen Kanal flüchtete. Unten an der Treppe lag ein kleines
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Kind bäuchlings auf der Erde und weinte, aber man hörte es kaum infolge
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des alles übertönenden Lärms, der aus einer Klempnerwerkstätte auf der
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andern Seite des Torganges kam. Die Tür der Werkstätte war offen, drei
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Gehilfen standen im Halbkreis um irgendein Werkstück, auf das sie mit
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den Hämmern schlugen. Eine große Platte Weißblech, die an der Wand
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hing, warf ein bleiches Licht, das zwischen zwei Gehilfen eindrang und
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die Gesichter und Arbeitsschürzen erhellte. K. hatte für alles nur
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einen flüchtigen Blick, er wollte möglichst rasch hier fertig werden,
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nur den Maler mit ein paar Worten ausforschen und sofort wieder in die
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Bank zurückgehn. Wenn er hier nur den kleinsten Erfolg hatte, sollte
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das auf seine heutige Arbeit in der Bank noch eine gute Wirkung
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ausüben. Im dritten Stockwerk mußte er seinen Schritt mäßigen, er war
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ganz außer Atem, die Treppen ebenso wie die Stockwerke waren übermäßig
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hoch, und der Maler sollte ganz oben in einer Dachkammer wohnen. Auch
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war die Luft sehr drückend, es gab keinen Treppenhof, die enge Treppe
|
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war auf beiden Seiten von Mauern eingeschlossen, in denen nur hier und
|
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da fast ganz oben kleine Fenster angebracht waren. Gerade als K. ein
|
||
wenig stehenblieb, liefen ein paar kleine Mädchen aus einer Wohnung
|
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heraus und eilten lachend die Treppe weiter hinauf. K. folgte ihnen
|
||
langsam, holte eines der Mädchen ein, das gestolpert und hinter den
|
||
andern zurückgeblieben war, und fragte es, während sie neben einander
|
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weiterstiegen: „Wohnt hier ein Maler Titorelli?“ Das Mädchen, ein kaum
|
||
dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß ihn darauf mit dem
|
||
Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend, noch
|
||
ihr Körperfehler hatte verhindern können, daß sie schon ganz verdorben
|
||
war. Sie lächelte nicht einmal, sondern sah K. ernst mit scharfem,
|
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aufforderndem Blicke an. K. tat, als hätte er ihr Benehmen nicht
|
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bemerkt, und fragte: „Kennst du den Maler Titorelli?“ Sie nickte und
|
||
fragte ihrerseits: „Was wollen Sie von ihm?“ K. schien es vorteilhaft,
|
||
sich noch schnell ein wenig über Titorelli zu unterrichten: „Ich will
|
||
mich von ihm malen lassen,“ sagte er. „Malen lassen?“ fragte sie,
|
||
öffnete übermäßig den Mund, schlug leicht mit der Hand gegen K., als
|
||
hätte er etwas außerordentlich Überraschendes oder Ungeschicktes
|
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gesagt, hob mit beiden Händen ihr ohnedies sehr kurzes Röckchen und
|
||
lief, so schnell sie konnte, hinter den andern Mädchen her, deren
|
||
Geschrei schon undeutlich in der Höhe sich verlor. Bei der nächsten
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||
Wendung der Treppe aber traf K. schon wieder alle Mädchen. Sie waren
|
||
offenbar von der Buckligen von K.s Absicht verständigt worden und
|
||
erwarteten ihn. Sie standen zu beiden Seiten der Treppe, drückten sich
|
||
an die Mauer, damit K. bequem zwischen ihnen durchkomme und glätteten
|
||
mit der Hand ihre Schürzen. Alle Gesichter, wie auch diese
|
||
Spalierbildung stellten eine Mischung von Kindlichkeit und
|
||
Verworfenheit dar. Oben an der Spitze der Mädchen, die sich jetzt
|
||
hinter K. lachend zusammenschlossen, war die Bucklige, welche die
|
||
Führung übernahm. K. hatte es ihr zu verdanken, daß er gleich den
|
||
richtigen Weg fand. Er wollte nämlich geradeaus weitersteigen, sie aber
|
||
zeigte ihm, daß er eine Abzweigung der Treppe wählen müsse, um zu
|
||
Titorelli zu kommen. Die Treppe, die zu ihm führte, war besonders
|
||
schmal, sehr lang, ohne Biegung, in ihrer ganzen Länge zu übersehn und
|
||
oben unmittelbar von Titorellis Tür abgeschlossen. Diese Tür, die durch
|
||
ein kleines, schief über ihr eingesetztes Oberlichtfenster im Gegensatz
|
||
zur übrigen Treppe verhältnismäßig hell beleuchtet wurde, war aus nicht
|
||
übertünchten Balken zusammengesetzt, auf die der Name Titorelli mit
|
||
roter Farbe in breiten Pinselstrichen gemalt war. K. war mit seinem
|
||
Gefolge noch kaum in der Mitte der Treppe, als oben, offenbar veranlaßt
|
||
durch das Geräusch der vielen Schritte, die Tür ein wenig geöffnet
|
||
wurde und ein wahrscheinlich nur mit einem Nachthemd bekleideter Mann
|
||
in der Türspalte erschien. „Oh!“ rief er, als er die Menge kommen sah,
|
||
und verschwand. Die Bucklige klatschte vor Freude in die Hände und die
|
||
übrigen Mädchen drängten hinter K., um ihn schneller vorwärtszutreiben.
|
||
|
||
Sie waren aber noch nicht einmal hinaufgekommen, als oben der Maler die
|
||
Tür gänzlich aufriß und mit einer tiefen Verbeugung K. einlud
|
||
einzutreten. Die Mädchen dagegen wehrte er ab, er wollte keine von
|
||
ihnen einlassen, so sehr sie baten und so sehr sie versuchten, wenn
|
||
schon nicht mit seiner Erlaubnis, so gegen seinen Willen einzudringen.
|
||
Nur der Buckligen gelang es, unter seinem ausgestreckten Arm
|
||
durchzuschlüpfen, aber der Maler jagte hinter ihr her, packte sie bei
|
||
den Röcken, wirbelte sie einmal um sich herum und setzte sie dann vor
|
||
der Tür bei den andern Mädchen ab, die es, während der Maler seinen
|
||
Posten verlassen hatte, doch nicht gewagt hatten, die Schwelle zu
|
||
überschreiten. K. wußte nicht, wie er das Ganze beurteilen sollte, es
|
||
hatte nämlich den Anschein, als ob alles in freundschaftlichem
|
||
Einvernehmen geschehe. Die Mädchen bei der Tür streckten eines hinter
|
||
dem andern die Hälse in die Höhe, riefen dem Maler verschiedene
|
||
scherzhaft gemeinte Worte zu, die K. nicht verstand und auch der Maler
|
||
lachte, während die Bucklige in seiner Hand fast flog. Dann schloß er
|
||
die Tür, verbeugte sich nochmals vor K., reichte ihm die Hand und
|
||
sagte, sich vorstellend: „Kunstmaler Titorelli.“ K. zeigte auf die Tür,
|
||
hinter der die Mädchen flüsterten und sagte: „Sie scheinen im Hause
|
||
sehr beliebt zu sein.“ „Ach, die Fratzen!“ sagte der Maler und suchte
|
||
vergebens sein Nachthemd am Halse zuzuknöpfen. Er war im übrigen
|
||
bloßfüßig und nur noch mit einer breiten gelblichen Leinenhose
|
||
bekleidet, die mit einem Riemen festgemacht war, dessen langes Ende
|
||
frei hin und her schlug. „Diese Fratzen sind mir eine wahre Last,“ fuhr
|
||
er fort, während er vom Nachthemd, dessen letzter Knopf gerade
|
||
abgerissen war, abließ, einen Sessel holte und K. zum Niedersetzen
|
||
nötigte. „Ich habe eine von ihnen — sie ist heute nicht einmal dabei —
|
||
einmal gemalt und seitdem verfolgen mich alle. Wenn ich selbst hier
|
||
bin, kommen sie nur herein, wenn ich es erlaube, bin ich aber einmal
|
||
weg, dann ist immer zumindest eine da. Sie haben sich einen Schlüssel
|
||
zu meiner Tür machen lassen, den sie untereinander verleihen. Man kann
|
||
sich kaum vorstellen, wie lästig das ist. Ich komme z. B. mit einer
|
||
Dame, die ich malen soll, nach Hause, öffne die Tür mit meinem
|
||
Schlüssel und finde etwa die Bucklige dort beim Tischchen, wie sie sich
|
||
mit dem Pinsel die Lippen rot färbt, während ihre kleinen Geschwister,
|
||
die sie zu beaufsichtigen hat, sich herumtreiben und das Zimmer in
|
||
allen Ecken verunreinigen. Oder ich komme, wie es mir erst gestern
|
||
geschehen ist, spät abends nach Hause — entschuldigen Sie bitte mit
|
||
Rücksicht darauf meinen Zustand und die Unordnung im Zimmer — also ich
|
||
komme spät abends nach Hause und will ins Bett steigen, da zwickt mich
|
||
etwas ins Bein, ich schaue unter das Bett und ziehe wieder so ein Ding
|
||
heraus. Warum sie sich so zu mir drängen, weiß ich nicht, daß ich sie
|
||
nicht zu mir zu locken suche, dürften Sie eben bemerkt haben. Natürlich
|
||
bin ich dadurch auch in meiner Arbeit gestört. Wäre mir dieses Atelier
|
||
nicht umsonst zur Verfügung gestellt, ich wäre schon längst
|
||
ausgezogen.“ Gerade rief hinter der Tür ein Stimmchen, zart und
|
||
ängstlich: „Titorelli, dürfen wir schon kommen?“ „Nein,“ antwortete der
|
||
Maler. „Ich allein auch nicht?“ fragte es wieder. „Auch nicht,“ sagte
|
||
der Maler, ging zur Tür und sperrte sie ab.
|
||
|
||
K. hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen, er wäre niemals selbst
|
||
auf den Gedanken gekommen, daß man dieses elende kleine Zimmer ein
|
||
Atelier nennen könnte. Mehr als zwei lange Schritte konnte man der
|
||
Länge und Quere nach kaum hier machen. Alles, Fußboden, Wände und
|
||
Zimmerdecke war aus Holz, zwischen den Balken sah man schmale Ritzen.
|
||
K. gegenüber stand an der Wand das Bett, das mit verschiedenfarbigem
|
||
Bettzeug überladen war. In der Mitte des Zimmers war auf einer
|
||
Staffelei ein Bild, das mit einem Hemd verhüllt war, dessen Ärmel bis
|
||
zum Boden baumelten. Hinter K. war das Fenster, durch das man im Nebel
|
||
nicht weiter sehen konnte als über das mit Schnee bedeckte Dach des
|
||
Nachbarhauses.
|
||
|
||
Das Umdrehn des Schlüssels im Schloß erinnerte K. daran, daß er bald
|
||
hatte weggehn wollen. Er zog daher den Brief des Fabrikanten aus der
|
||
Tasche, reichte ihn dem Maler und sagte: „Ich habe durch diesen Herrn,
|
||
Ihren Bekannten, von Ihnen erfahren und bin auf seinen Rat hin
|
||
gekommen.“ Der Maler las den Brief flüchtig durch und warf ihn aufs
|
||
Bett. Hätte der Fabrikant nicht auf das bestimmteste von Titorelli als
|
||
von seinem Bekannten gesprochen, als von einem armen Menschen, der auf
|
||
seine Almosen angewiesen war, so hätte man jetzt wirklich glauben
|
||
können, Titorelli kenne den Fabrikanten nicht oder wisse sich an ihn
|
||
wenigstens nicht zu erinnern. Überdies fragte nun der Maler: „Wollen
|
||
Sie Bilder kaufen oder sich selbst malen lassen?“ K. sah den Maler
|
||
erstaunt an. Was stand denn eigentlich in dem Brief? K. hatte es als
|
||
selbstverständlich angenommen, daß der Fabrikant in dem Brief den Maler
|
||
davon unterrichtet hatte, daß K. nichts anderes wollte, als sich hier
|
||
wegen seines Prozesses zu erkundigen. Er war doch gar zu eilig und
|
||
unüberlegt hierhergelaufen! Aber er mußte jetzt dem Maler irgendwie
|
||
antworten und sagte mit einem Blick auf die Staffelei: „Sie arbeiten
|
||
gerade an einem Bild?“ „Ja,“ sagte der Maler und warf das Hemd, das
|
||
über der Staffelei hing, dem Brief nach auf das Bett. „Es ist ein
|
||
Porträt. Eine gute Arbeit, aber noch nicht ganz fertig.“ Der Zufall war
|
||
K. günstig, die Möglichkeit vom Gericht zu reden, wurde ihm förmlich
|
||
angeboten, denn es war offenbar das Porträt eines Richters. Es war
|
||
übrigens dem Bild im Arbeitszimmer des Advokaten auffallend ähnlich. Es
|
||
handelte sich hier zwar um einen ganz andern Richter, einen dicken Mann
|
||
mit schwarzem buschigen Vollbart, der seitlich weit die Wangen
|
||
hinaufreichte, auch war jenes Bild ein Ölbild, dieses aber mit
|
||
Pastellfarben schwach und undeutlich angesetzt. Aber alles übrige war
|
||
ähnlich, denn auch hier wollte sich gerade der Richter von seinem
|
||
Thronsessel, dessen Seitenlehnen er festhielt, drohend erheben. „Das
|
||
ist ja ein Richter,“ hatte K. gleich sagen wollen, hielt sich dann aber
|
||
vorläufig noch zurück und näherte sich dem Bild, als wolle er es in den
|
||
Einzelheiten studieren. Eine große Figur, die in der Mitte über der
|
||
Rückenlehne des Thronsessels stand, konnte er sich nicht erklären und
|
||
fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch ein wenig ausgearbeitet
|
||
werden, antwortete der Maler, holte von einem Tischchen einen
|
||
Pastellstift und strichelte mit ihm ein wenig an den Rändern der Figur,
|
||
ohne sie aber dadurch für K. deutlicher zu machen. „Es ist die
|
||
Gerechtigkeit,“ sagte der Maler schließlich. „Jetzt erkenne ich sie
|
||
schon,“ sagte K., „hier ist die Binde um die Augen und hier die Wage.
|
||
Aber sind nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im
|
||
Lauf?“ „Ja,“ sagte der Maler, „ich mußte es über Auftrag so malen, es
|
||
ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in einem.“ „Das
|
||
ist keine gute Verbindung,“ sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit muß
|
||
ruhen, sonst schwankt die Wage und es ist kein gerechtes Urteil
|
||
möglich.“ „Ich füge mich darin meinem Auftraggeber,“ sagte der Maler.
|
||
„Ja gewiß,“ sagte K., der mit seiner Bemerkung niemanden hatte kränken
|
||
wollen. „Sie haben die Figur so gemalt, wie sie auf dem Thronsessel
|
||
wirklich steht.“ „Nein,“ sagte der Maler, „ich habe weder die Figur
|
||
noch den Thronsessel gesehn, das alles ist Erfindung, aber es wurde mir
|
||
angegeben, was ich zu malen habe.“ „Wie?“ fragte K., er tat
|
||
absichtlich, als verstehe er den Maler nicht völlig, „es ist doch ein
|
||
Richter, der auf dem Richterstuhl sitzt.“ „Ja,“ sagte der Maler, „aber
|
||
es ist kein hoher Richter und ist niemals auf einem solchen Thronsessel
|
||
gesessen.“ „Und läßt sich doch in so feierlicher Haltung malen? Er
|
||
sitzt ja da wie ein Gerichtspräsident.“ „Ja, eitel sind die Herren,“
|
||
sagte der Maler. „Aber sie haben die höhere Erlaubnis, sich so malen zu
|
||
lassen. Jedem ist genau vorgeschrieben, wie er sich malen lassen darf.
|
||
Nur kann man leider gerade nach diesem Bilde die Einzelheiten der
|
||
Tracht und des Sitzes nicht beurteilen, die Pastellfarben sind für
|
||
solche Darstellungen nicht geeignet.“ „Ja,“ sagte K., „es ist
|
||
sonderbar, daß es in Pastellfarben gemalt ist.“ „Der Richter wünschte
|
||
es so,“ sagte der Maler, „es ist für eine Dame bestimmt.“ Der Anblick
|
||
des Bildes schien ihm Lust zur Arbeit gemacht zu haben, er krempelte
|
||
die Hemdärmel aufwärts, nahm einige Stifte in die Hand und K. sah zu,
|
||
wie unter den zitternden Spitzen der Stifte anschließend an den Kopf
|
||
des Richters ein rötlicher Schatten sich bildete, der strahlenförmig
|
||
gegen den Rand des Bildes verging. Allmählich umgab dieses Spiel des
|
||
Schattens den Kopf wie ein Schmuck oder eine hohe Auszeichnung. Um die
|
||
Figur der Gerechtigkeit aber blieb es bis auf eine unmerkliche Tönung
|
||
hell, in dieser Helligkeit schien die Figur besonders vorzudringen, sie
|
||
erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit, aber auch nicht an
|
||
die des Sieges, sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die Göttin der
|
||
Jagd aus. Die Arbeit des Malers zog K. mehr an, als er wollte;
|
||
schließlich aber machte er sich doch Vorwürfe, daß er so lange schon
|
||
hier war und im Grunde noch nichts für seine eigene Sache unternommen
|
||
hatte. „Wie heißt dieser Richter?“ fragte er plötzlich. „Das darf ich
|
||
nicht sagen,“ antwortete der Maler, er war tief zum Bild hinabgebeugt
|
||
und vernachlässigte deutlich seinen Gast, den er doch zuerst so
|
||
rücksichtsvoll empfangen hatte. K. hielt das für eine Laune und ärgerte
|
||
sich darüber, weil er dadurch Zeit verlor. „Sie sind wohl ein
|
||
Vertrauensmann des Gerichtes?“ fragte er. Sofort legte der Maler die
|
||
Stifte beiseite, richtete sich auf, rieb die Hände aneinander und sah
|
||
K. lächelnd an. „Nur immer gleich mit der Wahrheit heraus,“ sagte er,
|
||
„Sie wollen etwas über das Gericht erfahren, wie es ja auch in Ihrem
|
||
Empfehlungsschreiben steht, und haben zunächst über meine Bilder
|
||
gesprochen, um mich zu gewinnen. Aber ich nehme das nicht übel, Sie
|
||
konnten ja nicht wissen, daß das bei mir unangebracht ist. O bitte!“
|
||
sagte er scharf abwehrend, als K. etwas einwenden wollte. Und fuhr dann
|
||
fort: „Im übrigen haben Sie mit Ihrer Bemerkung vollständig recht, ich
|
||
bin ein Vertrauensmann des Gerichtes.“ Er machte eine Pause, als wolle
|
||
er K. Zeit lassen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Man hörte jetzt
|
||
wieder hinter der Tür die Mädchen. Sie drängten sich wahrscheinlich um
|
||
das Schlüsselloch, vielleicht konnte man auch durch die Ritzen ins
|
||
Zimmer hereinsehn. K. unterließ es, sich irgendwie zu entschuldigen,
|
||
denn er wollte den Maler nicht ablenken, wohl aber wollte er nicht, daß
|
||
der Maler sich allzusehr überhebe und sich auf diese Weise
|
||
gewissermaßen unerreichbar mache, er fragte deshalb: „Ist das eine
|
||
öffentlich anerkannte Stellung?“ „Nein,“ sagte der Maler kurz, als sei
|
||
ihm dadurch die weitere Rede verschlagen. K. wollte ihn aber nicht
|
||
verstummen lassen und sagte: „Nun, oft sind derartige nicht anerkannte
|
||
Stellungen einflußreicher als die anerkannten.“ „Das ist eben bei mir
|
||
der Fall,“ sagte der Maler und nickte mit zusammengezogener Stirn. „Ich
|
||
sprach gestern mit dem Fabrikanten über Ihren Fall, er fragte mich, ob
|
||
ich Ihnen nicht helfen wollte, ich antwortete: „Der Mann kann ja einmal
|
||
zu mir kommen,“ und nun freue ich mich, Sie so bald hier zu sehn. Die
|
||
Sache scheint Ihnen ja sehr nahe zu gehn, worüber ich mich natürlich
|
||
gar nicht wundere. Wollen Sie vielleicht zunächst Ihren Rock ablegen?“
|
||
Trotzdem K. beabsichtigte, nur ganz kurze Zeit hierzubleiben, war ihm
|
||
diese Aufforderung des Malers doch sehr willkommen. Die Luft im Zimmer
|
||
war ihm allmählich drückend geworden, öfters hatte er schon verwundert
|
||
auf einen kleinen, zweifellos nicht geheizten Eisenofen in der Ecke
|
||
hingesehn, die Schwüle im Zimmer war unerklärlich. Während er den
|
||
Winterrock ablegte und auch noch den Rock aufknöpfte, sagte der Maler
|
||
sich entschuldigend: „Ich muß Wärme haben. Es ist hier doch sehr
|
||
behaglich, nicht? Das Zimmer ist in dieser Hinsicht sehr gut gelegen.“
|
||
K. sagte dazu nichts, aber es war eigentlich nicht die Wärme, die ihm
|
||
Unbehagen machte, es war vielmehr die dumpfe, das Atmen fast
|
||
behindernde Luft, das Zimmer war wohl schon lange nicht gelüftet. Diese
|
||
Unannehmlichkeit wurde für K. dadurch noch verstärkt, daß ihn der Maler
|
||
bat, sich auf das Bett zu setzen, während er sich selbst auf den
|
||
einzigen Stuhl des Zimmers vor der Staffelei niedersetzte. Außerdem
|
||
schien es der Maler mißzuverstehn, warum K. nur am Bettrand blieb, er
|
||
bat vielmehr, K. möchte es sich bequem machen und ging, da K. zögerte,
|
||
selbst hin und drängte ihn tief in die Betten und Polster hinein. Dann
|
||
kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück und stellte endlich die erste
|
||
sachliche Frage, die K. alles andere vergessen ließ. „Sind Sie
|
||
unschuldig?“ fragte er. „Ja,“ sagte K. Die Beantwortung dieser Frage
|
||
machte ihm geradezu Freude, besonders da sie gegenüber einem
|
||
Privatmann, also ohne jede Verantwortung erfolgte. Noch niemand hatte
|
||
ihn so offen gefragt. Um diese Freude auszukosten, fügte er noch hinzu:
|
||
„Ich bin vollständig unschuldig.“ „So,“ sagte der Maler, senkte den
|
||
Kopf und schien nachzudenken. Plötzlich hob er wieder den Kopf und
|
||
sagte: „Wenn Sie unschuldig sind, dann ist ja die Sache sehr einfach.“
|
||
K.s Blick trübte sich, dieser angebliche Vertrauensmann des Gerichtes
|
||
redete wie ein unwissendes Kind. „Meine Unschuld vereinfacht die Sache
|
||
nicht,“ sagte K. Er mußte trotz allem lächeln und schüttelte langsam
|
||
den Kopf. „Es kommt auf viele Feinheiten an, in die sich das Gericht
|
||
verliert. Zum Schluß aber zieht es von irgendwoher, wo ursprünglich gar
|
||
nichts gewesen ist, eine große Schuld hervor.“ „Ja, ja, gewiß,“ sagte
|
||
der Maler, als störe K. unnötigerweise seinen Gedankengang. „Sie sind
|
||
aber doch unschuldig?“ „Nun ja,“ sagte K. „Das ist die Hauptsache,“
|
||
sagte der Maler. Er war durch Gegengründe nicht zu beeinflussen, nur
|
||
war es trotz seiner Entschiedenheit nicht klar, ob er aus Überzeugung
|
||
oder nur aus Gleichgültigkeit so redete. K. wollte das zunächst
|
||
feststellen und sagte deshalb: „Sie kennen ja gewiß das Gericht viel
|
||
besser als ich, ich weiß nicht viel mehr, als was ich darüber,
|
||
allerdings von ganz verschiedenen Leuten, gehört habe. Darin stimmten
|
||
aber alle überein, daß leichtsinnige Anklagen nicht erhoben werden, und
|
||
daß das Gericht, wenn es einmal anklagt, fest von der Schuld des
|
||
Angeklagten überzeugt ist und von dieser Überzeugung nur schwer
|
||
abgebracht werden kann.“ „Schwer?“ fragte der Maler und warf eine Hand
|
||
in die Höhe. „Niemals ist das Gericht davon abzubringen. Wenn ich hier
|
||
alle Richter nebeneinander auf eine Leinwand male und Sie werden sich
|
||
vor dieser Leinwand verteidigen, so werden Sie mehr Erfolg haben, als
|
||
vor dem wirklichen Gericht.“ „Ja,“ sagte K. für sich und vergaß, daß er
|
||
den Maler nur hatte ausforschen wollen.
|
||
|
||
Wieder begann ein Mädchen hinter der Tür zu fragen: „Titorelli, wird er
|
||
denn nicht schon bald weggehn.“ „Schweigt,“ rief der Maler zur Tür hin,
|
||
„seht Ihr denn nicht, daß ich mit dem Herrn eine Besprechung habe.“
|
||
Aber das Mädchen gab sich damit nicht zufrieden, sondern fragte: „Du
|
||
wirst ihn malen?“ Und als der Maler nicht antwortete, sagte sie noch:
|
||
„Bitte mal’ ihn nicht, einen so häßlichen Menschen.“ Ein Durcheinander
|
||
unverständlicher zustimmender Zurufe folgte. Der Maler machte einen
|
||
Sprung zur Tür, öffnete sie bis zu einem Spalt — man sah die bittend
|
||
vorgestreckten gefalteten Hände der Mädchen — und sagte: „Wenn Ihr
|
||
nicht still seid, werfe ich euch alle die Treppe hinunter. Setzt Euch
|
||
hier auf die Stufen und verhaltet Euch ruhig.“ Wahrscheinlich folgten
|
||
sie nicht gleich, so daß er kommandieren mußte: „Nieder auf die
|
||
Stufen!“ Erst dann wurde es still.
|
||
|
||
„Verzeihen Sie,“ sagte der Maler, als er zu K. wieder zurückkehrte. K.
|
||
hatte sich kaum zur Tür hingewendet, er hatte es vollständig dem Maler
|
||
überlassen, ob und wie er ihn in Schutz nehmen wollte. Er machte auch
|
||
jetzt kaum eine Bewegung, als sich der Maler zu ihm niederbeugte und
|
||
ihm, um draußen nicht gehört zu werden, ins Ohr flüsterte: „Auch diese
|
||
Mädchen gehören zum Gericht.“ „Wie?“ fragte K., wich mit dem Kopf zur
|
||
Seite und sah den Maler an. Dieser aber setzte sich wieder auf seinen
|
||
Sessel und sagte halb im Scherz, halb zur Erklärung: „Es gehört ja
|
||
alles zum Gericht.“ „Das habe ich noch nicht bemerkt,“ sagte K. kurz,
|
||
die allgemeine Bemerkung des Malers nahm dem Hinweis auf die Mädchen
|
||
alles Beunruhigende. Trotzdem sah K. ein Weilchen lang zur Tür hin,
|
||
hinter der die Mädchen jetzt still auf den Stufen saßen. Nur eines
|
||
hatte einen Strohhalm durch eine Ritze zwischen den Balken gestreckt
|
||
und führte ihn langsam auf und ab.
|
||
|
||
„Sie scheinen noch keinen Überblick über das Gericht zu haben,“ sagte
|
||
der Maler, er hatte die Beine weit auseinandergestreckt und klatschte
|
||
mit den Fußspitzen auf den Boden. „Da Sie aber unschuldig sind, werden
|
||
Sie ihn auch nicht benötigen. Ich allein hole Sie heraus,“ „Wie wollen
|
||
Sie das tun?“ fragte K. „Da Sie doch vor kurzem selbst gesagt haben,
|
||
daß das Gericht für Beweisgründe vollständig unzugänglich ist.“
|
||
„Unzugänglich nur für Beweisgründe, die man vor dem Gericht vorbringt,“
|
||
sagte der Maler und hob den Zeigefinger, als habe K. eine feine
|
||
Unterscheidung nicht bemerkt. „Anders verhält es sich aber damit, was
|
||
man in dieser Hinsicht hinter dem öffentlichen Gericht versucht, also
|
||
in den Beratungszimmern, in den Korridoren oder z. B. auch hier im
|
||
Atelier.“ Was der Maler jetzt sagte, schien K. nicht mehr so
|
||
unglaubwürdig, es zeigte vielmehr eine große Übereinstimmung mit dem,
|
||
was K. auch von andern Leuten gehört hatte. Ja, es war sogar sehr
|
||
hoffnungsvoll. War der Richter durch persönliche Beziehungen wirklich
|
||
so leicht zu lenken, wie es der Advokat dargestellt hatte, dann waren
|
||
die Beziehungen des Malers zu den eitlen Richtern besonders wichtig und
|
||
jedenfalls keineswegs zu unterschätzen. Dann fügte sich der Maler sehr
|
||
gut in den Kreis von Helfern, die K. allmählich um sich versammelte.
|
||
Man hatte einmal in der Bank sein Organisationstalent gerühmt, hier, wo
|
||
er ganz allein auf sich gestellt war, zeigte sich eine gute
|
||
Gelegenheit, es auf das Äußerste zu erproben. Der Maler beobachtete die
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Wirkung, die seine Erklärung auf K. gemacht hatte und sagte dann mit
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einer gewissen Ängstlichkeit: „Fällt es Ihnen nicht auf, daß ich fast
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wie ein Jurist spreche? Es ist der ununterbrochene Verkehr mit den
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Herren vom Gericht, der mich so beeinflußt. Ich habe natürlich viel
|
||
Gewinn davon, aber der künstlerische Schwung geht zum großen Teil
|
||
verloren.“ „Wie sind Sie denn zum erstenmal mit den Richtern in
|
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Verbindung gekommen?“ fragte K., er wollte zuerst das Vertrauen des
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||
Malers gewinnen, bevor er ihn geradezu in seine Dienste nahm. „Das war
|
||
sehr einfach,“ sagte der Maler, „ich habe diese Verbindung geerbt.
|
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Schon mein Vater war Gerichtsmaler. Es ist das eine Stellung, die sich
|
||
immer vererbt. Man kann dafür neue Leute nicht brauchen. Es sind
|
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nämlich für das Malen der verschiedenen Beamtengrade so verschiedene,
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vielfache und vor allem geheime Regeln aufgestellt, daß sie überhaupt
|
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nicht außerhalb bestimmter Familien bekannt werden. Dort in der
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||
Schublade z. B. habe ich die Aufzeichnungen meines Vaters, die ich
|
||
niemandem zeige. Aber nur wer sie kennt, ist zum Malen von Richtern
|
||
befähigt. Jedoch selbst wenn ich sie verlieren würde, blieben mir noch
|
||
so viele Regeln, die ich allein in meinem Kopfe trage, daß mir niemand
|
||
meine Stellung streitig machen könnte. Es will doch jeder Richter so
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gemalt werden, wie die alten großen Richter gemalt worden sind, und das
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||
kann nur ich.“ „Das ist beneidenswert,“ sagte K., der an seine Stellung
|
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in der Bank dachte. „Ihre Stellung ist also unerschütterlich?“ „Ja,
|
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unerschütterlich,“ sagte der Maler und hob stolz die Achseln. „Deshalb
|
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kann ich es auch wagen, hie und da einem armen Manne, der einen Prozeß
|
||
hat, zu helfen.“ „Und wie tun Sie das?“ fragte K., als sei es nicht er,
|
||
den der Mann soeben einen armen Mann genannt hatte. Der Maler aber ließ
|
||
sich nicht ablenken, sondern sagte: „In Ihrem Fall z. B. werde ich, da
|
||
Sie vollständig unschuldig sind, Folgendes unternehmen.“ Die
|
||
wiederholte Erwähnung seiner Unschuld wurde K. schon lästig. Ihm schien
|
||
es manchmal, als mache der Maler durch solche Bemerkungen einen
|
||
günstigen Ausgang des Prozesses zur Voraussetzung seiner Hilfe, die
|
||
dadurch natürlich in sich selbst zusammenfiel. Trotz dieser Zweifel
|
||
bezwang sich aber K. und unterbrach den Maler nicht. Verzichten wollte
|
||
er auf die Hilfe des Malers nicht, dazu war er entschlossen, auch
|
||
schien ihm diese Hilfe durchaus nicht fragwürdiger als die des
|
||
Advokaten zu sein. K. zog sie jener sogar bei weitem vor, weil sie
|
||
harmloser und offener dargeboten wurde.
|
||
|
||
Der Maler hatte seinen Sessel näher zum Bett gezogen und fuhr mit
|
||
gedämpfter Stimme fort: „Ich habe vergessen, Sie zunächst zu fragen,
|
||
welche Art der Befreiung Sie wünschen. Es gibt drei Möglichkeiten,
|
||
nämlich die wirkliche Freisprechung, die scheinbare Freisprechung und
|
||
die Verschleppung. Die wirkliche Freisprechung ist natürlich das Beste,
|
||
nur habe ich nicht den geringsten Einfluß auf diese Art der Lösung. Es
|
||
gibt meiner Meinung nach überhaupt keine einzelne Person, die auf die
|
||
wirkliche Freisprechung Einfluß hätte. Hier entscheidet wahrscheinlich
|
||
nur die Unschuld des Angeklagten. Da Sie unschuldig sind, wäre es
|
||
wirklich möglich, daß Sie sich allein auf Ihre Unschuld verlassen. Dann
|
||
brauchen Sie aber weder mich noch irgendeine andere Hilfe.“
|
||
|
||
Diese geordnete Darstellung verblüffte K. anfangs, dann aber sagte er
|
||
ebenso leise wie der Maler: „Ich glaube, Sie widersprechen sich.“ „Wie
|
||
denn?“ fragte der Maler geduldig und lehnte sich lächelnd zurück.
|
||
Dieses Lächeln erweckte in K. das Gefühl, als ob er jetzt daran gehe,
|
||
nicht in den Worten des Malers, sondern in dem Gerichtsverfahren selbst
|
||
Widersprüche zu entdecken. Trotzdem wich er aber nicht zurück und
|
||
sagte: „Sie haben früher die Bemerkung gemacht, daß das Gericht für
|
||
Beweisgründe unzugänglich ist, später haben Sie dies auf das
|
||
öffentliche Gericht eingeschränkt und jetzt sagen Sie sogar, daß der
|
||
Unschuldige vor dem Gericht keine Hilfe braucht. Darin liegt schon ein
|
||
Widerspruch. Außerdem aber haben Sie früher gesagt, daß man die Richter
|
||
persönlich beeinflussen kann, stellen aber jetzt in Abrede, daß die
|
||
wirkliche Freisprechung, wie Sie sie nennen, jemals durch persönliche
|
||
Beeinflussung zu erreichen ist. Darin liegt der zweite Widerspruch.“
|
||
„Diese Widersprüche sind leicht aufzuklären,“ sagte der Maler. „Es ist
|
||
hier von zwei verschiedenen Dingen die Rede, von dem, was im Gesetz
|
||
steht, und von dem, was ich persönlich erfahren habe, das dürfen Sie
|
||
nicht verwechseln. Im Gesetz, ich habe es allerdings nicht gelesen,
|
||
steht natürlich einerseits, daß der Unschuldige freigesprochen wird,
|
||
andererseits steht dort aber nicht, daß die Richter beeinflußt werden
|
||
können. Nun habe aber ich gerade das Gegenteil dessen erfahren. Ich
|
||
weiß von keiner wirklichen Freisprechung, wohl aber von vielen
|
||
Beeinflussungen. Es ist natürlich möglich, daß in allen mir bekannten
|
||
Fällen keine Unschuld vorhanden war. Aber ist das nicht
|
||
unwahrscheinlich? In so vielen Fällen keine einzige Unschuld? Schon als
|
||
Kind hörte ich dem Vater genau zu, wenn er zu Hause von Prozessen
|
||
erzählte, auch die Richter, die in sein Atelier kamen, erzählten vom
|
||
Gericht, man spricht in unsern Kreisen überhaupt von nichts anderem;
|
||
kaum bekam ich die Möglichkeit, selbst zu Gericht zu gehn, nützte ich
|
||
sie immer aus, unzählbare Prozesse habe ich in wichtigen Stadien
|
||
angehört und soweit sie sichtbar sind, verfolgt, und — ich muß es
|
||
zugeben — nicht einen einzigen wirklichen Freispruch erlebt.“ „Keinen
|
||
einzigen Freispruch also,“ sagte K., als rede er zu sich selbst und zu
|
||
seinen Hoffnungen. „Das bestätigt aber die Meinung, die ich von dem
|
||
Gericht schon habe. Es ist also auch von dieser Seite zwecklos. Ein
|
||
einziger Henker könnte das ganze Gericht ersetzen.“ „Sie dürfen nicht
|
||
verallgemeinern,“ sagte der Maler unzufrieden, „ich habe ja nur von
|
||
meinen Erfahrungen gesprochen.“ „Das genügt doch,“ sagte K., „oder
|
||
haben Sie von Freisprüchen aus früherer Zeit gehört?“ „Solche
|
||
Freisprüche,“ antwortete der Maler, „soll es allerdings gegeben haben.
|
||
Nur ist es sehr schwer, das festzustellen. Die abschließenden
|
||
Entscheidungen des Gerichtes werden nicht veröffentlicht, sie sind
|
||
nicht einmal den Richtern zugänglich, infolgedessen haben sich über
|
||
alte Gerichtsfälle nur Legenden erhalten. Diese enthalten allerdings
|
||
sogar in der Mehrzahl wirkliche Freisprechungen, man kann sie glauben,
|
||
nachweisbar sind sie aber nicht. Trotzdem muß man sie nicht ganz
|
||
vernachlässigen, eine gewisse Wahrheit enthalten sie wohl gewiß, auch
|
||
sind sie sehr schön, ich selbst habe einige Bilder gemalt, die solche
|
||
Legenden zum Inhalt haben.“ „Bloße Legenden ändern meine Meinung
|
||
nicht,“ sagte K., „man kann sich wohl auch vor Gericht auf diese
|
||
Legenden nicht berufen?“ Der Maler lachte. „Nein, das kann man nicht,“
|
||
sagte er. „Dann ist es nutzlos, darüber zu reden,“ sagte K., er wollte
|
||
vorläufig alle Meinungen des Malers hinnehmen, selbst wenn er sie für
|
||
unwahrscheinlich hielt und sie andern Berichten widersprachen. Er hatte
|
||
jetzt nicht die Zeit, alles, was der Maler sagte, auf die Wahrheit hin
|
||
zu überprüfen oder gar zu widerlegen, es war schon das Äußerste
|
||
erreicht, wenn er den Maler dazu bewog, ihm in irgendeiner, sei es auch
|
||
in einer nicht entscheidenden Weise zu helfen. Darum sagte er: „Sehn
|
||
wir also von der wirklichen Freisprechung ab, Sie erwähnten aber noch
|
||
zwei andere Möglichkeiten.“ „Die scheinbare Freisprechung und die
|
||
Verschleppung. Um die allein kann es sich handeln,“ sagte der Maler.
|
||
„Wollen Sie aber nicht, ehe wir davon reden, den Rock ausziehn. Es ist
|
||
Ihnen wohl heiß.“ „Ja,“ sagte K., der bisher auf nichts als auf die
|
||
Erklärungen des Malers geachtet hatte, dem aber jetzt, da er an die
|
||
Hitze erinnert worden war, starker Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Es
|
||
ist fast unerträglich.“ Der Maler nickte, als verstehe er K.s Unbehagen
|
||
sehr gut. „Könnte man nicht das Fenster öffnen?“ fragte K. „Nein,“
|
||
sagte der Maler. „Es ist bloß eine fest eingesetzte Glasscheibe, man
|
||
kann es nicht öffnen.“ Jetzt erkannte K., daß er die ganze Zeit über
|
||
darauf gehofft hatte, plötzlich werde der Maler oder er zum Fenster
|
||
gehn und es aufreißen. Er war darauf vorbereitet, selbst den Nebel mit
|
||
offenem Mund einzuatmen. Das Gefühl, hier von der Luft vollständig
|
||
abgesperrt zu sein, verursachte ihm Schwindel. Er schlug leicht mit der
|
||
Hand auf das Federbett neben sich und sagte mit schwacher Stimme: „Das
|
||
ist ja unbequem und ungesund.“ „O nein,“ sagte der Maler zur
|
||
Verteidigung seines Fensters. „Dadurch, daß es nicht aufgemacht werden
|
||
kann, wird, trotzdem es nur eine einfache Scheibe ist, die Wärme hier
|
||
besser festgehalten als durch ein Doppelfenster. Will ich aber lüften,
|
||
was nicht sehr notwendig ist, da durch die Balkenritzen überall Luft
|
||
eindringt, kann ich eine meiner Türen oder sogar beide öffnen.“ K.,
|
||
durch diese Erklärung ein wenig getröstet, blickte herum, um die zweite
|
||
Tür zu finden. Der Maler bemerkte das und sagte: „Sie ist hinter Ihnen,
|
||
ich mußte sie durch das Bett verstellen.“ Jetzt erst sah K. die kleine
|
||
Türe in der Wand. „Es ist eben hier alles viel zu klein für ein
|
||
Atelier,“ sagte der Maler, als wolle er einem Tadel K.s zuvorkommen.
|
||
„Ich mußte mich einrichten so gut es ging. Das Bett vor der Tür steht
|
||
natürlich an einem sehr schlechten Platz. Der Richter z. B., den ich
|
||
jetzt male, kommt immer durch die Tür beim Bett und ich habe ihm auch
|
||
einen Schlüssel von dieser Tür gegeben, damit er, auch wenn ich nicht
|
||
zu Hause bin, hier im Atelier auf mich warten kann. Nun kommt er aber
|
||
gewöhnlich früh am Morgen, während ich noch schlafe. Es reißt mich
|
||
natürlich immer aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich neben dem Bett die
|
||
Türe öffnet. Sie würden jede Ehrfurcht vor den Richtern verlieren, wenn
|
||
Sie die Flüche hören würden, mit denen ich ihn empfange, wenn er früh
|
||
über mein Bett steigt. Ich könnte ihm allerdings den Schlüssel
|
||
wegnehmen, aber es würde dadurch nur ärger werden. Man kann hier alle
|
||
Türen mit der geringsten Anstrengung aus den Angeln brechen.“ Während
|
||
dieser ganzen Rede überlegte K., ob er den Rock ausziehn sollte, er sah
|
||
aber schließlich ein, daß er, wenn er es nicht tat, unfähig war, hier
|
||
noch länger zu bleiben, er zog daher den Rock aus, legte ihn aber über
|
||
die Knie, um ihn, falls die Besprechung zu Ende wäre, wieder anziehn zu
|
||
können. Kaum hatte er den Rock ausgezogen, rief eines der Mädchen: „Er
|
||
hat schon den Rock ausgezogen“ und man hörte, wie sich alle zu den
|
||
Ritzen drängten, um das Schauspiel selbst zu sehn. „Die Mädchen glauben
|
||
nämlich,“ sagte der Maler, „daß ich Sie malen werde und daß Sie sich
|
||
deshalb ausziehn.“ „So,“ sagte K. nur wenig belustigt, denn er fühlte
|
||
sich nicht viel besser als früher, trotzdem er jetzt in Hemdärmeln
|
||
dasaß. Fast mürrisch fragte er: „Wie nannten Sie die zwei andern
|
||
Möglichkeiten.“ Er hatte die Ausdrücke schon wieder vergessen. „Die
|
||
scheinbare Freisprechung und die Verschleppung,“ sagte der Maler. „Es
|
||
liegt an Ihnen, was Sie davon wählen. Beides ist durch meine Hilfe
|
||
erreichbar, natürlich nicht ohne Mühe, der Unterschied in dieser
|
||
Hinsicht ist der, daß die scheinbare Freisprechung eine gesammelte
|
||
zeitweilige, die Verschleppung eine viel geringere aber dauernde
|
||
Anstrengung verlangt. Zunächst also die scheinbare Freisprechung. Wenn
|
||
Sie diese wünschen sollten, schreibe ich auf einem Bogen Papier eine
|
||
Bestätigung Ihrer Unschuld auf. Der Text für eine solche Bestätigung
|
||
ist mir von meinem Vater überliefert und ganz unangreifbar. Mit dieser
|
||
Bestätigung mache ich nun einen Rundgang bei den mir bekannten
|
||
Richtern. Ich fange also etwa damit an, daß ich dem Richter, den ich
|
||
jetzt male, heute abend, wenn er zur Sitzung kommt, die Bestätigung
|
||
vorlege. Ich lege ihm die Bestätigung vor, erkläre ihm, daß Sie
|
||
unschuldig sind und verbürge mich für Ihre Unschuld. Das ist aber keine
|
||
bloß äußerliche, sondern eine wirkliche bindende Bürgschaft.“ In den
|
||
Blicken des Malers lag es wie ein Vorwurf, daß K. ihm die Last einer
|
||
solchen Bürgschaft auferlegen wolle. „Das wäre ja sehr freundlich,“
|
||
sagte K. „Und der Richter würde Ihnen glauben und mich trotzdem nicht
|
||
wirklich freisprechen?“ „Wie ich schon sagte,“ antwortete der Maler.
|
||
„Übrigens ist es durchaus nicht sicher, daß jeder mir glauben würde,
|
||
mancher Richter wird z. B. verlangen, daß ich Sie selbst zu ihm
|
||
hinführe. Dann müßten Sie also einmal mitkommen. Allerdings ist in
|
||
einem solchen Falle die Sache schon halb gewonnen, besonders, da ich
|
||
Sie natürlich vorher genau darüber unterrichten würde, wie Sie sich bei
|
||
dem betreffenden Richter zu verhalten haben. Schlimmer ist es bei den
|
||
Richtern, die mich — auch das wird vorkommen — von vornherein abweisen.
|
||
Auf diese müssen wir, wenn ich es auch an mehrfachen Versuchen gewiß
|
||
nicht fehlen lassen werde, verzichten, wir dürfen das aber auch, denn
|
||
einzelne Richter können hier nicht den Ausschlag geben. Wenn ich nun
|
||
auf dieser Bestätigung eine genügende Anzahl von Unterschriften der
|
||
Richter habe, gehe ich mit dieser Bestätigung zu dem Richter, der Ihren
|
||
Prozeß gerade führt. Möglicherweise habe ich auch seine Unterschrift,
|
||
dann entwickelt sich alles noch ein wenig rascher als sonst. Im
|
||
allgemeinen gibt es aber dann überhaupt nicht mehr viel Hindernisse, es
|
||
ist dann für den Angeklagten die Zeit der höchsten Zuversicht. Es ist
|
||
merkwürdig, aber wahr, die Leute sind in dieser Zeit zuversichtlicher
|
||
als nach dem Freispruch. Es bedarf jetzt keiner besondern Mühe mehr.
|
||
Der Richter besitzt in der Bestätigung die Bürgschaft einer Anzahl von
|
||
Richtern, kann Sie unbesorgt freisprechen und wird es allerdings nach
|
||
Durchführung verschiedener Formalitäten mir und andern Bekannten zu
|
||
Gefallen zweifellos tun. Sie aber treten aus dem Gericht und sind
|
||
frei.“ „Dann bin ich also frei,“ sagte K. zögernd. „Ja,“ sagte der
|
||
Maler, „aber nur scheinbar frei oder besser ausgedrückt zeitweilig
|
||
frei. Die untersten Richter nämlich, zu denen meine Bekannten gehören,
|
||
haben nicht das Recht, endgültig freizusprechen, dieses Recht hat nur
|
||
das oberste, für Sie, für mich und für uns alle ganz unerreichbare
|
||
Gericht. Wie es dort aussieht, wissen wir nicht und wollen wir,
|
||
nebenbei gesagt, auch nicht wissen. Das große Recht, von der Anklage zu
|
||
befreien, haben also unsere Richter nicht, wohl aber haben sie das
|
||
Recht, von der Anklage loszulösen. Das heißt, wenn Sie auf diese Weise
|
||
freigesprochen werden, sind Sie für den Augenblick der Anklage
|
||
entzogen, aber sie schwebt auch weiterhin über Ihnen und kann, sobald
|
||
nur der höhere Befehl kommt, sofort in Wirkung treten. Da ich mit dem
|
||
Gericht in so guter Verbindung stehe, kann ich Ihnen auch sagen, wie
|
||
sich in den Vorschriften für die Gerichtskanzleien der Unterschied
|
||
zwischen der wirklichen und der scheinbaren Freisprechung rein
|
||
äußerlich zeigt. Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die
|
||
Prozeßakten vollständig abgelegt werden, sie verschwinden gänzlich aus
|
||
dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Prozeß und sogar der
|
||
Freispruch sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim
|
||
scheinbaren Freispruch. Mit dem Akt ist keine weitere Veränderung vor
|
||
sich gegangen, als daß er um die Bestätigung der Unschuld, um den
|
||
Freispruch und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden ist.
|
||
Im übrigen aber bleibt er im Verfahren, er wird, wie es der
|
||
ununterbrochene Verkehr der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern
|
||
Gerichten weitergeleitet, kommt zu den niedrigen zurück und pendelt so
|
||
mit größeren und kleineren Schwingungen, mit größeren und kleineren
|
||
Stockungen auf und ab. Diese Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn,
|
||
kann es manchmal den Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der
|
||
Akt verloren und der Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter
|
||
wird das nicht glauben. Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht
|
||
kein Vergessen. Eines Tages — niemand erwartet es — nimmt irgendein
|
||
Richter den Akt aufmerksam in die Hand, erkennt, daß in diesem Falle
|
||
die Anklage noch lebendig ist und ordnet die sofortige Verhaftung an.
|
||
Ich habe hier angenommen, daß zwischen dem scheinbaren Freispruch und
|
||
der neuen Verhaftung eine lange Zeit vergeht, das ist möglich und ich
|
||
weiß von solchen Fällen, es ist aber ebensogut möglich, daß der
|
||
Freigesprochene vom Gericht nach Hause kommt und dort schon Beauftragte
|
||
warten, um ihn wieder zu verhaften. Dann ist natürlich das freie Leben
|
||
zu Ende.“ „Und der Prozeß beginnt von neuem?“ fragte K. fast ungläubig.
|
||
„Allerdings,“ sagte der Maler, „der Prozeß beginnt von neuem, es
|
||
besteht aber wieder die Möglichkeit, ebenso wie früher, einen
|
||
scheinbaren Freispruch zu erwirken. Man muß wieder alle Kräfte
|
||
zusammennehmen und darf sich nicht ergeben.“ Das Letztere sagte der
|
||
Maler vielleicht unter dem Eindruck, den K., der ein wenig
|
||
zusammengesunken war, auf ihn machte. „Ist aber,“ fragte K., als wolle
|
||
er jetzt irgendwelchen Enthüllungen des Malers zuvorkommen, „die
|
||
Erwirkung eines zweiten Freispruchs nicht schwieriger als die des
|
||
ersten?“ „Man kann,“ antwortete der Maler, „in dieser Hinsicht nichts
|
||
Bestimmtes sagen. Sie meinen wohl, daß die Richter durch die zweite
|
||
Verhaftung in ihrem Urteil zuungunsten des Angeklagten beeinflußt
|
||
werden? Das ist nicht der Fall. Die Richter haben ja schon beim
|
||
Freispruch diese Verhaftung vorhergesehn. Dieser Umstand wirkt also
|
||
kaum ein. Wohl aber kann aus zahllosen sonstigen Gründen die Stimmung
|
||
der Richter sowie ihre rechtliche Beurteilung des Falles eine andere
|
||
geworden sein, und die Bemühungen um den zweiten Freispruch müssen
|
||
daher den veränderten Umständen angepaßt werden und im allgemeinen
|
||
ebenso kräftig sein wie die vor dem ersten Freispruch.“ „Aber dieser
|
||
zweite Freispruch ist doch wieder nicht endgültig,“ sagte K. und drehte
|
||
abweisend den Kopf. „Natürlich nicht,“ sagte der Maler, „dem zweiten
|
||
Freispruch folgt die dritte Verhaftung, dem dritten Freispruch die
|
||
vierte Verhaftung und so fort. Das liegt schon in dem Begriff des
|
||
scheinbaren Freispruchs.“ K. schwieg. „Der scheinbare Freispruch
|
||
scheint Ihnen offenbar nicht vorteilhaft zu sein,“ sagte der Maler,
|
||
„vielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser. Soll ich Ihnen
|
||
das Wesen der Verschleppung erklären?“ K. nickte. Der Maler hatte sich
|
||
breit in seinen Sessel zurückgelehnt, das Nachthemd war weit offen, er
|
||
hatte eine Hand darunter geschoben, mit der er über die Brust und die
|
||
Seiten strich. „Die Verschleppung,“ sagte der Maler und sah einen
|
||
Augenblick vor sich hin, als suche er eine vollständig zutreffende
|
||
Erklärung, „die Verschleppung besteht darin, daß der Prozeß dauernd im
|
||
niedrigsten Prozeßstadium erhalten wird. Um dies zu erreichen, ist es
|
||
nötig, daß der Angeklagte und der Helfer, insbesondere aber der Helfer
|
||
in ununterbrochener persönlicher Fühlung mit dem Gerichte bleibt. Ich
|
||
wiederhole, es ist hiefür kein solcher Kraftaufwand nötig, wie bei der
|
||
Erreichung eines scheinbaren Freispruchs, wohl aber ist eine viel
|
||
größere Aufmerksamkeit nötig. Man darf den Prozeß nicht aus dem Auge
|
||
verlieren, man muß zu dem betreffenden Richter in regelmäßigen
|
||
Zwischenräumen und außerdem bei besondern Gelegenheiten gehn und ihn
|
||
auf jede Weise sich freundlich zu erhalten suchen; ist man mit dem
|
||
Richter nicht persönlich bekannt, so muß man durch bekannte Richter ihn
|
||
beeinflussen lassen, ohne daß man etwa deshalb die unmittelbaren
|
||
Besprechungen aufgeben dürfte. Versäumt man in dieser Hinsicht nichts,
|
||
so kann man mit genügender Bestimmtheit annehmen, daß der Prozeß über
|
||
sein erstes Stadium nicht hinauskommt. Der Prozeß hört zwar nicht auf,
|
||
aber der Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert,
|
||
wie wenn er frei wäre. Gegenüber dem scheinbaren Freispruch hat die
|
||
Verschleppung den Vorteil, daß die Zukunft des Angeklagten weniger
|
||
unbestimmt ist, er bleibt vor dem Schrecken der plötzlichen
|
||
Verhaftungen bewahrt und muß nicht fürchten, etwa gerade zu Zeiten, wo
|
||
seine sonstigen Umstände dafür am wenigsten günstig sind, die
|
||
Anstrengungen und Aufregungen auf sich nehmen zu müssen, welche mit der
|
||
Erreichung des scheinbaren Freispruchs verbunden sind. Allerdings hat
|
||
auch die Verschleppung für den Angeklagten gewisse Nachteile, die man
|
||
nicht unterschätzen darf. Ich denke hiebei nicht daran, daß hier der
|
||
Angeklagte niemals frei ist, das ist er ja auch bei der scheinbaren
|
||
Freisprechung im eigentlichen Sinne nicht. Es ist ein anderer Nachteil.
|
||
Der Prozeß kann nicht stillstehn, ohne daß wenigstens scheinbare Gründe
|
||
dafür vorliegen. Es muß deshalb im Prozeß nach außen hin etwas
|
||
geschehn. Es müssen also von Zeit zu Zeit verschiedene Anordnungen
|
||
getroffen werden, der Angeklagte muß verhört werden, Untersuchungen
|
||
müssen stattfinden usw. Der Prozeß muß eben immerfort in dem kleinen
|
||
Kreis, auf den er künstlich eingeschränkt worden ist, gedreht werden.
|
||
Das bringt natürlich gewisse Unannehmlichkeiten für den Angeklagten mit
|
||
sich, die Sie sich aber wiederum nicht zu schlimm vorstellen dürfen. Es
|
||
ist ja alles nur äußerlich, die Verhöre beispielsweise sind also nur
|
||
ganz kurz; wenn man einmal keine Zeit oder keine Lust hat hinzugehn,
|
||
darf man sich entschuldigen, man kann sogar bei gewissen Richtern die
|
||
Anordnungen für eine lange Zeit im voraus gemeinsam festsetzen, es
|
||
handelt sich im Wesen nur darum, daß man, da man Angeklagter ist, von
|
||
Zeit zu Zeit bei seinem Richter sich meldet.“ Schon während der letzten
|
||
Worte hatte K. den Rock über den Arm gelegt und war aufgestanden. „Er
|
||
steht schon auf,“ rief es sofort draußen vor der Tür. „Sie wollen schon
|
||
fortgehn?“ fragte der Maler, der auch aufgestanden war. „Es ist gewiß
|
||
die Luft, die Sie von hier vertreibt. Es ist mir sehr peinlich. Ich
|
||
hätte Ihnen auch noch manches zu sagen. Ich mußte mich ganz kurz
|
||
fassen. Ich hoffe aber verständlich gewesen zu sein.“ „O ja,“ sagte K.,
|
||
dem von der Anstrengung, mit der er sich zum Zuhören gezwungen hatte,
|
||
der Kopf schmerzte. Trotz dieser Bestätigung sagte der Maler alles noch
|
||
einmal zusammenfassend, als wolle er K. auf den Heimweg einen Trost
|
||
mitgeben: „Beide Methoden haben das Gemeinsame, daß sie eine
|
||
Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ „Sie verhindern aber auch die
|
||
wirkliche Freisprechung,“ sagte K. leise, als schäme er sich, das
|
||
erkannt zu haben. „Sie haben den Kern der Sache erfaßt,“ sagte der
|
||
Maler schnell. K. legte die Hand auf seinen Winterrock, konnte sich
|
||
aber nicht einmal entschließen, den Rock anzuziehn. Am liebsten hätte
|
||
er alles zusammengepackt und wäre damit an die frische Luft gelaufen.
|
||
Auch die Mädchen konnten ihn nicht dazu bewegen, sich anzuziehn,
|
||
trotzdem sie, verfrüht, einander schon zuriefen, daß er sich anziehe.
|
||
Dem Maler lag daran, K.s Stimmung irgendwie zu deuten, er sagte
|
||
deshalb: „Sie haben sich wohl hinsichtlich meiner Vorschläge noch nicht
|
||
entschieden. Ich billige das. Ich hätte Ihnen sogar davon abgeraten,
|
||
sich sofort zu entscheiden. Die Vorteile und Nachteile sind haarfein.
|
||
Man muß alles genau abschätzen. Allerdings darf man auch nicht zuviel
|
||
Zeit verlieren.“ „Ich werde bald wiederkommen,“ sagte K., der in einem
|
||
plötzlichen Entschluß den Rock anzog, den Mantel über die Schulter warf
|
||
und zur Tür eilte, hinter der jetzt die Mädchen zu schreien anfingen.
|
||
K. glaubte, die schreienden Mädchen durch die Tür zu sehn. „Sie müssen
|
||
aber Wort halten,“ sagte der Maler, der ihm nicht gefolgt war, „sonst
|
||
komme ich in die Bank, um selbst nachzufragen.“ „Sperren Sie doch die
|
||
Tür auf,“ sagte K. und riß an der Klinke, die die Mädchen, wie er an
|
||
dem Gegendruck merkte, draußen festhielten. „Wollen Sie von den Mädchen
|
||
belästigt werden?“ fragte der Maler. „Benutzen Sie doch lieber diesen
|
||
Ausgang“, und er zeigte auf die Tür hinter dem Bett. K. war damit
|
||
einverstanden und sprang zum Bett zurück. Aber statt die Tür dort zu
|
||
öffnen, kroch der Maler unter das Bett und fragte von unten: „Nur noch
|
||
einen Augenblick. Wollen Sie nicht noch ein Bild sehn, das ich Ihnen
|
||
verkaufen könnte?“ K. wollte nicht unhöflich sein, der Maler hatte sich
|
||
wirklich seiner angenommen und versprochen, ihm weiterhin zu helfen,
|
||
auch war infolge der Vergeßlichkeit K.s über die Entlohnung für die
|
||
Hilfe noch gar nicht gesprochen worden, deshalb konnte ihn K. jetzt
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||
nicht abweisen und ließ sich das Bild zeigen, wenn er auch vor Ungeduld
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zitterte, aus dem Atelier wegzukommen. Der Maler zog unter dem Bett
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einen Haufen ungerahmter Bilder hervor, die so mit Staub bedeckt waren,
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daß dieser, als ihn der Maler vom obersten Bild wegzublasen suchte,
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längere Zeit atemraubend K. vor den Augen wirbelte. „Eine
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Heidelandschaft,“ sagte der Maler und reichte K. das Bild. Es stellte
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zwei schwache Bäume dar, die weit voneinander entfernt im dunklen Gras
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standen. Im Hintergrund war ein vielfarbiger Sonnenuntergang. „Schön,“
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sagte K., „ich kaufe es.“ K. hatte unbedacht sich so kurz geäußert, er
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war daher froh, als der Maler, statt dies übelzunehmen, ein zweites
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Bild vom Boden aufhob. „Hier ist ein Gegenstück zu diesem Bild,“ sagte
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der Maler. Es mochte als Gegenstück beabsichtigt sein, es war aber
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nicht der geringste Unterschied gegenüber dem ersten Bild zu merken,
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hier waren die Bäume, hier das Gras und dort der Sonnenuntergang. Aber
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K. lag wenig daran. „Es sind schöne Landschaften,“ sagte er, „ich kaufe
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beide und werde sie in meinem Bureau aufhängen.“ „Das Motiv scheint
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Ihnen zu gefallen,“ sagte der Maler und holte ein drittes Bild herauf,
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„es trifft sich gut, daß ich noch ein ähnliches Bild hier habe.“ Es war
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aber nicht ähnlich, es war vielmehr die völlig gleiche alte
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Heidelandschaft. Der Maler nutzte diese Gelegenheit, alte Bilder zu
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verkaufen, gut aus. „Ich nehme auch dieses noch,“ sagte K. „Wieviel
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kosten die drei Bilder?“ „Darüber werden wir nächstens sprechen,“ sagte
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der Maler. „Sie haben jetzt Eile und wir bleiben doch in Verbindung. Im
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übrigen freut es mich, daß Ihnen die Bilder gefallen, ich werde Ihnen
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alle Bilder mitgeben, die ich hier unten habe. Es sind lauter
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Heidelandschaften, ich habe schon viele Heidelandschaften gemalt.
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Manche Leute weisen solche Bilder ab, weil sie zu düster sind, andere
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aber, und Sie gehören zu ihnen, lieben gerade das Düstere.“ Aber K.
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hatte jetzt keinen Sinn für die beruflichen Erfahrungen des
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Bettelmalers. „Packen Sie alle Bilder ein,“ rief er, dem Maler in die
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Rede fallend, „morgen kommt mein Diener und wird sie holen.“ „Es ist
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nicht nötig,“ sagte der Maler. „Ich hoffe, ich werde Ihnen einen Träger
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verschaffen können, der gleich mit Ihnen gehen wird.“ Und er beugte
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sich endlich über das Bett und sperrte die Tür auf, „Steigen Sie ohne
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Scheu auf das Bett,“ sagte der Maler, „das tut jeder, der hier
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hereinkommt.“ K. hätte auch ohne diese Aufforderung keine Rücksicht
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genommen, er hatte sogar schon einen Fuß mitten auf das Federbett
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gesetzt, da sah er durch die offene Tür hinaus und zog den Fuß wieder
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zurück. „Was ist das?“ fragte er den Maler. „Worüber staunen Sie?“
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fragte dieser, seinerseits staunend. „Es sind die Gerichtskanzleien.
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Wußten Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien
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sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie gerade hier
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fehlen? Auch mein Atelier gehört eigentlich zu den Gerichtskanzleien,
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das Gericht hat es mir aber zur Verfügung gestellt.“ K. erschrak nicht
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so sehr darüber, daß er auch hier Gerichtskanzleien gefunden hatte, er
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erschrak hauptsächlich über sich, über seine Unwissenheit in
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Gerichtssachen. Als eine Grundregel für das Verhalten eines Angeklagten
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erschien es ihm, immer vorbereitet zu sein, sich niemals überraschen
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lassen, nicht ahnungslos nach rechts zu schauen, wenn links der Richter
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neben ihm stand — und gerade gegen diese Grundregel verstieß er immer
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wieder. Vor ihm dehnte sich ein langer Gang, aus dem eine Luft wehte,
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mit der verglichen die Luft im Atelier erfrischend war. Bänke waren zu
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beiden Seiten des Ganges aufgestellt, genau so wie im Wartezimmer der
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Kanzlei, die für K. zuständig war. Es schienen genaue Vorschriften für
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die Einrichtung von Kanzleien zu bestehn. Augenblicklich war der
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Parteienverkehr hier nicht sehr groß. Ein Mann saß dort halb liegend,
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das Gesicht hatte er auf der Bank in seine Arme vergraben und schien zu
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schlafen; ein anderer stand im Halbdunkel am Ende des Ganges. K. stieg
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nun über das Bett, der Maler folgte ihm mit den Bildern. Sie trafen
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||
bald einen Gerichtsdiener — K. erkannte jetzt schon alle Gerichtsdiener
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an dem Goldknopf, den diese an ihrem Zivilanzug unter den gewöhnlichen
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Knöpfen hatten — und der Maler gab ihm den Auftrag, K. mit den Bildern
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zu begleiten. K. wankte mehr als er ging, das Taschentuch hielt er an
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den Mund gedrückt. Sie waren schon nahe am Ausgang, da stürmten ihnen
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die Mädchen entgegen, die also K. auch nicht erspart geblieben waren.
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||
Sie hatten offenbar gesehn, daß die zweite Tür des Ateliers geöffnet
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worden war und hatten den Umweg gemacht, um von dieser Seite
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einzudringen. „Ich kann Sie nicht mehr begleiten,“ rief der Maler
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lachend unter dem Andrang der Mädchen. „Auf Wiedersehn. Und überlegen
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Sie nicht zu lange!“ K. sah sich nicht einmal nach ihm um. Auf der
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Gasse nahm er den ersten Wagen, der ihm in den Weg kam. Es lag ihm
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daran, den Diener loszuwerden, dessen Goldknopf ihm unaufhörlich in die
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Augen stach, wenn er auch sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. In
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seiner Dienstfertigkeit wollte sich der Diener noch auf den Kutschbock
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setzen, K. jagte ihn aber herunter. Mittag war schon längst vorüber,
|
||
als K. vor der Bank ankam. Er hätte gern die Bilder im Wagen gelassen,
|
||
fürchtete aber, bei irgendeiner Gelegenheit genötigt zu werden, sich
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||
dem Maler gegenüber mit ihnen auszuweisen. Er ließ sie daher in das
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Bureau schaffen und versperrte sie in die unterste Lade seines Tisches,
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um sie wenigstens für die allernächsten Tage vor den Blicken des
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||
Direktor-Stellvertreters in Sicherheit zu bringen.
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ACHTES KAPITEL
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KAUFMANN BLOCK · KÜNDIGUNG DES ADVOKATEN
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Endlich hatte sich K. doch entschlossen, dem Advokaten seine Vertretung
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zu entziehn. Zweifel daran, ob es richtig war, so zu handeln, waren
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zwar nicht auszurotten, aber die Überzeugung von der Notwendigkeit
|
||
dessen überwog. Die Entschließung hatte K. an dem Tage, an dem er zum
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||
Advokaten gehen wollte, viel Arbeitskraft entzogen, er arbeitete
|
||
besonders langsam, er mußte sehr lange im Bureau bleiben, und es war
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||
schon 10 Uhr vorüber, als er endlich vor der Tür des Advokaten stand.
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||
Noch ehe er läutete, überlegte er, ob es nicht besser wäre, dem
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||
Advokaten telephonisch oder brieflich zu kündigen, die persönliche
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||
Unterredung würde gewiß sehr peinlich werden. Trotzdem wollte K.
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||
schließlich nicht auf sie verzichten, bei jeder andern Art der
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||
Kündigung würde diese stillschweigend oder mit ein paar förmlichen
|
||
Worten angenommen werden und K. würde, wenn nicht etwa Leni einiges
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||
erforschen könnte, niemals erfahren, wie der Advokat die Kündigung
|
||
aufgenommen hatte und was für Folgen für K. diese Kündigung nach der
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||
nicht unwichtigen Meinung des Advokaten haben könnte. Saß aber der
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||
Advokat K. gegenüber und wurde er von der Kündigung überrascht, so
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||
würde K., selbst wenn der Advokat sich nicht viel entlocken ließ, aus
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seinem Gesicht und seinem Benehmen alles, was er wollte, leicht
|
||
entnehmen können. Es war sogar nicht ausgeschlossen, daß er überzeugt
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||
wurde, daß es doch gut wäre, dem Advokaten die Verteidigung zu
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||
überlassen und daß er dann seine Kündigung zurückzog.
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||
Das erste Läuten an der Tür des Advokaten war, wie gewöhnlich,
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zwecklos. „Leni könnte flinker sein,“ dachte K. Aber es war schon ein
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Vorteil, wenn sich nicht die andere Partei einmischte, wie sie es
|
||
gewöhnlich tat, sei es, daß der Mann im Schlafrock oder sonst jemand zu
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belästigen anfing. Während K. zum zweitenmal den Knopf drückte, sah er
|
||
nach der andern Tür zurück, diesmal aber blieb auch sie geschlossen.
|
||
Endlich erschienen an dem Guckfenster der Tür des Advokaten zwei Augen,
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||
es waren aber nicht Lenis Augen. Jemand schloß die Tür auf, stemmte
|
||
sich aber vorläufig noch gegen sie, rief in die Wohnung zurück: „Er ist
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es,“ und öffnete erst dann vollständig. K. hatte gegen die Tür
|
||
gedrängt, denn schon hörte er, wie hinter ihm in der Tür der andern
|
||
Wohnung der Schlüssel hastig im Schloß gedreht wurde. Als sich daher
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||
die Tür vor ihm endlich öffnete, stürmte er geradezu ins Vorzimmer und
|
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sah noch, wie durch den Gang, der zwischen den Zimmern hindurchführte,
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||
Leni, welcher der Warnungsruf des Türöffners gegolten hatte, im Hemd
|
||
davonlief. Er blickte ihr ein Weilchen nach und sah sich dann nach dem
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||
Türöffner um. Es war ein kleiner dürrer Mann mit Vollbart, er hielt
|
||
eine Kerze in der Hand. „Sie sind hier angestellt?“ fragte K. „Nein,“
|
||
antwortete der Mann, „ich bin hier fremd, der Advokat ist nur mein
|
||
Vertreter, ich bin hier wegen einer Rechtsangelegenheit.“ „Ohne Rock?“
|
||
fragte K. und zeigte mit einer Handbewegung auf die mangelhafte
|
||
Bekleidung des Mannes. „Ach verzeihen Sie,“ sagte der Mann und
|
||
beleuchtete sich selbst mit der Kerze, als sähe er selbst zum erstenmal
|
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seinen Zustand. „Leni ist Ihre Geliebte?“ fragte K. kurz. Er hatte die
|
||
Beine ein wenig gespreizt, die Hände, in denen er den Hut hielt, hinten
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verschlungen. Schon durch den Besitz eines starken Überrocks fühlte er
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sich dem magern Kleinen sehr überlegen. „O Gott,“ sagte der und hob die
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||
eine Hand in erschrockener Abwehr vor das Gesicht, „nein, nein, was
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||
denken Sie denn?“ „Sie sehn glaubwürdig aus,“ sagte K. lächelnd,
|
||
„trotzdem — kommen Sie.“ Er winkte ihm mit dem Hut und ließ ihn vor
|
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sich gehn. „Wie heißen Sie denn?“ fragte K. auf dem Weg. „Block,
|
||
Kaufmann Block,“ sagte der Kleine und drehte sich bei dieser
|
||
Vorstellung nach K. um, stehenbleiben ließ ihn aber K. nicht. „Ist das
|
||
Ihr wirklicher Name?“ fragte K. „Gewiß,“ war die Antwort, „warum haben
|
||
Sie denn Zweifel?“ „Ich dachte, Sie könnten Grund haben, Ihren Namen zu
|
||
verschweigen,“ sagte K. Er fühlte sich so frei, wie man es sonst nur
|
||
ist, wenn man in der Fremde mit niedrigen Leuten spricht, alles was
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||
einen selbst betrifft, bei sich behält, nur gleichmütig von den
|
||
Interessen der andern redet, sie dadurch vor sich selbst erhöht, aber
|
||
auch nach Belieben fallen lassen kann. Bei der Tür des Arbeitszimmers
|
||
des Advokaten blieb K. stehn, öffnete sie und rief dem Kaufmann, der
|
||
folgsam weitergegangen war, zu: „Nicht so eilig, leuchten Sie hier.“ K.
|
||
dachte, Leni könnte sich hier versteckt haben, er ließ den Kaufmann
|
||
alle Winkel absuchen, aber das Zimmer war leer. Vor dem Bild des
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||
Richters hielt K. den Kaufmann hinten an den Hosenträgern zurück.
|
||
„Kennen Sie den,“ fragte er und zeigte mit dem Zeigefinger in die Höhe.
|
||
Der Kaufmann hob die Kerze, sah blinzelnd hinauf und sagte: „Es ist ein
|
||
Richter.“ „Ein hoher Richter?“ fragte K. und stellte sich seitlich vor
|
||
den Kaufmann, um den Eindruck, den das Bild auf ihn machte, zu
|
||
beobachten. Der Kaufmann sah bewundernd aufwärts. „Es ist ein hoher
|
||
Richter,“ sagte er. „Sie haben keinen großen Einblick,“ sagte K. „Unter
|
||
den niedrigen Untersuchungsrichtern ist er der niedrigste.“ „Nun
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||
erinnere ich mich,“ sagte der Kaufmann und senkte die Kerze, „ich habe
|
||
es auch schon gehört.“ „Aber natürlich,“ rief K., „ich vergaß ja,
|
||
natürlich müssen Sie es schon gehört haben.“ „Aber warum denn, warum
|
||
denn?“ fragte der Kaufmann, während er sich, von K. mit den Händen
|
||
angetrieben, zur Tür fortbewegte. Draußen auf dem Gang sagte K.: „Sie
|
||
wissen doch, wo sich Leni versteckt hat?“ „Versteckt?“ sagte der
|
||
Kaufmann, „nein, sie dürfte aber in der Küche sein und dem Advokaten
|
||
eine Suppe kochen.“ „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“ fragte
|
||
K. „Ich wollte Sie ja hinführen, Sie haben mich aber wieder
|
||
zurückgerufen,“ antwortete der Kaufmann, wie verwirrt durch die
|
||
widersprechenden Befehle. „Sie glauben wohl sehr schlau zu sein,“ sagte
|
||
K., „führen Sie mich also!“ In der Küche war K. noch nie gewesen, sie
|
||
war überraschend groß und reich ausgestattet. Allein der Herd war
|
||
dreimal so groß wie gewöhnliche Herde, von dem übrigen sah man keine
|
||
Einzelheiten, denn die Küche wurde jetzt nur von einer kleinen Lampe
|
||
beleuchtet, die beim Eingang hing. Am Herd stand Leni in weißer Schürze
|
||
wie immer und leerte Eier in einen Topf aus, der auf einem
|
||
Spiritusfeuer stand. „Guten Abend, Josef,“ sagte sie mit einem
|
||
Seitenblick. „Guten Abend,“ sagte K. und zeigte mit einer Hand auf
|
||
einen abseits stehenden Sessel, auf den sich der Kaufmann setzen
|
||
sollte, was dieser auch tat. K. aber ging ganz nahe hinter Leni, beugte
|
||
sich über ihre Schulter und fragte: „Wer ist der Mann?“ Leni umfaßte K.
|
||
mit einer Hand, die andere quirlte die Suppe, zog ihn nach vorn zu sich
|
||
und sagte: „Es ist ein bedauernswerter Mensch, ein armer Kaufmann, ein
|
||
gewisser Block. Sieh ihn nur an.“ Sie blickten beide zurück. Der
|
||
Kaufmann saß auf dem Sessel, auf den ihn K. gewiesen hatte, er hatte
|
||
die Kerze, deren Licht jetzt unnötig war, ausgepustet und drückte mit
|
||
den Fingern den Docht, um den Rauch zu verhindern. „Du warst im Hemd,“
|
||
sagte K. und wendete ihren Kopf mit der Hand wieder dem Herd zu. Sie
|
||
schwieg. „Er ist dein Geliebter?“ fragte K. Sie wollte nach dem
|
||
Suppentopf greifen, aber K. nahm ihre beiden Hände und sagte: „Nun,
|
||
antworte!“ Sie sagte: „Komm ins Arbeitszimmer, ich werde dir alles
|
||
erklären.“ „Nein,“ sagte K., „ich will, daß du es hier erklärst.“ Sie
|
||
hing sich an ihn und wollte ihn küssen. K. wehrte sie aber ab und
|
||
sagte: „Ich will nicht, daß du mich jetzt küßt.“ „Josef,“ sagte Leni
|
||
und sah K. bittend und doch offen in die Augen, „du wirst doch nicht
|
||
auf Herrn Block eifersüchtig sein.“ „Rudi,“ sagte sie dann, sich an den
|
||
Kaufmann wendend, „so hilf mir doch, du siehst, ich werde verdächtigt,
|
||
laß die Kerze.“ Man hätte denken können, er hätte nicht achtgegeben,
|
||
aber er war vollständig eingeweiht. „Ich wüßte auch nicht, warum Sie
|
||
eifersüchtig sein sollten,“ sagte er wenig schlagfertig. „Ich weiß es
|
||
eigentlich auch nicht,“ sagte K. und sah den Kaufmann lächelnd an. Leni
|
||
lachte laut, benutzte die Unaufmerksamkeit K.s, um sich in seinen Arm
|
||
einzuhängen und flüsterte: „Laß ihn jetzt, du siehst ja, was für ein
|
||
Mensch er ist. Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er eine
|
||
große Kundschaft des Advokaten ist, aus keinem andern Grunde. Und du?
|
||
Willst du noch heute mit dem Advokaten sprechen? Er ist heute sehr
|
||
krank, aber wenn du willst, melde ich dich doch an. Über Nacht bleibst
|
||
du aber bei mir ganz gewiß. Du warst auch schon so lange nicht bei uns,
|
||
selbst der Advokat hat nach dir gefragt. Vernachlässige den Prozeß
|
||
nicht! Auch ich habe dir verschiedenes mitzuteilen, was ich erfahren
|
||
habe. Nun aber zieh fürs erste deinen Mantel aus!“ Sie half ihm ihn
|
||
ausziehn, nahm ihm den Hut ab, lief mit den Sachen ins Vorzimmer, sie
|
||
anzuhängen, lief dann wieder zurück und sah nach der Suppe. „Soll ich
|
||
zuerst dich anmelden oder ihm zuerst die Suppe bringen.“ „Melde mich
|
||
zuerst an,“ sagte K. Er war ärgerlich, er hatte ursprünglich
|
||
beabsichtigt, mit Leni seine Angelegenheit, insbesondere die fragliche
|
||
Kündigung, genau zu besprechen, die Anwesenheit des Kaufmanns hatte ihm
|
||
aber die Lust dazu genommen. Jetzt aber hielt er seine Sache doch für
|
||
zu wichtig, als daß dieser kleine Kaufmann vielleicht entscheidend
|
||
eingreifen sollte und so rief er Leni, die schon auf dem Gang war,
|
||
wieder zurück. „Bring ihm doch zuerst die Suppe,“ sagte er, „er soll
|
||
sich für die Unterredung mit mir stärken, er wird es nötig haben.“ „Sie
|
||
sind auch ein Klient des Advokaten,“ sagte wie zur Feststellung der
|
||
Kaufmann leise aus seiner Ecke. Es wurde aber nicht gut aufgenommen.
|
||
„Was kümmert Sie denn das?“ sagte K. und Leni sagte: „Wirst du still
|
||
sein.“ „Dann bringe ich ihm also zuerst die Suppe,“ sagte Leni zu K.
|
||
und goß die Suppe auf einen Teller. „Es ist dann nur zu befürchten, daß
|
||
er bald einschläft, nach dem Essen schläft er bald ein.“ „Das, was ich
|
||
ihm sagen werde, wird ihn wacherhalten,“ sagte K., er wollte immerfort
|
||
durchblicken lassen, daß er etwas Wichtiges mit dem Advokaten zu
|
||
verhandeln beabsichtige, er wollte von Leni gefragt werden, was es sei,
|
||
und dann erst sie um Rat fragen. Aber sie erfüllte pünktlich bloß die
|
||
ausgesprochenen Befehle. Als sie mit der Tasse an ihm vorüberging,
|
||
stieß sie absichtlich sanft an ihn und flüsterte: „Bis er die Suppe
|
||
gegessen hat, melde ich dich gleich an, damit ich dich möglichst bald
|
||
wieder bekomme.“ „Geh nur,“ sagte K., „geh nur.“ „Sei doch
|
||
freundlicher,“ sagte sie und drehte sich in der Tür mit der Tasse
|
||
nochmals ganz um.
|
||
|
||
K. sah ihr nach; nun war es endgültig beschlossen, daß der Advokat
|
||
entlassen würde, es war wohl auch besser, daß er vorher mit Leni nicht
|
||
mehr darüber sprechen konnte; sie hatte kaum den genügenden Überblick
|
||
über das Ganze, hätte gewiß abgeraten, hätte möglicherweise K. auch
|
||
wirklich von der Kündigung diesmal abgehalten, er wäre weiterhin in
|
||
Zweifel und Unruhe geblieben und schließlich hätte er nach einiger Zeit
|
||
seinen Entschluß doch ausgeführt, denn dieser Entschluß war allzu
|
||
zwingend. Je früher er aber ausgeführt wurde, desto mehr Schaden wurde
|
||
abgehalten. Vielleicht wußte übrigens der Kaufmann etwas darüber zu
|
||
sagen.
|
||
|
||
K. wandte sich um; kaum bemerkte das der Kaufmann, als er sofort
|
||
aufstehen wollte. „Bleiben Sie sitzen,“ sagte K. und zog einen Sessel
|
||
neben ihn. „Sind Sie schon ein alter Klient des Advokaten?“ fragte K.
|
||
„Ja,“ sagte der Kaufmann, „ein sehr alter Klient.“ „Wieviel Jahre
|
||
vertritt er Sie denn schon?“ fragte K. „Ich weiß nicht, wie Sie es
|
||
meinen,“ sagte der Kaufmann, „in geschäftlichen Rechtsangelegenheiten —
|
||
ich habe ein Getreidegeschäft — vertritt mich der Advokat schon seitdem
|
||
ich das Geschäft übernommen habe, also etwa seit 20 Jahren, in meinem
|
||
eigenen Prozeß, auf den Sie wahrscheinlich anspielen, vertritt er mich
|
||
auch seit Beginn, es ist schon länger als 5 Jahre. Ja, weit über 5
|
||
Jahre,“ fügte er dann hinzu und zog eine alte Brieftasche hervor, „hier
|
||
habe ich alles aufgeschrieben; wenn Sie wollen, sage ich Ihnen die
|
||
genauen Daten. Es ist schwer, alles zu behalten. Mein Prozeß dauert
|
||
wahrscheinlich schon viel länger, er begann kurz nach dem Tod meiner
|
||
Frau und das ist schon länger als 5½ Jahre.“ K. rückte näher zu ihm.
|
||
„Der Advokat übernimmt also auch gewöhnliche Rechtssachen?“ fragte er.
|
||
Diese Verbindung der Geschäfte und Rechtswissenschaften schien K.
|
||
ungemein beruhigend. „Gewiß,“ sagte der Kaufmann und flüsterte dann K.
|
||
zu: „Man sagt sogar, daß er in diesen Rechtssachen tüchtiger ist, als
|
||
in den andern.“ Aber dann schien er das Gesagte zu bereuen, er legte K.
|
||
eine Hand auf die Schulter und sagte: „Ich bitte Sie sehr, verraten Sie
|
||
mich nicht.“ K. klopfte ihm zur Beruhigung auf den Schenkel und sagte:
|
||
„Nein, ich bin kein Verräter.“ „Er ist nämlich rachsüchtig,“ sagte der
|
||
Kaufmann. „Gegen einen so treuen Klienten wird er gewiß nichts tun,“
|
||
sagte K. „O doch,“ sagte der Kaufmann, „wenn er aufgeregt ist, kennt er
|
||
keine Unterschiede, übrigens bin ich ihm nicht eigentlich treu.“ „Wieso
|
||
denn nicht?“ fragte K. „Soll ich es Ihnen anvertrauen,“ fragte der
|
||
Kaufmann zweifelnd. „Ich denke, Sie dürfen es,“ sagte K. „Nun,“ sagte
|
||
der Kaufmann, „ich werde es Ihnen zum Teil anvertrauen, Sie müssen mir
|
||
aber auch ein Geheimnis sagen, damit wir uns gegenüber dem Advokaten
|
||
gegenseitig festhalten.“ „Sie sind sehr vorsichtig,“ sagte K., „aber
|
||
ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen, das Sie vollständig beruhigen
|
||
wird. Worin besteht also Ihre Untreue gegenüber dem Advokaten?“ „Ich
|
||
habe,“ sagte der Kaufmann zögernd und in einem Ton, als gestehe er
|
||
etwas Unehrenhaftes ein, „ich habe außer ihm noch andere Advokaten.“
|
||
„Das ist doch nichts so Schlimmes,“ sagte K. ein wenig enttäuscht.
|
||
„Hier ja,“ sagte der Kaufmann, der noch seit seinem Geständnis schwer
|
||
atmete, infolge K.s Bemerkung aber mehr Vertrauen faßte. „Es ist nicht
|
||
erlaubt. Und am allerwenigsten ist es erlaubt, neben einem sogenannten
|
||
Advokaten auch noch Winkeladvokaten zu nehmen. Und gerade das habe ich
|
||
getan, ich habe außer ihm noch fünf Winkeladvokaten.“ „Fünf!“ rief K.,
|
||
erst die Zahl setzte ihn in Erstaunen, „fünf Advokaten außer diesem?“
|
||
Der Kaufmann nickte: „Ich verhandle gerade noch mit einem sechsten.“
|
||
„Aber wozu brauchen Sie denn so viel Advokaten,“ fragte K. „Ich brauche
|
||
alle,“ sagte der Kaufmann. „Wollen Sie mir das nicht erklären?“ fragte
|
||
K. „Gern,“ sagte der Kaufmann. „Vor allem will ich doch meinen Prozeß
|
||
nicht verlieren, das ist doch selbstverständlich. Infolgedessen darf
|
||
ich nichts, was mir nützen könnte, außer acht lassen; selbst wenn die
|
||
Hoffnung auf Nutzen in einem bestimmten Falle nur ganz gering ist, darf
|
||
ich sie nicht verwerfen. Ich habe deshalb alles, was ich besitze, auf
|
||
den Prozeß verwendet. So habe ich z. B. alles Geld meinem Geschäft
|
||
entzogen, früher füllten die Bureauräume meines Geschäfts fast ein
|
||
Stockwerk, heute genügt eine kleine Kammer im Hinterhaus, wo ich mit
|
||
einem Lehrjungen arbeite. Diesen Rückgang hatte natürlich nicht nur die
|
||
Entziehung des Geldes verschuldet, sondern mehr noch die Entziehung
|
||
meiner Arbeitskraft. Wenn man für seinen Prozeß etwas tun will, kann
|
||
man sich mit anderem nur wenig befassen.“ „Sie arbeiten also noch
|
||
selbst bei Gericht,“ fragte K. „Gerade darüber möchte ich gern etwas
|
||
erfahren.“ „Darüber kann ich nur wenig berichten,“ sagte der Kaufmann,
|
||
„anfangs habe ich es wohl auch versucht, aber ich habe bald wieder
|
||
davon abgelassen. Es ist zu erschöpfend und bringt nicht viel Erfolg.
|
||
Selbst dort zu arbeiten und zu unterhandeln hat sich wenigstens für
|
||
mich als ganz unmöglich erwiesen. Es ist ja dort schon das bloße Sitzen
|
||
und Warten eine große Anstrengung. Sie kennen ja selbst die schwere
|
||
Luft in den Kanzleien.“ „Wieso wissen Sie denn, daß ich dort war?“
|
||
fragte K. „Ich war gerade im Wartezimmer, als Sie durchgingen.“ „Was
|
||
für ein Zufall das ist!“ rief K. ganz hingenommen und die frühere
|
||
Lächerlichkeit des Kaufmanns ganz vergessend, „Sie haben mich also
|
||
gesehn! Sie waren im Wartezimmer, als ich durchging. Ja, ich bin dort
|
||
einmal durchgegangen.“ „Es ist kein so großer Zufall,“ sagte der
|
||
Kaufmann, „ich bin dort fast jeden Tag.“ „Ich werde nun wahrscheinlich
|
||
auch öfters hingehn müssen,“ sagte K., „nur werde ich wohl kaum mehr so
|
||
ehrenvoll aufgenommen werden wie damals. Alle standen auf. Man dachte
|
||
wohl, ich sei ein Richter.“ „Nein,“ sagte der Kaufmann, „wir grüßten
|
||
damals den Gerichtsdiener. Daß Sie ein Angeklagter sind, das wußten
|
||
wir. Solche Nachrichten verbreiten sich sehr rasch.“ „Das wußten Sie
|
||
also schon,“ sagte K., „dann erschien Ihnen aber mein Benehmen
|
||
vielleicht hochmütig. Sprach man sich nicht darüber aus?“ „Nein,“ sagte
|
||
der Kaufmann, „im Gegenteil. Aber das sind Dummheiten.“ „Was für
|
||
Dummheiten denn?“ fragte K. „Warum fragen Sie danach?“ sagte der
|
||
Kaufmann ärgerlich. „Sie scheinen die Leute dort noch nicht zu kennen
|
||
und werden es vielleicht unrichtig auffassen. Sie müssen bedenken, daß
|
||
in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen, für
|
||
die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und
|
||
abgelenkt für vieles und zum Ersatz verlegt man sich auf den
|
||
Aberglauben. Ich rede von den andern, bin aber selbst gar nicht besser.
|
||
Ein solcher Aberglaube ist es z. B., daß viele aus dem Gesicht des
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||
Angeklagten, insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des
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Prozesses erkennen wollen. Diese Leute also haben behauptet, Sie
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würden, nach Ihren Lippen zu schließen, gewiß und bald verurteilt
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werden. Ich wiederhole, es ist ein lächerlicher Aberglaube und in den
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meisten Fällen durch die Tatsachen auch vollständig widerlegt, aber
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wenn man in jener Gesellschaft lebt, ist es schwer, sich solchen
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Meinungen zu entziehen. Denken Sie nur, wie stark dieser Aberglaube
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wirken kann. Sie haben doch einen dort angesprochen, nicht? Er konnte
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Ihnen aber kaum antworten. Es gibt natürlich viele Gründe, um dort
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verwirrt zu sein, aber einer davon war auch der Anblick Ihrer Lippen.
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Er hat später erzählt, er hätte auf Ihren Lippen auch das Zeichen
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seiner eigenen Verurteilung zu sehen geglaubt.“ „Meine Lippen?“ fragte
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||
K., zog einen Taschenspiegel hervor und sah sich an. „Ich kann an
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meinen Lippen nichts Besonderes erkennen. Und Sie?“ „Ich auch nicht,“
|
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sagte der Kaufmann, „ganz und gar nicht.“ „Wie abergläubisch diese
|
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Leute sind,“ rief K. aus. „Sagte ich es nicht?“ fragte der Kaufmann.
|
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„Verkehren sie denn so viel untereinander und tauschen sie ihre
|
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Meinungen aus?“ sagte K. „Ich habe mich bisher ganz abseits gehalten.“
|
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„Im allgemeinen verkehren sie nicht miteinander,“ sagte der Kaufmann,
|
||
„das wäre nicht möglich, es sind ja so viele. Es gibt auch wenig
|
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gemeinsame Interessen. Wenn manchmal in einer Gruppe der Glaube an ein
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gemeinsames Interesse auftaucht, so erweist er sich bald als ein
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Irrtum. Gemeinsam läßt sich gegen das Gericht nichts durchsetzen. Jeder
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Fall wird für sich untersucht, es ist ja das sorgfältigste Gericht.
|
||
Gemeinsam kann man also nichts durchsetzen, nur ein einzelner erreicht
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manchmal etwas im Geheimen; erst wenn es erreicht ist, erfahren es die
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andern; keiner weiß, wie es geschehen ist. Es gibt also keine
|
||
Gemeinsamkeit, man kommt zwar hie und da in den Wartezimmern zusammen,
|
||
aber dort wird wenig besprochen. Die abergläubischen Meinungen bestehen
|
||
schon seit altersher und vermehren sich förmlich von selbst.“ „Ich sah
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||
die Herren dort im Wartezimmer,“ sagte K., „ihr Warten kam mir so
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||
nutzlos vor.“ „Das Warten ist nicht nutzlos,“ sagte der Kaufmann,
|
||
„nutzlos ist nur das selbständige Eingreifen. Ich sagte schon, daß ich
|
||
jetzt außer diesem noch fünf Advokaten habe. Man sollte doch glauben —
|
||
ich selbst glaubte es zuerst — jetzt könnte ich ihnen die Sache
|
||
vollständig überlassen. Das wäre aber ganz falsch. Ich kann sie ihnen
|
||
weniger überlassen, als wenn ich nur einen hätte. Sie verstehn das wohl
|
||
nicht?“ „Nein,“ sagte K. und legte, um den Kaufmann an seinen allzu
|
||
schnellen Reden zu hindern, die Hand beruhigend auf seine Hand, „ich
|
||
möchte Sie nur bitten, ein wenig langsamer zu reden, es sind doch
|
||
lauter für mich sehr wichtige Dinge und ich kann ihnen nicht recht
|
||
folgen.“ „Gut, daß Sie mich daran erinnern,“ sagte der Kaufmann, „Sie
|
||
sind ja ein Neuer, ein Junger. Ihr Prozeß ist ein halbes Jahr alt,
|
||
nicht wahr? Ja, ich habe davon gehört. Ein so junger Prozeß! Ich aber
|
||
habe diese Dinge schon unzähligemal durchgedacht, sie sind mir das
|
||
Selbstverständlichste auf der Welt.“ „Sie sind wohl froh, daß Ihr
|
||
Prozeß schon so weit fortgeschritten ist?“ fragte K., er wollte nicht
|
||
geradezu fragen wie die Angelegenheiten des Kaufmanns stünden. Er bekam
|
||
aber auch keine deutliche Antwort. „Ja, ich habe meinen Prozeß fünf
|
||
Jahre lang fortgewälzt,“ sagte der Kaufmann und senkte den Kopf, „es
|
||
ist keine kleine Leistung.“ Dann schwieg er ein Weilchen. K. horchte,
|
||
ob Leni nicht schon komme. Einerseits wollte er nicht, daß sie komme,
|
||
denn er hatte noch vieles zu fragen und wollte auch nicht von Leni in
|
||
diesem vertraulichen Gespräch mit dem Kaufmann angetroffen werden,
|
||
andererseits aber ärgerte er sich darüber, daß sie trotz seiner
|
||
Anwesenheit solange beim Advokaten blieb, viel länger, als zum Reichen
|
||
der Suppe nötig war. „Ich erinnere mich noch genau an diese Zeit,“
|
||
begann der Kaufmann wieder und K. war gleich voll Aufmerksamkeit, „als
|
||
mein Prozeß etwa so alt war wie jetzt Ihr Prozeß. Ich hatte damals nur
|
||
diesen Advokaten, war aber nicht sehr mit ihm zufrieden.“ Hier erfahre
|
||
ich ja alles, dachte K. und nickte lebhaft mit dem Kopf, als könne er
|
||
dadurch den Kaufmann aufmuntern, alles Wissenswerte zu sagen. „Mein
|
||
Prozeß,“ fuhr der Kaufmann fort, „kam nicht vorwärts, es fanden zwar
|
||
Untersuchungen statt, ich kam auch zu jeder, sammelte Material, erlegte
|
||
alle meine Geschäftsbücher bei Gericht, was, wie ich später erfuhr,
|
||
nicht einmal nötig war, ich lief immer wieder zum Advokaten, er brachte
|
||
auch verschiedene Eingaben ein —.“ „Verschiedene Eingaben?“ fragte K.
|
||
„Ja, gewiß,“ sagte der Kaufmann. „Das ist mir sehr wichtig,“ sagte K.,
|
||
„in meinem Fall arbeitet er noch immer an der ersten Eingabe. Er hat
|
||
noch nichts getan. Ich sehe jetzt, er vernachlässigt mich schändlich.“
|
||
„Daß die Eingabe noch nicht fertig ist, kann verschiedene berechtigte
|
||
Gründe haben,“ sagte der Kaufmann. „Übrigens hatte es sich bei meinen
|
||
Eingaben später gezeigt, daß sie ganz wertlos waren. Ich habe sogar
|
||
eine durch das Entgegenkommen eines Gerichtsbeamten selbst gelesen. Sie
|
||
war zwar gelehrt, aber eigentlich inhaltslos. Vor allem sehr viel
|
||
Latein, das ich nicht verstehe, dann seitenlange allgemeine Anrufungen
|
||
des Gerichtes, dann Schmeicheleien für einzelne bestimmte Beamte, die
|
||
zwar nicht genannt waren, die aber ein Eingeweihter jedenfalls erraten
|
||
mußte, dann Selbstlob des Advokaten, wobei er sich auf geradezu
|
||
hündische Weise vor dem Gericht demütigte, und endlich Untersuchungen
|
||
von Rechtsfällen aus alter Zeit, die dem meinigen ähnlich sein sollten.
|
||
Diese Untersuchungen waren allerdings, soweit ich ihnen folgen konnte,
|
||
sehr sorgfältig gemacht. Ich will auch mit diesem allen kein Urteil
|
||
über die Arbeit des Advokaten abgeben, auch war die Eingabe, die ich
|
||
gelesen habe, nur eine unter mehreren, jedenfalls aber, und davon will
|
||
ich jetzt sprechen, konnte ich damals in meinem Prozeß keinen
|
||
Fortschritt sehn.“ „Was für einen Fortschritt wollten Sie denn sehn?“
|
||
fragte K. „Sie fragen ganz vernünftig,“ sagte der Kaufmann lächelnd,
|
||
„man kann in diesem Verfahren nur selten Fortschritte sehn. Aber damals
|
||
wußte ich das nicht. Ich bin Kaufmann und war es damals noch viel mehr
|
||
als heute, ich wollte greifbare Fortschritte haben, das Ganze sollte
|
||
sich zum Ende neigen oder wenigstens den regelrechten Aufstieg nehmen.
|
||
Statt dessen gab es nur Einvernehmungen, die meist den gleichen Inhalt
|
||
hatten; die Antworten hatte ich schon bereit wie eine Litanei; mehrmals
|
||
in der Woche kamen Gerichtsboten in mein Geschäft, in meine Wohnung
|
||
oder wo sie mich sonst antreffen konnten, das war natürlich störend
|
||
(heute ist es wenigstens in dieser Hinsicht viel besser, der
|
||
telephonische Anruf stört mich weniger), auch unter meinen
|
||
Geschäftsfreunden, insbesondere aber unter meinen Verwandten, fingen
|
||
Gerüchte von meinem Prozeß sich zu verbreiten an, Schädigungen gab es
|
||
also von allen Seiten, aber nicht das geringste Anzeichen sprach dafür,
|
||
daß auch nur die erste Gerichtsverhandlung in der nächsten Zeit
|
||
stattfinden würde. Ich ging also zum Advokaten und beklagte mich. Er
|
||
gab mir zwar lange Erklärungen, lehnte es aber entschieden ab, etwas in
|
||
meinem Sinne zu tun, niemand habe Einfluß auf die Festsetzung der
|
||
Verhandlung, in einer Eingabe darauf zu dringen — wie ich es verlangte
|
||
— sei einfach unerhört und würde mich und ihn verderben. Ich dachte:
|
||
was dieser Advokat nicht will oder kann, wird ein anderer wollen und
|
||
können. Ich sah mich also nach andern Advokaten um. Ich will es gleich
|
||
vorwegnehmen: keiner hat die Festsetzung der Hauptverhandlung verlangt
|
||
oder durchgesetzt, es ist, allerdings mit einem Vorbehalt, von dem ich
|
||
noch sprechen werde, wirklich unmöglich, hinsichtlich dieses Punktes
|
||
hat mich also dieser Advokat nicht getäuscht; im übrigen aber hatte ich
|
||
es nicht zu bedauern, mich noch an andere Advokaten gewendet zu haben.
|
||
Sie dürften wohl von Dr. Huld auch schon manches über die
|
||
Winkeladvokaten gehört haben, er hat sie Ihnen wahrscheinlich als sehr
|
||
verächtlich dargestellt und das sind sie wirklich. Allerdings
|
||
unterläuft ihm immer, wenn er von ihnen spricht und sich und seine
|
||
Kollegen zu ihnen in Vergleich setzt, ein kleiner Fehler, auf den ich
|
||
Sie ganz nebenbei auch aufmerksam machen will. Er nennt dann immer die
|
||
Advokaten seines Kreises zur Unterscheidung die „großen Advokaten“. Das
|
||
ist falsch, es kann sich natürlich jeder „groß“ nennen, wenn es ihm
|
||
beliebt, in diesem Fall aber entscheidet doch nur der Gerichtsgebrauch.
|
||
Nach diesem gibt es nämlich außer den Winkeladvokaten noch kleine und
|
||
große Advokaten. Dieser Advokat und seine Kollegen sind jedoch nur die
|
||
kleinen Advokaten, die großen Advokaten aber, von denen ich nur gehört
|
||
und die ich nie gesehn habe, stehen im Rang unvergleichlich höher über
|
||
den kleinen Advokaten, als diese über den verachteten Winkeladvokaten.“
|
||
„Die großen Advokaten?“ fragte K. „Wer sind denn die? Wie kommt man zu
|
||
ihnen?“ „Sie haben also noch nie von ihnen gehört,“ sagte der Kaufmann.
|
||
„Es gibt kaum einen Angeklagten, der nicht, nachdem er von ihnen
|
||
erfahren hat, eine Zeit lang von ihnen träumen würde. Lassen Sie sich
|
||
lieber nicht dazu verführen. Wer die großen Advokaten sind, weiß ich
|
||
nicht, und zu ihnen kommen kann man wohl gar nicht. Ich kenne keinen
|
||
Fall, von dem sich mit Bestimmtheit sagen ließe, daß sie eingegriffen
|
||
hätten. Manchen verteidigen sie, aber durch eigenen Willen kann man das
|
||
nicht erreichen, sie verteidigen nur den, den sie verteidigen wollen.
|
||
Die Sache, deren sie sich annehmen, muß aber wohl über das niedrige
|
||
Gericht schon hinausgekommen sein. Im übrigen ist es besser, nicht an
|
||
sie zu denken, denn sonst kommen einem die Besprechungen mit den andern
|
||
Advokaten, deren Ratschläge und deren Hilfeleistungen so widerlich und
|
||
nutzlos vor, ich habe es selbst erfahren, daß man am liebsten alles
|
||
wegwerfen, sich zu Hause ins Bett legen und von nichts mehr hören
|
||
wollte. Das wäre aber natürlich wieder das Dümmste, auch hätte man im
|
||
Bett nicht lange Ruhe.“ „Sie dachten damals also nicht an die großen
|
||
Advokaten?“ fragte K. „Nicht lange,“ sagte der Kaufmann und lächelte
|
||
wieder, „vollständig vergessen kann man sie leider nicht, besonders die
|
||
Nacht ist solchen Gedanken günstig. Aber damals wollte ich ja sofortige
|
||
Erfolge, ich ging daher zu den Winkeladvokaten.“
|
||
|
||
„Wie Ihr hier beieinander sitzt,“ rief Leni, die mit der Tasse
|
||
zurückgekommen war und in der Tür stehenblieb. Sie saßen wirklich eng
|
||
beisammen, bei der kleinsten Wendung mußten sie mit den Köpfen
|
||
aneinanderstoßen, der Kaufmann, der abgesehen von seiner Kleinheit auch
|
||
noch den Rücken gekrümmt hielt, hatte K. gezwungen, sich auch tief zu
|
||
bücken, wenn er alles hören wollte. „Noch ein Weilchen,“ rief K. Leni
|
||
abwehrend zu und zuckte ungeduldig mit der Hand, die er noch immer auf
|
||
des Kaufmanns Hand liegen hatte. „Er wollte, daß ich ihm von meinem
|
||
Prozeß erzähle,“ sagte der Kaufmann zu Leni. „Erzähle nur, erzähle,“
|
||
sagte diese. Sie sprach mit dem Kaufmann liebevoll, aber doch auch
|
||
herablassend. K. gefiel das nicht; wie er jetzt erkannt hatte, hatte
|
||
der Mann doch einen gewissen Wert, zunächst hatte er Erfahrungen, die
|
||
er gut mitzuteilen verstand. Leni beurteilte ihn wahrscheinlich
|
||
unrichtig. Er sah ärgerlich zu, als Leni jetzt dem Kaufmann die Kerze,
|
||
die er die ganze Zeit über festgehalten hatte, abnahm, ihm die Hand mit
|
||
ihrer Schürze abwischte und dann neben ihm niederkniete, um etwas Wachs
|
||
wegzukratzen, das von der Kerze auf seine Hose getropft war. „Sie
|
||
wollten mir von den Winkeladvokaten erzählen,“ sagte K. und schob ohne
|
||
eine weitere Bemerkung Lenis Hand weg. „Was willst du denn?“ fragte
|
||
Leni, schlug leicht nach K. und setzte ihre Arbeit fort. „Ja, von den
|
||
Winkeladvokaten,“ sagte der Kaufmann und fuhr sich über die Stirn, als
|
||
denke er nach. K. wollte ihm nachhelfen und sagte: „Sie wollten
|
||
sofortige Erfolge haben und gingen deshalb zu den Winkeladvokaten.“
|
||
„Ganz richtig,“ sagte der Kaufmann, setzte aber nicht fort. „Er will
|
||
vielleicht vor Leni nicht davon sprechen,“ dachte K., bezwang seine
|
||
Ungeduld, das Weitere gleich jetzt zu hören und drang nun nicht mehr
|
||
weiter in ihn.
|
||
|
||
„Hast du mich angemeldet?“ fragte er Leni. „Natürlich,“ sagte diese,
|
||
„er wartet auf dich. Laß’ jetzt Block, mit Block kannst du auch später
|
||
reden, er bleibt doch hier.“ K. zögerte noch. „Sie bleiben hier?“
|
||
fragte er den Kaufmann, er wollte seine eigene Antwort, er wollte
|
||
nicht, daß Leni vom Kaufmann wie von einem Abwesenden sprach, er war
|
||
heute gegen Leni voll geheimen Ärgers. Und wieder antwortete nur Leni:
|
||
„Er schläft hier öfters.“ „Schläft hier?“ rief K., er hatte gedacht,
|
||
der Kaufmann werde hier nur auf ihn warten, während er die Unterredung
|
||
mit dem Advokaten rasch erledigen würde, dann aber würden sie gemeinsam
|
||
fortgehn und alles gründlich und ungestört besprechen. „Ja,“ sagte
|
||
Leni, „nicht jeder wird wie du, Josef, zu beliebiger Stunde beim
|
||
Advokaten vorgelassen. Du scheinst dich ja gar nicht darüber zu
|
||
wundern, daß dich der Advokat trotz seiner Krankheit noch um 11 Uhr
|
||
nachts empfängt. Du nimmst das, was deine Freunde für dich tun, doch
|
||
als gar zu selbstverständlich an. Nun, deine Freunde oder zunächst ich,
|
||
tun es gerne. Ich will keinen andern Dank und brauche auch keinen
|
||
andern, als daß du mich lieb hast.“ „Dich liebhaben?“ dachte K. im
|
||
ersten Augenblick, erst dann ging es ihm durch den Kopf: „Nun ja, ich
|
||
habe sie lieb.“ Trotzdem sagte er, alles andere vernachlässigend: „Er
|
||
empfängt mich, weil ich sein Klient bin. Wenn auch dafür noch fremde
|
||
Hilfe nötig wäre, müßte man bei jedem Schritt immer gleichzeitig
|
||
betteln und danken.“ „Wie schlimm er heute ist, nicht?“ fragte Leni den
|
||
Kaufmann. „Jetzt bin ich der Abwesende,“ dachte K. und wurde fast sogar
|
||
auf den Kaufmann böse, als dieser die Unhöflichkeit Lenis übernehmend
|
||
sagte: „Der Advokat empfängt ihn auch noch aus andern Gründen. Sein
|
||
Fall ist nämlich interessanter als der meine. Außerdem aber ist sein
|
||
Prozeß in den Anfängen, also wahrscheinlich noch nicht sehr verfahren,
|
||
da beschäftigt sich der Advokat noch gern mit ihm. Später wird das
|
||
anders werden.“ „Ja, ja,“ sagte Leni und sah den Kaufmann lachend an,
|
||
„wie er schwatzt! Ihm darfst du nämlich,“ hierbei wandte sie sich an
|
||
K., „gar nichts glauben. So lieb er ist, so geschwätzig ist er.
|
||
Vielleicht mag ihn der Advokat auch deshalb nicht leiden. Jedenfalls
|
||
empfängt er ihn nur, wenn er in Laune ist. Ich habe mir schon viel Mühe
|
||
gegeben, das zu ändern, aber es ist unmöglich. Denke nur, manchmal
|
||
melde ich Block an, er empfängt ihn aber erst am dritten Tag nachher.
|
||
Ist Block aber zu der Zeit, wenn er vorgerufen wird, nicht zur Stelle,
|
||
so ist alles verloren und er muß von neuem angemeldet werden. Deshalb
|
||
habe ich Block erlaubt, hier zu schlafen, es ist ja schon vorgekommen,
|
||
daß er in der Nacht um ihn geläutet hat. Jetzt ist also Block auch in
|
||
der Nacht bereit. Allerdings geschieht es jetzt wieder, daß der
|
||
Advokat, wenn sich zeigt, daß Block da ist, seinen Auftrag, ihn
|
||
vorzulassen, manchmal widerruft.“ K. sah fragend zum Kaufmann hin.
|
||
Dieser nickte und sagte, so offen wie er früher mit K. gesprochen
|
||
hatte, vielleicht war er zerstreut vor Beschämung: „Ja, man wird später
|
||
sehr abhängig von seinem Advokaten.“ „Er klagt ja nur zum Schein,“
|
||
sagte Leni. „Er schläft hier sehr gern, wie er mir schon oft gestanden
|
||
hat.“ Sie ging zu einer kleinen Tür und stieß sie auf. „Willst du sein
|
||
Schlafzimmer sehn?“ fragte sie K., ging hin und sah von der Schwelle
|
||
aus in den niedrigen fensterlosen Raum, der von einem schmalen Bett
|
||
vollständig ausgefüllt war. In dieses Bett mußte man über den
|
||
Bettpfosten steigen. Am Kopfende des Bettes war eine Vertiefung in der
|
||
Mauer, dort standen peinlich geordnet eine Kerze, Tintenfaß und Feder,
|
||
sowie ein Bündel Papiere, wahrscheinlich Prozeßschriften. „Sie schlafen
|
||
im Dienstmädchenzimmer?“ fragte K. und wendete sich zum Kaufmann
|
||
zurück. „Leni hat es mir eingeräumt,“ antwortete der Kaufmann, „es ist
|
||
sehr vorteilhaft.“ K. sah ihn lange an; der erste Eindruck, den er von
|
||
dem Kaufmann erhalten hatte, war vielleicht doch der richtige gewesen;
|
||
Erfahrungen hatte er, denn sein Prozeß dauerte schon lange, aber er
|
||
hatte diese Erfahrungen teuer bezahlt. Plötzlich ertrug K. den Anblick
|
||
des Kaufmanns nicht mehr. „Bring ihn doch ins Bett,“ rief er Leni zu,
|
||
die ihn gar nicht zu verstehen schien. Er selbst aber wollte zum
|
||
Advokaten gehn und durch die Kündigung sich nicht nur vom Advokaten,
|
||
sondern auch von Leni und dem Kaufmann befreien. Aber noch ehe er zur
|
||
Tür gekommen war, sprach ihn der Kaufmann mit leiser Stimme an: „Herr
|
||
Prokurist,“ K. wandte sich mit bösem Gesichte um. „Sie haben Ihr
|
||
Versprechen vergessen,“ sagte der Kaufmann und streckte sich von seinem
|
||
Sitz aus bittend K. entgegen. „Sie wollten mir auch ein Geheimnis
|
||
sagen.“ „Wahrhaftig,“ sagte K. und streifte auch Leni, die ihn
|
||
aufmerksam ansah mit einem Blick, „also hören Sie: es ist allerdings
|
||
fast kein Geheimnis mehr. Ich gehe jetzt zum Advokaten, um ihn zu
|
||
entlassen.“ „Er entläßt ihn,“ rief der Kaufmann, sprang vom Sessel und
|
||
lief mit erhobenen Armen in der Küche umher. Immer wieder rief er: „Er
|
||
entläßt den Advokaten.“ Leni wollte gleich auf K. losfahren, aber der
|
||
Kaufmann kam ihr in den Weg, wofür sie ihm mit den Fäusten einen Hieb
|
||
gab. Noch mit den zu Fäusten geballten Händen lief sie dann hinter K.,
|
||
der aber einen großen Vorsprung hatte. Er war schon in das Zimmer des
|
||
Advokaten eingetreten, als ihn Leni einholte. Die Tür hatte er hinter
|
||
sich fest geschlossen, aber Leni, die mit dem Fuß den Türflügel
|
||
offenhielt, faßte ihn beim Arm und wollte ihn zurückziehen. Aber er
|
||
drückte ihr Handgelenk so stark, daß sie ihn unter einem Seufzer
|
||
loslassen mußte. Ins Zimmer einzutreten wagte sie nicht gleich, K. aber
|
||
versperrte die Tür mit dem Schlüssel.
|
||
|
||
„Ich warte schon sehr lange auf Sie,“ sagte der Advokat vom Bett aus,
|
||
legte ein Schriftstück, das er beim Licht einer Kerze gelesen hatte,
|
||
auf das Nachttischchen und setzte sich eine Brille auf, mit der er K.
|
||
scharf ansah. Statt sich zu entschuldigen, sagte K.: „Ich gehe bald
|
||
wieder weg.“ Der Advokat hatte K.s Bemerkung, weil sie keine
|
||
Entschuldigung war, unbeachtet gelassen und sagte: „Ich werde Sie
|
||
nächstens zu dieser späten Stunde nicht mehr vorlassen.“ „Das kommt
|
||
meinem Anliegen entgegen,“ sagte K. Der Advokat sah ihn fragend an.
|
||
„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Weil Sie es wünschen“, sagte K., zog
|
||
einen Sessel zum Nachttischchen und setzte sich. „Es schien mir, daß
|
||
Sie die Tür abgesperrt haben,“ sagte der Advokat. „Ja,“ sagte K., „es
|
||
war Lenis wegen.“ Er hatte nicht die Absicht, irgend jemanden zu
|
||
schonen. Aber der Advokat fragte: „War sie wieder zudringlich?“
|
||
„Zudringlich?“ fragte K. „Ja,“ sagte der Advokat, er lachte dabei,
|
||
bekam einen Hustenanfall und begann, nachdem dieser vergangen war,
|
||
wieder zu lachen. „Sie haben doch wohl ihre Zudringlichkeit schon
|
||
bemerkt,“ fragte er und klopfte K. auf die Hand, die dieser zerstreut
|
||
auf das Nachttischchen gestützt hatte und die er jetzt rasch zurückzog.
|
||
„Sie legen dem nicht viel Bedeutung bei,“ sagte der Advokat, als K.
|
||
schwieg, „desto besser. Sonst hätte ich mich vielleicht bei Ihnen
|
||
entschuldigen müssen. Es ist eine Sonderbarkeit Lenis, die ich ihr
|
||
übrigens längst verziehen habe und von der ich auch nicht reden würde,
|
||
wenn Sie nicht eben jetzt die Tür abgesperrt hätten. Diese
|
||
Sonderbarkeit, Ihnen allerdings müßte ich sie wohl am wenigstens
|
||
erklären, aber Sie sehen mich so bestürzt an und deshalb tue ich es,
|
||
diese Sonderbarkeit besteht darin, daß Leni die meisten Angeklagten
|
||
schön findet. Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings
|
||
auch von allen geliebt zu werden; um mich zu unterhalten, erzählt sie
|
||
mir dann, wenn ich es erlaube, manchmal davon. Ich bin über das Ganze
|
||
nicht so erstaunt wie Sie es zu sein scheinen. Wenn man den richtigen
|
||
Blick dafür hat, findet man die Angeklagten wirklich oft schön. Das
|
||
allerdings ist eine merkwürdige, gewissermaßen naturwissenschaftliche
|
||
Erscheinung. Es tritt natürlich als Folge der Anklage nicht etwa eine
|
||
deutliche, genau zu bestimmende Veränderung des Aussehens ein. Es ist
|
||
doch nicht wie in andern Gerichtssachen, die meisten bleiben in ihrer
|
||
gewöhnlichen Lebensweise und werden, wenn sie einen guten Advokaten
|
||
haben, der für sie sorgt, durch den Prozeß nicht sehr behindert.
|
||
Trotzdem sind diejenigen, welche darin Erfahrung haben, imstande, aus
|
||
der größten Menge die Angeklagten Mann für Mann zu erkennen. Woran?
|
||
werden Sie fragen. Meine Antwort wird Sie nicht befriedigen. Die
|
||
Angeklagten sind eben die Schönsten. Es kann nicht die Schuld sein, die
|
||
sie schön macht, denn — so muß wenigstens ich als Advokat sprechen — es
|
||
sind doch nicht alle schuldig, es kann auch nicht die richtige Strafe
|
||
sein, die sie jetzt schon schön macht, denn es werden doch nicht alle
|
||
bestraft, es kann also nur an dem gegen sie erhobenen Verfahren liegen,
|
||
das ihnen irgendwie anhaftet. Allerdings gibt es unter den Schönen auch
|
||
besonders Schöne. Schön sind aber alle, selbst Block, dieser elende
|
||
Wurm.“
|
||
|
||
K. war, als der Advokat geendet hatte, vollständig gefaßt, er hatte
|
||
sogar zu den letzten Worten auffallend genickt und sich so selbst die
|
||
Bestätigung seiner alten Ansicht gegeben, nach welcher der Advokat ihn
|
||
immer und so auch diesmal durch allgemeine Mitteilungen, die nicht zur
|
||
Sache gehörten, zu zerstreuen und von der Hauptfrage, was er an
|
||
tatsächlicher Arbeit für K.s Sache getan hatte, abzulenken suchte. Der
|
||
Advokat merkte wohl, daß ihm K. diesmal mehr Widerstand leistete als
|
||
sonst, denn er verstummte jetzt, um K. die Möglichkeit zu geben, selbst
|
||
zu sprechen, und fragte dann, da K. stumm blieb: „Sind Sie heute mit
|
||
einer bestimmten Absicht zu mir gekommen?“ „Ja,“ sagte K. und blendete
|
||
mit der Hand ein wenig die Kerze ab, um den Advokaten besser zu sehn,
|
||
„ich wollte Ihnen sagen, daß ich Ihnen mit dem heutigen Tage meine
|
||
Vertretung entziehe.“ „Verstehe ich Sie recht,“ fragte der Advokat,
|
||
erhob sich halb im Bett und stützte sich mit einer Hand auf die Kissen.
|
||
„Ich nehme es an,“ sagte K., der straff aufgerichtet wie auf der Lauer
|
||
dasaß. „Nun, wir können ja auch diesen Plan besprechen,“ sagte der
|
||
Advokat nach einem Weilchen. „Es ist kein Plan mehr,“ sagte K. „Mag
|
||
sein,“ sagte der Advokat, „wir wollen aber trotzdem nichts übereilen.“
|
||
Er gebrauchte das Wort „wir“, als habe er nicht die Absicht, K.
|
||
freizulassen und als wolle er, wenn er schon nicht sein Vertreter sein
|
||
dürfe, wenigstens sein Berater bleiben. „Es ist nicht übereilt,“ sagte
|
||
K., stand langsam auf und trat hinter seinen Sessel, „es ist gut
|
||
überlegt und vielleicht sogar zu lange. Der Entschluß ist endgültig.“
|
||
„Dann erlauben Sie mir nur noch einige Worte,“ sagte der Advokat, hob
|
||
das Federbett weg und setzte sich auf den Bettrand. Seine nackten
|
||
weißhaarigen Beine zitterten vor Kälte. Er bat K., ihm vom Kanapee eine
|
||
Decke zu reichen. K. holte die Decke und sagte: „Sie setzen sich ganz
|
||
unnötig einer Verkühlung aus.“ „Der Anlaß ist wichtig genug,“ sagte der
|
||
Advokat, während er den Oberkörper mit dem Federbett umhüllte und dann
|
||
die Beine in die Decke einwickelte. „Ihr Onkel ist mein Freund und auch
|
||
Sie sind mir im Laufe der Zeit lieb geworden. Ich gestehe das offen
|
||
ein. Ich brauche mich dessen nicht zu schämen.“ Diese rührseligen Reden
|
||
des alten Mannes waren K. sehr unwillkommen, denn sie zwangen ihn zu
|
||
einer ausführlicheren Erklärung, die er gern vermieden hätte, und sie
|
||
beirrten ihn außerdem, wie er sich offen eingestand, wenn sie
|
||
allerdings auch seinen Entschluß niemals rückgängig machen konnten.
|
||
„Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung,“ sagte er, „ich
|
||
erkenne auch an, daß Sie sich meiner Sache so sehr angenommen haben,
|
||
wie es Ihnen möglich ist und wie es Ihnen für mich vorteilhaft scheint.
|
||
Ich jedoch habe in der letzten Zeit die Überzeugung gewonnen, daß das
|
||
nicht genügend ist. Ich werde natürlich niemals versuchen, Sie, einen
|
||
so viel älteren und erfahreneren Mann von meiner Ansicht überzeugen zu
|
||
wollen; wenn ich es manchmal unwillkürlich versucht habe, so verzeihen
|
||
Sie mir, die Sache aber ist, wie Sie sich selbst ausdrückten, wichtig
|
||
genug, und es ist meiner Überzeugung nach notwendig, viel kräftiger in
|
||
den Prozeß einzugreifen, als es bisher geschehen ist.“ „Ich verstehe
|
||
Sie,“ sagte der Advokat, „Sie sind ungeduldig.“ „Ich bin nicht
|
||
ungeduldig,“ sagte K. ein wenig gereizt und achtete nicht mehr so viel
|
||
auf seine Worte. „Sie dürften bei meinem ersten Besuch, als ich mit
|
||
meinem Onkel zu Ihnen kam, bemerkt haben, daß mir an dem Prozeß nicht
|
||
viel lag; wenn man mich nicht gewissermaßen gewaltsam an ihn erinnerte,
|
||
vergaß ich ihn vollständig. Aber mein Onkel bestand darauf, daß ich
|
||
Ihnen meine Vertretung übergebe, ich tat es, um ihm gefällig zu sein.
|
||
Und nun hätte man doch erwarten sollen, daß mir der Prozeß noch
|
||
leichter fallen würde als bis dahin, denn man übergibt doch dem
|
||
Advokaten die Vertretung, um die Last des Prozesses ein wenig von sich
|
||
abzuwälzen. Es geschah aber das Gegenteil. Niemals früher hatte ich so
|
||
große Sorgen wegen des Prozesses wie seit der Zeit, seitdem Sie mich
|
||
vertreten. Als ich allein war, unternahm ich nichts in meiner Sache,
|
||
aber ich fühlte es kaum, jetzt dagegen hatte ich einen Vertreter, alles
|
||
war dafür eingerichtet, daß etwas geschehe, unaufhörlich und immer
|
||
gespannter erwartete ich Ihr Eingreifen, aber es blieb aus. Ich bekam
|
||
von Ihnen allerdings verschiedene Mitteilungen über das Gericht, die
|
||
ich vielleicht von niemandem sonst hätte bekommen können. Aber das kann
|
||
mir nicht genügen, wenn mir jetzt der Prozeß förmlich im Geheimen immer
|
||
näher an den Leib rückt.“ K. hatte den Sessel von sich gestoßen und
|
||
stand, die Hände in den Rocktaschen, aufrecht da. „Von einem gewissen
|
||
Zeitpunkt der Praxis an,“ sagte der Advokat leise und ruhig, „ereignet
|
||
sich nichts wesentlich Neues mehr. Wie viele Parteien sind in ähnlichen
|
||
Stadien der Prozesse ähnlich wie Sie vor mir gestanden und haben
|
||
ähnlich gesprochen.“ „Dann haben,“ sagte K., „alle diese ähnlichen
|
||
Parteien ebenso recht gehabt wie ich. Das widerlegt mich gar nicht.“
|
||
„Ich wollte Sie damit nicht widerlegen,“ sagte der Advokat, „ich wollte
|
||
aber noch hinzufügen, daß ich bei Ihnen mehr Urteilskraft erwartet
|
||
hätte als bei andern, besonders da ich Ihnen mehr Einblick in das
|
||
Gerichtswesen und in meine Tätigkeit gegeben habe, als ich es sonst
|
||
Parteien gegenüber tue. Und nun muß ich sehn, daß Sie trotz allem nicht
|
||
genügend Vertrauen zu mir haben. Sie machen es mir nicht leicht.“ Wie
|
||
sich der Advokat vor K. demütigte! Ohne jede Rücksicht auf die
|
||
Standesehre, die gewiß gerade in diesem Punkte am empfindlichsten ist.
|
||
Und warum tat er das? Er war doch dem Anschein nach ein
|
||
vielbeschäftigter Advokat und überdies ein reicher Mann, es konnte ihm
|
||
an und für sich weder an dem Verdienstentgang noch an dem Verlust eines
|
||
Klienten viel liegen. Außerdem war er kränklich und hätte selbst darauf
|
||
bedacht sein sollen, daß ihm Arbeit abgenommen werde. Und trotzdem
|
||
hielt er K. so fest! Warum? War es persönliche Anteilnahme für den
|
||
Onkel oder sah er K.s Prozeß wirklich für so außerordentlich an und
|
||
hoffte sich darin auszuzeichnen entweder für K. oder — diese
|
||
Möglichkeit war eben niemals auszuschließen — für die Freunde beim
|
||
Gericht? An ihm selbst war nichts zu erkennen, so rücksichtslos prüfend
|
||
ihn auch K. ansah. Man hätte fast annehmen können, er warte mit
|
||
absichtlich verschlossener Miene die Wirkung seiner Worte ab. Aber er
|
||
deutete offenbar das Schweigen K.s für sich allzu günstig, wenn er
|
||
jetzt fortfuhr: „Sie werden bemerkt haben, daß ich zwar eine große
|
||
Kanzlei habe, aber keine Hilfskräfte beschäftige. Das war früher
|
||
anders, es gab eine Zeit, wo einige junge Juristen für mich arbeiteten,
|
||
heute arbeite ich allein. Es hängt dies zum Teil mit der Änderung
|
||
meiner Praxis zusammen, indem ich mich immer mehr auf Rechtssachen von
|
||
der Art der Ihrigen beschränkte, zum Teil mit der immer tiefern
|
||
Erkenntnis, die ich von diesen Rechtssachen erhielt. Ich fand, daß ich
|
||
diese Arbeit niemandem überlassen dürfe, wenn ich mich nicht an meinen
|
||
Klienten und an der Aufgabe, die ich übernommen hatte, versündigen
|
||
wollte. Der Entschluß aber, alle Arbeit selbst zu leisten, hatte die
|
||
natürlichen Folgen: ich mußte fast alle Ansuchen um Vertretungen
|
||
abweisen und konnte nur denen nachgeben, die mir besonders nahe gingen
|
||
— nun, es gibt ja genug Kreaturen, und sogar ganz in der Nähe, die sich
|
||
auf jeden Brocken stürzen, den ich wegwerfe. Und außerdem wurde ich vor
|
||
Überanstrengung krank. Aber trotzdem bereue ich meinen Entschluß nicht,
|
||
es ist möglich, daß ich mehr Vertretungen hätte abweisen sollen, als
|
||
ich getan habe, daß ich aber den übernommenen Prozessen mich ganz
|
||
hingegeben habe, hat sich als unbedingt notwendig herausgestellt und
|
||
durch die Erfolge belohnt. Ich habe einmal in einer Schrift den
|
||
Unterschied sehr schön ausgedrückt gefunden, der zwischen der
|
||
Vertretung in gewöhnlichen Rechtssachen und der Vertretung in diesen
|
||
Rechtssachen besteht. Es hieß dort: der eine Advokat führt seinen
|
||
Klienten an einem Zwirnsfaden bis zum Urteil, der andere aber hebt
|
||
seinen Klienten gleich auf die Schultern und trägt ihn, ohne ihn
|
||
abzusetzen, zum Urteil und noch darüber hinaus. So ist es. Aber es war
|
||
nicht ganz richtig, wenn ich sagte, daß ich diese große Arbeit niemals
|
||
bereue. Wenn sie, wie in Ihrem Fall, so vollständig verkannt wird,
|
||
dann, nun dann bereue ich fast.“ K. wurde durch diese Reden mehr
|
||
ungeduldig als überzeugt. Er glaubte irgendwie aus dem Tonfall des
|
||
Advokaten herauszuhören, was ihn erwartete, wenn er nachgeben würde,
|
||
wieder würden die Vertröstungen beginnen, die Hinweise auf die
|
||
fortschreitende Eingabe, auf die gebesserte Stimmung der
|
||
Gerichtsbeamten, aber auch auf die großen Schwierigkeiten, die sich der
|
||
Arbeit entgegenstellten, — kurz, alles bis zum Überdruß Bekannte würde
|
||
hervorgeholt werden, um K. wieder mit unbestimmten Hoffnungen zu
|
||
täuschen und mit unbestimmten Drohungen zu quälen. Das mußte endgültig
|
||
verhindert werden, er sagte deshalb: „Was wollen Sie in meiner Sache
|
||
unternehmen, wenn Sie die Vertretung behalten?“ Der Advokat fügte sich
|
||
sogar dieser beleidigenden Frage und antwortete: „In dem, was ich für
|
||
Sie bereits unternommen habe, weiter fortfahren.“ „Ich wußte es ja,“
|
||
sagte K., „nun ist aber jedes weitere Wort überflüssig.“ „Ich werde
|
||
noch einen Versuch machen,“ sagte der Advokat, als geschehe das, was K.
|
||
erregte, nicht K. sondern ihm. „Ich habe nämlich die Vermutung, daß Sie
|
||
nicht nur zu der falschen Beurteilung meines Rechtsbeistandes, sondern
|
||
auch zu Ihrem sonstigen Verhalten, dadurch verleitet werden, daß man
|
||
Sie, trotzdem Sie Angeklagter sind, zu gut behandelt oder richtiger
|
||
ausgedrückt nachlässig, scheinbar nachlässig behandelt. Auch dieses
|
||
Letztere hat seinen Grund; es ist oft besser in Ketten als frei zu
|
||
sein. Aber ich möchte Ihnen doch zeigen, wie andere Angeklagte
|
||
behandelt werden, vielleicht gelingt es Ihnen, daraus eine Lehre zu
|
||
nehmen. Ich werde jetzt nämlich Block vorrufen, sperren Sie die Tür auf
|
||
und setzen Sie sich hier neben den Nachttisch.“ „Gerne,“ sagte K. und
|
||
tat, was der Advokat verlangt hatte; zu lernen war er immer bereit. Um
|
||
sich aber für jeden Fall zu sichern, fragte er noch: „Sie haben aber
|
||
zur Kenntnis genommen, daß ich Ihnen meine Vertretung entziehe?“ „Ja,“
|
||
sagte der Advokat, „Sie können es aber heute noch rückgängig machen.“
|
||
Er legte sich wieder ins Bett zurück, zog das Federbett bis zum Knie
|
||
und drehte sich der Wand zu. Dann läutete er.
|
||
|
||
Fast gleichzeitig mit dem Glockenzeichen erschien Leni, sie suchte
|
||
durch rasche Blicke zu erfahren, was geschehen war; daß K. still beim
|
||
Bett des Advokaten saß, schien ihr beruhigend. Sie nickte K., der sie
|
||
starr ansah, lächelnd zu. „Hole Block,“ sagte der Advokat. Statt ihn
|
||
aber zu holen, trat sie nur vor die Tür, rief: „Block! Zum Advokaten!“
|
||
und schlüpfte dann, wahrscheinlich weil der Advokat zur Wand abgekehrt
|
||
blieb und sich um nichts kümmerte, hinter K.s Sessel. Sie störte ihn
|
||
von nun ab, indem sie sich über die Sessellehne vorbeugte oder mit den
|
||
Händen, allerdings sehr zart und vorsichtig, durch sein Haar fuhr und
|
||
über seine Wangen strich. Schließlich suchte K. sie daran zu hindern,
|
||
indem er sie bei einer Hand erfaßte, die sie ihm nach einigem
|
||
Widerstreben überließ.
|
||
|
||
Block war auf den Anruf hin gleich gekommen, blieb aber vor der Tür
|
||
stehn und schien zu überlegen, ob er eintreten sollte. Er zog die
|
||
Augenbrauen hoch und neigte den Kopf, als horche er, ob sich der Befehl
|
||
zum Advokaten zu kommen, wiederholen würde. K. hätte ihn zum Eintreten
|
||
aufmuntern können, aber er hatte sich vorgenommen, nicht nur mit dem
|
||
Advokaten, sondern mit allem, was hier in der Wohnung war, endgültig zu
|
||
brechen und verhielt sich deshalb regungslos. Auch Leni schwieg. Block
|
||
merkte, daß ihn wenigstens niemand verjage und trat auf den Fußspitzen
|
||
ein, das Gesicht gespannt, die Hände auf dem Rücken verkrampft. Die Tür
|
||
hatte er für einen möglichen Rückzug offengelassen. K. blickte er gar
|
||
nicht an, sondern immer nur das hohe Federbett, unter dem der Advokat,
|
||
da er sich ganz nahe an die Wand geschoben hatte, nicht einmal zu sehen
|
||
war. Da hörte man aber seine Stimme: „Block hier?“ fragte er. Diese
|
||
Frage gab Block, der schon eine große Strecke weitergerückt war,
|
||
förmlich einen Stoß in die Brust und dann einen in den Rücken, er
|
||
taumelte, blieb tief gebückt stehn und sagte: „Zu dienen.“ „Was willst
|
||
du?“ fragte der Advokat, „du kommst ungelegen.“ „Wurde ich nicht
|
||
gerufen?“ fragte Block mehr sich selbst als den Advokaten, hielt die
|
||
Hände zum Schutze vor und war bereit wegzulaufen. „Du wurdest gerufen,“
|
||
sagte der Advokat, „trotzdem kommst du ungelegen.“ Und nach einer Pause
|
||
fügte er hinzu: „Du kommst immer ungelegen.“ Seitdem der Advokat
|
||
sprach, sah Block nicht mehr auf das Bett hin, er starrte vielmehr
|
||
irgendwo in eine Ecke und lauschte nur, als sei der Seitenblick des
|
||
Sprechers zu blendend, als daß er ihn ertragen könnte. Es war aber auch
|
||
das Zuhören schwer, denn der Advokat sprach gegen die Wand, und zwar
|
||
leise und schnell. „Wollt Ihr, daß ich weggehe?“ fragte Block. „Nun
|
||
bist du einmal da,“ sagte der Advokat. „Bleib!“ Man hätte glauben
|
||
können, der Advokat habe nicht Blocks Wunsch erfüllt, sondern ihm etwa
|
||
mit Prügeln gedroht, denn jetzt fing Block wirklich zu zittern an. „Ich
|
||
war gestern,“ sagte der Advokat, „beim dritten Richter, meinem Freund,
|
||
und habe allmählich das Gespräch auf dich gelenkt. Willst du wissen,
|
||
was er sagte?“ „O bitte,“ sagte Block. Da der Advokat nicht gleich
|
||
antwortete, wiederholte Block nochmals die Bitte und neigte sich, als
|
||
wolle er niederknien. Da fuhr ihn aber K. an: „Was tust du?“ rief er.
|
||
Da ihn Leni an dem Ausruf hatte hindern wollen, faßte er auch ihre
|
||
zweite Hand. Es war nicht der Druck der Liebe, mit dem er sie
|
||
festhielt, sie seufzte auch öfters und suchte ihm die Hände zu
|
||
entwinden. Für K.s Ausruf aber wurde Block gestraft, denn der Advokat
|
||
fragte ihn: „Wer ist denn dein Advokat?“ „Ihr seid es,“ sagte Block.
|
||
„Und außer mir?“ fragte der Advokat. „Niemand außer Euch,“ sagte Block.
|
||
„Dann folge auch niemandem sonst,“ sagte der Advokat. Block erkannte
|
||
das vollständig an, er maß K. mit bösen Blicken und schüttelte heftig
|
||
gegen ihn den Kopf. Hätte man dieses Benehmen in Worte übersetzt, so
|
||
wären es grobe Beschimpfungen gewesen. Mit diesem Menschen hatte K.
|
||
freundschaftlich über seine eigene Sache reden wollen! „Ich werde dich
|
||
nicht mehr stören,“ sagte K. in den Sessel zurückgelehnt. „Knie nieder
|
||
oder krieche auf allen Vieren, tu’ was du willst, ich werde mich nicht
|
||
darum kümmern.“ Aber Block hatte doch Ehrgefühl, wenigstens gegenüber
|
||
K., denn er ging mit den Fäusten fuchtelnd auf ihn zu, und rief so laut
|
||
als er es nur in der Nähe des Advokaten wagte: „Sie dürfen nicht so mit
|
||
mir reden, das ist nicht erlaubt. Warum beleidigen Sie mich? Und
|
||
überdies noch hier vor dem Herrn Advokaten, wo wir beide, Sie und ich,
|
||
nur aus Barmherzigkeit geduldet sind? Sie sind kein besserer Mensch als
|
||
ich, denn Sie sind auch angeklagt und haben auch einen Prozeß. Wenn Sie
|
||
aber trotzdem noch ein Herr sind, dann bin ich ein ebensolcher Herr,
|
||
wenn nicht gar ein noch größerer. Und ich will auch als ein solcher
|
||
angesprochen werden, gerade von Ihnen. Wenn Sie sich aber dadurch für
|
||
bevorzugt halten, daß Sie hier sitzen und ruhig zuhören dürfen, während
|
||
ich, wie Sie sich ausdrücken, auf allen Vieren krieche, dann erinnere
|
||
ich Sie an den alten Rechtsspruch: für den Verdächtigen ist Bewegung
|
||
besser als Ruhe, denn der, welcher ruht, kann immer, ohne es zu wissen,
|
||
auf einer Wagschale sein und mit seinen Sünden gewogen werden.“ K.
|
||
sagte nichts, er staunte nur mit unbeweglichen Augen diesen verwirrten
|
||
Menschen an. Was für Veränderungen waren mit ihm nur schon in der
|
||
letzten Stunde vor sich gegangen! War es der Prozeß, der ihn so hin und
|
||
her warf und ihn nicht erkennen ließ, wo Freund und wo Feind war. Sah
|
||
er denn nicht, daß der Advokat ihn absichtlich demütigte und diesmal
|
||
nichts anderes bezweckte, als sich vor K. mit seiner Macht zu brüsten
|
||
und sich dadurch vielleicht auch K. zu unterwerfen? Wenn Block aber
|
||
nicht fähig war, das zu erkennen oder wenn er den Advokaten so sehr
|
||
fürchtete, daß ihm jene Erkenntnis nichts helfen konnte, wie kam es,
|
||
daß er doch wieder so schlau oder so kühn war, den Advokaten zu
|
||
betrügen und ihm zu verschweigen, daß er außer ihm noch andere
|
||
Advokaten für sich arbeiten ließ. Und wieso wagte er es, K.
|
||
anzugreifen, da dieser doch gleich sein Geheimnis verraten konnte. Aber
|
||
er wagte noch mehr, er ging zum Bett des Advokaten und begann sich nun
|
||
auch dort über K. zu beschweren: „Herr Advokat,“ sagte er, „habt Ihr
|
||
gehört, wie dieser Mann mit mir gesprochen hat? Man kann noch die
|
||
Stunden seines Prozesses zählen und schon will er mir, einem Mann, der
|
||
fünf Jahre im Prozesse steht, gute Lehren geben. Er beschimpft mich
|
||
sogar. Weiß nichts und beschimpft mich, der ich, soweit meine schwachen
|
||
Kräfte reichen, genau studiert habe, was Anstand, Pflicht und
|
||
Gerichtsgebrauch verlangt.“ „Kümmere dich um niemanden,“ sagte der
|
||
Advokat, „und tue, was dir richtig scheint.“ „Gewiß,“ sagte Block, als
|
||
spreche er sich selbst Mut zu, und kniete unter einem kurzen
|
||
Seitenblick nun knapp beim Bett nieder. „Ich knie schon, mein Advokat,“
|
||
sagte er. Der Advokat schwieg aber. Block streichelte mit einer Hand
|
||
vorsichtig das Federbett. In der Stille, die jetzt herrschte, sagte
|
||
Leni, indem sie sich von K.s Händen befreite: „Du machst mir Schmerzen.
|
||
Laß mich. Ich gehe zu Block.“ Sie ging hin und setzte sich auf den
|
||
Bettrand. Block war über ihr Kommen sehr erfreut, er bat sie gleich
|
||
durch lebhafte, aber stumme Zeichen, sich beim Advokaten für ihn
|
||
einzusetzen. Er benötigte offenbar die Mitteilungen des Advokaten sehr
|
||
dringend, aber vielleicht nur zu dem Zweck, um sie durch seine übrigen
|
||
Advokaten ausnützen zu lassen. Leni wußte wahrscheinlich genau, wie man
|
||
dem Advokaten beikommen könne, sie zeigte auf die Hand des Advokaten
|
||
und spitzte die Lippen wie zum Kuß. Gleich führte Block den Handkuß aus
|
||
und wiederholte ihn auf eine Aufforderung Lenis hin noch zweimal. Aber
|
||
der Advokat schwieg noch immer. Da beugte sich Leni über den Advokaten
|
||
hin, der schöne Wuchs ihres Körpers wurde sichtbar, als sie sich so
|
||
streckte, und strich tief zu seinem Gesicht geneigt über sein langes
|
||
weißes Haar. Das zwang ihm nun doch eine Antwort ab. „Ich zögere, es
|
||
ihm mitzuteilen,“ sagte der Advokat und man sah, wie er den Kopf ein
|
||
wenig schüttelte, vielleicht um des Drucks von Lenis Hand mehr
|
||
teilhaftig zu werden. Block horchte mit gesenktem Kopf, als übertrete
|
||
er durch dieses Horchen ein Gebot. „Warum zögerst du denn?“ fragte
|
||
Leni. K. hatte das Gefühl, als höre er ein einstudiertes Gespräch, das
|
||
sich schon oft wiederholt hatte, das sich noch oft wiederholen würde
|
||
und das nur für Block seine Neuheit nicht verlieren konnte. „Wie hat er
|
||
sich heute verhalten?“ fragte der Advokat, statt zu antworten. Ehe sich
|
||
Leni darüber äußerte, sah sie zu Block hinunter und beobachtete ein
|
||
Weilchen, wie er die Hände ihr entgegenhob und bittend aneinander rieb.
|
||
Schließlich nickte sie ernst, wandte sich zum Advokaten und sagte: „Er
|
||
war ruhig und fleißig.“ Ein alter Kaufmann, ein Mann mit langem Bart
|
||
flehte ein junges Mädchen um ein günstiges Zeugnis an. Mochte er dabei
|
||
auch Hintergedanken haben, nichts konnte ihn in den Augen eines
|
||
Mitmenschen rechtfertigen. Er entwürdigte fast den Zuseher. So wirkte
|
||
also die Methode des Advokaten, welcher K. glücklicherweise nicht lange
|
||
genug ausgesetzt gewesen war, daß der Klient schließlich die ganze Welt
|
||
vergaß und nur auf diesem Irrweg zum Ende des Prozesses sich
|
||
fortzuschleppen hoffte. Das war kein Klient mehr, das war der Hund des
|
||
Advokaten. Hätte ihm dieser befohlen, unter das Bett wie in eine
|
||
Hundehütte zu kriechen und von dort aus zu bellen, er hätte es mit Lust
|
||
getan. Als sei K. beauftragt, alles was hier gesprochen wurde, genau in
|
||
sich aufzunehmen, an einem höhern Ort die Anzeige davon zu erstatten
|
||
und einen Bericht abzulegen, hörte er prüfend und überlegen zu. „Was
|
||
hat er während des ganzen Tags getan?“ fragte der Advokat. „Ich habe
|
||
ihn,“ sagte Leni, „damit er mich bei der Arbeit nicht störe, in dem
|
||
Dienstmädchenzimmer eingesperrt, wo er sich ja gewöhnlich aufhält.
|
||
Durch die Lücke konnte ich von Zeit zu Zeit nachsehn, was er machte. Er
|
||
kniete immer auf dem Bett, hatte die Schriften, die du ihm geliehen
|
||
hast, auf dem Fensterbrett aufgeschlagen und las in ihnen. Das hat
|
||
einen guten Eindruck auf mich gemacht; das Fenster führt nämlich nur in
|
||
einen Luftschacht und gibt fast kein Licht. Daß Block trotzdem las,
|
||
zeigte mir, wie folgsam er ist.“ „Es freut mich, das zu hören,“ sagte
|
||
der Advokat. „Hat er aber auch mit Verständnis gelesen?“ Block bewegte
|
||
während dieses Gesprächs unaufhörlich die Lippen, offenbar formulierte
|
||
er die Antworten, die er von Leni erhoffte. „Darauf kann ich
|
||
natürlich,“ sagte Leni, „nicht mit Bestimmtheit antworten. Jedenfalls
|
||
habe ich gesehn, daß er gründlich las. Er hat den ganzen Tag über die
|
||
gleiche Seite gelesen und beim Lesen den Finger die Zeilen
|
||
entlanggeführt. Immer wenn ich zu ihm hineinsah, hat er geseufzt, als
|
||
mache ihm das Lesen viel Mühe. Die Schriften, die du ihm geliehen hast,
|
||
sind wahrscheinlich schwer verständlich.“ „Ja,“ sagte der Advokat,
|
||
„das sind sie allerdings. Ich glaube auch nicht, daß er etwas von ihnen
|
||
versteht. Sie sollen ihm nur eine Ahnung davon geben, wie schwer der
|
||
Kampf ist, den ich zu seiner Verteidigung führe. Und für wen führe ich
|
||
diesen schweren Kampf? Für — es ist fast lächerlich es auszusprechen —
|
||
für Block. Auch was das bedeutet, soll er begreifen lernen. Hat er
|
||
ununterbrochen studiert?“ „Fast ununterbrochen,“ antwortete Leni, „nur
|
||
einmal hat er mich um Wasser zum Trinken gebeten. Da habe ich ihm ein
|
||
Glas durch die Luke gereicht. Um 8 Uhr habe ich ihn dann herausgelassen
|
||
und ihm etwas zu essen gegeben.“ Block streifte K. mit einem
|
||
Seitenblick, als werde hier Rühmendes von ihm erzählt und müsse auch
|
||
auf K. Eindruck machen. Er schien jetzt gute Hoffnungen zu haben,
|
||
bewegte sich freier und rückte auf den Knien hin und her. Desto
|
||
deutlicher war es, wie er unter den folgenden Worten des Advokaten
|
||
erstarrte. „Du lobst ihn,“ sagte der Advokat. „Aber gerade das macht es
|
||
mir schwer, zu reden. Der Richter hat sich nämlich nicht günstig
|
||
ausgesprochen, weder über Block selbst noch über seinen Prozeß.“ „Nicht
|
||
günstig?“ fragte Leni. „Wie ist das möglich?“ Block sah sie mit einem
|
||
so gespannten Blick an, als traue er ihr die Fähigkeit zu, jetzt noch
|
||
die längst ausgesprochenen Worte des Richters zu seinen Gunsten zu
|
||
wenden. „Nicht günstig,“ sagte der Advokat. „Er war sogar unangenehm
|
||
berührt, als ich von Block zu sprechen anfing. Reden Sie nicht von
|
||
Block, sagte er. Er ist mein Klient, sagte ich. Sie lassen sich
|
||
mißbrauchen, sagte er. Ich halte seine Sache nicht für verloren, sagte
|
||
ich. Sie lassen sich mißbrauchen, wiederholte er. Ich glaube es nicht,
|
||
sagte ich. Block ist im Prozeß fleißig und immer hinter seiner Sache
|
||
her. Er wohnt fast bei mir, um immer auf dem Laufenden zu sein. Solchen
|
||
Eifer findet man nicht immer. Gewiß, er ist persönlich nicht angenehm,
|
||
hat häßliche Umgangsformen und ist schmutzig, aber in prozessualer
|
||
Hinsicht ist er untadelhaft. Ich sagte untadelhaft, ich übertrieb
|
||
absichtlich. Darauf sagte er: Block ist bloß schlau. Er hat viel
|
||
Erfahrung angesammelt und versteht es, den Prozeß zu verschleppen. Aber
|
||
seine Unwissenheit ist noch viel größer als seine Schlauheit. Was würde
|
||
er wohl dazu sagen, wenn er erfahren würde, daß sein Prozeß noch gar
|
||
nicht begonnen hat, wenn man ihm sagen würde, daß noch nicht einmal das
|
||
Glockenzeichen zum Beginn des Prozesses gegeben ist. Ruhig, Block,“
|
||
sagte der Advokat, denn Block begann sich gerade auf unsicheren Knien
|
||
zu erheben und wollte offenbar um Aufklärung bitten. Es war jetzt das
|
||
erstemal, daß sich der Advokat mit ausführlicheren Worten geradezu an
|
||
Block wendete. Mit müden Augen sah er halb ziellos, halb zu Block
|
||
hinunter, der unter diesem Blick wieder langsam in die Knie zurücksank.
|
||
„Diese Äußerung des Richters hat für dich gar keine Bedeutung,“ sagte
|
||
der Advokat. „Erschrick doch nicht bei jedem Wort. Wenn sich das
|
||
wiederholt, werde ich dir gar nichts mehr verraten. Man kann keinen
|
||
Satz beginnen, ohne daß du einen anschaust, als ob jetzt dein Endurteil
|
||
käme. Schäme dich hier vor meinem Klienten! Auch erschütterst du das
|
||
Vertrauen, das er in mich setzt. Was willst du denn? Noch lebst du,
|
||
noch stehst du unter meinem Schutz. Sinnlose Angst! Du hast irgendwo
|
||
gelesen, daß das Endurteil in manchen Fällen unversehens komme aus
|
||
beliebigem Munde zu beliebiger Zeit. Mit vielen Vorbehalten ist das
|
||
allerdings wahr, ebenso wahr aber ist es, daß mich deine Angst anwidert
|
||
und daß ich darin einen Mangel des notwendigen Vertrauens sehe. Was
|
||
habe ich denn gesagt? Ich habe die Äußerung eines Richters
|
||
wiedergegeben. Du weißt, die verschiedenen Ansichten häufen sich um das
|
||
Verfahren bis zur Undurchdringlichkeit. Dieser Richter z. B. nimmt den
|
||
Anfang des Verfahrens zu einem andern Zeitpunkt an als ich. Ein
|
||
Meinungsunterschied, nichts weiter. In einem gewissen Stadium des
|
||
Prozesses wird nach altem Brauch ein Glockenzeichen gegeben. Nach der
|
||
Ansicht dieses Richters beginnt damit der Prozeß. Ich kann dir jetzt
|
||
nicht alles sagen, was dagegen spricht, du würdest es auch nicht
|
||
verstehn, es genüge dir, daß viel dagegen spricht.“ Verlegen fuhr Block
|
||
unten mit den Fingern durch das Fell des Bettvorlegers, die Angst wegen
|
||
des Ausspruchs des Richters ließ ihn zeitweise die eigene
|
||
Untertänigkeit gegenüber dem Advokaten vergessen, er dachte dann nur an
|
||
sich und drehte die Worte des Richters nach allen Seiten. „Block,“
|
||
sagte Leni in warnendem Ton und zog ihn am Rockkragen ein wenig in die
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||
Höhe. „Laß jetzt das Fell und höre dem Advokaten zu.“ K. begriff nicht,
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wie der Advokat daran hatte denken können, durch diese Vorführung ihn
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zu gewinnen. Hätte er ihn nicht schon früher verjagt, er hätte es durch
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diese Szene erreicht.
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NEUNTES KAPITEL
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IM DOM
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K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der
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für sie sehr wichtig war und sich zum erstenmal in dieser Stadt
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aufhielt, einige Kunstdenkmäler zu zeigen. Es war ein Auftrag, den er
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zu anderer Zeit gewiß für ehrend gehalten hätte, den er aber jetzt, da
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er nur mit großer Anstrengung sein Ansehn in der Bank noch wahren
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konnte, widerwillig übernahm. Jede Stunde, die er dem Bureau entzogen
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wurde, machte ihm Kummer; er konnte zwar die Bureauzeit bei weitem
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nicht mehr so ausnutzen wie früher, er brachte manche Stunden nur unter
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dem notdürftigsten Anschein wirklicher Arbeit hin, aber desto größer
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waren seine Sorgen, wenn er nicht im Bureau war. Er glaubte dann zu
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sehn, wie der Direktor-Stellvertreter, der ja immer auf der Lauer
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gewesen war, von Zeit zu Zeit in sein Bureau kam, sich an seinen
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Schreibtisch setzte, seine Schriftstücke durchsuchte, Parteien, mit
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denen K. seit Jahren fast befreundet gewesen war, empfing und ihm
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abspenstig machte, ja vielleicht sogar Fehler aufdeckte, von denen sich
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K. während der Arbeit jetzt immer aus tausend Richtungen bedroht sah
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und die er nicht mehr vermeiden konnte. Wurde er daher einmal, sei es
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in noch so auszeichnender Weise, zu einem Geschäftsweg oder gar zu
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einer kleinen Reise beauftragt — solche Aufträge hatten sich in der
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letzten Zeit ganz zufällig gehäuft — dann lag immerhin die Vermutung
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nahe, daß man ihn für ein Weilchen aus dem Bureau entfernen und seine
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Arbeit überprüfen wolle oder wenigstens, daß man ihn im Bureau für
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leicht entbehrlich halte. Die meisten dieser Aufträge hätte er ohne
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Schwierigkeit ablehnen können, aber er wagte es nicht, denn, wenn seine
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Befürchtung auch nur im geringsten begründet war, bedeutete die
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Ablehnung des Auftrags Geständnis seiner Angst. Aus diesem Grunde nahm
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er solche Aufträge scheinbar gleichmütig hin und verschwieg sogar, als
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er eine anstrengende zweitägige Geschäftsreise machen sollte, eine
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ernstliche Verkühlung, um sich nur nicht der Gefahr auszusetzen, mit
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Berufung auf das gerade herrschende regnerische Herbstwetter von der
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Reise abgehalten zu werden. Als er von dieser Reise mit wütenden
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Kopfschmerzen zurückkehrte, erfuhr er, daß er dazu bestimmt sei, am
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nächsten Tag den italienischen Geschäftsfreund zu begleiten. Die
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Verlockung, sich wenigstens dieses eine Mal zu weigern, war sehr groß,
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vor allem war das, was man ihm hier zugedacht hatte, keine unmittelbar
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mit dem Geschäft zusammenhängende Arbeit, aber die Erfüllung dieser
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gesellschaftlichen Pflicht gegenüber dem Geschäftsfreund war an sich
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zweifellos wichtig genug, nur nicht für K., der wohl wußte, daß er sich
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nur durch Arbeitserfolge erhalten könne, und daß es, wenn ihm das nicht
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gelingen würde, vollständig wertlos war, wenn er diesen Italiener
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unerwarteterweise sogar bezaubern sollte; er wollte nicht einmal für
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einen Tag aus dem Bereich der Arbeit geschoben werden, denn die Furcht,
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nicht mehr zurückgelassen zu werden, war zu groß, eine Furcht, die er
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sehr genau als übertrieben erkannte, die ihn aber doch beengte. In
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diesem Fall allerdings war es fast unmöglich, einen annehmbaren Einwand
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zu erfinden, K.s Kenntnis des Italienischen war zwar nicht sehr groß,
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aber immerhin genügend; das Entscheidende aber war, daß K. aus früherer
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Zeit einige künstlerische Kenntnisse besaß, was in äußerst
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übertriebener Weise dadurch in der Bank bekannt geworden war, daß K.
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eine Zeit lang übrigens auch nur aus geschäftlichen Gründen Mitglied
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des Vereins zur Erhaltung der städtischen Kunstdenkmäler gewesen war.
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Nun war aber der Italiener, wie man gerüchtweise erfahren hatte, ein
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||
Kunstliebhaber und die Wahl K.s zu seinem Begleiter war daher
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selbstverständlich.
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Es war ein sehr regnerischer stürmischer Morgen, als K. voll Ärger über
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den Tag, der ihm bevorstand, schon um 7 Uhr ins Bureau kam, um
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wenigstens einige Arbeit noch fertigzubringen, ehe der Besuch ihn allem
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entziehen würde. Er war sehr müde, denn er hatte die halbe Nacht mit
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dem Studium einer italienischen Grammatik verbracht, um sich ein wenig
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vorzubereiten, das Fenster, an dem er in der letzten Zeit viel zu oft
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zu sitzen pflegte, lockte ihn mehr als der Schreibtisch, aber er
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||
widerstand und setzte sich zur Arbeit. Leider trat gerade der Diener
|
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ein und meldete, der Herr Direktor habe ihn geschickt, um nachzusehn,
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ob der Herr Prokurist schon hier sei; sei er hier, dann möge er so
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freundlich sein und ins Empfangszimmer hinüberkommen, der Herr aus
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||
Italien sei schon da. „Ich komme schon,“ sagte K., steckte ein kleines
|
||
Wörterbuch in die Tasche, nahm ein Album der städtischen
|
||
Sehenswürdigkeiten, das er für den Fremden vorbereitet hatte, unter den
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Arm, und ging durch das Bureau des Direktor-Stellvertreters in das
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||
Direktionszimmer. Er war glücklich darüber, so früh ins Bureau gekommen
|
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zu sein und sofort zur Verfügung stehn zu können, was wohl niemand
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||
ernstlich erwartet hatte. Das Bureau des Direktor-Stellvertreters war
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natürlich noch leer wie in tiefer Nacht, wahrscheinlich hatte der
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Diener auch ihn ins Empfangszimmer berufen sollen, es war aber
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erfolglos gewesen. Als K. ins Empfangszimmer eintrat, erhoben sich die
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||
zwei Herren aus den tiefen Fauteuils. Der Direktor lächelte freundlich,
|
||
offenbar war er sehr erfreut über K.s Kommen, er besorgte sofort die
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||
Vorstellung, der Italiener schüttelte K. kräftig die Hand und nannte
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lachend irgend jemanden einen Frühaufsteher, K. verstand nicht genau
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||
wen er meinte, es war überdies ein sonderbares Wort, dessen Sinn K.
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erst nach einem Weilchen erriet. Er antwortete mit einigen glatten
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||
Sätzen, die der Italiener wieder lachend hinnahm, wobei er mehrmals mit
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||
nervöser Hand über seinen graublauen buschigen Schnurrbart fuhr. Dieser
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||
Bart war offenbar parfümiert, man war fast versucht, sich zu nähern und
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||
zu riechen. Als sich alle gesetzt hatten und ein kleines einleitendes
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||
Gespräch begann, bemerkte K. mit großem Unbehagen, daß er den Italiener
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||
nur bruchstückweise verstand. Wenn er ganz ruhig sprach, verstand er
|
||
ihn fast vollständig, das waren aber nur seltene Ausnahmen, meistens
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||
quoll ihm die Rede aus dem Mund, er schüttelte den Kopf wie vor Lust
|
||
darüber. Bei solchen Reden aber verwickelte er sich regelmäßig in
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||
irgendeinen Dialekt, der für K. nichts Italienisches mehr hatte, den
|
||
aber der Direktor nicht nur verstand, sondern auch sprach, was K.
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||
allerdings hätte voraussehn können, denn der Italiener stammte aus
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||
Süditalien, wo auch der Direktor einige Jahre gewesen war. Jedenfalls
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||
erkannte K., daß ihm die Möglichkeit, sich mit dem Italiener zu
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||
verständigen, zum größten Teil genommen war, denn auch dessen
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||
Französisch war nur schwer verständlich, auch verdeckte der Bart die
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||
Lippenbewegungen, deren Anblick vielleicht zum Verständnis geholfen
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||
hätte. K. begann viel Unannehmlichkeiten vorauszusehn, vorläufig gab er
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||
es auf, den Italiener verstehn zu wollen — in der Gegenwart des
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||
Direktors, der ihn so leicht verstand, wäre es unnötige Anstrengung
|
||
gewesen — und er beschränkte sich darauf, ihn verdrießlich zu
|
||
beobachten, wie er tief und doch leicht in dem Fauteuil ruhte, wie er
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||
öfters an seinem kurzen, scharf geschnittenen Röckchen zupfte und wie
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||
er einmal mit erhobenen Armen und lose in den Gelenken bewegten Händen
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||
irgend etwas darzustellen versuchte, das K. nicht begreifen konnte,
|
||
trotzdem er vorgebeugt die Hände nicht aus den Augen ließ. Schließlich
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||
machte sich bei K., der sonst unbeschäftigt, nur mechanisch mit den
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||
Blicken dem Hin und Her der Reden folgte, die frühere Müdigkeit geltend
|
||
und er ertappte sich einmal zu seinem Schrecken glücklicherweise noch
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||
rechtzeitig darauf, daß er in der Zerstreutheit gerade hatte aufstehn,
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||
sich umdrehn und weggehn wollen. Endlich sah der Italiener auf die Uhr
|
||
und sprang auf. Nachdem er sich vom Direktor verabschiedet hatte,
|
||
drängte er sich an K. und zwar so dicht, daß K. sein Fauteuil
|
||
zurückschieben mußte, um sich bewegen zu können. Der Direktor, der
|
||
gewiß an K.s Augen die Not erkannte, in der er sich gegenüber diesem
|
||
Italienisch befand, mischte sich in das Gespräch und zwar so klug und
|
||
so zart, daß es den Anschein hatte, als füge er nur kleine Ratschläge
|
||
bei, während er in Wirklichkeit alles, was der Italiener, unermüdlich
|
||
ihm in die Rede fallend, vorbrachte, in aller Kürze K. verständlich
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||
machte. K. erfuhr von ihm, daß der Italiener vorläufig noch einige
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||
Geschäfte zu besorgen habe, daß er leider auch im Ganzen nur wenig Zeit
|
||
haben werde, daß er auch keinesfalls beabsichtige, in Eile alle
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||
Sehenswürdigkeiten abzulaufen, daß er sich vielmehr — allerdings nur
|
||
wenn K. zustimme, bei ihm allein liege die Entscheidung — entschlossen
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||
habe, nur den Dom, diesen aber gründlich, zu besichtigen. Er freue sich
|
||
ungemein, diese Besichtigung in Begleitung eines so gelehrten und
|
||
liebenswürdigen Mannes — damit war K. gemeint, der mit nichts anderem
|
||
beschäftigt war, als den Italiener zu überhören und die Worte des
|
||
Direktors schnell aufzufassen — vornehmen zu können und er bitte ihn,
|
||
wenn ihm die Stunde gelegen sei, in zwei Stunden, etwa um 10 Uhr, sich
|
||
im Dom einzufinden. Er selbst hoffe, um diese Zeit schon bestimmt dort
|
||
sein zu können. K. antwortete einiges Entsprechende, der Italiener
|
||
drückte zuerst dem Direktor, dann K., dann nochmals dem Direktor die
|
||
Hand und ging, von beiden gefolgt, nur noch halb ihnen zugewendet, im
|
||
Reden aber noch immer nicht aussetzend, zur Tür. K. blieb dann noch ein
|
||
Weilchen mit dem Direktor beisammen, der heute besonders leidend
|
||
aussah. Er glaubte sich bei K. irgendwie entschuldigen zu müssen und
|
||
sagte — sie standen vertraulich nahe beisammen — zuerst hätte er
|
||
beabsichtigt, selbst mit dem Italiener zu gehn, dann aber — er gab
|
||
keinen nähern Grund an — habe er sich entschlossen, lieber K. zu
|
||
schicken. Wenn er den Italiener nicht gleich im Anfang verstehe, so
|
||
müsse er sich dadurch nicht verblüffen lassen, das Verständnis komme
|
||
sehr rasch, und wenn er auch viel überhaupt nicht verstehen sollte, so
|
||
sei es auch nicht so schlimm, denn für den Italiener sei es nicht gar
|
||
so wichtig, verstanden zu werden. Übrigens sei K.s Italienisch
|
||
überraschend gut und er werde sich gewiß ausgezeichnet mit der Sache
|
||
abfinden. Damit war K. verabschiedet. Die Zeit, die ihm noch freiblieb,
|
||
verbrachte er damit, seltene Vokabeln, die er zur Führung im Dom
|
||
benötigte, aus dem Wörterbuch herauszuschreiben. Es war eine äußerst
|
||
lästige Arbeit, Diener brachten die Post, Beamte kamen mit
|
||
verschiedenen Anfragen und blieben, da sie K. beschäftigt sahen, bei
|
||
der Tür stehn, rührten sich aber nicht weg, bis sie K. angehört hatte,
|
||
der Direktor-Stellvertreter ließ es sich nicht entgehn, K. zu stören,
|
||
kam öfters herein, nahm ihm das Wörterbuch aus der Hand und blätterte
|
||
offenbar ganz sinnlos darin, selbst Parteien tauchten, wenn sich die
|
||
Tür öffnete, im Halbdunkel des Vorzimmers auf und verbeugten sich
|
||
zögernd, sie wollten auf sich aufmerksam machen, waren aber dessen
|
||
nicht sicher, ob sie gesehen wurden — das alles bewegte sich um K. als
|
||
um seinen Mittelpunkt, während er selbst die Wörter, die er brauchte,
|
||
zusammenstellte, dann im Wörterbuch suchte, dann herausschrieb, dann
|
||
sich in ihrer Aussprache übte und schließlich auswendig zu lernen
|
||
versuchte. Sein früheres gutes Gedächtnis schien ihn aber ganz
|
||
verlassen zu haben, manchmal wurde er auf den Italiener, der ihm diese
|
||
Anstrengung verursachte, so wütend, daß er das Wörterbuch unter
|
||
Papieren vergrub mit der festen Absicht, sich nicht mehr vorzubereiten,
|
||
dann aber sah er ein, daß er doch nicht stumm mit dem Italiener vor den
|
||
Kunstwerken im Dom auf und ab gehen könne und er zog mit noch größerer
|
||
Wut das Wörterbuch wieder hervor.
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||
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Gerade um ½10 Uhr, als er weggehn wollte, erfolgte ein telephonischer
|
||
Anruf, Leni wünschte ihm guten Morgen und fragte nach seinem Befinden,
|
||
K. dankte eilig und bemerkte, er könne sich jetzt unmöglich in ein
|
||
Gespräch einlassen, denn er müsse in den Dom. „In den Dom?“ fragte
|
||
Leni. „Nun ja, in den Dom.“ „Warum denn in den Dom?“ sagte Leni. K.
|
||
suchte es ihr in Kürze zu erklären, aber kaum hatte er damit
|
||
angefangen, sagte Leni plötzlich: „Sie hetzen dich.“ Bedauern, das er
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||
nicht herausgefordert und nicht erwartet hatte, vertrug K. nicht, er
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verabschiedete sich mit zwei Worten, sagte aber doch, während er den
|
||
Hörer an seinen Platz hängte, halb zu sich, halb zu dem fernen Mädchen,
|
||
das es nicht mehr hörte: „Ja, sie hetzen mich.“
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Nun war es aber schon spät, es bestand schon fast die Gefahr, daß er
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||
nicht rechtzeitig ankam. Im Automobil fuhr er hin, im letzten
|
||
Augenblick hatte er sich noch an das Album erinnert, das er früh zu
|
||
übergeben keine Gelegenheit gefunden hatte und das er deshalb jetzt
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mitnahm. Er hielt es auf seinen Knien und trommelte während der ganzen
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||
Fahrt unruhig darauf. Der Regen war schwächer geworden, aber es war
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||
feucht, kühl und dunkel, man würde im Dom wenig sehn, wohl aber würde
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sich dort, infolge des langen Stehns auf den kalten Fließen, K.s
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Verkühlung sehr verschlimmern.
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Der Domplatz war ganz leer, K. erinnerte sich, daß es ihm schon als
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kleinem Kind aufgefallen war, daß in den Häusern dieses engen Platzes
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immer fast alle Fenstervorhänge herabgelassen waren. Bei dem heutigen
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Wetter war es allerdings verständlicher als sonst. Auch im Dom schien
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es leer zu sein, es fiel natürlich niemandem ein, jetzt
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hierherzukommen. K. durchlief beide Seitenschiffe, er traf nur ein
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altes Weib, das eingehüllt in ein warmes Tuch vor einem Marienbild
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kniete und es anblickte. Von weitem sah er dann noch einen hinkenden
|
||
Diener in einer Mauertür verschwinden. K. war pünktlich gekommen,
|
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gerade bei seinem Eintritt hatte es 10 geschlagen, der Italiener war
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||
aber noch nicht hier. K. ging zum Haupteingang zurück, stand dort eine
|
||
Zeit lang unentschlossen und machte dann im Regen einen Rundgang um den
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Dom, um nachzusehn, ob der Italiener nicht vielleicht bei irgendeinem
|
||
Seiteneingang warte. Er war nirgends zu finden. Sollte der Direktor
|
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etwa die Zeitangabe mißverstanden haben? Wie konnte man auch diesen
|
||
Menschen richtig verstehn. Wie es aber auch sein mochte, jedenfalls
|
||
mußte K. zunächst eine halbe Stunde auf ihn warten. Da er müde war,
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||
wollte er sich setzen, er ging wieder in den Dom, fand auf einer Stufe
|
||
einen kleinen teppichartigen Fetzen, zog ihn mit der Fußspitze vor eine
|
||
nahe Bank, wickelte sich fester in seinen Mantel, schlug den Kragen in
|
||
die Höhe und setzte sich. Um sich zu zerstreuen, schlug er das Album
|
||
auf, blätterte darin ein wenig, mußte aber bald aufhören, denn es wurde
|
||
so dunkel, daß er, als er aufblickte, in dem nahen Seitenschiff kaum
|
||
eine Einzelheit unterscheiden konnte.
|
||
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||
In der Ferne funkelte auf dem Hauptaltar ein großes Dreieck von
|
||
Kerzenlichtern, K. hätte nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob er sie
|
||
schon früher gesehen hatte. Vielleicht waren sie erst jetzt angezündet
|
||
worden. Die Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher, man bemerkt sie
|
||
nicht. Als sich K. zufällig umdrehte, sah er nicht weit hinter sich
|
||
eine hohe starke an einer Säule befestigte Kerze gleichfalls brennen.
|
||
So schön das war, zur Beleuchtung der Altarbilder, die meistens in der
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||
Finsternis der Seitenaltäre hingen, war es gänzlich unzureichend, es
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||
vermehrte vielmehr die Finsternis. Es war vom Italiener ebenso
|
||
vernünftig als unhöflich gehandelt, daß er nicht gekommen war, es wäre
|
||
nichts zu sehen gewesen, man hätte sich damit begnügen müssen, mit K.s
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||
elektrischer Taschenlampe einige Bilder zollweise abzusuchen. Um zu
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||
versuchen, was man davon erwarten könnte, ging K. zu einer nahen
|
||
kleinen Seitenkapelle, stieg ein paar Stufen bis zu einer niedrigen
|
||
Marmorbrüstung, und über sie vorgebeugt beleuchtete er mit der Lampe
|
||
das Altarbild. Störend schwebte das ewige Licht davor. Das Erste, was
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||
K. sah und zum Teil erriet, war ein großer gepanzerter Ritter, der am
|
||
äußersten Rande des Bildes dargestellt war. Er stützte sich auf sein
|
||
Schwert, das er in den kahlen Boden vor sich — nur einige Grashalme
|
||
kamen hier und da hervor — gestoßen hatte. Er schien aufmerksam einen
|
||
Vorgang zu beobachten, der sich vor ihm abspielte. Es war erstaunlich,
|
||
daß er so stehenblieb und sich nicht näherte. Vielleicht war er dazu
|
||
bestimmt, Wache zu stehen. K., der schon lange keine Bilder gesehen
|
||
hatte, betrachtete den Ritter längere Zeit, trotzdem er immerfort mit
|
||
den Augen zwinkern mußte, da er das grüne Licht der Lampe nicht
|
||
vertrug. Als er dann das Licht über den übrigen Teil des Bildes
|
||
streichen ließ, fand er eine Grablegung Christi in gewöhnlicher
|
||
Auffassung, es war übrigens ein neueres Bild. Er steckte die Lampe ein
|
||
und kehrte wieder zu seinem Platz zurück.
|
||
|
||
Es war nun schon wahrscheinlich unnötig, auf den Italiener zu warten,
|
||
draußen war aber gewiß strömender Regen, und da es hier nicht so kalt
|
||
war, wie K. erwartet hatte, beschloß er vorläufig hierzubleiben. In
|
||
seiner Nachbarschaft war die große Kanzel, auf ihrem kleinen runden
|
||
Dach waren halb liegend zwei leere goldene Kreuze angebracht, die sich
|
||
mit ihrer äußersten Spitze überquerten. Die Außenwand der Brüstung und
|
||
der Übergang zur tragenden Säule war von grünem Laubwerk gebildet, in
|
||
das kleine Engel griffen, bald lebhaft, bald ruhend. K. trat vor die
|
||
Kanzel und untersuchte sie von allen Seiten, die Bearbeitung des
|
||
Steines war überaus sorgfältig, das tiefe Dunkel zwischen dem Laubwerk
|
||
und hinter ihm schien wie eingefangen und festgehalten, K. legte seine
|
||
Hand in eine solche Lücke und tastete dann den Stein vorsichtig ab, von
|
||
dem Dasein dieser Kanzel hatte er bisher gar nicht gewußt. Da bemerkte
|
||
er zufällig hinter der nächsten Bankreihe einen Kirchendiener, der dort
|
||
in einem hängenden faltigen schwarzen Rock stand, in der linken Hand
|
||
eine Schnupftabakdose hielt und ihn betrachtete. „Was will denn der
|
||
Mann?“ dachte K. „Bin ich ihm verdächtig? Will er ein Trinkgeld?“ Als
|
||
sich aber nun der Kirchendiener von K. bemerkt sah, zeigte er mit der
|
||
Rechten, zwischen zwei Fingern hielt er noch eine Prise Tabak, in
|
||
irgendeine unbestimmte Richtung. Sein Benehmen war fast unverständlich,
|
||
K. wartete noch ein Weilchen, aber der Kirchendiener hörte nicht auf
|
||
mit der Hand etwas zu zeigen und bekräftigte es noch durch Kopfnicken.
|
||
„Was will er denn?“ fragte K. leise, er wagte es nicht, hier zu rufen;
|
||
dann aber zog er die Geldtasche und drängte sich durch die nächste
|
||
Bank, um zu dem Mann zu kommen. Doch dieser machte sofort eine
|
||
abwehrende Bewegung mit der Hand, zuckte die Schultern und hinkte
|
||
davon. Mit einer ähnlichen Gangart, wie es dieses eilige Hinken war,
|
||
hatte K. als Kind das Reiten auf Pferden nachzuahmen versucht. „Ein
|
||
kindischer Alter,“ dachte K., „sein Verstand reicht nur noch zum
|
||
Kirchendienst aus. Wie er stehnbleibt, wenn ich stehe, und wie er
|
||
lauert, ob ich weitergehen will.“ Lächelnd folgte K. dem Alten durch
|
||
das ganze Seitenschiff fast bis zur Höhe des Hauptaltars, der Alte
|
||
hörte nicht auf, etwas zu zeigen, aber K. drehte sich absichtlich nicht
|
||
um, das Zeigen hatte keinen andern Zweck, als ihn von der Spur des
|
||
Alten abzubringen. Schließlich ließ er wirklich von ihm, er wollte ihn
|
||
nicht zu sehr ängstigen, auch wollte er die Erscheinung, für den Fall,
|
||
daß der Italiener doch noch kommen sollte, nicht ganz verscheuchen.
|
||
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||
Als er in das Hauptschiff trat, um seinen Platz zu suchen, auf dem er
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||
das Album liegengelassen hatte, bemerkte er an einer Säule fast
|
||
angrenzend an die Bänke des Altarchors eine kleine Nebenkanzel, ganz
|
||
einfach, aus kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der
|
||
Ferne wie eine noch leere Nische erschien, die für die Aufnahme einer
|
||
Statue bestimmt war. Der Prediger konnte gewiß keinen vollen Schritt
|
||
von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann die steinerne Einwölbung
|
||
der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg zwar ohne jeden Schmuck, aber
|
||
derartig geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht
|
||
aufrecht stehn konnte, sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen
|
||
mußte. Das Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt, es war
|
||
unverständlich, wozu man diese Kanzel benötigte, da man doch die andere
|
||
große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte.
|
||
|
||
K. wäre auch diese kleine Kanzel gewiß nicht aufgefallen, wenn nicht
|
||
oben eine Lampe befestigt gewesen wäre, wie man sie kurz vor einer
|
||
Predigt bereitzustellen pflegt. Sollte jetzt etwa eine Predigt
|
||
stattfinden? In der leeren Kirche? K. sah an der Treppe hinab, die an
|
||
die Säule sich anschmiegend zur Kanzel führte und so schmal war, als
|
||
solle sie nicht für Menschen, sondern nur zum Schmuck der Säule dienen.
|
||
Aber unten an der Kanzel, K. lächelte vor Staunen, stand wirklich der
|
||
Geistliche, hielt die Hand am Geländer, bereit aufzusteigen und sah auf
|
||
K. hin. Dann nickte er ganz leicht mit dem Kopf, worauf K. sich
|
||
bekreuzigte und verbeugte, was er schon früher hätte tun sollen. Der
|
||
Geistliche gab sich einen kleinen Aufschwung und stieg mit kurzen,
|
||
schnellen Schritten die Kanzel hinauf. Sollte wirklich eine Predigt
|
||
beginnen? War vielleicht der Kirchendiener doch nicht so ganz vom
|
||
Verstand verlassen und hatte K. dem Prediger zutreiben wollen, was
|
||
allerdings in der leeren Kirche äußerst notwendig gewesen war. Übrigens
|
||
gab es ja noch irgendwo vor einem Marienbild ein altes Weib, das auch
|
||
hätte kommen sollen. Und wenn es schon eine Predigt sein sollte, warum
|
||
wurde sie nicht von der Orgel eingeleitet. Aber die blieb still und
|
||
blinkte nur schwach aus der Finsternis ihrer großen Höhe.
|
||
|
||
K. dachte daran, ob er sich jetzt nicht eiligst entfernen sollte; wenn
|
||
er es jetzt nicht tat, war keine Aussicht, daß er es während der
|
||
Predigt tun könnte, er mußte dann bleiben, so lange sie dauerte, im
|
||
Bureau verlor er so viel Zeit, auf den Italiener zu warten war er
|
||
längst nicht mehr verpflichtet, er sah auf seine Uhr, es war 11. Aber
|
||
konnte denn wirklich gepredigt werden? Konnte K. allein die Gemeinde
|
||
darstellen? Wie, wenn er ein Fremder gewesen wäre, der nur die Kirche
|
||
besichtigen wollte? Im Grunde war er auch nichts anderes. Es war
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||
unsinnig, daran zu denken, daß gepredigt werden sollte, jetzt um 11
|
||
Uhr, an einem Werktag bei greulichstem Wetter. Der Geistliche — ein
|
||
Geistlicher war es zweifellos, ein junger Mann mit glattem, dunklem
|
||
Gesicht — ging offenbar nur hinauf, um die Lampe zu löschen, die
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||
irrtümlich angezündet worden war.
|
||
|
||
Es war aber nicht so, der Geistliche prüfte vielmehr das Licht und
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||
schraubte es noch ein wenig auf, dann drehte er sich langsam der
|
||
Brüstung zu, die er vorn an der kantigen Einfassung mit beiden Händen
|
||
erfaßte. So stand er eine Zeitlang und blickte, ohne den Kopf zu
|
||
rühren, umher. K. war ein großes Stück zurückgewichen und lehnte mit
|
||
den Ellbogen an der vordersten Kirchenbank. Mit unsichern Augen sah er
|
||
irgendwo, ohne den Ort genau zu bestimmen, den Kirchendiener mit
|
||
krummem Rücken friedlich wie nach beendeter Aufgabe sich
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||
zusammenkauern. Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K.
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mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht hierzubleiben; wenn es die
|
||
Pflicht des Geistlichen war, zu einer bestimmten Stunde ohne Rücksicht
|
||
auf die Umstände zu predigen, so mochte er es tun, es würde auch ohne
|
||
K.s Beistand gelingen, ebenso wie die Anwesenheit K.s die Wirkung gewiß
|
||
nicht steigern würde. Langsam setzte sich also K. in Gang, tastete sich
|
||
auf den Fußspitzen an der Bank hin, kam dann in den breiten Hauptweg
|
||
und ging auch dort ganz ungestört, nur daß der steinerne Boden unter
|
||
dem leisesten Schritt erklang und die Wölbungen schwach, aber
|
||
ununterbrochen, in vielfachem, gesetzmäßigem Fortschreiten davon
|
||
widerhallten. K. fühlte sich ein wenig verlassen, als er dort, vom
|
||
Geistlichen vielleicht beobachtet, zwischen den leeren Bänken allein
|
||
hindurchging, auch schien ihm die Größe des Doms gerade an der Grenze
|
||
des für Menschen noch Erträglichen zu liegen. Als er zu seinem früheren
|
||
Platz kam, haschte er förmlich ohne weiteren Aufenthalt nach dem dort
|
||
liegengelassenen Album und nahm es an sich. Fast hatte er schon das
|
||
Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum, der
|
||
zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum erstenmal die Stimme des
|
||
Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den
|
||
zu ihrer Aufnahme bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der
|
||
Geistliche anrief, es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte,
|
||
er rief: Josef K.!
|
||
|
||
K. stockte und sah vor sich auf den Boden. Vorläufig war er noch frei,
|
||
er konnte noch weitergehn und durch eine der drei kleinen dunklen
|
||
Holztüren, die nicht weit vor ihm waren, sich davon machen. Es würde
|
||
eben bedeuten, daß er nicht verstanden hatte, oder daß er zwar
|
||
verstanden hatte, sich aber darum nicht kümmern wollte. Falls er sich
|
||
aber umdrehte, war er festgehalten, denn dann hatte er das Geständnis
|
||
gemacht, daß er gut verstanden hatte, daß er wirklich der Angerufene
|
||
war und daß er auch folgen wollte. Hätte der Geistliche nochmals
|
||
gerufen, wäre K. gewiß fortgegangen, aber da alles still blieb, so
|
||
lange K. auch wartete, drehte er doch ein wenig den Kopf, denn er
|
||
wollte sehn, was der Geistliche jetzt mache. Er stand ruhig auf der
|
||
Kanzel wie früher, es war aber deutlich zu sehn, daß er K.s Kopfwendung
|
||
bemerkt hatte. Es wäre ein kindliches Versteckenspiel gewesen, wenn
|
||
sich jetzt K. nicht vollständig umgedreht hätte. Er tat es und wurde
|
||
vom Geistlichen durch ein Winken des Fingers näher gerufen. Da jetzt
|
||
alles offen geschehen konnte, lief er — er tat es auch aus Neugierde
|
||
und um die Angelegenheit abzukürzen — mit langen fliegenden Schritten
|
||
der Kanzel entgegen. Bei den ersten Bänken machte er halt, aber dem
|
||
Geistlichen schien die Entfernung noch zu groß, er streckte die Hand
|
||
aus und zeigte mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle
|
||
knapp vor der Kanzel. K. folgte auch darin, er mußte auf diesem Platz
|
||
den Kopf schon weit zurückbeugen, um den Geistlichen noch zu sehn. „Du
|
||
bist Josef K.,“ sagte der Geistliche und erhob eine Hand auf der
|
||
Brüstung in einer unbestimmten Bewegung. „Ja,“ sagte K., er dachte
|
||
daran, wie offen er früher immer seinen Namen genannt hatte, seit
|
||
einiger Zeit war er ihm eine Last, auch kannten jetzt seinen Namen
|
||
Leute, mit denen er zum erstenmal zusammenkam; wie schön war es, sich
|
||
zuerst vorzustellen und dann erst gekannt zu werden. „Du bist
|
||
angeklagt,“ sagte der Geistliche besonders leise. „Ja,“ sagte K., „man
|
||
hat mich davon verständigt.“ „Dann bist du der, den ich suche,“ sagte
|
||
der Geistliche. „Ich bin der Gefängniskaplan.“ „Ach so,“ sagte K. „Ich
|
||
habe dich hierher rufen lassen,“ sagte der Geistliche, „um mit dir zu
|
||
sprechen.“ „Ich wußte es nicht,“ sagte K. „Ich bin hierhergekommen, um
|
||
einem Italiener den Dom zu zeigen.“ „Laß das Nebensächliche,“ sagte der
|
||
Geistliche. „Was hältst du in der Hand? Ist es ein Gebetbuch?“ „Nein,“
|
||
antwortete K., „es ist ein Album der städtischen Sehenswürdigkeiten.“
|
||
„Leg es aus der Hand,“ sagte der Geistliche. K. warf es so heftig weg,
|
||
daß es aufklappte und mit zerdrückten Blättern ein Stück über den Boden
|
||
schleifte. „Weißt du, daß dein Prozeß schlecht steht?“ fragte der
|
||
Geistliche. „Es scheint mir auch so,“ sagte K. „Ich habe mir alle Mühe
|
||
gegeben, bisher aber ohne Erfolg. Allerdings habe ich die Eingabe noch
|
||
nicht fertig.“ „Wie stellst du dir das Ende vor,“ fragte der
|
||
Geistliche. „Früher dachte ich, es müsse gut enden,“ sagte K., „jetzt
|
||
zweifle ich daran manchmal selbst. Ich weiß nicht, wie es enden wird.
|
||
Weißt du es?“ „Nein,“ sagte der Geistliche, „aber ich fürchte, es wird
|
||
schlecht enden. Man hält dich für schuldig. Dein Prozeß wird vielleicht
|
||
über ein niedriges Gericht gar nicht hinauskommen. Man hält wenigstens
|
||
vorläufig deine Schuld für erwiesen.“ „Ich bin aber nicht schuldig,“
|
||
sagte K. „Es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt
|
||
schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“
|
||
„Das ist richtig,“ sagte der Geistliche, „aber so pflegen die
|
||
Schuldigen zu reden.“ „Hast auch du ein Vorurteil gegen mich?“ fragte
|
||
K. „Ich habe kein Vorurteil gegen dich,“ sagte der Geistliche. „Ich
|
||
danke dir,“ sagte K. „Alle andern aber, die an dem Verfahren beteiligt
|
||
sind, haben ein Vorurteil gegen mich. Sie flößen es auch den
|
||
Unbeteiligten ein. Meine Stellung wird immer schwieriger.“ „Du
|
||
mißverstehst die Tatsachen,“ sagte der Geistliche. „Das Urteil kommt
|
||
nicht mit einemmal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.“ „So
|
||
ist es also,“ sagte K. und senkte den Kopf. „Was willst du nächstens in
|
||
deiner Sache tun?“ fragte der Geistliche. „Ich will noch Hilfe suchen,“
|
||
sagte K. und hob den Kopf, um zu sehn, wie der Geistliche es beurteile.
|
||
„Es gibt noch gewisse Möglichkeiten, die ich nicht ausgenützt habe.“
|
||
„Du suchst zuviel fremde Hilfe,“ sagte der Geistliche mißbilligend,
|
||
„und besonders bei Frauen. Merkst du denn nicht, daß es nicht die wahre
|
||
Hilfe ist.“ „Manchmal und sogar oft könnte ich dir recht geben,“ sagte
|
||
K., „aber nicht immer. Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich
|
||
einige Frauen, die ich kenne, dazu bewegen könnte, gemeinschaftlich für
|
||
mich zu arbeiten, müßte ich durchdringen. Besonders bei diesem Gericht,
|
||
das fast nur aus Frauenjägern besteht. Zeig dem Untersuchungsrichter
|
||
eine Frau aus der Ferne und er überrennt, um nur rechtzeitig
|
||
hinzukommen, den Gerichtstisch und den Angeklagten.“ Der Geistliche
|
||
neigte den Kopf zur Brüstung, jetzt erst schien die Überdachung der
|
||
Kanzel ihn niederzudrücken. Was für ein Unwetter mochte draußen sein?
|
||
Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Keine
|
||
Glasmalerei der großen Fenster war imstande, die dunkle Wand auch nur
|
||
mit einem Schimmer zu unterbrechen. Und gerade jetzt begann der
|
||
Kirchendiener die Kerzen auf dem Hauptaltar eine nach der andern
|
||
auszulöschen. „Bist du mir böse,“ fragte K. den Geistlichen. „Du weißt
|
||
vielleicht nicht, was für einem Gericht du dienst.“ Er bekam keine
|
||
Antwort. „Es sind doch nur meine Erfahrungen,“ sagte K. Oben blieb es
|
||
noch immer still. „Ich wollte dich nicht beleidigen,“ sagte K. Da
|
||
schrie der Geistliche zu K. hinunter: „Siehst du denn nicht zwei
|
||
Schritte weit?“ Es war im Zorn geschrien, aber gleichzeitig wie von
|
||
einem, der jemanden fallen sieht und weil er selbst erschrocken ist,
|
||
unvorsichtig ohne Willen schreit.
|
||
|
||
Nun schwiegen beide lange. Gewiß konnte der Geistliche in dem Dunkel,
|
||
das unten herrschte, K. nicht genau erkennen, während K. den
|
||
Geistlichen im Licht der kleinen Lampe deutlich sah. Warum kam der
|
||
Geistliche nicht herunter? Eine Predigt hatte er ja nicht gehalten,
|
||
sondern K. nur einige Mitteilungen gemacht, die ihm, wenn er sie genau
|
||
beachten würde, wahrscheinlich mehr schaden als nützen würden. Wohl
|
||
aber schien K. die gute Absicht des Geistlichen zweifellos zu sein, es
|
||
war nicht unmöglich, daß er sich mit ihm, wenn er herunterkäme, einigen
|
||
würde, es war nicht unmöglich, daß er von ihm einen entscheidenden und
|
||
annehmbaren Rat bekäme, der ihm z. B. zeigen würde, nicht etwa wie der
|
||
Prozeß zu beeinflussen war, sondern wie man aus dem Prozeß ausbrechen,
|
||
wie man ihn umgehen, wie man außerhalb des Prozesses leben könnte.
|
||
Diese Möglichkeit mußte bestehn, K. hatte in der letzten Zeit öfters an
|
||
sie gedacht. Wußte aber der Geistliche eine solche Möglichkeit, würde
|
||
er sie vielleicht, wenn man ihn darum bat, verraten, trotzdem er selbst
|
||
zum Gerichte gehörte und trotzdem er, als K. das Gericht angegriffen
|
||
hatte, sein sanftes Wesen unterdrückt und K. sogar angeschrien hatte.
|
||
|
||
„Willst du nicht herunterkommen?“ sagte K. „Es ist doch keine Predigt
|
||
zu halten. Komm zu mir herunter.“ „Jetzt kann ich schon kommen,“ sagte
|
||
der Geistliche, er bereute vielleicht sein Schreien. Während er die
|
||
Lampe von ihrem Haken löste, sagte er: „Ich mußte zuerst aus der
|
||
Entfernung mit dir sprechen. Ich lasse mich sonst zu leicht
|
||
beeinflussen und vergesse meinen Dienst.“
|
||
|
||
K. erwartete ihn unten an der Treppe. Der Geistliche streckte ihm schon
|
||
von einer obern Stufe im Hinuntergehn die Hand entgegen. „Hast du ein
|
||
wenig Zeit für mich?“ fragte K. „Soviel Zeit als du brauchst,“ sagte
|
||
der Geistliche und reichte K. die kleine Lampe, damit er sie trage.
|
||
Auch in der Nähe verlor sich eine gewisse Feierlichkeit aus seinem
|
||
Wesen nicht. „Du bist sehr freundlich zu mir,“ sagte K. Sie gingen
|
||
nebeneinander im dunklen Seitenschiff auf und ab. „Du bist eine
|
||
Ausnahme unter allen, die zum Gericht gehören. Ich habe mehr Vertrauen
|
||
zu dir als zu irgendjemandem von ihnen, so viele ich schon kenne. Mit
|
||
dir kann ich offen reden.“ „Täusche dich nicht,“ sagte der Geistliche.
|
||
„Worin sollte ich mich denn täuschen?“ fragte K. „In dem Gericht
|
||
täuschst du dich,“ sagte der Geistliche, „in den einleitenden Schriften
|
||
zum Gesetz heißt es von dieser Täuschung: vor dem Gesetz steht ein
|
||
Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um
|
||
Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den
|
||
Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er
|
||
also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der
|
||
Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht wie
|
||
immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich der Mann, um durch das
|
||
Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und
|
||
sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes
|
||
hineinzugehn. Merke aber: ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste
|
||
Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der
|
||
andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr
|
||
vertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht
|
||
erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt
|
||
er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer
|
||
ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen,
|
||
tartarischen Bart, entschließt er sich doch, lieber zu warten, bis er
|
||
die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel
|
||
und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er
|
||
Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und
|
||
ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters
|
||
kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn nach seiner Heimat aus und nach
|
||
vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren
|
||
stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch
|
||
nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem
|
||
ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den
|
||
Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei:
|
||
„Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“
|
||
Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast
|
||
ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint
|
||
ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht
|
||
den unglücklichen Zufall in den ersten Jahren laut, später, als er alt
|
||
wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und da er in
|
||
dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem
|
||
Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den
|
||
Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er
|
||
weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur die
|
||
Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der
|
||
unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr
|
||
lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen
|
||
der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch
|
||
nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper
|
||
nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm
|
||
hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten
|
||
des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen,“ fragt der
|
||
Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“
|
||
sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer
|
||
mir Einlaß verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am
|
||
Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn
|
||
an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war
|
||
nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
|
||
|
||
„Der Türhüter hat also den Mann getäuscht,“ sagte K. sofort, von der
|
||
Geschichte sehr stark angezogen. „Sei nicht übereilt,“ sagte der
|
||
Geistliche, „übernimm nicht die fremde Meinung ungeprüft. Ich habe dir
|
||
die Geschichte im Wortlaut der Schrift erzählt. Von Täuschung steht
|
||
darin nichts.“ „Es ist aber klar,“ sagte K., „und deine erste Deutung
|
||
war ganz richtig. Der Türhüter hat die erlösende Mitteilung erst dann
|
||
gemacht, als sie dem Manne nicht mehr helfen konnte.“ „Er wurde nicht
|
||
früher gefragt,“ sagte der Geistliche, „bedenke auch, daß er nur
|
||
Türhüter war und als solcher hat er seine Pflicht erfüllt.“ „Warum
|
||
glaubst du, daß er seine Pflicht erfüllt hat?“ fragte K., „er hat sie
|
||
nicht erfüllt. Seine Pflicht war es vielleicht, alle Fremden
|
||
abzuwehren, diesen Mann aber, für den der Eingang bestimmt war, hätte
|
||
er einlassen müssen.“ „Du hast nicht genug Achtung vor der Schrift und
|
||
veränderst die Geschichte,“ sagte der Geistliche. „Die Geschichte
|
||
enthält über den Einlaß im Gesetz zwei wichtige Erklärungen des
|
||
Türhüters, eine am Anfang, eine am Ende. Die eine Stelle lautet: daß er
|
||
ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne und die andere: dieser
|
||
Eingang war nur für dich bestimmt. Bestände zwischen diesen beiden
|
||
Erklärungen ein Widerspruch, dann hättest du recht und der Türhüter
|
||
hätte den Mann getäuscht. Nun besteht aber kein Widerspruch. Im
|
||
Gegenteil, die erste Erklärung deutet sogar auf die zweite hin. Man
|
||
könnte fast sagen, der Türhüter ging über seine Pflicht hinaus, indem
|
||
er dem Mann eine zukünftige Möglichkeit des Einlasses in Aussicht
|
||
stellte. Zu jener Zeit scheint es nur seine Pflicht gewesen zu sein,
|
||
den Mann abzuweisen und tatsächlich wundern sich viele Erklärer der
|
||
Schrift darüber, daß der Türhüter jene Andeutung überhaupt gemacht hat,
|
||
denn er scheint die Genauigkeit zu lieben und wacht streng über sein
|
||
Amt. Durch viele Jahre verläßt er seinen Posten nicht und schließt das
|
||
Tor erst ganz zuletzt, er ist sich der Wichtigkeit seines Dienstes sehr
|
||
bewußt, denn er sagt: „Ich bin mächtig,“ er hat Ehrfurcht vor den
|
||
Vorgesetzten, denn er sagt: „Ich bin nur der unterste Türhüter,“ er ist
|
||
nicht geschwätzig, denn während der vielen Jahre stellt er nur wie es
|
||
heißt „teilnahmslose Fragen“, er ist nicht bestechlich, denn er sagt
|
||
über ein Geschenk: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas
|
||
versäumt zu haben,“ er ist, wo es um Pflichterfüllung geht, weder zu
|
||
rühren noch zu erbittern, denn es heißt von dem Mann, „er ermüdet den
|
||
Türhüter durch seine Bitten,“ schließlich deutet auch sein Äußeres auf
|
||
einen pedantischen Charakter hin, die große Spitznase und der lange,
|
||
dünne, schwarze, tartarische Bart. Kann es einen pflichttreueren
|
||
Türhüter geben. Nun mischen sich aber in den Türhüter noch andere
|
||
Wesenszüge ein, die für den, der Einlaß verlangt, sehr günstig sind und
|
||
welche es immerhin begreiflich machen, daß er in jener Andeutung einer
|
||
zukünftigen Möglichkeit über seine Pflicht etwas hinausgehn konnte. Es
|
||
ist nämlich nicht zu leugnen, daß er ein wenig einfältig und im
|
||
Zusammenhang damit ein wenig eingebildet ist. Wenn auch seine
|
||
Äußerungen über seine Macht und über die Macht der andern Türhüter und
|
||
über deren sogar für ihn unerträglichen Anblick — ich sage, wenn auch
|
||
alle diese Äußerungen an sich richtig sein mögen, so zeigt doch die
|
||
Art, wie er diese Äußerungen vorbringt, daß seine Auffassung durch
|
||
Einfalt und Überhebung getrübt ist. Die Erklärer sagen hierzu:
|
||
„Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache
|
||
schließen einander nicht vollständig aus.“ Jedenfalls aber muß man
|
||
annehmen, daß jene Einfalt und Überhebung, so geringfügig sie sich
|
||
vielleicht auch äußern, doch die Bewachung des Eingangs schwächen, es
|
||
sind Lücken im Charakter des Türhüters. Hierzu kommt noch, daß der
|
||
Türhüter seiner Naturanlage nach freundlich zu sein scheint, er ist
|
||
durchaus nicht immer Amtsperson. Gleich in den ersten Augenblicken
|
||
macht er den Spaß, daß er den Mann trotz des ausdrücklich aufrecht
|
||
erhaltenen Verbotes zum Eintritt einladet, dann schickt er ihn nicht
|
||
etwa fort, sondern gibt ihm, wie es heißt, einen Schemel und läßt ihn
|
||
seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Die Geduld, mit der er durch
|
||
alle die Jahre die Bitten des Mannes erträgt, die kleinen Verhöre, die
|
||
Annahme der Geschenke, die Vornehmheit, mit der er es zuläßt, daß der
|
||
Mann neben ihm laut den unglücklichen Zufall verflucht, der den
|
||
Türhüter hier aufgestellt hat — alles dieses läßt auf Regungen des
|
||
Mitleids schließen. Nicht jeder Türhüter hätte so gehandelt. Und
|
||
schließlich beugt er sich noch auf einen Wink hin tief zu dem Mann
|
||
hinab, um ihm Gelegenheit zur letzten Frage zu geben. Nur eine schwache
|
||
Ungeduld — der Türhüter weiß ja, daß alles zu Ende ist — spricht sich
|
||
in den Worten aus: „Du bist unersättlich.“ Manche gehn sogar in dieser
|
||
Art der Erklärung noch weiter und meinen, die Worte, „Du bist
|
||
unersättlich,“ drücken eine Art freundschaftlicher Bewunderung aus, die
|
||
allerdings von Herablassung nicht frei ist. Jedenfalls schließt sich so
|
||
die Gestalt des Türhüters anders ab, als du es glaubst.“ „Du kennst die
|
||
Geschichte genauer als ich und längere Zeit,“ sagte K. Sie schwiegen
|
||
ein Weilchen. Dann sagte K.: „Du glaubst also, der Mann wurde nicht
|
||
getäuscht?“ „Mißverstehe mich nicht,“ sagte der Geistliche, „ich zeige
|
||
dir nur die Meinungen, die darüber bestehn. Du mußt nicht zuviel auf
|
||
Meinungen achten. Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind
|
||
oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Falle gibt es
|
||
sogar eine Meinung, nach welcher gerade der Türhüter der Getäuschte
|
||
ist.“ „Das ist eine weitgehende Meinung,“ sagte K. „Wie wird sie
|
||
begründet?“ „Die Begründung,“ antwortete der Geistliche, „geht von der
|
||
Einfalt des Türhüters aus. Man sagt, daß er das Innere des Gesetzes
|
||
nicht kennt, sondern nur den Weg, den er vor dem Eingang immer wieder
|
||
abgehn muß. Die Vorstellungen, die er von dem Innern hat, werden für
|
||
kindlich gehalten und man nimmt an, daß er das, wovor er dem Manne
|
||
Furcht machen will, selbst fürchtet. Ja, er fürchtet es mehr als der
|
||
Mann, denn dieser will ja nichts anderes als eintreten, selbst als er
|
||
von den schrecklichen Türhütern des Innern gehört hat, der Türhüter
|
||
dagegen will nicht eintreten, wenigstens erfährt man nichts darüber.
|
||
Andere sagen zwar, daß er bereits im Innern gewesen sein muß, denn er
|
||
ist doch einmal in den Dienst des Gesetzes aufgenommen worden und das
|
||
könne nur im Innern geschehen sein. Darauf ist zu antworten, daß er
|
||
wohl auch durch einen Ruf aus dem Innern zum Türhüter bestellt worden
|
||
sein könne und daß er zumindest tief im Innern nicht gewesen sein
|
||
dürfte, da er doch schon den Anblick des dritten Türhüters nicht mehr
|
||
ertragen kann. Außerdem aber wird auch nicht berichtet, daß er während
|
||
der vielen Jahre außer der Bemerkung über die Türhüter irgend etwas von
|
||
dem Innern erzählt hätte. Es könnte ihm verboten sein, aber auch vom
|
||
Verbot hat er nichts erzählt. Aus alledem schließt man, daß er über das
|
||
Aussehn und die Bedeutung des Innern nichts weiß und sich darüber in
|
||
Täuschung befindet. Aber auch über den Mann vom Lande soll er sich in
|
||
Täuschung befinden, denn er ist diesem Mann untergeordnet und weiß es
|
||
nicht. Daß er den Mann als einen Untergeordneten behandelt, erkennt man
|
||
aus vielem, das dir noch erinnerlich sein dürfte. Daß er ihm aber
|
||
tatsächlich untergeordnet ist, soll nach dieser Meinung ebenso deutlich
|
||
hervorgehn. Vor allem ist der Freie dem Gebundenen übergeordnet. Nun
|
||
ist der Mann tatsächlich frei, er kann hingehn, wohin er will, nur der
|
||
Eingang in das Gesetz ist ihm verboten und überdies nur von einem
|
||
Einzelnen, vom Türhüter. Wenn er sich auf den Schemel seitwärts vom Tor
|
||
niedersetzt und dort sein Leben lang bleibt, so geschieht dies
|
||
freiwillig, die Geschichte erzählt von keinem Zwang. Der Türhüter
|
||
dagegen ist durch sein Amt an seinen Posten gebunden, er darf sich
|
||
nicht auswärts entfernen, allem Anschein nach aber auch nicht in das
|
||
Innere gehn, selbst wenn er es wollte. Außerdem ist er zwar im Dienst
|
||
des Gesetzes, dient aber nur für diesen Eingang, also auch nur für
|
||
diesen Mann, für den dieser Eingang allein bestimmt ist. Auch aus
|
||
diesem Grunde ist er ihm untergeordnet. Es ist anzunehmen, daß er durch
|
||
viele Jahre, durch ein ganzes Mannesalter gewissermaßen nur leeren
|
||
Dienst geleistet hat, denn es wird gesagt, daß ein Mann kommt, also
|
||
jemand im Mannesalter, daß also der Türhüter lange warten mußte, ehe
|
||
sich sein Zweck erfüllte, und zwar so lange warten mußte, als es dem
|
||
Mann beliebte, der doch freiwillig kam. Aber auch das Ende des Dienstes
|
||
wird durch das Lebensende des Mannes bestimmt, bis zum Ende also bleibt
|
||
er ihm untergeordnet. Und immer wieder wird betont, daß von alledem der
|
||
Türhüter nichts zu wissen scheint. Daran wird aber nichts Auffälliges
|
||
gesehn, denn nach dieser Meinung befindet sich der Türhüter noch in
|
||
einer viel schwereren Täuschung, sie betrifft seinen Dienst. Zuletzt
|
||
spricht er nämlich vom Eingang und sagt: „Ich gehe jetzt und schließe
|
||
ihn,“ aber am Anfang heißt es, daß das Tor zum Gesetz offensteht wie
|
||
immer, steht es aber immer offen, immer d. h. unabhängig von der
|
||
Lebensdauer des Mannes, für den es bestimmt ist, dann wird es auch der
|
||
Türhüter nicht schließen können. Darüber gehn die Meinungen
|
||
auseinander, ob der Türhüter mit der Ankündigung, daß er das Tor
|
||
schließen wird, nur eine Antwort geben oder seine Dienstpflicht betonen
|
||
oder den Mann noch im letzten Augenblick in Reue und Trauer setzen
|
||
will. Darin aber sind viele einig, daß er das Tor nicht wird schließen
|
||
können. Sie glauben sogar, daß er wenigstens am Ende auch in seinem
|
||
Wissen dem Manne untergeordnet ist, denn dieser sieht den Glanz, der
|
||
aus dem Eingang des Gesetzes bricht, während der Türhüter als solcher
|
||
wohl mit dem Rücken zum Eingang steht und auch durch keine Äußerung
|
||
zeigt, daß er eine Veränderung bemerkt hätte.“ „Das ist gut begründet,“
|
||
sagte K., der einzelne Stellen aus der Erklärung des Geistlichen
|
||
halblaut für sich wiederholt hatte. „Es ist gut begründet und ich
|
||
glaube nun auch, daß der Türhüter getäuscht ist. Dadurch bin ich aber
|
||
von meiner frühern Meinung nicht abgekommen, denn beide decken sich
|
||
teilweise. Es ist unentscheidend, ob der Türhüter klar sieht oder
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getäuscht wird. Ich sagte, der Mann wird getäuscht. Wenn der Türhüter
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klar sieht, könnte man daran zweifeln, wenn der Türhüter aber getäuscht
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ist, dann muß sich seine Täuschung notwendig auf den Mann übertragen.
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Der Türhüter ist dann zwar kein Betrüger, aber so einfältig, daß er
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sofort aus dem Dienst gejagt werden müßte. Du mußt doch bedenken, daß
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die Täuschung, in der sich der Türhüter befindet, ihm nichts schadet,
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dem Mann aber tausendfach.“ „Hier stößt du auf eine Gegenmeinung,“
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sagte der Geistliche. „Manche sagen nämlich, daß die Geschichte
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niemandem ein Recht gibt, über den Türhüter zu urteilen. Wie er uns
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auch erscheinen mag, so ist er doch ein Diener des Gesetzes, also zum
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Gesetz gehörig, also dem menschlichen Urteil entrückt. Man darf dann
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auch nicht glauben, daß der Türhüter dem Manne untergeordnet ist. Durch
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seinen Dienst auch nur an den Eingang des Gesetzes gebunden zu sein,
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ist unvergleichlich mehr als frei in der Welt zu leben. Der Mann kommt
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erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum
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Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße am Gesetze
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zweifeln.“ „Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein,“ sagte K.
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kopfschüttelnd, „denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was
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der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist,
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hast du ja selbst ausführlich begründet.“ „Nein,“ sagte der Geistliche,
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„man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig
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halten.“ „Trübselige Meinung,“ sagte K. „Die Lüge wird zur Weltordnung
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gemacht.“
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K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu
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müde, um alle Folgerungen der Geschichte übersehn zu können, es waren
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auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte, unwirkliche
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Dinge, besser geeignet zur Besprechung für die Gesellschaft der
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Gerichtsbeamten als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich
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geworden, er wollte sie von sich abschütteln und der Geistliche, der
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jetzt ein großes Zartgefühl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung
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schweigend auf, trotzdem sie mit seiner eigenen Meinung gewiß nicht
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übereinstimmte.
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Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, K. hielt sich eng neben dem
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Geistlichen, ohne in der Finsternis zu wissen, wo er sich befand. Die
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Lampe in seiner Hand war längst erloschen. Einmal blinkte gerade vor
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ihm das silberne Standbild eines Heiligen nur mit dem Schein des
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Silbers und spielte gleich wieder ins Dunkel über. Um nicht vollständig
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auf den Geistlichen angewiesen zu bleiben, fragte ihn K.: „Sind wir
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jetzt nicht in der Nähe des Haupteinganges?“ „Nein,“ sagte der
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Geistliche, „wir sind weit von ihm entfernt. Willst du schon fortgehn?“
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Trotzdem K. gerade jetzt nicht daran gedacht hatte, sagte er sofort:
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„Gewiß, ich muß fortgehn. Ich bin Prokurist einer Bank, man wartet auf
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mich, ich bin nur hergekommen, um einem ausländischen Geschäftsfreund
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den Dom zu zeigen.“ „Nun,“ sagte der Geistliche, und reichte K. die
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Hand, „dann geh’.“ „Ich kann mich aber im Dunkel allein nicht
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zurechtfinden,“ sagte K. „Geh’ links zur Wand,“ sagte der Geistliche,
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„dann weiter die Wand entlang, ohne sie zu verlassen und du wirst einen
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Ausgang finden.“ Der Geistliche hatte sich erst paar Schritte entfernt,
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aber K. rief schon sehr laut: „Bitte, warte noch.“ „Ich warte,“ sagte
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der Geistliche. „Willst du nicht noch etwas von mir?“ fragte K. „Nein,“
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sagte der Geistliche. „Du warst früher so freundlich zu mir,“ sagte K.,
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„und hast mir alles erklärt, jetzt aber entläßt du mich, als läge dir
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nichts an mir.“ „Du mußt doch fortgehn,“ sagte der Geistliche. „Nun
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ja,“ sagte K., „sieh das doch ein.“ „Sieh du zuerst ein, wer ich bin,“
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sagte der Geistliche. „Du bist der Gefängniskaplan,“ sagte K. und ging
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näher zum Geistlichen hin, seine sofortige Rückkehr in die Bank war
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nicht so notwendig, wie er sie dargestellt hatte, er konnte recht gut
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noch hier bleiben. „Ich gehöre also zum Gericht,“ sagte der Geistliche.
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„Warum sollte ich also etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts
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von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn
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du gehst.“
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ZEHNTES KAPITEL
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||
ENDE
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Am Vorabend seines 31. Geburtstages — es war gegen 9 Uhr abends, die
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Zeit der Stille auf den Straßen — kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In
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Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten.
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Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten
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Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem
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Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre,
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saß K. gleichfalls schwarz angezogen in einem Sessel in der Nähe der
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Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende
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Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. Er stand gleich
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auf und sah die Herren neugierig an. „Sie sind also für mich bestimmt,“
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fragte er. Die Herren nickten, einer zeigte mit dem Zylinderhut in der
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Hand auf den andern. K. gestand sich ein, daß er einen andern Besuch
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erwartet hatte. Er ging zum Fenster und sah noch einmal auf die dunkle
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Straße. Auch fast alle Fenster auf der andern Straßenseite waren noch
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dunkel, in vielen die Vorhänge herabgelassen. In einem beleuchteten
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Fenster des Stockwerkes spielten kleine Kinder hinter einem Gitter
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miteinander und tasteten, noch unfähig sich von ihren Plätzen
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fortzubewegen, mit den Händchen nach einander. „Alte untergeordnete
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Schauspieler schickt man um mich,“ sagte sich K. und sah sich um, um
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sich nochmals davon zu überzeugen. „Man sucht auf billige Weise mit mir
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fertig zu werden.“ K. wendete sich plötzlich ihnen zu und fragte: „An
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welchem Theater spielen Sie.“ „Theater?“ fragte der eine Herr mit
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zuckenden Mundwinkeln den andern um Rat. Der andere gebärdete sich wie
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ein Stummer, der mit dem widerspenstigen Organismus kämpft. „Sie sind
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nicht darauf vorbereitet, gefragt zu werden,“ sagte sich K. und ging
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seinen Hut holen.
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Schon auf der Treppe wollten sich die Herren in K. einhängen, aber K.
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sagte: „Erst auf der Gasse, ich bin nicht krank.“ Gleich aber vor dem
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Tor hängten sie sich in ihn in einer Weise ein, wie K. noch niemals mit
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einem Menschen gegangen war. Sie hielten die Schultern eng hinter den
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seinen, knickten die Arme nicht ein, sondern benutzten sie, um K.s Arme
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in ihrer ganzen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit
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einem schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff
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gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche
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Einheit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle
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zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur
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Lebloses bilden kann.
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Unter den Laternen versuchte K. öfters, so schwer es bei diesem engen
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Aneinander ausgeführt werden konnte, seine Begleiter deutlicher zu
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sehn, als es in der Dämmerung seines Zimmers möglich gewesen war.
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Vielleicht sind es Tenöre, dachte er im Anblick ihres schweren
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Doppelkinns. Er ekelte sich vor der Reinlichkeit ihrer Gesichter. Man
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sah förmlich noch die säubernde Hand, die in ihre Augenwinkel gefahren,
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die ihre Oberlippe gerieben, die die Falten am Kinn ausgekratzt hatte.
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Als K. das bemerkte, blieb er stehn, infolgedessen blieben auch die
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andern stehn; sie waren auf dem Rand eines freien, menschenleeren, mit
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Anlagen geschmückten Platzes. „Warum hat man gerade Sie geschickt!“
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rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort,
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sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der
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Kranke sich ausruhn will. „Ich gehe nicht weiter,“ sagte K.
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versuchsweise. Darauf brauchten die Herren nicht zu antworten, es
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genügte, daß sie den Griff nicht lockerten und K. von der Stelle
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wegzuheben versuchten, aber K. widerstand. „Ich werde nicht mehr viel
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Kraft brauchen, ich werde jetzt alle anwenden,“ dachte er. Ihm fielen
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die Fliegen ein, die mit zerreißenden Beinchen von der Leimrute
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wegstreben. „Die Herren werden schwere Arbeit haben.“
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Da stieg vor ihnen aus einer tiefer gelegenen Gasse auf einer kleinen
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Treppe Fräulein Bürstner zum Platz empor. Es war nicht ganz sicher, ob
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sie es war, die Ähnlichkeit war freilich groß. Aber K. lag auch nichts
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daran, ob es bestimmt Fräulein Bürstner war, bloß die Wertlosigkeit
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seines Widerstandes kam ihm gleich zum Bewußtsein. Es war nichts
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Heldenhaftes, wenn er widerstand, wenn er jetzt den Herren
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Schwierigkeiten bereitete, wenn er jetzt in der Abwehr noch den letzten
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Schein des Lebens zu genießen versuchte. Er setzte sich in Gang, und
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von der Freude, die er dadurch den Herren machte, ging noch etwas auf
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ihn selbst über. Sie duldeten es jetzt, daß er die Wegrichtung
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bestimmte und er bestimmte sie nach dem Weg, den das Fräulein vor ihnen
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nahm, nicht etwa, weil er sie einholen, nicht etwa, weil er sie
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möglichst lange sehen wollte, sondern nur deshalb, um die Mahnung, die
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sie für ihn bedeutete, nicht zu vergessen. „Das Einzige, was ich jetzt
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tun kann,“ sagte er sich und das Gleichmaß seiner Schritte und der
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Schritte der zwei andern bestätigte seine Gedanken, „das Einzige, was
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ich jetzt tue, ist, bis zum Ende den ruhig einteilenden Verstand
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behalten. Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren
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und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig,
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soll ich nun zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich
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belehren konnte? Soll ich als ein begriffstutziger Mensch abgehn? Soll
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man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des Prozesses ihn beenden
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||
und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will. Ich will nicht, daß
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||
man das sagt. Ich bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese
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||
halbstummen verständnislosen Herren mitgegeben hat und daß man es mir
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überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu sagen.“
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Das Fräulein war inzwischen in eine Seitengasse eingebogen, aber K.
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konnte sie schon entbehren und überließ sich seinen Begleitern. Alle
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drei zogen nun in vollem Einverständnis über eine Brücke im Mondschein,
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jeder kleinen Bewegung, die K. machte, gaben die Herren jetzt
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bereitwillig nach, als er ein wenig zum Geländer sich wendete, drehten
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auch sie sich in ganzer Front dorthin. Das im Mondlicht glänzende und
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||
zitternde Wasser teilte sich um eine kleine Insel, auf der wie
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zusammengedrängt Laubmassen von Bäumen und Sträuchern sich aufhäuften.
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Unter ihnen, jetzt unsichtbar, führten Kieswege mit bequemen Bänken,
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auf denen K. in manchem Sommer sich gestreckt und gedehnt hatte. „Ich
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||
wollte ja gar nicht stehn bleiben,“ sagte er zu seinen Begleitern,
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beschämt durch ihre Bereitwilligkeit. Der Eine schien dem Andern hinter
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||
K.s Rücken einen sanften Vorwurf wegen des mißverständlichen
|
||
Stehenbleibens zu machen, dann gingen sie weiter.
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Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in denen hie und da
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||
Polizisten standen oder gingen; bald in der Ferne, bald in nächster
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Nähe. Einer mit buschigem Schnurrbart, die Hand am Griff des Säbels,
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trat wie mit Absicht nahe an die nicht ganz unverdächtige Gruppe. Die
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||
Herren stockten, der Polizeimann schien schon den Mund zu öffnen, da
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||
zog K. mit Macht die Herren vorwärts. Öfters drehte er sich vorsichtig
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||
um, ob der Polizeimann nicht folge; als sie aber eine Ecke zwischen
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||
sich und dem Polizeimann hatten, fing K. zu laufen an, die Herren
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||
mußten trotz großer Atemnot auch mit laufen.
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So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung
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||
fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch,
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||
verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses.
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Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang
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an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch
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||
weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen
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die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch
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umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag
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||
der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern
|
||
Licht gegeben ist.
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Nach Austausch einiger Höflichkeiten hinsichtlich dessen, wer die
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nächsten Aufgaben auszuführen habe — die Herren schienen die Aufträge
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ungeteilt bekommen zu haben — ging der Eine zu K. und zog ihm den Rock,
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||
die Weste und schließlich das Hemd aus. K. fröstelte unwillkürlich,
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||
worauf ihm der Herr einen leichten beruhigenden Schlag auf den Rücken
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gab. Dann legte er die Sachen sorgfältig zusammen, wie Dinge, die man
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||
noch gebrauchen wird, wenn auch nicht in allernächster Zeit. Um K.
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||
nicht ohne Bewegung der immerhin kühlen Nachtluft auszusetzen, nahm er
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ihn unter den Arm und ging mit ihm ein wenig auf und ab, während der
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||
andere Herr den Steinbruch nach irgendeiner passenden Stelle absuchte.
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||
Als er sie gefunden hatte, winkte er und der andere Herr geleitete K.
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hin. Es war nahe der Bruchwand, es lag dort ein losgebrochener Stein.
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Die Herren setzten K. auf die Erde nieder, lehnten ihn an den Stein und
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||
betteten seinen Kopf obenauf. Trotz aller Anstrengung, die sie sich
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gaben, und trotz alles Entgegenkommens, das ihnen K. bewies, blieb
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||
seine Haltung eine sehr gezwungene und unglaubwürdige. Der eine Herr
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bat daher den andern, ihm für ein Weilchen das Hinlegen K.s allein zu
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überlassen, aber auch dadurch wurde es nicht besser. Schließlich ließen
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sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits
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erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und
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||
nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel
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hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser,
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||
hielt es hoch und prüfte die Schärfen im Licht. Wieder begannen die
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widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem
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||
andern, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau,
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||
daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand
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über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat
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es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher.
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||
Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden
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nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der,
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||
der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke
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||
fielen auf das letzte Stockwerk des an dem Steinbruch angrenzenden
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Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines
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Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne
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und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme
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noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der
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teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es alle?
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War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es
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solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der
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leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie
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||
gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war?
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Er hob die Hände und spreizte alle Finger.
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Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der
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andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit
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brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht,
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Wange an Wange aneinander gelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie
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ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.
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